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Kleinkredite als Entwicklungsmotor

hus. "Ujamaa" stand für einen gemeinschaftlichen, auf Dorfebene basierenden Aufbau in den ländlichen Gebieten Tanzanias. In Zimbabwe arbeiteten Dorfgemeinschaften in der "Mushandira Pamwe"-Bewegung zusammen. Mozambique und Angola setzten von allem Anfang an auf Genossenschaften im klassischen Sinn. Doch all diese Bewegungen, die eine egalitäre, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestützte Entwicklung ermöglichen sollten, sind heute mehr oder minder versandet. "Box closed" stand dann auch handschriftlich auf einem Brief vermerkt, den die Projektgruppe des Afrika-Komitees vor kurzem an Projektpartner geschrieben hatte, und der schliesslich wieder in unserem Postfach landete. Offensichtlich sind gemeinschaftliche Entwicklungskonzepte , vorab in Grossprojekten, schwierig durchzustehen, vor allem dann, wenn die ideologischen Grundlagen nicht einmal aus der eigenen Tradition stammen.

Wieviele Millionen Dollar Entwicklungsgelder – oder sind es Milliarden – flossen wohl in solche Projekte, die so gut in unsere Vorstellung passten? Und wieviele Entwicklungsruinen wurden in den kurzen zehn, zwanzig Jahren finanziert? Diese Fragen sind Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, Analysen, Konferenzen.

Und nun sehen wir, dass lokale Initiativen, die einem klaren, ungeschminkten Kleinkapitalismus entsprechen, Erfolg haben können. Die Finanzierung von Eigeninitiativen mit Kleinkrediten respektive in unserem Rahmen: Kleinstkrediten, zeitigt weltweit Erfolg. Überraschende Erkenntnisse: Kleinstkredite zeichnen sich unter anderem durch eine erstaunliche hohe Rückzahlungsrate aus. Das war bei Genossenschaften gerade anders, dort war die Rückzahlung eher die Ausnahme. Müssen wir umdenken? Geschieht eine Entwicklung auch in Afrika zuerst einmal über ein afrikanisches KMU (Kleines und mittleres Unternehmen), das nach klassischen kapitalistischen Ansätzen funktioniert? Immerhin: Wenn damit Arbeit und Verdienst geschaffen werden kann, wenn darauf eine Existenz begründet werden kann, kann dies ein kleiner Schritt zu einer weiteren Entwicklung sein.Deshalb gehen wir in der vorliegenden Ausgabe auf die Erfahrungen und die Verbreitung von Mikrokredit-Organisationen in der Dritten Welt ein.

Graswurzel-Banken
     Schlüssel zur Entwicklung?

Auch in den armen Ländern der Dritten Welt gibt es initiative Menschen, die mit einer Geschäftsidee eine wirtschaftliche Existenz begründen möchten. Doch vielfach fehlt es am notwendigen Startkapital. In den letzten Jahren wurden Finanzierungsformen gesucht und gefunden, die Starthilfen gewähren – und dies mit erstaunlichem Erfolg. Diese Mikrokreditprogramme beruhen auf dem Grundsatz der Selbsthilfe, wie bei uns in den Anfangszeiten Konsumvereine, Kredit- oder Bürgschaftsgenossenschaften und sogar Kranken- und Vorsorgekassen aufgebaut wurden. Als Muhammad Yunus Anfang der 70er-Jahre die Idee hatte, Menschen Geld zu leihen, die als nicht kreditwürdig galten, wurde er von vielen belächelt. Heute wird der Professor aus Bangladesch weltweit als Experte anerkannt und seine Grameen Bank gilt als Musterbeispiel für den Erfolg des Mikrokredit-Konzepts. Ein Bericht von Hanne May.

Warum sind Mikrokredite überhaupt notwendig? Das Konzept wurde schon Anfang der 50er-Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit erprobt. Vielen armen Kleinbauern fehlten beispielsweise die Mittel, das Saatgut für die nächste Anbauperiode oder neues Gerät anzuschaffen. Für diese Investitionen erhielten sie Kleinkredite von Hilfsorganisationen, die sie nach der Ernte zurückzahlten. Eine kommerzielle Bank hätte sie nie als Kunde akzeptiert. Ihre einzige Alternative waren die örtlichen Geldverleiher, die sich ihre Darlehen aber mit Wucherzinsen von bis zu 100 Prozent im Monat vergolden ließen. An dieser Problematik hat sich in den meisten Entwicklungsländern bis heute wenig geändert.

