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"Es
gibt keinen Grund mehr, Krieg zu führen"
Interview mit Eugénio Manuvakola von der Unita-RenovadaVor vier Jahren spaltete sich eine Gruppe Politiker von der
Unita ab, die im Parlament in Luanda verblieben war. Diese Unita-Renovada wird
geführt von Eugénio Manuvakola. Er war früher Generalsekretär der Partei gewesen und
hatte 1994 als Vertreter der Unita das Lusaka-Abkommen mit ausgehandelt. Nach Ansicht von
Manuvakola haben die Truppen der Unita nach Savimbis Tod keine andere Wahl, als Frieden zu
schließen. Der letzte Grund für die Fortsetzung des Krieges sei mit dem Ende Savimbis
entfallen. Mit Manuvakola sprach am 14. März die Nachrichtenagentur der Vereinten
Nationen, IRIN.
Welche Art von Aussöhnung und welche Aussichten
auf Frieden bleiben der Unita jetzt nach dem Tod von Savimbi?
Keine Führung wird die Unita leiten können, solange
sie die Mitglieder nicht wieder zusammenbringt. Ich denke, dass es heute für die
Mitglieder keinen Grund mehr zur Uneinigkeit gibt. Die Aussichten für einen Frieden sind
sehr gut. Jene, die noch unter Waffen stehen, haben den politischen Auftrag und den Grund
verloren, den Krieg fortzusetzen. Ohne Savimbi haben sie keine militärische Richtung mehr
und keine Führungsziele. Der Krieg war wahrscheinlich nur noch der Wille Dr. Savimbis. Es
gibt niemanden sonst, der Savimbis militärische Ziele fortsetzen könnte. Die Unita hat
nur eine einzige Möglichkeit: ein Friedensabkommen mit allen demokratischen Kräften in
Angola.
Gibt es noch Disziplin und Zusammenhalt bei den
Unita-Truppen im Busch?
Die Soldaten haben gekämpft, weil Dr. Savimbi es so
wollte. Ohne ihn können sie nur einen Schritt tun, Frieden schließen. Das sieht man auch
daran, wie manche Unita-Militärs den Busch in bestimmten Landesteilen verlassen. Es geht
ums nackte Leben. Bleiben sie im Busch, sterben sie Hungers. In den vom Konflikt am
stärksten betroffenen Gegenden, in den Provinzen Moxito und Bie, wo auch die Führung
sich aufhält, steht die Disziplin in direktem Zusammenhang mit dem Nachschub. Niemand
kann von leeren Bäuchen Disziplin verlangen. Nach Informationen jener, die den Busch
verlassen haben, sind die Truppen nicht mehr bereit, ihren Kommandeuren zu gehorchen. Wo
die Kommandeure jedoch den Nachschub organisieren können, herrscht auch Disziplin. Aber
sie haben letztlich keine andere Wahl, als herauszukommen und mit der Regierung und uns,
die wir mit in der Regierung sind, zu verhandeln. Sie müssen einen Weg für ein Abkommen
finden. Die Zukunft wird ein Kompromiss zwischen uns in den Städten und ihnen im Busch
sein.
Welche Kontakte - wenn überhaupt - gibt es
zwischen der Unita-Renovada und den Kämpfern im Busch? Werden die gewöhnlichen Soldaten
ihren Vorgesetzten bei einem Friedensabkommen folgen?
Vor dem Tod Savimbis waren Kontakte unmöglich. Doch
nach dem 22. Februar gibt es substanzielle Möglichkeiten, solche aufzunehmen. Die
Situation ist jedoch noch stark vom Militärischen geprägt, und die Kommunikation mit der
Unita läuft in erster Instanz immer noch über die angolanische Armee (FAA). Unsere
direkte Kommunikation kann erst später erfolgen.
Redet die Regierung vom Frieden, während sie
gleichzeitig den totalen militärischen Sieg plant?
Die Regierung ist dabei, einen vollständigen
militärischen Sieg herbeizuführen, wenn der Waffenstillstand nicht tragen sollte. Selbst
wenn ich die Macht hätte, würde es mein Ziel sein, einen weiteren bewaffneten Aufstand
in Angola zu verhindern. Im Augenblick konkurrieren diese beiden Ziele -
Friedensinitiative und finale militärische Lösung - noch miteinander.
Der Krieg hat der Bevölkerung Wunden zugefügt.
Gibt es noch Versöhnung?
Der Krieg hat in der Tat tiefe Wunden geschlagen. Die
größte Gefahr besteht im Misstrauen zwischen Mitgliedern der Unita und Mitgliedern der
regierenden MPLA. Wir müssen Lösungen finden und Verständigung und Toleranz fördern.
Die Menschen haben eine Menge gelitten. Das größte Problem ist, dass die Menschen die
humanitäre Hilfe wahrnehmen als Hilfe von der MPLA. Die MPLA zieht aus der Situation
Vorteile, und viele denken, dass die Hilfslieferungen von der MPLA kommen und nicht von
internationalen Hilfsorganisationen oder von der Regierung. Wir sind an der Verteilung der
humanitären Hilfe nicht beteiligt. Das dürfte für die Zukunft gewisse Auswirkungen in
den Wahlkreisen haben. Das ist ein größeres Problem.
Unita und Regierung sind in die Kritik gekommen,
weil sie den Menschen in den Regionen unter ihrer Kontrolle den Weg zu humanitären Hilfen
nicht freigegeben haben. Gibt es Hoffnung, dass diese jetzigen Friedensgespräche den
Hilfsorganisationen den Zugang zu diesen Leuten erlauben, die bisher nicht erreicht werden
konnten?
