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Afrika-Bulletin Nr. 107: August/September 2002
Schwerpunktthema: Angola

Angola – Hat sich da etwas geändert? War Angola zur Zeit des jahrzehntelangen Bürgerkriegs kaum ein Medienthema, ist es dies nach dem Kriegsende ebensowenig. Was soll denn schon aus dem krisengeschüttelten und kriegsversehrten Land berichtet werden, wenn doch sonst schon ganz Afrika aus Abschied und Traktanden gefallen zu sein scheint. Uns nimmt es Wunder, wie es in einem der potenziell reichsten Länder Afrikas aussieht. Die in diesem Afrika-Bulletin veröffentlichten Artikel zeigen Bedrückendes: Die Regierung des Landes, die täglich Millionen aus Erdölverkäufen einnimmt, hat kein Konzept, wie es nach dem offenbar unerwarteten Frieden weiter gehen soll. Die Bevölkerung hungert und es zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe ab, während dessen sich die Machtelite weiterhin schamlos bereichert.

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"Es gibt keinen Grund mehr, Krieg zu führen"
Interview mit Eugénio Manuvakola von der Unita-Renovada

Vor vier Jahren spaltete sich eine Gruppe Politiker von der Unita ab, die im Parlament in Luanda verblieben war. Diese Unita-Renovada wird geführt von Eugénio Manuvakola. Er war früher Generalsekretär der Partei gewesen und hatte 1994 als Vertreter der Unita das Lusaka-Abkommen mit ausgehandelt. Nach Ansicht von Manuvakola haben die Truppen der Unita nach Savimbis Tod keine andere Wahl, als Frieden zu schließen. Der letzte Grund für die Fortsetzung des Krieges sei mit dem Ende Savimbis entfallen. Mit Manuvakola sprach am 14. März die Nachrichtenagentur der Vereinten Nationen, IRIN.

Welche Art von Aussöhnung und welche Aussichten auf Frieden bleiben der Unita jetzt nach dem Tod von Savimbi?

Keine Führung wird die Unita leiten können, solange sie die Mitglieder nicht wieder zusammenbringt. Ich denke, dass es heute für die Mitglieder keinen Grund mehr zur Uneinigkeit gibt. Die Aussichten für einen Frieden sind sehr gut. Jene, die noch unter Waffen stehen, haben den politischen Auftrag und den Grund verloren, den Krieg fortzusetzen. Ohne Savimbi haben sie keine militärische Richtung mehr und keine Führungsziele. Der Krieg war wahrscheinlich nur noch der Wille Dr. Savimbis. Es gibt niemanden sonst, der Savimbis militärische Ziele fortsetzen könnte. Die Unita hat nur eine einzige Möglichkeit: ein Friedensabkommen mit allen demokratischen Kräften in Angola.

Gibt es noch Disziplin und Zusammenhalt bei den Unita-Truppen im Busch?

Die Soldaten haben gekämpft, weil Dr. Savimbi es so wollte. Ohne ihn können sie nur einen Schritt tun, Frieden schließen. Das sieht man auch daran, wie manche Unita-Militärs den Busch in bestimmten Landesteilen verlassen. Es geht ums nackte Leben. Bleiben sie im Busch, sterben sie Hungers. In den vom Konflikt am stärksten betroffenen Gegenden, in den Provinzen Moxito und Bie, wo auch die Führung sich aufhält, steht die Disziplin in direktem Zusammenhang mit dem Nachschub. Niemand kann von leeren Bäuchen Disziplin verlangen. Nach Informationen jener, die den Busch verlassen haben, sind die Truppen nicht mehr bereit, ihren Kommandeuren zu gehorchen. Wo die Kommandeure jedoch den Nachschub organisieren können, herrscht auch Disziplin. Aber sie haben letztlich keine andere Wahl, als herauszukommen und mit der Regierung und uns, die wir mit in der Regierung sind, zu verhandeln. Sie müssen einen Weg für ein Abkommen finden. Die Zukunft wird ein Kompromiss zwischen uns in den Städten und ihnen im Busch sein.

Welche Kontakte - wenn überhaupt - gibt es zwischen der Unita-Renovada und den Kämpfern im Busch? Werden die gewöhnlichen Soldaten ihren Vorgesetzten bei einem Friedensabkommen folgen?

Vor dem Tod Savimbis waren Kontakte unmöglich. Doch nach dem 22. Februar gibt es substanzielle Möglichkeiten, solche aufzunehmen. Die Situation ist jedoch noch stark vom Militärischen geprägt, und die Kommunikation mit der Unita läuft in erster Instanz immer noch über die angolanische Armee (FAA). Unsere direkte Kommunikation kann erst später erfolgen.

Redet die Regierung vom Frieden, während sie gleichzeitig den totalen militärischen Sieg plant?

Die Regierung ist dabei, einen vollständigen militärischen Sieg herbeizuführen, wenn der Waffenstillstand nicht tragen sollte. Selbst wenn ich die Macht hätte, würde es mein Ziel sein, einen weiteren bewaffneten Aufstand in Angola zu verhindern. Im Augenblick konkurrieren diese beiden Ziele - Friedensinitiative und finale militärische Lösung - noch miteinander.

Der Krieg hat der Bevölkerung Wunden zugefügt. Gibt es noch Versöhnung?