Bei Mikrokrediten werden – wie der Name schon sagt – sehr kleine Summen verliehen. Sie reichen von ca. 30 bis maximal 15 000 Franken – je nach Land und KreditnehmerInnen, meist rückzahlbar innerhalb eines Jahres. Insbesondere in den armen Entwicklungsländern liegt die Kredithöhe aber selten über 1500 Franken. Nicht zuletzt deshalb scheuen kommerzielle Banken das Geschäft. Schliesslich ist der Verwaltungsaufwand für einen Kleinkredit genauso hoch wie für eine höhere Summe.

Das ist auch bei Mikrofinanz-Institutionen nicht anders. Viele arbeiten zudem dezentral, das heisst: Die "Bank" kommt zum Kunden. Häufig werden feste Kredit- und/oder Spargruppen direkt vor Ort gebildet, die sich wöchentlich treffen. Im Rahmen dieser Treffen werden von einem Mitarbeiter die Raten eingesammelt. Ein aufwändiges Verfahren, das schnell zu Verwaltungskosten von 25 Prozent der Kreditsumme führt. Die Zinssätze von Mikrokrediten liegen deshalb durchschnittlich zwischen 20 und 80 Prozent pro Jahr.

Den hohen Kosten stehen hohe Rückzahlquoten von über 97% gegenüber. Zudem minimiert die breite Streuung der Kreditportfolios das Ausfallrisiko. "Poor always pay back" – Arme zahlen immer zurück, sagt Grameen-Gründer Yunus. Zudem gehen die Minikredite, vor allem in Asien, überwiegend an Frauen. Und die gelten auch in konservativen Bankenkreisen als sehr solide. So sagte beispielsweise der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, kürzlich in einem Interview, eigentlich sollten Banken nur noch an Frauen Geld verleihen, die gingen damit viel verantwortungsvoller um.

Mikrokredit: Ein riesiger Markt

Die Consultative Group to Assist the Poorest (CPAG) - ein Zusammenschluss von 29 staatlichen Entwicklungsministerien, -organisationen und -banken - schätzt, dass weltweit 500 Millionen Menschen keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Ihr durchschnittlicher Kreditbedarf liegt bei rund 800 Dollar pro Jahr. Bankexperten gehen davon aus, dass bislang erst rund 5% des Bedarfs gedeckt sind. Nicht zuletzt aufgrund dieses riesigen Potenzials ist der Mikrokredit-Markt seit einigen Jahren "en vogue".

Der bislang ausgeschlossene Personenkreis – in vielen Entwicklungsländern die Bevölkerungsmehrheit – könnte mit Finanzdienstleistungen seine Lebenssituation verbessern. Schon heute eröffnen viele Kleinstunternehmer dank Mikrokrediten ein Geschäft, Handwerker richten Werkstätten ein. Ist die Geschäftsidee erfolgreich, kann der Kredit schnell zurückgezahlt und gegebenenfalls ein neuer, grösserer aufgenommen werden. Zudem vergeben die meisten Organisationen nicht nur Kredite, sondern bieten auch - zum Teil sogar verpflichtend - Sparprogramme an. So können die Kunden aus eigener Kraft Vermögen bilden und sich besser gegen Unwägbarkeiten wie Naturkatastrophen, Krankheiten oder Arbeitslosigkeit absichern.

Kleiner Beitrag, grosse Wirkung - lautet die positive Botschaft des Mikrokredit-Modells. Deshalb haben viele staatliche Entwicklungshilfeorganisationen, wie beispielsweise die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), in den 90-er Jahren ihre Strategie modifiziert von dem bisherigen Leitmotiv "Finanzierung der Entwicklung" zu "Entwicklung der Finanzierung". Grundlage des Strategiewechsels war die Erkenntnis, dass erst ein funktionierendes Finanzsystem, das allen Teilen der Bevölkerung Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglicht, Grundlage für den Aufbau einer funktionierenden Markwirtschaft sein kann. Nicht zuletzt weil die Kleinkredite - ähnlich wie bei der Entwicklung von Kreditgenossenschaften oder Bausparkassen - nach dem Grundsatz der Selbsthilfe auch zum Auf- und Ausbau eines funktionsfähigen Mittelstands beitragen können.