Bis Februar war es schwierig, humanitäre Korridore zu
öffnen. Ich denke, dass es in nächster Zeit möglich wird, solche Korridore zu
eröffnen. Vielleicht wollen die Menschen an ihren Wohnorten bleiben und die
Hilfsorganisationen können sie dort erreichen, wahrscheinlich sogar über Land und nicht
nur über den Luftweg. Im östlichen Landesteil haben wir einen humanitären Notfall. Da
muss für Tausende von Menschen in lebensbedrohlicher Situation schnelle Hilfe kommen.
Was muss geschehen, ehe an Wahlen zu denken ist?
Zunächst einmal müssen die Menschen, die aus ihren
Wohnorten vertrieben wurden, wieder zurückkehren. Solche Rückführungen erfordern eine
gute Ernte. Es ist unumgänglich, dass die erste Ernte ein Erfolg wird. Wir haben
Millionen von Vertriebenen. Und man muss sich vorstellen, dass diese Menschen in mehr oder
weniger zerstörte Gebiete zurückkehren werden.
Auch wenn der Krieg beendet werden kann, solange die
Waffen nicht eingesammelt sind und sich noch keine Staatsautorität herausgebildet hat,
besteht die Gefahr des Banditentums. Bandenbildung kann als produktiv gesehen werden. Denn
die Armeesoldaten sind arm und ihr Kapital ist die Waffe. Ein ehemaliger Kämpfer, dessen
Familie in Not ist, der keine Eingliederung findet, der wird sich sicherlich auf sein
Gewehr verlassen.
Folgende Botschaft haben wir an Ibrahim Gambari, den
Sonderberater von UN-Generalsekretär Kofi Annan, gerichtet: Wir halten es für wichtig,
dass vor den nächsten Wahlen eine freie Registrierung aller Wahlberechtigten in Angola
durchgeführt werden sollte, durchgeführt werden muss. Es kann nicht hingenommen werden,
dass 27 Jahre nach der Unabhängigkeit 40 Prozent der Angolanerinnen und Angolaner nicht
registriert sind. Das wird noch dadurch schlimmer, dass die Regierung die Kontrolle über
eine Reihe von Städten verloren hat und damit auch die alten Registrierungslisten. In
Huambo, der zweitgrößten Stadt, sind alle Meldeunterlagen der letzten hundert Jahre mehr
oder weniger verschwunden; d.h. alle Einwohner von Huambo müssen sich neu melden. Erst
dann können Wählerlisten aufgestellt werden.
In unserer Botschaft kritisieren wir auch die
internationale Gemeinschaft. Es war leicht, Unterstützung für den Krieg zu finden. Doch
es ist schwierig, Verbündete für den Frieden zu gewinnen. Im Krieg hatten wir die
unterschiedlichsten Verbündeten. Heute, wo ein Friedenprozess beginnen könnte, haben wir
keine mehr. Unita muss sich von einer militärischen Organisation zu einer zivilen Partei
reformieren und muss ihren Kämpfern Hoffnung geben, ohne dass sie über materielle Mittel
verfügt. Diese materielle Schwäche präjudiziert den Friedensprozess. Die Partei muss
ermutigt werden, am Frieden konstruktiv mitzuarbeiten. Das bedeutet aber auch, sie braucht
Unterstützung.
Es heißt, viele Verantwortliche hätten nur
Interesse an Diamanten und Öl. Hat da der Frieden überhaupt eine Chance?
In der letzten Zeit war es für Savimbi nicht mehr so
einfach, Diamanten abzusetzen. Und die waren seine einzige Einnahmequelle. Seine
Außenbeziehungen hingen von den Diamanten ab. Um den Krieg fortzuführen, müsste die
Unita ihre wirtschaftlichen Ressourcen neu strukturieren. Doch die Regierung hat zunehmend
die Kontrolle über die Diamantengebiete gewonnen.
Ich denke, unter solchen Bedingungen ist ein Krieg
nicht mehr fortzusetzen. Ein weiterer Aspekt ist, dass mit Diamanten zwar Waffen gekauft
werden können, nicht aber Lebensmittel. Und das tägliche Überleben der Kämpfer hängt
von Mais und Brot ab und das heißt von landwirtschaftlicher Produktion. Noch haben wir
nicht den notwendigen Frieden, um die Landwirtschaft zu entwickeln. Deshalb sage ich, die
einzige Wahl ist letztendlich der Frieden.
Zum Öl: Die Korruptionsvorwürfe stimmen, das
bestätigen Informationen aus dem Ölmarkt und von Finanzinstitutionen. Es gibt zahlreiche
Irregularien bei der finanziellen Abwicklung von Ressourcengeschäften. Es ist so, im
Krieg werden die Generale reich. Die Leute hier sagen, der Krieg hört niemals auf, weil
er für zu viele ein Geschäft ist. Das halte ich für eine falsche und pessimistische
Interpretation. Gleichwohl, wenn der Krieg endet, werden davon viele Menschen betroffen.
Wir brauchen keine so große Armee, und wir müssen alles daran setzen, die Soldaten in
die Zivilgesellschaft und in die Wirtschaft zu reintegrieren.
Das Interview der Nachrichtenagentur der Vereinten
Nationen, IRIN, ist von "afrika süd" übersetzt worden. Wir danken "afrika
süd" für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck
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| Dramatische
humanitäre Situation in Angola Durch die bis vor kurzem andauernden Kämpfe in Angola wurden
sehr viele Menschen aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Mittlerweile wird die Anzahl der
Vertriebenen auf über 4,3 Millionen geschätzt - Menschen, die oft nirgends unterkommen
können und auf Nothilfe angewiesen sind. Allerdings sind die internationalen
Hilfsorganisationen von dem Ausmass der Flüchtlingsströme mittlerweile völlig
überfordert, und die Situation der Menschen verschlechtert sich dramatisch. Zur
humanitären Lage in Angola legt die UNO einen Bericht vor.