Der Krieg hat in der Tat tiefe Wunden geschlagen. Die größte Gefahr besteht im Misstrauen zwischen Mitgliedern der Unita und Mitgliedern der regierenden MPLA. Wir müssen Lösungen finden und Verständigung und Toleranz fördern. Die Menschen haben eine Menge gelitten. Das größte Problem ist, dass die Menschen die humanitäre Hilfe wahrnehmen als Hilfe von der MPLA. Die MPLA zieht aus der Situation Vorteile, und viele denken, dass die Hilfslieferungen von der MPLA kommen und nicht von internationalen Hilfsorganisationen oder von der Regierung. Wir sind an der Verteilung der humanitären Hilfe nicht beteiligt. Das dürfte für die Zukunft gewisse Auswirkungen in den Wahlkreisen haben. Das ist ein größeres Problem.

Unita und Regierung sind in die Kritik gekommen, weil sie den Menschen in den Regionen unter ihrer Kontrolle den Weg zu humanitären Hilfen nicht freigegeben haben. Gibt es Hoffnung, dass diese jetzigen Friedensgespräche den Hilfsorganisationen den Zugang zu diesen Leuten erlauben, die bisher nicht erreicht werden konnten?

Bis Februar war es schwierig, humanitäre Korridore zu öffnen. Ich denke, dass es in nächster Zeit möglich wird, solche Korridore zu eröffnen. Vielleicht wollen die Menschen an ihren Wohnorten bleiben und die Hilfsorganisationen können sie dort erreichen, wahrscheinlich sogar über Land und nicht nur über den Luftweg. Im östlichen Landesteil haben wir einen humanitären Notfall. Da muss für Tausende von Menschen in lebensbedrohlicher Situation schnelle Hilfe kommen.

Was muss geschehen, ehe an Wahlen zu denken ist?

Zunächst einmal müssen die Menschen, die aus ihren Wohnorten vertrieben wurden, wieder zurückkehren. Solche Rückführungen erfordern eine gute Ernte. Es ist unumgänglich, dass die erste Ernte ein Erfolg wird. Wir haben Millionen von Vertriebenen. Und man muss sich vorstellen, dass diese Menschen in mehr oder weniger zerstörte Gebiete zurückkehren werden.

Auch wenn der Krieg beendet werden kann, solange die Waffen nicht eingesammelt sind und sich noch keine Staatsautorität herausgebildet hat, besteht die Gefahr des Banditentums. Bandenbildung kann als produktiv gesehen werden. Denn die Armeesoldaten sind arm und ihr Kapital ist die Waffe. Ein ehemaliger Kämpfer, dessen Familie in Not ist, der keine Eingliederung findet, der wird sich sicherlich auf sein Gewehr verlassen.

Folgende Botschaft haben wir an Ibrahim Gambari, den Sonderberater von UN-Generalsekretär Kofi Annan, gerichtet: Wir halten es für wichtig, dass vor den nächsten Wahlen eine freie Registrierung aller Wahlberechtigten in Angola durchgeführt werden sollte, durchgeführt werden muss. Es kann nicht hingenommen werden, dass 27 Jahre nach der Unabhängigkeit 40 Prozent der Angolanerinnen und Angolaner nicht registriert sind. Das wird noch dadurch schlimmer, dass die Regierung die Kontrolle über eine Reihe von Städten verloren hat und damit auch die alten Registrierungslisten. In Huambo, der zweitgrößten Stadt, sind alle Meldeunterlagen der letzten hundert Jahre mehr oder weniger verschwunden; d.h. alle Einwohner von Huambo müssen sich neu melden. Erst dann können Wählerlisten aufgestellt werden.

In unserer Botschaft kritisieren wir auch die internationale Gemeinschaft. Es war leicht, Unterstützung für den Krieg zu finden. Doch es ist schwierig, Verbündete für den Frieden zu gewinnen. Im Krieg hatten wir die unterschiedlichsten Verbündeten. Heute, wo ein Friedenprozess beginnen könnte, haben wir keine mehr. Unita muss sich von einer militärischen Organisation zu einer zivilen Partei reformieren und muss ihren Kämpfern Hoffnung geben, ohne dass sie über materielle Mittel verfügt. Diese materielle Schwäche präjudiziert den Friedensprozess. Die Partei muss ermutigt werden, am Frieden konstruktiv mitzuarbeiten. Das bedeutet aber auch, sie braucht Unterstützung.

Es heißt, viele Verantwortliche hätten nur Interesse an Diamanten und Öl. Hat da der Frieden überhaupt eine Chance?

In der letzten Zeit war es für Savimbi nicht mehr so einfach, Diamanten abzusetzen. Und die waren seine einzige Einnahmequelle. Seine Außenbeziehungen hingen von den Diamanten ab. Um den Krieg fortzuführen, müsste die Unita ihre wirtschaftlichen Ressourcen neu strukturieren. Doch die Regierung hat zunehmend die Kontrolle über die Diamantengebiete gewonnen.

Ich denke, unter solchen Bedingungen ist ein Krieg nicht mehr fortzusetzen. Ein weiterer Aspekt ist, dass mit Diamanten zwar Waffen gekauft werden können, nicht aber Lebensmittel. Und das tägliche Überleben der Kämpfer hängt von Mais und Brot ab und das heißt von landwirtschaftlicher Produktion. Noch haben wir nicht den notwendigen Frieden, um die Landwirtschaft zu entwickeln. Deshalb sage ich, die einzige Wahl ist letztendlich der Frieden.

Zum Öl: Die Korruptionsvorwürfe stimmen, das bestätigen Informationen aus dem Ölmarkt und von Finanzinstitutionen. Es gibt zahlreiche Irregularien bei der finanziellen Abwicklung von Ressourcengeschäften. Es ist so, im Krieg werden die Generale reich. Die Leute hier sagen, der Krieg hört niemals auf, weil er für zu viele ein Geschäft ist. Das halte ich für eine falsche und pessimistische Interpretation. Gleichwohl, wenn der Krieg endet, werden davon viele Menschen betroffen. Wir brauchen keine so große Armee, und wir müssen alles daran setzen, die Soldaten in die Zivilgesellschaft und in die Wirtschaft zu reintegrieren.

