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Afrika-Bulletin Nr. 109:
Februar/März 2003
Schwerpunktthema: Südafrika
Klagen eingereicht
Apartheidopfer fordern Entschädigung für erlittenes Unrecht

Kritischer Blick auf das
heutige Südafrika

Neville Alexanders Analyse

Die Profiteure der Apartheid
zur Rechenschaft ziehen

Von Erzbischof N. Ndungane

Das besondere Buch
Soweto – Ein südafrikanischer Mythos

 

...und weiter im Text:
HIV/Aids: Eritrea stellt sich
der Herausforderung

Lesenswerte Publikationen

Afrika-Komitee
Ziele, Themen, Kontakte
Afrika-Bulletin. Archiv
Klagen eingereicht
Apartheidopfer fordern Entschädigung für erlittenes Unrecht

Ein Rückblick auf das vergangene Jahr bestätigt es: das Thema "Entschädigungszahlungen für Apartheidopfer" ist gesetzt. Die vor US-Gerichten eingereichten Klagen von geschädigten SüdafrikanerInnen haben in der Schweiz grosse Wellen geschlagen. Dies ist ein Erfolg für alle diejenigen, welchen daran liegt, dass die Rolle der schweizerischen Wirtschaft - darunter vorrangig der Banken, der Rüstungs- und Zementindustrie - als "Bausteine" für Apartheid-Südafrika endlich thematisiert wird. Barbara Müller, die als Vertreterin des Afrika-Komitees Mitglied der Koordinationsgruppe der schweizerischen Kampagne Entschuldung und Entschädigung im Südlichen Afrika arbeitet, fasst die jüngste Entwicklung zusammen.

Als die Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im November 1998 in Kapstadt offiziell ins Leben gerufen wurde, war ungewiss, wieviel Resonanz die beteiligten kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen mit ihren Anliegen in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit finden würden. Gefordert wurde die Streichung der Apartheidschulden, die Rückzahlung von Profiten aus dem Schuldendienst sowie Entschädigungszahlungen von Firmen, die von den unterdrückerischen Bedingungen der Apartheid profitiert hatten. Diese Reparationen sollten einesteils für sozialen Wiederaufbau und Entwicklungsprogramme für betroffene Gemeinschaften eingesetzt werden und andererseits individuellen Opfern von schweren Menschenrechtsverletzungen zugute kommen.

Wie es zu den Klagen kam

Unterstützung kam aus dem Umfeld der ehemaligen Anti-Apartheid-Bewegung derjenigen Länder, aus welchen die wichtigsten Profiteure der Apartheid stammten, nämlich aus Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien, den USA und Frankreich. Neben Aktivitäten wie Recherchen, Öffentlichkeitsarbeit, Lobbying und internationalen Konferenzen suchte Jubilee Südafrika aber auch das Gespräch mit den Firmen und den jeweiligen Regierungen. Jubilee schlug die Einberufung einer internationalen Konferenz vor, an welcher alle Beteiligten teilnehmen sollten. Diese Anliegen wurden anlässlich eines Besuches des anglikanischen Erzbischofs Ndungane in der Schweiz auch dem schweizerischen Bundespräsidenten vorgetragen. Dazu wird in diesem Afrika-Bulletin ebenfalls eingegangen.

Weil das Gesprächsangebot auf taube Ohren stiess, entschloss sich Jubilee Südafrika schliesslich zu rechtlichen Schritten. Kommentar von Charles Abrahams, dem südafrikanischen Anwalt von Jubilee: "Ziel der Klage ist die Anerkennung der Tatsache, dass den Menschen in Südafrika ein internationales Unrecht widerfahren ist. Für dieses Unrecht müssen sie gemäss internationalem Recht entschädigt werden. Das einzige Land, in dem zurzeit eine solche Klage eingereicht werden kann, ist die USA." Klage erhoben hat die Opfer-Selbsthilfegruppe Khulumani mit Unterstützung von Jubilee. Sie beauftragten den Anwalt Michael Hausfeld mit ihrer Vertretung. Die Klage beruht auf dem das Mandat des neuen Internationalen Strafgerichtshofs definierenden Römer Statut, welches die Apartheid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Bereits in den Siebzigerjahren hatte die UNO die Apartheid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt und die ausländischen Unternehmen davor gewarnt, mit einem kriminellen Staat Geschäfte zu treiben. Die am 12. November 2002 eingereichte Klage basiert gemäss internationalem Recht auf der Kategorie der Verantwortung zweiten Grades, das heisst, der Haftbarkeit derjenigen, die einem Verbrechen Vorschub oder Beistand leisten. Denn: die eingeklagten Unternehmen haben es dem Apartheid-Staat ermöglicht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen. Im Visier sind Firmen, die dem Apartheid-Regime Waffen, Öl, Technologie, Transportmittel und Kredite geliefert haben. 23 Firmen wurden beklagt, darunter die Banken Credit Suisse Group und UBS aus der Schweiz (Klage unter: www.cmht.com).

Khulumani vertritt 33'000 Opfer, zu denen die Mehrheit jener 21'000 gehören, die von der Wahrheits- und Versöhnungskommission als Opfer identifiziert wurden. Namentlich genannt sind bisher 85 Einzelpersonen, deren Kreis erweitert werden kann. Mit diesem Vorgehen soll dokumentiert werden, dass es sich um einen sozialen Prozess handelt, bei dem das Recht der Geschädigten im Vordergrund steht.