Die humanitäre Situation in Angola hat sich deutlich
verschlechtert. Trotz des Todes von Unita-Führer Jonas Savimbi dauern die Kämpfe an.
Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass weitere etwa 300000 Angolanerinnen und
Angolaner in den nächsten sechs Monaten heimatlos werden, wenn die gegenwärtigen Trends
anhalten. Das wird die Gesamtzahl der Vertriebenen auf 4,6 Millionen erhöhen und die
Notstandsfälle um 25% vermehren. Nothilfe-Maßnahmen haben ihre Grenzen erreicht. Die
Kapazitäten der UN- und Nichtregierungs-Organisationen sind voll ausgeschöpft, sie
verfügen über keine ausreichenden Ressourcen, um sich der dringlichen Bedürfnisse
zusätzlich Vertriebener anzunehmen. Millionen ungeschützter Menschen leben unter
lebensbedrohlichen Bedingungen. Noch mehr werden bedroht sein, wenn nicht unmittelbar
etwas geschieht.
Das Ausmass der im Land Vertriebenen hat die
Projektionen der Internationalen Gemeinschaft bei weitem übertroffen. Im Verlaufe des
Jahres 2001 sind etwa 540000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden, mehr als
fünf mal so viel wie erwartet. In den letzten Monaten sind die Vertriebenenzahlen infolge
der Militäroperationen gegen Aufständische und der Guerillaaktivitäten ständig
gestiegen. Im November sind 47000 Menschen vertrieben worden, im Dezember
48000, im Januar 49500 doppelt so viele wie im Januar 2001. Nach
Regierungsangaben gibt es derzeit 4,3 Mllionen Vertriebene in Angola. Hilfsorganisationen
haben die Zahl von 1,34 Mio. Vertriebenen, die seit Wiederausbruch der Feindseligkeiten im
Jahre 1998 auf Nothilfe angewiesen sind, bestätigt.
Die Anzahl der Kinder, die in der Folge von
plötzlicher und unorganisierter Vertreibung von ihren Familien getrennt wurden, ist
merklich gestiegen, vor allem in den Provinzen Moxico, Bié, Huambo und Kuanza Sul. Etwa
4650 getrennte Kinder wurden während der zweiten Jahreshälfte von 2001 in 17
Provinzen registriert. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass über 100000 Kinder
derzeit landesweit von ihren Herkunftsfamilien getrennt sind. Die Lage für solche Kinder
ist in vielen Gegenden kritisch, darunter auch in Luena, wo die Waisenheime und
Ernährungszentren durch den ständigen Zulauf neu ankommender Jugendlicher überfüllt
sind. Viele von ihnen sind unterernährt. Die Unterstützung bei der Familiensuche und die
Hilfe für die getrennten Kinder bleibt unangemessen.
Unterernährung und Lebensmittelknappheit
Akute Unterernährung herrscht in mindestens neun
Ortschaften vor, nämlich in Bocoio, Bunjei, Caconda, Camacupa, Cruzeiro, Cuemba, Luena,
Mussende und Wako Kungo. Vermutlich kommt sie auch in weiteren drei bis vier Orten vor. In
zahlreichen Ortschaften mit einer hohen Konzentration an neu angekommenen Vertriebenen
haben die Unterernährungsraten sowohl unter den Vertriebenen als auch unter den Bewohnern
alarmierende Ausmasse angenommen. Im Januar wurden in Caconda Raten für allgemeine und
schwere Unterernährung unter vertriebenen Kindern im Alter zwischen sechs und 59 Monaten
von 20,7 respektive 5,3 Prozent gemeldet. Bei den ansässigen Kindern der gleichen
Altersgruppe lagen die Raten bei 11,2 bzw. 2,7 Prozent.
In den hart betroffenen Ortschaften wie Caconda,
Camacupa und Luena haben Ernährungszentren ("therapeutic feeding centers",
TFCs) ihre maximale Kapazität infolge des ständigen Zulaufs stark unterernährter
Ankömmlinge überschritten. In Luena muss sich das entsprechende Zentrum, das
ursprünglich für 60 Kinder ausgelegt war, gegenwärtig um über 230 Kinder kümmern.
Durchschnittlich vier bis fünf Kinder teilen sich ein Bett. Im Ernährungszentrum werden
etwa doppelt so viele Kinder wöchentlich aufgenommen wie im Zentrum für
Zusatzernährung, was zeigt, dass der Ernährungsstatus der Neuankömmlinge alarmierende
Ausmasse angenommen hat. Hilfsorganisationen haben bereits Schritte unternommen, um die
Ernährungsprogramme im Flüchtlingslager von Luena auszuweiten. Auch in Camacupa arbeiten
die entsprechenden Ernährungszentren unter vollster Auslastung. Stark unterernährte
Menschen werden ins 75 km entfernte Kuito überführt. Im Ernährungszentrum von Camacupa
wird in den kommenden Wochen die Aufnahmekapazität von 250 auf 400 Personen erweitert.
In Bocoico, Caconda, Camacupa, Kuito und Luena sind
Bewohner wie Flüchtlinge wegen der andauernden Ankunft neu Vertriebener und wegen des
begrenzten Zugangs zu Land und einkommenschaffenden Aktivitäten wachsender
Lebensmittelknappheit ausgesetzt. In zahlreichen unzugänglichen Gebieten, darunter im
Südosten von Moxico, im Nordwesten von Uige, im nördlichen Kuanza Norte und in
Grenzgebieten zwischen Provinzen in Zentralangola, wird wegen massiver
Bevölkerungsbewegungen und der Zerstörung von Landwirtschaftsflächen durch
militärische Aktionen ein besonders hohes Ausmass an Ernährungsproblemen erwartet.