Das Interview der Nachrichtenagentur der Vereinten Nationen, IRIN, ist von "afrika süd" übersetzt worden. Wir danken "afrika süd" für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck

 

Dramatische humanitäre Situation in Angola

Durch die bis vor kurzem andauernden Kämpfe in Angola wurden sehr viele Menschen aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Mittlerweile wird die Anzahl der Vertriebenen auf über 4,3 Millionen geschätzt - Menschen, die oft nirgends unterkommen können und auf Nothilfe angewiesen sind. Allerdings sind die internationalen Hilfsorganisationen von dem Ausmass der Flüchtlingsströme mittlerweile völlig überfordert, und die Situation der Menschen verschlechtert sich dramatisch. Zur humanitären Lage in Angola legt die UNO einen Bericht vor.

Die humanitäre Situation in Angola hat sich deutlich verschlechtert. Trotz des Todes von Unita-Führer Jonas Savimbi dauern die Kämpfe an. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass weitere etwa 300‘000 Angolanerinnen und Angolaner in den nächsten sechs Monaten heimatlos werden, wenn die gegenwärtigen Trends anhalten. Das wird die Gesamtzahl der Vertriebenen auf 4,6 Millionen erhöhen und die Notstandsfälle um 25% vermehren. Nothilfe-Maßnahmen haben ihre Grenzen erreicht. Die Kapazitäten der UN- und Nichtregierungs-Organisationen sind voll ausgeschöpft, sie verfügen über keine ausreichenden Ressourcen, um sich der dringlichen Bedürfnisse zusätzlich Vertriebener anzunehmen. Millionen ungeschützter Menschen leben unter lebensbedrohlichen Bedingungen. Noch mehr werden bedroht sein, wenn nicht unmittelbar etwas geschieht.

Das Ausmass der im Land Vertriebenen hat die Projektionen der Internationalen Gemeinschaft bei weitem übertroffen. Im Verlaufe des Jahres 2001 sind etwa 540‘000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden, mehr als fünf mal so viel wie erwartet. In den letzten Monaten sind die Vertriebenenzahlen infolge der Militäroperationen gegen Aufständische und der Guerillaaktivitäten ständig gestiegen. Im November sind 47‘000 Menschen vertrieben worden, im Dezember 48‘000, im Januar 49‘500 – doppelt so viele wie im Januar 2001. Nach Regierungsangaben gibt es derzeit 4,3 Mllionen Vertriebene in Angola. Hilfsorganisationen haben die Zahl von 1,34 Mio. Vertriebenen, die seit Wiederausbruch der Feindseligkeiten im Jahre 1998 auf Nothilfe angewiesen sind, bestätigt.

Die Anzahl der Kinder, die in der Folge von plötzlicher und unorganisierter Vertreibung von ihren Familien getrennt wurden, ist merklich gestiegen, vor allem in den Provinzen Moxico, Bié, Huambo und Kuanza Sul. Etwa 4‘650 getrennte Kinder wurden während der zweiten Jahreshälfte von 2001 in 17 Provinzen registriert. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass über 100‘000 Kinder derzeit landesweit von ihren Herkunftsfamilien getrennt sind. Die Lage für solche Kinder ist in vielen Gegenden kritisch, darunter auch in Luena, wo die Waisenheime und Ernährungszentren durch den ständigen Zulauf neu ankommender Jugendlicher überfüllt sind. Viele von ihnen sind unterernährt. Die Unterstützung bei der Familiensuche und die Hilfe für die getrennten Kinder bleibt unangemessen.

Unterernährung und Lebensmittelknappheit

Akute Unterernährung herrscht in mindestens neun Ortschaften vor, nämlich in Bocoio, Bunjei, Caconda, Camacupa, Cruzeiro, Cuemba, Luena, Mussende und Wako Kungo. Vermutlich kommt sie auch in weiteren drei bis vier Orten vor. In zahlreichen Ortschaften mit einer hohen Konzentration an neu angekommenen Vertriebenen haben die Unterernährungsraten sowohl unter den Vertriebenen als auch unter den Bewohnern alarmierende Ausmasse angenommen. Im Januar wurden in Caconda Raten für allgemeine und schwere Unterernährung unter vertriebenen Kindern im Alter zwischen sechs und 59 Monaten von 20,7 respektive 5,3 Prozent gemeldet. Bei den ansässigen Kindern der gleichen Altersgruppe lagen die Raten bei 11,2 bzw. 2,7 Prozent.

In den hart betroffenen Ortschaften wie Caconda, Camacupa und Luena haben Ernährungszentren ("therapeutic feeding centers", TFCs) ihre maximale Kapazität infolge des ständigen Zulaufs stark unterernährter Ankömmlinge überschritten. In Luena muss sich das entsprechende Zentrum, das ursprünglich für 60 Kinder ausgelegt war, gegenwärtig um über 230 Kinder kümmern. Durchschnittlich vier bis fünf Kinder teilen sich ein Bett. Im Ernährungszentrum werden etwa doppelt so viele Kinder wöchentlich aufgenommen wie im Zentrum für Zusatzernährung, was zeigt, dass der Ernährungsstatus der Neuankömmlinge alarmierende Ausmasse angenommen hat. Hilfsorganisationen haben bereits Schritte unternommen, um die Ernährungsprogramme im Flüchtlingslager von Luena auszuweiten. Auch in Camacupa arbeiten die entsprechenden Ernährungszentren unter vollster Auslastung. Stark unterernährte Menschen werden ins 75 km entfernte Kuito überführt. Im Ernährungszentrum von Camacupa wird in den kommenden Wochen die Aufnahmekapazität von 250 auf 400 Personen erweitert.