Ein etwas anderes Vorgehen hat der Anwalt Ed Fagan gewählt, der am 17. Juni 2002 ebenfalls in den USA eine Sammelklage gegen Firmen aus mehreren Ländern eingereicht hat. Auf seiner ursprünglichen Beklagten waren die folgenden Schweizer Firmen zu finden, Nestlé, Novartis, Roche und Sulzer, am 13.11. kamen mit Holcim (ehemals Holderbank), Ems-Chemie (Ems-Patvag) sowie Unaxis (ehemals Oerlikon Bührle) drei weitere dazu. Die Klage von E. Fegan kann bei gloria-int@bluewin.ch bestellt werden.

Was wird bezweckt?

Die Klage verfolgt das unmittelbare Ziel der Gerechtigkeit für die Opfer, die für den erlittenen Schaden Kompensation erhalten sollen. Gleichzeitig sollen die Profiteure der Apartheid Verantwortung übernehmen für ihr damaliges Verhalten. "Sie wussten, was sie taten", schreibt Bruno Vanoni in einem Kommentar im Tages-Anzeiger, und für tätige Reue wäre Zeit und Gelegenheit gewesen. Jetzt werden eben die Gerichte entscheiden.

Darüber hinaus sollen die Klagen aber auch bewirken, dass private Geschäfte und die Komplizenschaft mit Regimen, welche die Menschenrechte mit Füssen treten, in Zukunft ein Geschäftsrisiko darstellen, welches einen voraussehbaren, kalkulierbaren Preis mit abschreckender Wirkung hat. Das Völkerrecht und die internationale Gerichtsbarkeit sind in den letzten Jahren massgeblich ausgebaut worden in Bezug auf die Verfolgung von Regimes, die Menschenrechte missachten oder gar Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Was weiterhin fehlt, sind allgemein anerkannte Strafnormen für diejenigen, die solchen Verbrechen mit ihrer Geschäftstätigkeit Vorschub leisten. Die Klagen werden diesen Prozess vorantreiben.

Reaktionen in Südafrika

In Südafrika wächst die Verbitterung der Opfer, die vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission aussagten und trotz verbindlicher Zusagen noch keine Entschädigung erhielten. Die Forderungen von Khulumani an die ausländischen Geschäftspartner des Apartheidregimes werden von einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit als gerechtfertigt und unterstützenswert betrachtet. Aufhorchen liess viele die Intervention des früheren Präsidenten de Klerk, der sich gegen Reparationen durch die internationale Geschäftswelt wandte und stattdessen vermehrte Investitionen in Südafrika befürwortete. Obwohl die Regierung Thabo Mbekis von verschiedener Seite unter Druck gesetzt wurde – neben der Delegation einer US-amerikanischen Handelskammer sollen auch schweizerische Interessensvertreter aktiv geworden sein – hält sie an ihrer neutralen Haltung fest: Sie bekräftigt das Recht der Opfer, Entschädigungsklagen zu stellen, will diese Forderung selber aber nicht unterstützen.

Und der Bundesrat?

Auf eine Anfrage von Nationalrat Nils de Dardel hat der Bundesrat am 2. Dezember 2002 enthüllt, dass das Departement für Äusseres eine interdepartementale Arbeitsgruppe präsidiert und sich im Rahmen einer Kontaktgruppe seit Juli 2000 neun Mal mit Wirtschaftsvertretern getroffen hat, um die weiteren Entwicklungen der Kampagne von Jubilee Südafrika zu verfolgen und "die legitimen Interessen der schweizerischen Wirtschaft zu schützen".

Die Schweiz und ihre Bevölkerung sind an Demokratie und an der Respektierung der Menschenrechte auf der ganzen Welt interessiert. Die Klagen gegen die Apartheid-Kollaborateure dienen diesem Interesse. Es wäre interessant zu erfahren, wie der Bundesrat dieses legitime Anliegen wahrzunehmen gedenkt.

 Kritischer Blick auf das heutige Südafrika
Neville Alexanders Analyse

Neville Alexander hat sich bereits unter der Apartheid durch seine soziologischen Studien einen Namen gemacht. Heute, neun Jahre nach der Beendigung der Apartheid und nach Abhaltung der ersten demokratischen Wahlen in Südafrika, zieht Alexander eine Zwischenbilanz. In seiner neusten Publikation schildert er den in den letzten Jahren zurückgelegten Weg seines Landes. Dabei kommt ihm seine aktive Teilnahme am Befreiungskampf und seine Nähe zu zahlreichen Führungspersönlichkeiten des heutigen Südafrikas zu statten.

Sein neustes Buch sieht Alexander als Korrektiv zu all den oberflächlichen, überschwänglichen "Analysen", die nach dem Ende der Apartheid erschienen sind und oft mehr Heldenkult und Geschichtsklitterei betreiben als zu analysieren. So bemängelt Alexander zu Recht, dass von den grossen Verdiensten von Widerstandsorganisationen ausserhalb des ANC, beispielsweise des Black Consciousness Movement (BCM) oder des Pan-Africanist Congress (PAC) kaum mehr gesprochen wird, obwohl in gewissen Abschnitten des Befreiungskampfes diesen Organisationen grösste Bedeutung zukam (PAC: Kampf gegen die Passgesetze, BCM: Soweto-Aufstand).