Obwohl sich für die gegenwärtige Landwirtschaftskampagne noch keine Vorhersagen über
die allgemeine Getreideproduktion machen lassen, könnten der späte Einsatz saisonalen
Regens sowie unzureichende Mengen und verspätete Lieferungen landwirtschaftlicher Inputs
die Ernährungsnotlage in einer Anzahl von Provinzen erhöhen.
Krankheit und Tod
Die Krankheits- und Sterberaten haben alarmierende
Ausmasse angenommen, vor allem in Gebieten mit einer hohen Konzentration von Flüchtlingen
wie in Caconda, Camacupa, Luena, Tchilembo, Chipindo, Chicomba, Bunjei, Mavinga, Golungo
Alto und Calandula. Eine jüngste Sterblichkeitsstudie in Caconda bestätigt, dass
insbesondere der Status gerade erst angekommener Menschen kritisch ist. Die
Sterblichkeitsrate bei den unter Fünfjährigen hat 12,6 Tote per 10000 pro Tag
erreicht. Fälle von Krankheiten, die durch Impfung vermeidbar wären, wie Kinderlähmung,
Masern und Meningitis, kommen überall in Angola weiterhin vor. Im September wurde ein
Fall von wildem Poliovirus in der Lunda Sul-Provinz bestätigt, und im Dezember wurden
drei Fälle dieses Virus unter angolanischen Flüchtlingen in Sambia gemeldet. Während
der ersten fünf Wochen des Jahres 2002 wurden über 1030 Fälle von Masern und 87
Fälle von Meningitis landesweit registriert. Nach einer im November 2001 durchgeführten
Studie hat sich das Vorkommen von HIV/Aids in Angola zwischen 1999 und 2001 verdreifacht.
Begrenzter Zugang zu Grundversorgungsdiensten, zu wenig Personal in
Gesundheitseinrichtungen und Knappheit an wichtiger Medizin und Impfstoffen unterminieren
weiterhin die Effektivität des Gesundheitssystems in allen Provinzen.
Über 84.000 neue Flüchtlinge in Bocoio, Caconda,
Camacupa, Cruzeiro, Huambo, Kuito, Luena, Matala und Wako Kungo brauchen dringend die
notwendigsten Dinge zum Überleben und ein angemessenes Dach über dem Kopf. Mit Ausnahme
der Flüchtlinge in Kuito, wo die Wasser- und Sanitäreinrichtungen funktionieren, haben
die Menschen keinen Zugang zu Grundwasser und Sanitäreinrichtungen. Es besteht eine
direkte Korrelation zwischen unzureichender Unterbringung, verunreinigten Wasserquellen,
unhygienischer Fäkalentsorgung und hohen Unterernährungsraten, Krankheit und
Sterblichkeit in diesen Gebieten. Es sind dringend Gelder erforderlich, um über die
Ernährung hinaus Versorgungsleistungen bereitstellen zu können. Auch die Ausweitung der
Transportkapazitäten für Baumaterialien, Wasser und Sanitäreinrichtungen in kritische
Gebiete muss bezahlt werden.
Auf Provinzebene ist die Lage besonders ernst in den
Provinzen Bié, Huambo, Huíla und Moxico, wo in den letzten Monaten Zehntausende von
Flüchtlingen auf der Suche nach Sicherheit und Unterstützung in die Stadtzentren
geströmt sind. Die Kapazitäten der Hilfsorganisationen, der schnell wachsenden
Bedürftigkeit in diesen Orten gerecht zu werden, sind ernsthaft begrenzt. Integrierte
Aktionspläne, die Regierungs-, UN- und NRO-Komponenten einschliessen, sind bereits für
Bié und Moxico entwickelt worden und werden in Kürze auch für Huambo und Huíla
aufgestellt.
Humanitäre Hilfe
UN- und Nichtregierungsorganisationen versorgen die
Bevölkerung in zugänglichen Gebieten auch weiterhin mit gross angelegten,
multi-sektoralen Hilfsmaßnahmen. Ungefähr eine Million Angolaner bezieht direkte
Nahrungsmittelhilfe und mindestens zwei Millionen profitieren von Programmen für
Gesundheitsvorsorge, Wasser und Sanitäreinrichtungen, Ernährungshilfe und Erziehung.
Trotzdem können die Organisationen nur einen Bruchteil der humanitären Bedürfnisse
befriedigen - wegen fehlender Finanzen und Kapazitäten und Zugangshindernisse, die durch
Unsicherheit, Minengefahr und den schlechten Zustand der Infrastruktur des Landes bedingt
sind. Organisationen schätzen, dass etwa 500000 Menschen in unzugänglichen
Gebieten auf Nothilfe angewiesen sind und dass mindestens 350000 unter extremer Not
leiden.
(Der Text basiert auf dem Dokument
United Nations, Humanitarian Situation in Angola, Special Report, 7 March 2002. Er wurde
von der Redaktion "afrika süd" übersetzt. Für die Abdruckgenehmigung danken
wir.)
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Äthiopien:
Falsche Grenzen ein internes Kriegsinstrument?