In Bocoico, Caconda, Camacupa, Kuito und Luena sind Bewohner wie Flüchtlinge wegen der andauernden Ankunft neu Vertriebener und wegen des begrenzten Zugangs zu Land und einkommenschaffenden Aktivitäten wachsender Lebensmittelknappheit ausgesetzt. In zahlreichen unzugänglichen Gebieten, darunter im Südosten von Moxico, im Nordwesten von Uige, im nördlichen Kuanza Norte und in Grenzgebieten zwischen Provinzen in Zentralangola, wird wegen massiver Bevölkerungsbewegungen und der Zerstörung von Landwirtschaftsflächen durch militärische Aktionen ein besonders hohes Ausmass an Ernährungsproblemen erwartet. Obwohl sich für die gegenwärtige Landwirtschaftskampagne noch keine Vorhersagen über die allgemeine Getreideproduktion machen lassen, könnten der späte Einsatz saisonalen Regens sowie unzureichende Mengen und verspätete Lieferungen landwirtschaftlicher Inputs die Ernährungsnotlage in einer Anzahl von Provinzen erhöhen.

Krankheit und Tod

Die Krankheits- und Sterberaten haben alarmierende Ausmasse angenommen, vor allem in Gebieten mit einer hohen Konzentration von Flüchtlingen wie in Caconda, Camacupa, Luena, Tchilembo, Chipindo, Chicomba, Bunjei, Mavinga, Golungo Alto und Calandula. Eine jüngste Sterblichkeitsstudie in Caconda bestätigt, dass insbesondere der Status gerade erst angekommener Menschen kritisch ist. Die Sterblichkeitsrate bei den unter Fünfjährigen hat 12,6 Tote per 10‘000 pro Tag erreicht. Fälle von Krankheiten, die durch Impfung vermeidbar wären, wie Kinderlähmung, Masern und Meningitis, kommen überall in Angola weiterhin vor. Im September wurde ein Fall von wildem Poliovirus in der Lunda Sul-Provinz bestätigt, und im Dezember wurden drei Fälle dieses Virus unter angolanischen Flüchtlingen in Sambia gemeldet. Während der ersten fünf Wochen des Jahres 2002 wurden über 1‘030 Fälle von Masern und 87 Fälle von Meningitis landesweit registriert. Nach einer im November 2001 durchgeführten Studie hat sich das Vorkommen von HIV/Aids in Angola zwischen 1999 und 2001 verdreifacht. Begrenzter Zugang zu Grundversorgungsdiensten, zu wenig Personal in Gesundheitseinrichtungen und Knappheit an wichtiger Medizin und Impfstoffen unterminieren weiterhin die Effektivität des Gesundheitssystems in allen Provinzen.

Über 84.000 neue Flüchtlinge in Bocoio, Caconda, Camacupa, Cruzeiro, Huambo, Kuito, Luena, Matala und Wako Kungo brauchen dringend die notwendigsten Dinge zum Überleben und ein angemessenes Dach über dem Kopf. Mit Ausnahme der Flüchtlinge in Kuito, wo die Wasser- und Sanitäreinrichtungen funktionieren, haben die Menschen keinen Zugang zu Grundwasser und Sanitäreinrichtungen. Es besteht eine direkte Korrelation zwischen unzureichender Unterbringung, verunreinigten Wasserquellen, unhygienischer Fäkalentsorgung und hohen Unterernährungsraten, Krankheit und Sterblichkeit in diesen Gebieten. Es sind dringend Gelder erforderlich, um über die Ernährung hinaus Versorgungsleistungen bereitstellen zu können. Auch die Ausweitung der Transportkapazitäten für Baumaterialien, Wasser und Sanitäreinrichtungen in kritische Gebiete muss bezahlt werden.

Auf Provinzebene ist die Lage besonders ernst in den Provinzen Bié, Huambo, Huíla und Moxico, wo in den letzten Monaten Zehntausende von Flüchtlingen auf der Suche nach Sicherheit und Unterstützung in die Stadtzentren geströmt sind. Die Kapazitäten der Hilfsorganisationen, der schnell wachsenden Bedürftigkeit in diesen Orten gerecht zu werden, sind ernsthaft begrenzt. Integrierte Aktionspläne, die Regierungs-, UN- und NRO-Komponenten einschliessen, sind bereits für Bié und Moxico entwickelt worden und werden in Kürze auch für Huambo und Huíla aufgestellt.

Humanitäre Hilfe

UN- und Nichtregierungsorganisationen versorgen die Bevölkerung in zugänglichen Gebieten auch weiterhin mit gross angelegten, multi-sektoralen Hilfsmaßnahmen. Ungefähr eine Million Angolaner bezieht direkte Nahrungsmittelhilfe und mindestens zwei Millionen profitieren von Programmen für Gesundheitsvorsorge, Wasser und Sanitäreinrichtungen, Ernährungshilfe und Erziehung. Trotzdem können die Organisationen nur einen Bruchteil der humanitären Bedürfnisse befriedigen - wegen fehlender Finanzen und Kapazitäten und Zugangshindernisse, die durch Unsicherheit, Minengefahr und den schlechten Zustand der Infrastruktur des Landes bedingt sind. Organisationen schätzen, dass etwa 500‘000 Menschen in unzugänglichen Gebieten auf Nothilfe angewiesen sind und dass mindestens 350‘000 unter extremer Not leiden.