Das Buch knüpft an Fragen an, die jahrzehntelang Diskussions- und Streitpunkt in der südafrikanischen Befreiungsbewegung und auch in der hiesigen Solidaritätsbewegung waren: Um was ging es im Kampf? War es ein Kampf gegen den Rassismus? War es ein Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung? Oder beides? Alexander arbeitet die dazu publizierten wissenschaftlichen Analysen auf und nimmt auch auf Aussagen der politischen Organisationen Bezug. Der Ausgang des Kampfes gegen die Apartheid gibt nun eine Antwort: Am Ende steht ein nichtrassistischer, nichtsexistischer, demokratischer Staat. Doch mit dieser Feststellung hinterfragt Alexander sogleich, ob dies denn mit "Rainbow Nation", einem von Bischof Tutu geprägten Begriff, umschrieben werden kann. Dies verneint Alexander, denn zwischen den verschiedenen Ethnien fehle heute die soziopolitische wie auch die soziokulturelle Kohärenz, die der Anspruch "Regenbogennation" voraussetze. Was in den wenigen Jahren interessanterweise jedoch eintrat, war eine vorab wirtschaftliche Integration der weissen und schwarzen Mittelklasse in eine einheitliche Klasse, in der Rasse keine Rolle mehr spielt.

Wie kam es zum Ende der Apartheid? Dafür ist nach Alexander nicht etwa der immer wieder propagierte bewaffnete Kampf des ANC verantwortlich, für den, wie sich heute zeige, keine Strategie bestand. Vielmehr setzte Mandela im richtigen Zeitpunkt auf die Verhandlungsstrategie und der ANC konnte sich als Juniorpartner gut einführen. Damit ging wiederum der Einfluss der South African Communist Party stark zurück, die im ANC bislang eine starke Position inne hatte. Von der Programmatik des eingeschlagenen Weges des Übergangs bezeichnet Alexander das "Reconstruction and Development Programme" (RDP) als sozialdemokratische Strategie, die kurz darauf gar von der neoliberalen "Growth, Employment and Redistribution-Stretagie" (GEAR) abgelöst wurde. Diesen Übergang bezeichnet Alexander als Ausdruck der weltgeschichtlichen Konstellation und dabei insbesondere des Zusammenbruchs der Sowjetunion, die den Auslandflügel des ANC stets materiell und politisch unterstützt hatte und auf den sie einen grossen Einfluss hatte. Ein anderes Ergebnis sei unter den gegebenen Bedingungen nicht möglich gewesen.

In einem weiteren Kapitel geht Alexander der Frage nach, was sich im neuen Südafrika geändert hat. Er stellt fest, dass mit dem Ende der Apartheid keine soziale Revolution stattgefunden hat. Wirtschaft und staatlicher Unterdrückungsapparat würden noch von den gleichen Leuten beherrscht wie unter der Apartheid. Und wo Funktionäre gewechselt hätten, würden sie noch immer den alten, vom ANC geerbten Staat verwalten. Rasch hätten sich zahlreiche im Befreiungskampf aktive Personen mit den alten Strukturen abgefunden und würden heute bestens davon leben. Dabei nennt er etwa den früheren Gewerkschaftsführer Ramaphosa oder den ANC-Aktivisten Tokyo Sexwale und andere mehr. Viele der ursprünglich aufgestellten sozialen Forderungen oder sozialistischen Perspektiven seien auch vom ANC stillschweigend über Bord geworfen worden, so beispielsweise die Forderung nach der Verstaatlichung der Bergwerke. (Immerhin ist hier – nach Erscheinen des Buches – ein erster Schritt gemacht worden mit der Verabschiedung der Bergbau-Charta.) Gerade aufgrund dieser wirtschaftsfreundlichen Haltung sieht Alexander aber auch neue Konflikte aufziehen und stellt fest, dass die nicht regierungsnahen, autonomen Gewerkschaften vermehrt Zulauf haben. Wie der 51. ANC-Kongress Ende 2002 gezeigt hat, geht nun auch der SACTU, der ANC-inspirierte Gewerkschaftsdachverband auf Distanz.

Ein weiteres Kapitel ist der Frage des "nation-building", dem Aufbau der Nation, gewidmet. Alexander kritisiert die Tendenz zur Vernachlässigung der afrikanischen Sprachen zu Gunsten des Englischen und stellt fest, dass dies nur der arrivierten Mittelschicht diene. Er fordert, die lokalen Sprachen zu pflegen, denn das Zusammengehörigkeitsgefühl als Nation setze nicht voraus, dass nur eine einzige, gemeinsame Sprache gesprochen würde.

Im sechsten Kapitel geht Alexander der Frage nach, wie die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) im Rahmen der Versöhnungspolitik zu würdigen sei. Er fragt sich, wie durch die Arbeit, in der die Ermittlung der Wahrheit, d.h. das faktische Aufarbeiten der Apartheid-Brutalitäten, im Zentrum stand, auch Versöhnung herbeigeführt werden könne. Er glaubt feststellen zu können, dass die südafrikanische Gesellschaft heute nicht mehr versöhnt sei als zuvor, ja dass die in der Anhörung von Opfern und Tätern vorgenommene reihenweise Zurschaustellung der Täter im tiefsten Innern der ehemals Herrschenden noch viel mehr Ressentiments aufgeladen habe. Nicht zuletzt weist Alexander darauf hin, dass die Arbeit der TRC auf der Feststellung des Bösen beruhe, ohne auf das dahinter stehende System einzugehen. Positiv erachtet er an der Arbeit der TRC, dass durch die Simultanübersetzung der Anhörungen in die verschiedenen offiziellen Landessprachen, was erstmalig war, ein wesentlicher Beitrag zum "nation-builduing" erfolgt sei.