Anmerkungen zum Urteil im
Grenzstreit Äthiopien/EritreaIm
Frühjahr 2002 hat die Eritrea-Äthiopien-Grenzkommission am Internationalen Gerichtshof
in Den Haag nach Anhörung beider Parteien ihre Analyse der 1900-1908 zwischen beiden
Gebieten geschlossenen Grenzverträge abgeschlossen und seine Entscheidung über den für
die Zukunft verbindlichen Grenzverlauf bekannt gegeben. Der Entscheid erfolgte aufgrund
der vorliegenden Grenzverträge. Eine Analyse von Wolbert Smidt.
Ausgerechnet die gerade Grenzlinie, die durch die
Badime-Ebene verläuft, von der äthiopischen Regierung 1998 nach Kriegsbeginn für
umstritten erklärt und offizieller Kriegsgrund, wurde in der Entscheidung bestätigt.
Dagegen wurde insbesondere das Gebiet der katholischen Irob, eine Untergruppe der in
Eritrea lebenden muslimischen Saho, unter Änderung der bisher üblichen Landkarten für
Teil des äthiopischen Staatsgebietes erklärt. Die Irob haben sich in ihrer großen
Mehrheit schon in italienischer Kolonialzeit in allen Rechtsangelegenheiten nach Agame
orientiert (einer Provinz in Tigray, Äthiopien). Ein unklarer Grenzvertrag hatte einen
unbekannten kleinen Flusslauf zur Grenze erklärt, der aber je nach Interpretation die
Irob zu Äthiopien gehören lässt oder zu Eritrea (es war nie eindeutig, welcher
Flusslauf der im Vertrag genannte "Muna" eigentlich sei). Im südlichen Teil von
Akkele-Guzay, im Grenzgebiet zu Agame, haben ähnliche Situationen, nämlich unklare
Grenzbestimmungen und lokale Traditionen, zu mehreren kleineren, komplizierten
Grenzkorrekturen geführt.
Schliesslich ist die Grenzlinie, welche die
südöstlichen Afar-Gebiete an der Küste von den Afar-Gebieten im äthiopischen Inland
trennt, nach den Bestimmungen des Grenzvertrages von 1908 exakter gezogen worden. Dieser
Vertrag sieht einen bestimmten Abstand der Grenze von der Küste vor, der jetzt beim
Neuziehen der Grenzlinie genauer umgesetzt worden ist.
Letztlich bedeutet der Richterspruch, trotz einiger im
Detail überraschender Entscheidungen, die Bestätigung der entscheidenden Grundregeln des
für Staatsgrenzen relevanten Völkerrechts. Für Afrika ist oft gefordert worden, dass
die in kolonialer Zeit künstlich gezogenen Grenzen aufzuheben seien, und diese nach
historischen und ethnischen Kriterien neu zu ziehen seien. Zuletzt hat Äthiopien diese
Forderung während des Krieges mit Eritrea gelegentlich thematisiert, obwohl es selbst
1964 zu den Mitunterzeichnern des Beschlusses der OAU-Staats- und Regierungschefs
gehörte, der die kolonialen Grenzen in Afrika für verbindlich und unantastbar erklärte.
Die Grenzkommission konnte es sich nun sicherlich
nicht erlauben, nach einem an Grenzproblemen entzündeten Krieg alle Grenzlinien
unverändert zu lassen. Andererseits konnte sie auch nicht die bisherigen Prinzipien des
auch für Afrika geltenden Völkerrechts aufgeben dies hätte eine Unterhöhlung
der rechtlichen Verbindlichkeit grundsätzlich aller (fast immer "künstlichen")
Grenzen in ganz Afrika bedeutet.
Die Grenzkommission hat Grenzen nun überall dort
verändert, wo die Grenzverträge Einzelfragen offen ließen. Die Entscheidung hat
allerdings bemerkenswert wenig zu tun mit den von Äthiopien vor der Kommission
geäußerten Ansprüchen. Beispielsweise war von äthiopischer Seite erfolglos
ein bedeutender Teil Südwest-Eritreas für äthiopisch erklärt worden.
Interessant ist hier der Vergleich mit Karten, die in
Äthiopien vor und während des Krieges erschienen waren: Äthiopien hat in der Regel in
seiner internationalen Kriegsberichterstattung exakt die selben Karten veröffentlicht wie
Eritrea. Ein Unterschied in der Interpretation der Grenzverläufe war hier gar nicht
erkennbar - anders als in den nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Karten, die
später der Grenzkommission vorgelegt wurden! Allerdings zeichnete Äthiopien auf diesen
Karten ein Gebiet in Nordwest-Tigray ein, das Eritrea von der Badime-Ebene aus besetzt
habe, während Eritrea ein Gebiet in Südwest-Eritrea einzeichnete, in das die
äthiopischen Milizen vor Kriegsbeginn eingedrungen seien und eine äthiopische Verwaltung
errichtet hätten. Beide "Invasions-Gebiete" schlossen einander logisch aus.

Die raren Berichte von Einwohnern der Badime-Region
allerdings legen eine Interpretation nahe, die durch die hier veröffentlichten
Karten-Dokumente gestützt wird: Ein Teil des Badime-Gebietes wurde seit Jahren von Tigray
aus verwaltet und in dieses Gebiet waren 1998 die eritreischen Truppen
eingedrungen. Aus eritreischer Sicht war dies allerdings keine Invasion, da das Gebiet
nach Grenzverträgen (und sowohl von Äthiopien als auch Eritrea herausgegebenen Karten)
eritreisches Gebiet war, wenn auch nicht eritreisch verwaltet. Aus lokaler tigrayischer
Sicht bedeutete dies allerdings sehr wohl eine Invasion. Nun unterschieden sich aber
lokale tigrayische Vorstellungen vom Grenzverlauf und die bisher auch in Äthiopien
offiziell verwendeten Karten. So ist es logisch, dass, um den Vorwurf der Invasion vor der
Weltöffentlichkeit aufrechterhalten zu können, die eritreischen Vorstösse von der
Regierung Äthiopiens auf anerkannt äthiopisches Gebiet eingezeichnet wurden. Diese Karte
fand denn auch weite Verbreitung. Wenig bekannt allerdings wurde es, dass Tigray bereits
1997 eine ganz andere Karte für den internen Gebrauch gedruckt hatte, die weite Teile von
Südwest-Eritrea einschloss. Es lohnt sich also, um diesen Aspekt der Kriegsführung und
-rechtfertigung besser zu verstehen, in Äthiopien vor und während des Krieges
veröffentlichte Karten genauer anzusehen.