Massgeblich gefördert durch staatliche und nichtstaatliche Geldgeber sind weltweit inzwischen bis zu 70‘000 Mikrofinanz-Institutionen aktiv. Dabei handelt es sich keineswegs um eine homogene Gruppe. Vielen kleinen Organisationen stehen wenige wirklich grosse gegenüber. Und als reguliertes Finanzinstitut agiert derzeit nur eine Minderheit. Die meisten Mikrofinanz-Institutionen arbeiten als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und genießen so einen anderen Rechtsstatus mit oftmals weniger strengen Auflagen. Für Investoren sind aber in der Regel nur regulierte Mikrofinanz-Institutionen interessant.

Nach Schätzungen der Schweizer Investmentgesellschaft Blue Orchard sind bislang zudem erst rund 500 Organisationen wirtschaftlich stabil. Die deutsche Internationale Micro Investitionen AG (IMI AG) kommt sogar nur auf rund 60 profitabel arbeitende Institute.

Eine Branche im Umbruch

Seit Ende der 90er-Jahre ist Bewegung in die Szene gekommen. Verschiedene staatliche Entwicklungsorganisationen, grosse Geldgeber und kommerzielle Banken - u.a. aus Deutschland und der Schweiz - sind bemüht, die Branche zu professionalisieren und in Form von Unterstützungsfonds das nötige Eigenkapital zum Aufbau nachhaltig stabiler Finanzinstitute bereitzustellen. Dabei wird ein ganzheitlicher "Mikrofinanz"-Ansatz vertreten, der Kredite, Sparen und Versicherungen umfasst. Der Ausbau von Sparangeboten erleichtert die Refinanzierung der Kreditportfolios und ermöglicht es den Kunden, eigene Liquidität aufzubauen.

Im Zuge dieser Entwicklung sind mehrere Investmentfonds entstanden, die aber meist nur für institutionelle Investoren bestimmt sind. Dieser Trend wird von einigen "Donors" begrüsst, die den Mikrokredit-Sektor aufgebaut haben und sich nun gern zurückziehen würden. Die jahrelange Förderung hat teilweise zum Aufbau überdimensionierter und ineffizienter Verwaltungsapparate geführt. Oftmals scheint es, dass der Widerstand mancher Mikrokredit-Organisation, vom Fördertropf abgenabelt zu werden und sich in einen regulierten Banken-Status zu begeben, einer Weigerung gleichkommt, sich dem Wettbewerb zu stellen.

Streitfrage: Für welche Zielgruppe sind Mikrokredite geeignet?

Ein grundsätzlicher Streit ist darüber entbrannt, welche Kunden mit Mikrofinanz-Produkten angesprochen werden sollen. Traditionell zielen Mikrokredite auf die arme und weibliche Bevölkerung, in Asien liegt der Frauenanteil bei über 90 Prozent. In den 80er-Jahren wurde mit Mikrokrediten auch die Strategie verfolgt, dadurch langfristig die Position der Frauen in der Gesellschaft zu stärken. Auch wenn es viele Erfolgsgeschichten von Frauen gibt - Mikrokredite allein führen nicht zum Ziel. Selbst in Bangladesch, wo die grössten Mikrofinanz-Institutionen der Welt agieren, sind flankierende Aufklärungsmassnahmen unerlässlich, um wirkliche Fortschritte für die Frauenrechte zu erzielen.