(Der Text basiert auf dem Dokument United Nations, Humanitarian Situation in Angola, Special Report, 7 March 2002. Er wurde von der Redaktion "afrika süd" übersetzt. Für die Abdruckgenehmigung danken wir.)

 

Äthiopien: Falsche Grenzen ein internes Kriegsinstrument?
Anmerkungen zum Urteil im Grenzstreit Äthiopien/Eritrea

Im Frühjahr 2002 hat die Eritrea-Äthiopien-Grenzkommission am Internationalen Gerichtshof in Den Haag nach Anhörung beider Parteien ihre Analyse der 1900-1908 zwischen beiden Gebieten geschlossenen Grenzverträge abgeschlossen und seine Entscheidung über den für die Zukunft verbindlichen Grenzverlauf bekannt gegeben. Der Entscheid erfolgte aufgrund der vorliegenden Grenzverträge. Eine Analyse von Wolbert Smidt.

Ausgerechnet die gerade Grenzlinie, die durch die Badime-Ebene verläuft, von der äthiopischen Regierung 1998 nach Kriegsbeginn für umstritten erklärt und offizieller Kriegsgrund, wurde in der Entscheidung bestätigt. Dagegen wurde insbesondere das Gebiet der katholischen Irob, eine Untergruppe der in Eritrea lebenden muslimischen Saho, unter Änderung der bisher üblichen Landkarten für Teil des äthiopischen Staatsgebietes erklärt. Die Irob haben sich in ihrer großen Mehrheit schon in italienischer Kolonialzeit in allen Rechtsangelegenheiten nach Agame orientiert (einer Provinz in Tigray, Äthiopien). Ein unklarer Grenzvertrag hatte einen unbekannten kleinen Flusslauf zur Grenze erklärt, der aber je nach Interpretation die Irob zu Äthiopien gehören lässt oder zu Eritrea (es war nie eindeutig, welcher Flusslauf der im Vertrag genannte "Muna" eigentlich sei). Im südlichen Teil von Akkele-Guzay, im Grenzgebiet zu Agame, haben ähnliche Situationen, nämlich unklare Grenzbestimmungen und lokale Traditionen, zu mehreren kleineren, komplizierten Grenzkorrekturen geführt.

Schliesslich ist die Grenzlinie, welche die südöstlichen Afar-Gebiete an der Küste von den Afar-Gebieten im äthiopischen Inland trennt, nach den Bestimmungen des Grenzvertrages von 1908 exakter gezogen worden. Dieser Vertrag sieht einen bestimmten Abstand der Grenze von der Küste vor, der jetzt beim Neuziehen der Grenzlinie genauer umgesetzt worden ist.

Letztlich bedeutet der Richterspruch, trotz einiger im Detail überraschender Entscheidungen, die Bestätigung der entscheidenden Grundregeln des für Staatsgrenzen relevanten Völkerrechts. Für Afrika ist oft gefordert worden, dass die in kolonialer Zeit künstlich gezogenen Grenzen aufzuheben seien, und diese nach historischen und ethnischen Kriterien neu zu ziehen seien. Zuletzt hat Äthiopien diese Forderung während des Krieges mit Eritrea gelegentlich thematisiert, obwohl es selbst 1964 zu den Mitunterzeichnern des Beschlusses der OAU-Staats- und Regierungschefs gehörte, der die kolonialen Grenzen in Afrika für verbindlich und unantastbar erklärte.

Die Grenzkommission konnte es sich nun sicherlich nicht erlauben, nach einem an Grenzproblemen entzündeten Krieg alle Grenzlinien unverändert zu lassen. Andererseits konnte sie auch nicht die bisherigen Prinzipien des auch für Afrika geltenden Völkerrechts aufgeben – dies hätte eine Unterhöhlung der rechtlichen Verbindlichkeit grundsätzlich aller (fast immer "künstlichen") Grenzen in ganz Afrika bedeutet.

Die Grenzkommission hat Grenzen nun überall dort verändert, wo die Grenzverträge Einzelfragen offen ließen. Die Entscheidung hat allerdings bemerkenswert wenig zu tun mit den von Äthiopien vor der Kommission geäußerten Ansprüchen. Beispielsweise war von äthiopischer Seite – erfolglos – ein bedeutender Teil Südwest-Eritreas für äthiopisch erklärt worden.

Interessant ist hier der Vergleich mit Karten, die in Äthiopien vor und während des Krieges erschienen waren: Äthiopien hat in der Regel in seiner internationalen Kriegsberichterstattung exakt die selben Karten veröffentlicht wie Eritrea. Ein Unterschied in der Interpretation der Grenzverläufe war hier gar nicht erkennbar - anders als in den nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Karten, die später der Grenzkommission vorgelegt wurden! Allerdings zeichnete Äthiopien auf diesen Karten ein Gebiet in Nordwest-Tigray ein, das Eritrea von der Badime-Ebene aus besetzt habe, während Eritrea ein Gebiet in Südwest-Eritrea einzeichnete, in das die äthiopischen Milizen vor Kriegsbeginn eingedrungen seien und eine äthiopische Verwaltung errichtet hätten. Beide "Invasions-Gebiete" schlossen einander logisch aus.