Als 1997 durch die Ethiopian Mapping Authority eine
neue Karte der äthiopischen Nordprovinz Tigray angefertigt und durch die Landesverwaltung
von Tigray herausgegeben wurde, fiel dies zunächst keinem auf. Jedoch sorgte sie im Jahre
1998 insbesondere unter Eritreern im Exil für erhebliche Aufregung, da in
ihr genau jene Gebiete Eritreas auf dem Papier Tigray zugeschlagen sind, in denen gerade
Krieg ausgebrochen war. Vergleiche mit sämtlichen, auch von Äthiopien herausgegebenen,
offiziellen Karten Äthiopiens und Eritreas zeigen, dass es keinerlei kartographischen
Grundlagen für die Nordgrenze Tigrays gibt, wie diese 1997 dargestellt wurden.
Völkerrechtliche Argumente, die für eine Änderung der bisher international anerkannten
Grenzen sprechen, wurden nicht genannt.
Festzuhalten ist zunächst folgendes:
- Die westliche Badime-Region, das Gebiet um Tsorona, das
Irob-Gebiet um Alitena sowie das Afar-besiedelte Bada-Gebiet, die jetzt im Krieg eine
Rolle spielten, waren bisher auf Karten Eritrea zugeordnet, seit 1997 aber kartographisch
von Tigray beansprucht;
- Äthiopien hat zu keinem Zeitpunkt die Karte von Tigray
zurückgezogen, aber auch nicht offiziell als Ansicht der äthiopischen Regierung
anerkannt.
Es fragt sich daher, wie Äthiopien mit der Grenzfrage
nach Kriegsausbruch 1998 kartographisch umging. Dabei ist eine interessante Beobachtung zu
machen: In Broschüren, die international benutzt werden, erscheint Äthiopien in den
althergebrachten, international anerkannten Grenzen. Als Beispiel sei die Karte genannt,
die in Broschüren des Staatsunternehmens Ethiopian Airlines noch 1999 abgedruckt ist:
Hier entspricht die äthiopische Nordgrenze genau derjenigen, die auch Eritrea auf seinen
Karten beansprucht. Auch das äthiopische Geld von 1997 selbst zeigt die
Grenzen, mit denen Äthiopien in den internationalen Atlanten eingezeichnet ist. Zum
Vergleich: Ebenfalls in staatlichen Veröffentlichungen vor der Unabhängigkeit Eritreas
werden die selben Grenzen gezeigt, so etwa in einer Publikation der äthiopischen
Botschaft in Bonn aus dem Jahre 1987.
Dagegen werden gleichzeitig lokal, in Tigray, für den
internen Gebrauch andere Karten benutzt, die derjenigen Grenzziehung folgen, die schon der
Tigray-Karte von 1997 zugrunde liegt. Beispielsweise folgt die 1999 an der Universität
Addis Abeba in Seminaren verwendete Karte Tigrays jenen nach Eritrea hinein verschobenen
Grenzen, die insbesondere das ganze Badime-Gebiet einbeziehen. Interessant ist
insbesondere der Atlas von Tigray von 1998, der v.a. in Tigray zu administrativen Zwecken
gebraucht wird, dessen Grenzen ebenfalls diese Grenzverschiebung zeigen. Zusätzlich ist
auf einigen von ihnen der auf älteren Karten meist fehlende bzw. an ganz verschiedenen
Stellen eingezeichnete Ort "Badme" zu sehen, aber so weit von der Grenze
entfernt innerhalb des Distriktes Adi Abo, dass sich der Eindruck einstellt, dass die
Eritreer deutlich auf äthiopisches Gebiet eingedrungen sein müssen. Würde man aber die
offizielle Grenze zugrundelegen, wäre die Diagnose nicht so eindeutig.
Man kann also festhalten: In Karten, die in Tigray
intern verwendet werden, ist eine Grenzkorrektur zu Lasten Eritreas erfolgt, während
Karten, die von Ausländern gesehen werden, bevorzugt die international in allen Atlanten
verzeichneten Grenzen Äthiopiens zeigen. Da dieses Phänomen durchgängig seit 1997
beobachtbar ist, kann man dabei von einem zugrundeliegenden politischen Willen
Tigrays, aber offensichtlich geduldet durch die tigrayisch dominierte äthiopische
Regierung ausgehen. Äthiopien hat nun, nach der Grenzentscheidung, gegenüber den
eigenen Bürgern erklärt, die Entscheidung bedeute einen Sieg, da viele Gebiete (wie die
Irob) Äthiopien zugesprochen seien. Das Badime-Gebiet wird dabei aber weitgehend
verschwiegen. Es gibt aber bereits erste Berichte über Schwierigkeiten mit den
tigrayischen Lokalbehörden, die den Truppenrückzug organisieren sollen, nachdem die
Regierung gerade den erfolgreichen Abschluss des Grenzstreites gepriesen hatte und zuvor
jahrelang die tigrayischen Ansprüche die Grundlage für die Behauptung der Invasion
Eritreas gewesen waren.