Deutlich konträrer sind die Positionen bei der Frage, ob Mikrokredite das geeignete Mittel sind, um die Ärmsten der Armen zu erreichen. Ja, sagt beispielsweise die Grameen Bank. Eine Studie habe gezeigt, dass jährlich 5 Prozent der Mitglieder dank Mikrokrediten ihre Armut überwinden kann. Ja, sagen auch die Vertreter der Microcredit Summit Campaign www.microcreditsummit.org. Die 1997 gestartete Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, weltweit 100 Millionen der ärmsten Familien durch Mikrokredite ein besseres Leben zu ermöglichen. Zielpunkt ist das Jahr 2005, das von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Mikrokredite ausgerufen wird. Zielgruppe sind jene 50 Prozent der Familien, die unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben. Nach Angaben der Weltbank müssen weltweit 1,2 Milliarden Menschen (rund 240 Mio.. Familien) mit weniger als 1 Dollar am Tag auskommen. An der Kampagne sind derzeit über 3000 Organisationen beteiligt. Ende 2001 hatten sie weltweit insgesamt 21,8 Miollionen Familien aus der Zielgruppe erreicht. Die meisten Mitglieder sind sehr klein, nur 30 Organisationen erreichen schon knapp 55 Prozent aller Zielgruppen-Kunden. Als Beispiele dafür, dass Organisationen mit armen Menschen zusammen arbeiten können und dennoch profitabel sind, werden Share (Indien, 80 000 Mitglieder) und Crecer (Bolivien, 30 000 Mitglieder), genannt. Bei beiden liegt der Anteil der Neukunden unterhalb der nationalen Armutsgrenze über 60 Prozent.

Von Finanzvertretern und vielen großen Geldgebern wird die Microcredit Summit Campaign äusserst kritisch gesehen: Zu viele Zahlenspiele, die Dominanz weniger Organisationen und fragwürdiger Lobbyismus lauten die Einwände. So zählt beispielsweise der amerikanische Agrarriese Monsanto zu den Sponsoren. Das Unternehmen hat in Bangladesch schon Ende der 90-er Jahre zusammen mit der Grameen Bank und Brac Hybrid-Reissorten an Kleinbauern verkauft - über Mikrokredite. Die nicht vermehrbaren Reissorten garantieren dem Unternehmen jährliche Saatgutverkäufe.

Auch unabhängig von solch fragwürdigen Entwicklungen sagen Bankenvertreter und grosse (staatliche) Entwicklungshilfeorganisationen: Extrem arme Menschen sind nicht die geeignete Klientel für Mikrokredite. Menschen ohne stabiles Einkommen können Kredite nicht zurückzahlen und werden dadurch nur tiefer in Schulden, Armut und Abhängigkeit getrieben. Sie brauchen Unterstützung durch spezielle Entwicklungsprogramme. Vor allem Investmentfonds von Banken zielen auf ein "Upscaling" der Kundengruppe: Angesprochen werden sollen Kleinunternehmen, Handwerksbetriebe aus dem klassischen Mittelstand, die ebenfalls kaum Zugang zu bezahlbarem Kapital haben.

Schlüsselrolle der Frauen

Den weiblichen Kreditnehmern kommt eine Schlüsselrolle zu, und spezielle Einrichtungen, die über die finanzielle Position der Frau deren Stellung insgesamt stärken, leisten einen wichtigen Beitrag, über das Selbstvertrauen der Frauen in ihre Fähigkeiten zu einer auf gleichberechtigte Partnerschaft gründenden Entwicklung beizutragen. Frauen mit niedrigen bis mittleren Einkommen sind auch die Zielgruppe der First Women Bank Ltd. in Karachi (Pakistan), die 1989 entstand (www.fwbl.com.pk). Die von 5 Banken (90 % des Kapitals) und dem Staat (10 %) gegründete Bank hat bisher fast 15‘000 Frauen bei Existenzgründungen unterstützt.

Die Anfänge einer weltweiten Initiative, dem Women’s World Banking (www.swwb.org), die ein enges Netzwerk für Frauen geknüpft hat, gehen auf das Jahr 1979 zurück. 2001 wurde das WWB Global Network for Banking Innovation in Microfinance gebildet, dessen Gründungsmitglieder etablierte Finanzdienstleistungsinstitutionen sind. Dazu zählen v. a. öffentliche Förder- und Entwicklungsbanken, nationale Genossenschaftsbanken, darunter die Triodos Bank (NL), und das World Council of Credit Unions (USA), Fonds internationaler Banken wie die Citigroup Foundation (USA) oder die Deutsche Bank, der Microcredit Development Fund (USA) sowie weitere Finanzdienstleister.