Im abschliessenden siebten Kapitel geht Alexander der Frage nach, ob Südafrika Vorbild sein könne. Er legt seinen Überlegungen die Erkenntnis zu Grunde, dass in Südafrika ein Gleichgewicht der Kräfte herrschte, das entscheidend war: Es gab weder Sieger noch Besiegte, da die Gesellschaft und Wirtschaft eines Industrielandes mit einer Gesellschaft der Dritten Welt koexistierte. Was unter Mbeki als "Afrikanische Renaissance" verkündet wurde, ist vor der Erkenntnis zu sehen, dass sich kleine und machtlose Leute in einer Zeit der Globalisierung nur dann behaupten können, wenn sie sich zusammenschliessen. Alexander verweist dabei auf entsprechende Ansätze etwa von Kwame Nkrumah und Sekou Touré oder Julius Nyerere. Im südafrikanischen Kontext stellt Alexander jedoch fest, dass sich an den alten Machtverhältnissen nicht viel geändert habe, trotz der verschiedenen kleinen Erfolge afrikanischer Förderungsprogramme. Er geht dabei auf das Landverteilungsprogramm ein, in dem nicht einmal die bescheidensten Versprechungen hätten realisiert werden können. All die verschiedenen Änderungsversuche bezeichnet er als "Kritik an der Software" des Problems, anstatt sich der Kritik der Hardware zuzuwenden: "Die wirkliche Frage ist, ob die moralische und politische Entscheidung, mit der drei Jahrhunderte kolonialer Ausplünderung und ein halbes Jahrhundert Apartheid, also einer Art auf ‚Rasse‘ und ‚Kultur‘ basierender Quotenpolitik zugunsten der Weissen, legitimiert werden, die angemessene Ausgangsbasis für eine tatsächliche Veränderung abgeben kann" (Seite 172 f.). Damit kritisiert er die bloss verbale Auseinandersetzung mit der Apartheid, ohne dass die wirtschaftlichen wie auch politischen Strukturen, welche die Apartheid geschaffen hat, in Frage gestellt werden.

Grundlegende politische Veränderungen werden als zwingend erachtet. Kontinuität, Zusammenhalt und Stabilität müssen aufgebaut werden, ohne die es selbst in kleinen Bereichen keine Reformen geben kann. Diesbezüglich werden die vergangenen Jahre als erfolgreich betrachtet. Als weiteres Element nennt Alexander die Erhaltung des Mehrparteiensystems mit einer liberalen, demokratischen Verfassung. Der Geist von Toleranz und Gegenseitigkeit muss erhalten bleiben, denn sonst werde eine nicht-rassische Zukunft undenkbar. Als weiteres, drittes Element, wird die vollkommene Transparenz der Quotenpolitik genannt. Darunter werden die "affirmative action"-Beschlüsse verstanden, nach denen schwarzen BewerberInnen für Stellen den Vorzug gegeben wird, und die darauf abzielen, einen nationalen Konsens herzustellen.

Gesamthaft liegt ein für politisch Interessierte, vor allem auch, wenn sie sich bereits mit dem Antiapartheidkampf und den damit verbundenen politischen Fragen auseinandergesetzt haben, eine Publikation vor, die eine mit dem Ende der Apartheid abgerissene Diskussion wieder aufnimmt und Hintergründe und Ansätze liefert, wie sie nur selten zu finden sind. Der Autor schreibt aus einer engagierten Position, nimmt linke Positionen ein, und liefert damit den Pfeffer und das Salz, die vielfach in den vergangenen Jahren gefehlt haben.

Buchtipp: Neville Alexander, Südafrika, Der Weg von der Apartheid zur Demokratie, München 2001 (C.H. Beck)

Zur Person Neville Alexander

Neville Alexander, heute 64 Jahre alt, hat fast vierzig Jahre seines Lebens dem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika gewidmet. Mit 16 Jahren schloss er sich zum ersten Mal als Student der Anti-Apartheidsbewegung an. Das Massaker in Sharpeville 1961 bewog Alexander, der damals mit einem Stipendium der Humboldt Stiftung in Tübingen seinen Doktor (Phil. I) machte, den gewaltfreien Widerstand aufzugeben und sich der Befreiungsbewegung anzuschliessen. 1963 wurde er verhaftet und 1964 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Der Protest gegen seine Verhaftung war international und führte schließlich zu einer Eingabe bei dem damaligen UNO-Generalsekretär U Thant. Wie so viele Widerstandskämpfer wurde Alexander nach Robben Island geschickt, wo er auf Nelson Mandela und seine Gefährten traf. Die zehn gemeinsamen Jahre sollten zum Wendepunkt in Alexanders Leben werden. Die, nach anfänglicher Skepsis, wachsende Solidarität der Gefangenen, gemeinsam erarbeitete Überlebensstrategien, von ihnen organisierte Fortbildung im Gefängnis und die Entwicklung eines demokratischen Regierungskonzepts für eine zukünftige, nicht rassistische Regierung Südafrikas mündete schliesslich in der Freilassung Mandelas und seiner gewaltfreien Regierungsübernahme.

Neville Alexander entwickelte in Zusammenarbeit mit den ANC-Führern Konzepte einer zukünftigen Bildungspolitik in Südafrika, einem Staat, in dem mehr als zehn Sprachen gesprochen werden und Weisse, Farbige, Asiaten und Schwarze um eine gemeinsame Identität ringen.