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Die raren Berichte von Einwohnern der Badime-Region allerdings legen eine Interpretation nahe, die durch die hier veröffentlichten Karten-Dokumente gestützt wird: Ein Teil des Badime-Gebietes wurde seit Jahren von Tigray aus verwaltet – und in dieses Gebiet waren 1998 die eritreischen Truppen eingedrungen. Aus eritreischer Sicht war dies allerdings keine Invasion, da das Gebiet nach Grenzverträgen (und sowohl von Äthiopien als auch Eritrea herausgegebenen Karten) eritreisches Gebiet war, wenn auch nicht eritreisch verwaltet. Aus lokaler tigrayischer Sicht bedeutete dies allerdings sehr wohl eine Invasion. Nun unterschieden sich aber lokale tigrayische Vorstellungen vom Grenzverlauf und die bisher auch in Äthiopien offiziell verwendeten Karten. So ist es logisch, dass, um den Vorwurf der Invasion vor der Weltöffentlichkeit aufrechterhalten zu können, die eritreischen Vorstösse von der Regierung Äthiopiens auf anerkannt äthiopisches Gebiet eingezeichnet wurden. Diese Karte fand denn auch weite Verbreitung. Wenig bekannt allerdings wurde es, dass Tigray bereits 1997 eine ganz andere Karte für den internen Gebrauch gedruckt hatte, die weite Teile von Südwest-Eritrea einschloss. Es lohnt sich also, um diesen Aspekt der Kriegsführung und -rechtfertigung besser zu verstehen, in Äthiopien vor und während des Krieges veröffentlichte Karten genauer anzusehen.

Als 1997 durch die Ethiopian Mapping Authority eine neue Karte der äthiopischen Nordprovinz Tigray angefertigt und durch die Landesverwaltung von Tigray herausgegeben wurde, fiel dies zunächst keinem auf. Jedoch sorgte sie im Jahre 1998 – insbesondere unter Eritreern im Exil – für erhebliche Aufregung, da in ihr genau jene Gebiete Eritreas auf dem Papier Tigray zugeschlagen sind, in denen gerade Krieg ausgebrochen war. Vergleiche mit sämtlichen, auch von Äthiopien herausgegebenen, offiziellen Karten Äthiopiens und Eritreas zeigen, dass es keinerlei kartographischen Grundlagen für die Nordgrenze Tigrays gibt, wie diese 1997 dargestellt wurden. Völkerrechtliche Argumente, die für eine Änderung der bisher international anerkannten Grenzen sprechen, wurden nicht genannt.

Festzuhalten ist zunächst folgendes:

  • Die westliche Badime-Region, das Gebiet um Tsorona, das Irob-Gebiet um Alitena sowie das Afar-besiedelte Bada-Gebiet, die jetzt im Krieg eine Rolle spielten, waren bisher auf Karten Eritrea zugeordnet, seit 1997 aber kartographisch von Tigray beansprucht;
  • Äthiopien hat zu keinem Zeitpunkt die Karte von Tigray zurückgezogen, aber auch nicht offiziell als Ansicht der äthiopischen Regierung anerkannt.

Es fragt sich daher, wie Äthiopien mit der Grenzfrage nach Kriegsausbruch 1998 kartographisch umging. Dabei ist eine interessante Beobachtung zu machen: In Broschüren, die international benutzt werden, erscheint Äthiopien in den althergebrachten, international anerkannten Grenzen. Als Beispiel sei die Karte genannt, die in Broschüren des Staatsunternehmens Ethiopian Airlines noch 1999 abgedruckt ist: Hier entspricht die äthiopische Nordgrenze genau derjenigen, die auch Eritrea auf seinen Karten beansprucht. Auch das äthiopische Geld – von 1997 – selbst zeigt die Grenzen, mit denen Äthiopien in den internationalen Atlanten eingezeichnet ist. Zum Vergleich: Ebenfalls in staatlichen Veröffentlichungen vor der Unabhängigkeit Eritreas werden die selben Grenzen gezeigt, so etwa in einer Publikation der äthiopischen Botschaft in Bonn aus dem Jahre 1987.

Dagegen werden gleichzeitig lokal, in Tigray, für den internen Gebrauch andere Karten benutzt, die derjenigen Grenzziehung folgen, die schon der Tigray-Karte von 1997 zugrunde liegt. Beispielsweise folgt die 1999 an der Universität Addis Abeba in Seminaren verwendete Karte Tigrays jenen nach Eritrea hinein verschobenen Grenzen, die insbesondere das ganze Badime-Gebiet einbeziehen. Interessant ist insbesondere der Atlas von Tigray von 1998, der v.a. in Tigray zu administrativen Zwecken gebraucht wird, dessen Grenzen ebenfalls diese Grenzverschiebung zeigen. Zusätzlich ist auf einigen von ihnen der auf älteren Karten meist fehlende bzw. an ganz verschiedenen Stellen eingezeichnete Ort "Badme" zu sehen, aber so weit von der Grenze entfernt innerhalb des Distriktes Adi Abo, dass sich der Eindruck einstellt, dass die Eritreer deutlich auf äthiopisches Gebiet eingedrungen sein müssen. Würde man aber die offizielle Grenze zugrundelegen, wäre die Diagnose nicht so eindeutig.

Man kann also festhalten: In Karten, die in Tigray intern verwendet werden, ist eine Grenzkorrektur zu Lasten Eritreas erfolgt, während Karten, die von Ausländern gesehen werden, bevorzugt die international in allen Atlanten verzeichneten Grenzen Äthiopiens zeigen. Da dieses Phänomen durchgängig seit 1997 beobachtbar ist, kann man dabei von einem zugrundeliegenden politischen Willen –Tigrays, aber offensichtlich geduldet durch die tigrayisch dominierte äthiopische Regierung – ausgehen. Äthiopien hat nun, nach der Grenzentscheidung, gegenüber den eigenen Bürgern erklärt, die Entscheidung bedeute einen Sieg, da viele Gebiete (wie die Irob) Äthiopien zugesprochen seien. Das Badime-Gebiet wird dabei aber weitgehend verschwiegen. Es gibt aber bereits erste Berichte über Schwierigkeiten mit den tigrayischen Lokalbehörden, die den Truppenrückzug organisieren sollen, nachdem die Regierung gerade den erfolgreichen Abschluss des Grenzstreites gepriesen hatte und zuvor jahrelang die tigrayischen Ansprüche die Grundlage für die Behauptung der Invasion Eritreas gewesen waren.