Zum Autor: Wolbert Smidt befasst sich mit der
Geschichte Eritreas und Äthiopiens im Rahmen einer Disseration. Er lebt in Berlin und
Hamburg und ist Herausgeber der Zeitschrift "Salam Eritrea".
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Literatur
im Spannungsfeld von Tradition und Moderne
Tendenzen im afrikanischen LiteraturschaffenAnnäherungen an afrikanische Literatur eine
facettenreiche Vielfalt von Bildern und Symbolen, von Charakteren und Themen fordert die
Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser heraus. Gerade die grosse Bandbreite an
Geschichten und Textformen fasziniert AfrikawissenschaftlerInnen und Literaturkritiker
immer wieder aufs Neue. Zum persönlichen Dialog haben sie jedoch nur selten die
Möglichkeit. Um so mehr lebte die internationale Konferenz "Versions and
Sub-Versions", die Anfang Mai an der Humboldt-Universität in Berlin stattfand, von
der Begeisterung, dass Autorinnen und Autoren, Kritikerinnen und Wissenschaftlerinnen aus
ganz Afrika, Europa und den USA sich nun erstmals persönlich austauschen konnten. Über
zweihundert Teilnehmer aus dreissig unterschiedlichen Ländern diskutierten über die
Vielfalt und die subversive Kraft afrikanischer Literaturen. Über die Konferenz berichtet
Rita Schäfer.
Allen gemeinsam war das Anliegen, ihre
unterschiedlichen Einschätzungen über die transformierende Bedeutung von Literatur im
Spannungsfeld von Tradition und Moderne zu kommunizieren. "Literarisches Arbeiten
heisst, in gesellschaftliche Strukturen zu intervenieren", postulierte die
nigerianische Anglistik-Professorin Modupe Kolawole. "Afrikanische
Schriftstellerinnen wirken schon durch die Professionalisierung des Schreibens subversiv,
denn sie artikulieren sich in einem Medium, das in ihren Gesellschaften die Moderne
repräsentiert", führte sie weiter aus. Zudem vertrat Frau Kolawole, die an der
Universität in Ile-Ife lehrt, die These, dass die Schriftstellerinnen viel stärker als
ihre männlichen Kollegen Kultur als Verhandlungsfeld nutzen.
Die Auseinandersetzung über Geschlecht und Literatur
zog sich als roter Faden durch die gesamte Tagung. So ging es um die Frage, ob Autorinnen
in ihren Werken sich darauf beschränken, die eng gesteckten traditionellen Rollenmuster
von Frauen zu kritisieren oder ob sie auch neue Handlungsspielräume aufzeigen.
Richtungsweisend ist hier der Ansatz junger nigerianischer Autorinnen um Toyin Adewalwe
und Omowunmi Segun. In ihrer Sammlung von Kurzgeschichten "Breaking the Silence"
(1996) illustrieren sie die Vielfalt heutiger Identitätsmuster und arbeiten die
Individualität einzelner Afrikanerinnen heraus.
"Eine derartige Neupositionierung ist ein Beitrag
zur Dekolonisierung des Bewusstseins von Afrikanerinnen", betonte Obioma Nnaemeka,
nigerianische Literaturwissenschaftlerin an der Universität von Indianapolis. Obwohl nur
eine kleinen Minderheit die Bücher liest, da die Bevölkerungsmehrheit weder über die
notwendige Schulbildung noch über die erforderlichen Geldmittel verfügt, kann ein derart
marginaler Entfaltungsbereich ein Ort der Stärke sein. Schliesslich bringen junge
Afrikanerinnen durch ihr literarisches Arbeiten ein neues kulturelles Selbstverständnis
zum Ausdruck. Dies interpretiert Nnaemeka in feministischer Perspektive als Beitrag zur
Veränderung der Geschlechterverhältnisse.
Obioma Nnaemeka gründete Anfang der 1990er Jahre ein
Netzwerk afrikanischer Wissenschaftlerinnen, das Alternativen zum westlichen
Feminismuskonzept diskutiert. Auch wenn die Beteiligten unterschiedliche Positionen zur
Neudefinition von Frauenrollen vertreten, verfolgen sie alle das Ziel, die
Machtverhältnisse in Geschlechterbeziehungen neu zu verhandeln und soziale Ungleichheiten
zu überwinden. Dazu fördern sie Alphabetisierungsprogramme für Frauen und gründen
Schreibwerkstätten für junge Autorinnen.
Allerdings beziehen junge Schriftstellerinnen durchaus
gegensätzlich Positionen, wenn es um das Spannungsverhältnis von Individuum und
Gesellschaft geht. Während die kamerunische Autorin Calixthe Beyala provozierend die Idee
einer "Feminitude", eines neuen kulturellen Selbstbewusstseins von
Afrikanerinnen vorstellt, kritisiert die Nigerianerin Tess Ouwueme das Loblied auf die
Schwesterlichkeit von Afrikanerinnen. Sie wirft den namhaften Vertreterinnen eines
afrikanischen Feminismus sogar eine gönnerhafte Haltung vor, denn sie unterstützten
unbekannte Autorinnen oder leseunkundige Landfrauen nur so lange, wie dies politisch
opportun sei.
Auch derartige strukturelle Differenzen und Konflikte
zwischen Frauen können die Neupositionierungen bereichern, so die Einschätzung von
Naemeka und Kolawole. Dementsprechend bewerteten sie die Meinungspluralität als Ausdruck
der Stärke und sahen die Herausforderung darin, diese für einen konstruktiven Dialog zu
nutzen. Allerdings gaben die Literaturwissenschaftlerinnen zu bedenken, dass beim
Ausspielen von Differenz auf jeden Fall verhindert werden muss, die patriarchalen
Herrschaftsmuster zu verstärken.