Neville Alexander betrachtet sich trotz seiner Loyalität zu den Zielen der jetzigen Regierung als kritischer Beobachter der Entwicklung seines Landes. Sein Ziel, als Direktor der wichtigen Bildungsinstitution PRAESA, ist, ohne Ansehen der Hautfarbe, Herkunft, Volkszugehörigkeit allen SüdafrikanerInnen Zugang zu umfassender Bildung und zum Arbeitsmarkt einer sehr komplexen Nation zu verschaffen. Er selbst wurde als Sohn einer Lehrerin und eines Schreiners auf eine deutsche Schule geschickt. Die gute Ausbildung dort ermöglichte ihm den Besuch der Cape Town University. Neville Alexander lebt und arbeitet heute in Kapstadt.

 Die Profiteure der Apartheid zur Rechenschaft ziehen
Von Erzbischof N. Ndungane

Irgendetwas stimmt nicht, wenn 20 Millionen Menschen in Südafrika immer noch in erbärmlicher Armut leben, wenn 4,6 Millionen überhaupt kein Einkommen und 2,7 Millionen Familien kein Dach über dem Kopf haben, während gleichzeit die Nutzniesser der Apartheid Häuser, Autos, Pensionen sowie Jobs haben, und die internationalen Profiteure der Apartheid weiterhin ihre Profite machen, mit steigender Tendenz.

Zwischen 1985 und 1993 transferierten ausländische Banken und Unternehmen jährlich mehr als 3 Milliarden Dollar an Gewinnen aus dem Apartheid-Südafrika. Alle 21'000 von der Wahrheits- und Versöhnungskommission anerkannten Apartheidopfer könnten gemäss den Empfehlungen dieser Kommission entschädigt werden, wenn die ausländischen Investoren nur 1,5 Prozent dieser Gewinne zurückgeben würden.

Es gibt aber viel mehr als diese 21'000 Apartheidopfer. Eine angemessene Wiedergutmachung für die Apartheid müsste umfangreiche soziale Programme für den Wiederaufbau und die Entwicklung von ganzen Gemeinschaften beinhalten. Beim Versuch, dies zu verwirklichen, ist das neue Südafrika wegen des Apartheid-Erbes eingeschränkt. Dazu gehören die 25,6 Milliarden geerbten illegitimen Auslandschulden. Mit dieser Summe hätte das anfänglich vorgesehene Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm finanziert werden können, welches wegen Finanzmangel aufgegeben werden musste.

Es stellt sich die Frage, wer für die Kosten von Wiederaufbau und Entwicklung in der Nach-Apartheid-Aera aufkommen soll. Wer darauf besteht, dass dies einzig Aufgabe der neuen südafrikanischen Regierung sei, verlangt von den Opfern, für die erlittenen Leiden auch noch zu bezahlen. Unternehmen und Banken, die die Apartheid stützten und von ihr profitierten, müssen auch zur Verantwortung gezogen werden. Ihr Verhalten während der Apartheid legt dies nahe.

Die Vereinten Nationen haben 1973 Apartheid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt. Weltweit forderte die Anti-Apartheid-Bewegung Sanktionen gegen Südafrika vor allem in der zweiten Hälfte der 80-er Jahre, als die Repression des Apartheidregimes ihren Höhepunkt erreichte. Die Untersuchung der UN-Menschenrechtskommission von 1987 über die Verantwortung von multinationalen Unternehmen für die Weiterexistenz der Apartheid folgerte: «Diese transnationalen Unternehmen müssen als Mittäter der Apartheidverbrechen angesehen und bezüglich ihrer Verantwortung für die Fortdauer dieser Verbrechen strafrechtlich belangt werden.»

Trotzdem haben die führenden Banken aus Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien, den USA und Frankreich 1986 den Apartheidstaat durch eine Umschuldung gerettet, als er bankrott war. Diese Aktion geschah unter der Federführung von Fritz Leutwiler, vormals Präsident der schweizerischen Nationalbank. Das Regime nutzte diesen Rettungsanker, um die Verhandlungen mit der Opposition aufzuschieben und die Repression zu verstärken.

Die grossen Unternehmen haben ihre Geschäfte auf dem Rücken der Apartheidopfer abgewickelt. Apartheid beruhte auf militärischer Repression, auf Verbannung, Gefangenschaft, Folter und Ermordung von Oppositionellen, auf einem Zwangsarbeitssystem und der gewaltsamen Vertreibung von Besitz und Behausung. Dieses kriminelle System wurde bereitwillig durch Investitionen von Banken und Unternehmen gestützt, die dafür grosse Profite einstrichen.

Ein Beispiel: Fünf Jahre nachdem die UNO Apartheid zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt hatte und fünfzehn Jahre nach dem Erlass eines Waffenembargos gegenüber Südafrika durch die UNO erhielt der Schweizer Waffenproduzent Dieter Bührle, vormals Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankgesellschaft (heute UBS), auf Empfehlung von Präsident PW Botha den höchsten militärischen Orden. Er erhielt ihn für «seinen persönlichen Einsatz, der im Export von für Südafrika lebenswichtiger Munition verschiedenster Art gipfelte.» Gemäss der Laudatio habe er «auf mannigfaltige Weise zweifellos dazu beigetragen, den weltweiten Bemühungen einen Strich durch die Rechnung zu machen, Südafrika international zu isolieren und von Geschäfts- und Handelskontakten auszuschliessen.» Ihre aktive Unterstützung «hatte namentlich zur Folge, dass die Bemühungen, Exporte der Republik zu boykottieren und ein Embargo für die Lieferung von strategischen und andern Gütern zu erreichen, keinen Erfolg hatten.»