Zum Autor: Wolbert Smidt befasst sich mit der Geschichte Eritreas und Äthiopiens im Rahmen einer Disseration. Er lebt in Berlin und Hamburg und ist Herausgeber der Zeitschrift "Salam Eritrea".

 

Literatur im Spannungsfeld von Tradition und Moderne
Tendenzen im afrikanischen Literaturschaffen

Annäherungen an afrikanische Literatur – eine facettenreiche Vielfalt von Bildern und Symbolen, von Charakteren und Themen fordert die Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser heraus. Gerade die grosse Bandbreite an Geschichten und Textformen fasziniert AfrikawissenschaftlerInnen und Literaturkritiker immer wieder aufs Neue. Zum persönlichen Dialog haben sie jedoch nur selten die Möglichkeit. Um so mehr lebte die internationale Konferenz "Versions and Sub-Versions", die Anfang Mai an der Humboldt-Universität in Berlin stattfand, von der Begeisterung, dass Autorinnen und Autoren, Kritikerinnen und Wissenschaftlerinnen aus ganz Afrika, Europa und den USA sich nun erstmals persönlich austauschen konnten. Über zweihundert Teilnehmer aus dreissig unterschiedlichen Ländern diskutierten über die Vielfalt und die subversive Kraft afrikanischer Literaturen. Über die Konferenz berichtet Rita Schäfer.

Allen gemeinsam war das Anliegen, ihre unterschiedlichen Einschätzungen über die transformierende Bedeutung von Literatur im Spannungsfeld von Tradition und Moderne zu kommunizieren. "Literarisches Arbeiten heisst, in gesellschaftliche Strukturen zu intervenieren", postulierte die nigerianische Anglistik-Professorin Modupe Kolawole. "Afrikanische Schriftstellerinnen wirken schon durch die Professionalisierung des Schreibens subversiv, denn sie artikulieren sich in einem Medium, das in ihren Gesellschaften die Moderne repräsentiert", führte sie weiter aus. Zudem vertrat Frau Kolawole, die an der Universität in Ile-Ife lehrt, die These, dass die Schriftstellerinnen viel stärker als ihre männlichen Kollegen Kultur als Verhandlungsfeld nutzen.

Die Auseinandersetzung über Geschlecht und Literatur zog sich als roter Faden durch die gesamte Tagung. So ging es um die Frage, ob Autorinnen in ihren Werken sich darauf beschränken, die eng gesteckten traditionellen Rollenmuster von Frauen zu kritisieren oder ob sie auch neue Handlungsspielräume aufzeigen. Richtungsweisend ist hier der Ansatz junger nigerianischer Autorinnen um Toyin Adewalwe und Omowunmi Segun. In ihrer Sammlung von Kurzgeschichten "Breaking the Silence" (1996) illustrieren sie die Vielfalt heutiger Identitätsmuster und arbeiten die Individualität einzelner Afrikanerinnen heraus.

"Eine derartige Neupositionierung ist ein Beitrag zur Dekolonisierung des Bewusstseins von Afrikanerinnen", betonte Obioma Nnaemeka, nigerianische Literaturwissenschaftlerin an der Universität von Indianapolis. Obwohl nur eine kleinen Minderheit die Bücher liest, da die Bevölkerungsmehrheit weder über die notwendige Schulbildung noch über die erforderlichen Geldmittel verfügt, kann ein derart marginaler Entfaltungsbereich ein Ort der Stärke sein. Schliesslich bringen junge Afrikanerinnen durch ihr literarisches Arbeiten ein neues kulturelles Selbstverständnis zum Ausdruck. Dies interpretiert Nnaemeka in feministischer Perspektive als Beitrag zur Veränderung der Geschlechterverhältnisse.

Obioma Nnaemeka gründete Anfang der 1990er Jahre ein Netzwerk afrikanischer Wissenschaftlerinnen, das Alternativen zum westlichen Feminismuskonzept diskutiert. Auch wenn die Beteiligten unterschiedliche Positionen zur Neudefinition von Frauenrollen vertreten, verfolgen sie alle das Ziel, die Machtverhältnisse in Geschlechterbeziehungen neu zu verhandeln und soziale Ungleichheiten zu überwinden. Dazu fördern sie Alphabetisierungsprogramme für Frauen und gründen Schreibwerkstätten für junge Autorinnen.

Allerdings beziehen junge Schriftstellerinnen durchaus gegensätzlich Positionen, wenn es um das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft geht. Während die kamerunische Autorin Calixthe Beyala provozierend die Idee einer "Feminitude", eines neuen kulturellen Selbstbewusstseins von Afrikanerinnen vorstellt, kritisiert die Nigerianerin Tess Ouwueme das Loblied auf die Schwesterlichkeit von Afrikanerinnen. Sie wirft den namhaften Vertreterinnen eines afrikanischen Feminismus sogar eine gönnerhafte Haltung vor, denn sie unterstützten unbekannte Autorinnen oder leseunkundige Landfrauen nur so lange, wie dies politisch opportun sei.