Weltweite Streuung

Besonders weit verbreitet sind Mikrofinanz-Institutionen in Form von Banken, NGOs oder Kreditgenossenschaften in Asien. In Indonesien ist dies z.B. das System der Rakyat Bank, in Thailand die Bank for Agriculture and Agricultural Cooperatives (www.bacc.or.th), in Vietnam der People’s Credit Fund. In Bangladesch sind mit der Grameen Bank und Brac die grössten Mikrofinanzinstitutionen der Welt aktiv. Zusammen erreichen sie weit über 5 Millionen Kunden.

In Asien sind zwar die meisten Mikrofinanz-Institutionen beheimatet, aber unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind die Organisationen in Lateinamerika und Südamerika deutlich erfolgreicher. Deshalb sind sie in den Fondsportfolios auch viel stärker vertreten. Ein Beispiel für viele ist die Acción International (www.accion.org), die 1961 in Caracas (Venezuela) entstand und mittlerweile in 15 Ländern Lateinamerikas und der Karibik, fünf afrikanischen Ländern südlich der Sahara und an über 30 Standorten in den USA arbeitet.

Rückblickend hat Acción im letzten Jahrzehnt insgesamt rd. 3,8 Mrd. Dollar Mikrokredite an rd. 2,3 Mio. Menschen vergeben. Seit März 2003 ist die auf den Cayman Islands mit einem Startkapital von 18 Mio. Dollars neu gegründete Acción Investments in Microfinance aktiv. Potenzial für Mikrofinanzierung besteht vor allem noch in (West-) Afrika, wo sie am Anfang stehen. Allerdings arbeiten von der Weltbank als sehr positiv eingestufte Institutionen schon in Guinea, Senegal, Burkina Faso oder Mali. In Ghana, Kenia, Malawi oder Nigeria besteht traditionell ein System der informellen Kleinkreditvergabe.

Die Verfasserin Hanne May ist freie Journalistin und Autorin und lebt in Wiesbaden (BRD). Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Organisation Mati e.V., Selbstbestimmte Dorfentwicklung in Bangladesch. Den Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung von der Zeitschrift "Öko-Invest" übernommen (Öko-Invest, Schweizertalstrasse 8-10/5/1, A-1130 Wien; www.oeko-invest.de).

Grameen Bank

Das 1976 von Muhammad Yunus gegründete Kleinkredit-Projekt wurde 1983 in eine Bank nach staatlichem Recht umgewandelt. Die Grameen Bank hat 12 000 Mitarbeiter, die in über 60 Prozent aller Dörfer des Landes aktiv sind. Von den 2,4 Mio. Bankkunden sind 95 Prozent Frauen.

Diesen Frauen gehört die Bank, denn sie stellen 90 Prozent der Einlagen. Seit 1995 erhält Grameen nach eigenen Angaben keine Fördergelder mehr, muss aber noch verschiedene zinsgünstige Darlehen zurückzahlen. Die vorhandenen Kundeneinlagen deckten im August 2002 rund 67 Prozent der ausstehenden Kredite - von einer Kostendeckung ist Grameen also, trotz jahrzehntelanger Förderung, noch ein gutes Stück entfernt.

Bis Ende 2002 hatte Grameen insgesamt ca. 3,5 Mrd. Dollar an Krediten vergeben, wovon bereits 3,2 Mrd. Dollar zurückgezahlt wurden. Im vergangenen Jahr hat die Bank wieder eine Rückzahlquote von 98,45 Prozent geschafft. Diese hohe Quote führt Yunus u.a. auf die Organisation in Kreditnehmergruppen ("peer-group monitoring") zurück: dadurch entsteht eine breitere Haftungsbasis und die Mittelverwendung bleibt den Gruppenmitgliedern transparent. Die Kreditnehmer erklären sich mit den "16 decisions" einverstanden, die sich auf die verschiedensten Lebensbereiche beziehen wie Hausbau/sanitäre Einrichtungen/Hygiene, Ernährung, Geburtenkontrolle, Erziehung und Grundsätze zum Miteinander in der Familie und (Dorf-) Gemeinschaft. Zudem meint Yunus, dass Frauen (anfangs wollten sie gar keinen Kredit, um eheliche Konflikte zu vermeiden) fähiger seien, mit dem Geld produktiver umzugehen. Sie denken an die Zukunft ihrer Kinder und würden das Geld nicht wie die Männer vor allem für Statussymbole ausgeben.