Die Opfer der Apartheid haben ein Recht auf Entschädigung und Wiedergutmachung. Die Profiteure der Apartheid müssen jetzt für das Risiko zahlen, das sie bewusst eingingen, als sie Geschäfte mit einem kriminellen Staat tätigten.

Jubilee South Africa hat sich während den letzten drei Jahren zusammen mit internationalen und lokalen Partnerorganisationen sowie Rechtsanwälten unermüdlich für Wahrheit, Gerechtigkeit, soziale Entwicklung und eine Wiedergutmachung eingesetzt, die dieses Wort verdient.

Die Streichung der Apartheidschulden ist eine Form der Entschädigung. Sie würde grössere Staatsausgaben erlauben. Damit könnten Arbeitsstellen geschaffen, Häuser gebaut, die Gesundheitsversorgung verbessert, die Schulbildung ausgeweitet und der Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität für die arme Bevölkerung ermöglicht werden. Wir haben die ausländischen Banken und Unternehmen verschiedentlich aufgefordert, darüber zu diskutieren, aber wir wurden immer abgewiesen. Wenn jetzt auf internationaler Ebene juristische Klagen eingereicht werden, dann ist das die letzte Möglichkeit, um das Problem ernsthaft anzugehen. Klagen gegen verschiedene internationale Banken, die es bisher vorgezogen haben, die Apartheidopfer zu ignorieren, sind eingereicht worden. Weitere werden folgen.

Das besondere Buch
Soweto – Ein südafrikanischer Mythos

Welche Herausgeber eines Bild-Dokumentenbandes können sich schon so glücklich schätzen, dass ihre Publikation mit einem ausführlichen Gespräch mit Nelson Mandela eröffnet wird? Der eben erschienene Bild- und Textband "Soweto – Ein südafrikanischer Mythos", herausgegeben von Annette Braun und Bongi Dhlomo-Mautloa kann diese Möglichkeit anbieten. Mandela nimmt in einem umfassenden Gespräch, das im Dezember 2000 geführt wurde, zu seiner Vergangenheit, dem Kampf gegen die Apartheid und zum neuen Südafrika Stellung. Dabei weist Mandela darauf hin, dass 1994 die Aufgabe übernommen wurde, ein hoch entwickeltes Land zu führen. In der Zwischenzeit sind Dinge verwirklicht worden, die das Land in den vergangenen 300 Jahren nie hatte: eine demokratische Verfassung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte. Schwierigkeiten sieht Mandela bei der notwendigen Stabilisierung der Wirtschaft.

Doch Mandela leitet einen Band zu Soweto ein. So führt ein weiterer Textbeitrag zur Geschichte von Soweto über. Soweto ist die Arbeiterstadt im Schatten der Goldminen in Johannesburg. Soweto steht denn auch für "SOuth WEstern TOwnship. Heute ist Soweto ein Symbol für das neue Südafrika: zwischen altem Sqatter-Elend und neuem Wohlstand, zwischen Kriminalität und Lebensfreude. An den Textteil schliesst der reichhaltige Bildteil an, der mit Fotos aus den fünfziger Jahren beginnt und im Jahre 2000 endet. Darunter finden sich auch die nahezu schon klassischen Bilder des Schüleraufstandes von Soweto 1976, aber auch die Bilder der Lebensfreude und des Lebenswillens der afrikanischen Bevölkerung.

Annette Braun und Bongi Dhlomo-Mautloa (Hrsg.), Soweto – Ein südafrikanischer Mythos, Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2001

HIV/Aids: Eritrea stellt sich der Herausforderung

Noch hat Eritrea mit nur drei Prozent eine der tiefsten HIV-Ansteckungsrate Afrikas. Fachleute befürchten jedoch, dass die anstehende Demobilisierung von 200'000 Soldaten das gefürchtete Virus bald in weitere Bevölkerungskreise tragen wird. Ein Bericht von Esther Haas von medico international schweiz.

Der eritreische Gesundheitsminister macht sich nichts vor. Mit nur drei Prozent, sagt Saleh Meky, sei die HIV-Infektionsrate in Eritrea zwar vergleichsweise tief, «doch das kann sich rasch ändern. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen.» Die Befürchtungen des Magistraten sind berechtigt. Mit der nun anlaufenden Demobilisierung von rund 200'000 Soldaten steigt die Wahrscheinlichkeit an, dass sich das HI-Virus ohne breite Präventionskampagnen schnell in der Bevölkerung ausbreiten wird. Hinzu kommt, dass sich der sicher erfreuliche Friedensschluss mit Nachbar Äthiopien und die damit verbundene Öffnung der Grenzen in Bezug auf die HIV-Ausbreitung in Eritrea ebenfalls negativ auswirken könnte: Äthiopien hat die dritt höchste HIV-Quote der Welt. In Zusammenarbeit mit ausländischen Geldgebern unternimmt das kleine Land am Horn von Afrika deshalb grosse Anstrengungen, um die Weiterverbreitung der tückischen Krankheit möglichst zu verhindern.