Auch derartige strukturelle Differenzen und Konflikte zwischen Frauen können die Neupositionierungen bereichern, so die Einschätzung von Naemeka und Kolawole. Dementsprechend bewerteten sie die Meinungspluralität als Ausdruck der Stärke und sahen die Herausforderung darin, diese für einen konstruktiven Dialog zu nutzen. Allerdings gaben die Literaturwissenschaftlerinnen zu bedenken, dass beim Ausspielen von Differenz auf jeden Fall verhindert werden muss, die patriarchalen Herrschaftsmuster zu verstärken.

Im Gegensatz dazu vertrat Catherine Muhoma von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg einen eher optimistischen Ansatz: Sie betrachtete Geschlechterrollen als antrainierte Verhaltensmuster, deren Erwerb im jeweiligen gesellschaftlichen Rahmen dekonstruiert werden kann, um neue Handlungsspielräume zu entwickeln. Demnach können Frauen nicht nur die Geschlechterhierarchien, sondern auch das Verhältnis untereinander transformieren. Fraglich ist jedoch, ob sich das Performanz-Konzept der US-amerikanischen Theoretikerin Judith Butler so unvermittelt auf die Geschlechterkonstrukte in Afrika übertragen lässt, zumal dies die komplexen Machtphänomene ausblendet, die den Geschlechterkonstrukten zugrunde liegen und die individuelle Entfaltungsmöglichkeiten drastisch beschränken.

Die Identitätsbrüche, die junge Frauen bewältigen müssen, wenn sie sich traditionellen Rollenbildern verweigern und eigene Interessen verfolgen, werden laut Einschätzung des Literaturexperten Simon Gikandi von vielen Autorinnen aus dem südlichen Afrika in vorbildlicher Weise thematisiert: "Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie kompromisslos die komplexen Widersprüche zwischen Traditionen und Moderne analysieren." Hingegen würden zahlreiche männliche Schriftsteller z.B. aus Zimbabwe dazu tendieren, vorkoloniale Lebensformen zu verklären und die Probleme in einer unverarbeiteten Moderne suchen.

Der an der Universität Michigan tätige Gikandi betrachtet die Romane der international bedeutenden zimbabwischen Autorin Yvonne Vera als beispielhaft dafür, wie subversiv Literatur sein kann. Schliesslich brechen ihre Geschichten mit Tabus über den Befreiungskrieg und stellen den glorifizierenden Nationalmythen die Thematisierung von Gewalt und Traumatisierungen entgegen. Als sie erstmals die spezifischen Gewalterfahrungen von Frauen z.B. durch die Übergriffe von Guerilla-Kämpfern subtil andeutete, löste sie weitreichende öffentliche Debatten aus. Auch wenn die Mehrheit der Zimbabwer niemals ihre Romane lesen wird, da gravierende wirtschaftliche Existenzprobleme den Zugang zur Literatur erschweren, gaben ihre Bücher wiederholt Impulse zur Kontroverse.

Daher sind die Literaturwissenschaften immer wieder gefordert, ihre Reflexion über die Sprache und stilistische Formen, über Handlungen und Charaktere um die Frage zu erweitern, wie Literatur unter bestimmten politischen Rahmenbedingungen rezipiert wird. Das betrifft auch die Literaturentwicklungen in Südafrika: Vielen Autorinnen und Autoren, die das menschenverachtende Apartheidsystem kritisierten, blieb nur die Flucht ins Exil. Eine von ihnen war Zoe Wicomb, die wegen ihrer Themenwahl und ihrer symbolreichen Sprache als eine der provokantesten Schriftstellerinnen gilt. In ihren Romanen und Erzählsammlungen legt sie Zeugnis ab von den rassistischen Diskriminierungen; seit der politischen Wende warnt sie eindringlich vor nationalistischen Ideologien, die der Demokratisierung entgegenstehen. Mit bitterer Ironie kommentiert Wicomb die aktuelle Vereinnahmung einzelner Afrikanerinnen als Ikonen der Frauengeschichte Südafrikas und zeigt die lange Tradition der Gewalt gegen Frauen. Ihrer Meinung nach sei es die Aufgabe einer gesellschaftskritischen Literatur, die Würde des Einzelnen gegen politische Ideologien und Zwänge zu verteidigen; eine Position, die nicht nur für Südafrika zutrifft.

Zur Autorin: Dr. Rita Schäfer, Ethnologin, mehrjährige Mitarbeit an der Humboldt Universität und der Freien Universität in Berlin, Forschungen über Geschlechterverhältnisse im südlichen Afrika.

 

Weitere Beiträge im Afrika-Bulletin:
  • Augenschein in Zimbabwe: Hunger als politische Ressource (von Barbara Müller)
  • Literatur: Hinweise auf neue Publikationen
  • Renzensionen folgender Neuerscheinungen:

l Bernd Werle, Ethik im Kontext von Kultur, Das kulturethische Gedankengut Jahannes Messners und dessen Beitrag für ein Gespräch mit christlich-theologischer Ethik in Afrika, Band 1 und 2, Münster-Hamburg-London 2002 (Lit-Verlag)

l Franz Kröger, Materielle Kultur und traditionelles Handwerk bei den Bulsa (Nordghana), Band 1 und 2, Münster-Hamburg-London 2001 (Lit-Verlag)

l Johannes Fabian, Im Tropenfieber, Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München 2001 (C.H. Beck)

l Eleonora Matare-Ineichen, Jürg Schneider, Bettina Zeugin, Black, Noir, Schwarz, Zwölf Porträts aus Basel, Basel 2002 (Opinio)

  • Hörenswerte CDs: Palop Africa: Angola, Cape Verde, Guinea-Bissau, Mozambique und Sâo Tomé
  • Berichte über die Arbeit des Afrika-Komitees, der Projektgruppe des Afrika-Komitees und aus der schweizerischen Solidaritätsbewegung.
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