Im Gegensatz dazu vertrat Catherine Muhoma von der
Witwatersrand-Universität in Johannesburg einen eher optimistischen Ansatz: Sie
betrachtete Geschlechterrollen als antrainierte Verhaltensmuster, deren Erwerb im
jeweiligen gesellschaftlichen Rahmen dekonstruiert werden kann, um neue
Handlungsspielräume zu entwickeln. Demnach können Frauen nicht nur die
Geschlechterhierarchien, sondern auch das Verhältnis untereinander transformieren.
Fraglich ist jedoch, ob sich das Performanz-Konzept der US-amerikanischen Theoretikerin
Judith Butler so unvermittelt auf die Geschlechterkonstrukte in Afrika übertragen lässt,
zumal dies die komplexen Machtphänomene ausblendet, die den Geschlechterkonstrukten
zugrunde liegen und die individuelle Entfaltungsmöglichkeiten drastisch beschränken.
Die Identitätsbrüche, die junge Frauen bewältigen
müssen, wenn sie sich traditionellen Rollenbildern verweigern und eigene Interessen
verfolgen, werden laut Einschätzung des Literaturexperten Simon Gikandi von vielen
Autorinnen aus dem südlichen Afrika in vorbildlicher Weise thematisiert: "Sie
zeichnen sich dadurch aus, dass sie kompromisslos die komplexen Widersprüche zwischen
Traditionen und Moderne analysieren." Hingegen würden zahlreiche männliche
Schriftsteller z.B. aus Zimbabwe dazu tendieren, vorkoloniale Lebensformen zu verklären
und die Probleme in einer unverarbeiteten Moderne suchen.
Der an der Universität Michigan tätige Gikandi
betrachtet die Romane der international bedeutenden zimbabwischen Autorin Yvonne Vera als
beispielhaft dafür, wie subversiv Literatur sein kann. Schliesslich brechen ihre
Geschichten mit Tabus über den Befreiungskrieg und stellen den glorifizierenden
Nationalmythen die Thematisierung von Gewalt und Traumatisierungen entgegen. Als sie
erstmals die spezifischen Gewalterfahrungen von Frauen z.B. durch die Übergriffe von
Guerilla-Kämpfern subtil andeutete, löste sie weitreichende öffentliche Debatten aus.
Auch wenn die Mehrheit der Zimbabwer niemals ihre Romane lesen wird, da gravierende
wirtschaftliche Existenzprobleme den Zugang zur Literatur erschweren, gaben ihre Bücher
wiederholt Impulse zur Kontroverse.
Daher sind die Literaturwissenschaften immer wieder
gefordert, ihre Reflexion über die Sprache und stilistische Formen, über Handlungen und
Charaktere um die Frage zu erweitern, wie Literatur unter bestimmten politischen
Rahmenbedingungen rezipiert wird. Das betrifft auch die Literaturentwicklungen in
Südafrika: Vielen Autorinnen und Autoren, die das menschenverachtende Apartheidsystem
kritisierten, blieb nur die Flucht ins Exil. Eine von ihnen war Zoe Wicomb, die wegen
ihrer Themenwahl und ihrer symbolreichen Sprache als eine der provokantesten
Schriftstellerinnen gilt. In ihren Romanen und Erzählsammlungen legt sie Zeugnis ab von
den rassistischen Diskriminierungen; seit der politischen Wende warnt sie eindringlich vor
nationalistischen Ideologien, die der Demokratisierung entgegenstehen. Mit bitterer Ironie
kommentiert Wicomb die aktuelle Vereinnahmung einzelner Afrikanerinnen als Ikonen der
Frauengeschichte Südafrikas und zeigt die lange Tradition der Gewalt gegen Frauen. Ihrer
Meinung nach sei es die Aufgabe einer gesellschaftskritischen Literatur, die Würde des
Einzelnen gegen politische Ideologien und Zwänge zu verteidigen; eine Position, die nicht
nur für Südafrika zutrifft.
Zur Autorin: Dr. Rita Schäfer, Ethnologin,
mehrjährige Mitarbeit an der Humboldt Universität und der Freien Universität in Berlin,
Forschungen über Geschlechterverhältnisse im südlichen Afrika.
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Weitere
Beiträge im Afrika-Bulletin:
- Augenschein in Zimbabwe: Hunger als politische
Ressource (von Barbara Müller)
- Literatur: Hinweise auf neue Publikationen
- Renzensionen folgender Neuerscheinungen:
l Bernd Werle, Ethik im Kontext von Kultur, Das
kulturethische Gedankengut Jahannes Messners und dessen Beitrag für ein Gespräch mit
christlich-theologischer Ethik in Afrika, Band 1 und 2, Münster-Hamburg-London 2002
(Lit-Verlag)
l Franz Kröger, Materielle Kultur und traditionelles
Handwerk bei den Bulsa (Nordghana), Band 1 und 2, Münster-Hamburg-London 2001
(Lit-Verlag)
l Johannes Fabian, Im Tropenfieber, Wissenschaft und
Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München 2001 (C.H. Beck)
l Eleonora Matare-Ineichen, Jürg Schneider, Bettina
Zeugin, Black, Noir, Schwarz, Zwölf Porträts aus Basel, Basel 2002 (Opinio)
- Hörenswerte CDs: Palop Africa: Angola, Cape Verde,
Guinea-Bissau, Mozambique und Sâo Tomé
- Berichte über die Arbeit des Afrika-Komitees, der
Projektgruppe des Afrika-Komitees und aus
der schweizerischen Solidaritätsbewegung.
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