Teilerfolge kann Eritrea bereits verbuchen. Im Rahmen des im letzten Jahr etablierten Kontroll- und Behandlungsprogramms für Malaria, sexuell übertragene Krankheiten und Tuberkulose (HAMSET) richtete das Gesundheitsministerium mit finanzieller Hilfe der Weltbank eine zentrale Blutbank ein. Heute werden alle Blutspenden im Land auf das HI-Virus und weitere Krankheitserreger getestet. Eine weitere Etappe im Kampf gegen die Infektionskrankheit wurde in diesem Jahr erreicht. Seit Juni arbeiten über 100 speziell ausgebildete Männer und Frauen in den rund 20 HIV-Aids-Beratungsstellen. Das Angebot sieht freiwillige Soforttests vor und, vor allem bei positivem Befund, auch individuelle Beratung.

Diese öffentlich zugänglichen Beratungsstellen und Informationskampagnen sind indessen keine Selbstverständlichkeit. In einer Gesellschaft, in welcher das Sprechen über Sexualität einem Tabubruch gleich kommt, wird die HIV-Infektion vielfach totgeschwiegen und Betroffene ausgegrenzt. Saleh Meky spricht von einer eigentlichen Stigmatisierung, die es zu überwinden gelte: "In unserer Kultur verwurzelte Tabus verhindern eine offene Diskussion über Sex, HIV und Aids. Wenn wir jedoch etwas ändern wollen, müssen wir die Menschen dazu bringen, über diese Krankheit zu sprechen."

Und da gibt es noch viel zutun. Denn in weiten Teilen der Bevölkerung hat sich eine gefährliche Ignoranz breit gemacht, wie eine im Juni veröffentlichte Studie belegt: Zwar geben fast alle Befragten an, von HIV und Aids bereits gehört zuhaben. Fast drei Viertel (darunter mehr Frauen als Männer) sehen indessen kaum eine Gefahr, dass sie mit dem Virus in Kontakt kommen könnten – dies obwohl 56 Prozent der Frauen angeben, dass ihre Ehemänner/Lebenspartner noch andere Frauenbeziehungen pflegen würden (siehe unten).

Die Präventionsbemühungen des von der Gebergemeinschaft mitfinanzierten HAMSET-Programms liegen heute denn auch schwergewichtig auf Information- und Aufklärungskampagnen in Schule, am Arbeitsplatz und in den Gemeinden. Sowohl das Radio wie auch das Fernsehen beteiligen sich mit regelmässigen Informationsspots an den Bemühungen und informieren über die Übertragung des HIV-Virus und den Schutz vor einer Anstekung. Im ganzen Land verteilte Plakate und Broschüren runden die Kampagnen ab.

Fakten zu HIV und Aids in Eritrea

Grundlage zur gegenwärtig laufenden, gross angelegten Informationskampagne über HIV und Aids in Eritrea bildet die bisher erste Basisstudie, die letztes Jahr durchgeführt worden ist.

An der Untersuchung «The HIV/Aids Risk Groups and Risk Behaviours Identification Survey» haben insgesamt 4753 Menschen zwischen 15 und 49 Jahren teilgenommen, die fünf verschiedenen sozialen (Risiko)Gruppen zugeordnet wurden: Soldaten, werdende Mütter, Barfrauen, OberstufenschülerInnen und übrige Bevölkerung. Die Befragungen wurden im Jahr 2001 durchgeführt, die Veröffentlichung der Auswertung erfolgte im Juni 2002. Im folgenden die Zusammenfassung der wichtigsten Resultate:

  • Drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung oder insgesamt etwa 60'000 bis 70'000 Menschen sind in Eritrea HIV-positiv. Viele von ihnen wissen nicht, dass sie infiziert sind. In den Risikogruppen «Armee» und «Barfrauen» liegen die Quoten bei 4,6 respektive 22,8 Prozent!
  • Seit dem ersten registrierten Fall 1988 sind in Eritrea mindestens 12'000 Menschen an Aids erkrankt. Medikamente sind kaum erhältlich. Importe für Betroffene nicht erschwinglich.
  • Praktisch alle der Befragten, nämlich 99 Prozent gaben an, dass sie bereits von HIV/Aids und anderen Geschlechtskrankheiten gehört hätten.
  • 72 Prozent der Befragten meinen hingegen, kaum einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt zu sein. Von den Risikogruppen «Barfrauen» und «Soldaten» glauben dies 60 respektive 62 Prozent.
  • Gut 56 Prozent der Frauen gaben an, dass ihre Ehemänner/Lebenspartner noch weitere Frauenbeziehungen pflegen würden. Trotzdem glauben die meisten von ihnen, keinem besonderen Ansteckungsrisiko ausgesetzt zu sein.
Lesenswerte  Publikationen

Afrikanische Ikonen

Das Vorurteil des "geschichtslosen Kontinents" ist schon lange nicht mehr haltbar: Felsbilder der Sahara, die älter sind als die frühesten ägyptischen Dynastien, versunkene Kulturen der Nok, Katsina und Sokoto im heutigen Nigeria, die auf das 1. Jahrtausend vor Christus zurückgehen, sind die "afrikanische Antike". Von diesen hoch entwickelten Kulturen über die Kulturen der Ife, der Benin und der Dogon weist Afrika zahlreiche Meisterwerke auf. In der Publikation "Ikonen der Weltkunst – Afrika" sind fünfzig ausgewählte Meisterwerke enthalten, die jeweils abgebildet und detailliert beschrieben werden, wobei in der Beschreibung auf die sozio-kulturelle Bedeutung und Situierung eingegangen wird. Der zeitliche Rahmen der aufgenommenen Meisterwerke ist weit gefasst und reicht von frühesten archäologischen Fundstücken bis ins 20. Jahrhundert. Das grossformatige, mit zahlreichen Abbildungen, Zeittafeln und geografischen Situierungsskizzen versehene Werk befriedigt höchste Ansprüche.

Peter Stepan, Ikonen der Weltkultur, Afrika, München-London-New York 2001 (Prestel Verlag)

Christliche Nächstenliebe

bfr. Das blonde blauäugige deutsche Mädchen wird liebevoll bei der Burenfamilie in Südafrika aufgenommen und vor allem vom Adoptivvater vergöttert. Bis zu jenem Tag als er erfährt, dass Sara jüdischer Herkunft ist. Von diesem Augenblick an behandelt er das Kind wie Luft und redet nicht mehr mit ihr. Diese für Sara unerklärliche Ablehnung ist tiefgreifend und beeinflusst ihr Leben nachhaltig. Erst Jahre später soll Sara den wahren Grund dieses Hasses und der Ablehnung erfahren, als sie sich längst der Befreiungsbewegung angeschlossen hat und sich gegen die Ungerechtigkeit der Apartheidgesetze einsetzt.

Nebst der Mutter ist der älteste Bruder der einzige, der Sara nicht verstösst, sie noch genauso liebt und versucht zu schützen. Er ist es auch, der Saras Geschichte niederschreibt. Über und durch ihn erfahren wir viel über die burische Denkweise, denn wie er handelt, ist nicht immer mit seiner anerzogenen Denkweise vereinbar und es braucht viel Zeit – und seine Liebe zu Sara – damit er die Geschehnisse aus einem anderen Blickwinkel betrachten lernt.

Wieder ist es Ruth Weiss gelungen ein Stück südafrikanische Geschichte zu vermitteln und Parallelen zur deutschen Vergangenheit zu ziehen ohne zu belehren - nur erklärend, nie entschuldigend, jedoch aufwühlend und spannungsgeladen.

Ruth Weiss, Meine Schwester Sara, Augsburg 2002 (Maroverlag)

Wandel im Bewusstsein südafrikanischer Kulturschaffender

Zahlreiche südafrikanische Kulturschaffende aus dem Umkreis des ANC kämpften gegen die Apartheid. Doch mit dem Ende der Apartheid-Aera muss sich auch die Ausrichtung der politischen Aktivitäten ändern. Heute stehen Fragen der "African Renaissance", die von Mbeki gefordert und gefördert wird, im Mittelpunkt des Interesses. Wie gehen die Kulturschaffenden damit um? Ulrike Ernst ist dieser Frage nachgegangen und hat in Südafrika zehn Interviews mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern geführt. Ein anregender Band, der Einblick in den aktuellen Denkprozess bekannter Personen gibt (auf Englisch).

Ulrike Ernst, From Anti-Apartheid to African Renaissance, Interviews with South African Writers and Critics on Cultural Politics Beyond the Cultural Struggle, Münster/Hamburg/London 2002 (Lit-Verlag)

Wouter Basson – Südafrikas Dr. Mabuse

Vor dem Hintergrund der nach wie vor nebulösen Kontakte schweizerischer Geheimdienstler mit dem südafrikanischen Giftmischer Basson, der zu Apartheidzeiten im Auftrag des südafrikanischen Geheimdienstes an biologischen und chemischen Kampfstoffen bastelte, kommt der Publikation "Secret and Lies" ein grösseres Interesse zu. Darin wird Bassons Rolle im Programm Südafrikas zur biologischen und chemischen Kriegsführung untersucht. In den 70er und 80er Jahren verfolgte die damalige Regierung eine ‚totale Strategie‘ im Kampf gegen die Befreiungsbewegung, die auch eine nicht konventionelle Kriegsführung beinhaltete. Unter militärischer Leitung wurden Wissenschafter mit der Entwicklung biologischer und chemischer Waffen beauftragt, dies zu einem Zeitpunkt, in dem weltweit bereits über die Ächtung und ein Verbot dieser Waffen verhandelt wurde.

Marlène Burger / Chandré Gould, Secrets and Lies, Wouter Basson and South Africa’s Chemical and Biological Warfare Programme, Cape Town 2002 (Zebra)

Gerechte Welt

Wie würde die Welt aussehen, wenn jeder Mensch die gleichen Voraussetzungen hätte, wenn Ödland, Wald, Wiese, Ackerland, Kulturland gleichmässig verteilt würden? Diese Fragen werden von Manuela Pfrunder beantwortet, indem sie eine imaginäre neue Weltordnung präsentiert. In dieser sind alle Böden gleichmässig verteilt, die Welt besteht schliesslich aus 6'442'450'944 Länder – jeder Mensch hat von Geburt auf Anrecht auf ein eigenes Land (157 x 157 m Land; 245,6 X 245,6 m Wasser). Die Publikation ist eine konsequente Umsetzung einer grafischen Darstellung. Sie besticht durch das "Zu-Ende-Denken" des grafischen Ansatzes und regt zu manchen Gedanken an. Wer mehr wissen will: www.neotopia.ch.

Manuela Pfrunder, Neotopia, Atlas zur gerechten Verteilung der Welt, Zürich 2002 (Limmat Verlag)

Das Afrika-Bulletin
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