Doch Ende der 90er-Jahre geriet Grameen in die Krise. Schon lange wurde die rigide Kreditvergabe kritisiert: In jedem Dorf soll sich eine begrenzte Anzahl von Gruppen mit jeweils einer Höchstzahl von Kreditnehmern gegenseitig unterstützen. Die Kundinnen schließen sich in Fünfergruppen zusammen, in der jede für jede bürgt. Kann ein Mitglied den Kredit nicht zurückzahlen, bekommt künftig keine mehr einen Kredit. Zahlungsaufschübe - z.B. bei unvorhersehbaren Schwierigkeiten - waren nicht vorgesehen. Zunehmender Unmut über diese Bedingungen, einzelne Übergriffe von Mitarbeitern und die Folgen schwerer Überschwemmungen im Jahr 1998 führten zu erheblichen Zahlungsausfällen.

Zwischenzeitlich sank die Rückzahlquote auf 88 Prozent. Deshalb hat Grameen sein Vergabesystem seit Anfang 2000 grundlegend umgestellt. Bei Zahlungsschwierigkeiten können Kundinnen künftig aussetzen, Raten senken und die Laufzeit strecken. Besonders arme Mitglieder werden ausserhalb der Gruppen von einem Mentor betreut. Neu eingeführt wurde u.a. eine Pensionskasse, die inzwischen schon monatlich 1,75 Mio.. Dollar Beiträge verbucht, und ein Förderdarlehen für Universitätsstudien, vergleichbar dem deutschen Bafög.

Das Grameen-Modell hat weltweite Verbreitung gefunden. Die Organisation Cashpor vertritt beispielsweise 23 nach Grameen angelegte Banken in neun Ländern Asiens. Unterstützt werden diese Nachfolgebanken z.B. von der Calvert Foundation (USA) oder People’s Fund (USA), einer eigens für diese Banken gegründeten Stiftung.

Informationen: www.grameen-info.org

Brac-Bank

Die 1972 für heimkehrende Flüchtlinge des Unabhängigkeitskriegs Bangladeschs gegründete Hilfsorganisation ist heute eine der grössten Nichtregierungsorganisationen der Welt.

Rund 60 000 Mitarbeiter erreichen 68 Miollionen Menschen – mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung Bangladeschs. Brac stellt gut ein Drittel der Schulkapazitäten, hat mehr als ein Dutzend Ausbildungszentren und eine eigene Universität. Zur Finanzierung wurden grossee Agrarbetriebe und eine Kunsthandwerkskooperative aufgebaut. Die im regulierten Status arbeitende Brac Bank finanziert überwiegend "Small & Medium Enterprise", das heisst Mittelständler und mittelgroße Unternehmen.

Im Rahmen seines Entwicklungsprogramms vergibt Brac Mikrokredite an rund 3,65 Mio. Mitglieder, davon 98 Prozent Frauen. Ähnlich wie Grameen arbeitet Brac mit "Village Organisations" (ca. 40-45 Mitglieder), die "Solidarity Groups" (je 5 Mitglieder) bilden. Allein im Jahr 2002 wurden gut 292 Mio. Dollar neue Kredite bewilligt, die Rückzahlquote lag sensationell bei über 99 Prozent. Fast 86 Mio. Dollar hatten die Kundinnen auf ihren Sparkonten. Damit verfügt Brac über das grösste Mikrokredit-Programm weltweit, das seit 2001 kostendeckend arbeitet. Weiterer Fortschritt: Nach Erhebungen von Brac hat sich der Anteil der Frauen, die selbständig über ihr Einkommen verfügen können, seit Programmstart von 30 auf 60 Prozent verdoppelt.

Informationen: www.bacc.or.th

Aufbau einer ländlichen Spar- und Leihkasse
     Ein Kleinkreditprojekt in Eritrea

Dank einer Spar- und Leihkasse erhält die arme Bevölkerung der Region Southern Zone in Eritrea Kredite zu günstigen Konditionen. Nach 30 Jahren Befreiungskampf ist Eritrea 1993 unabhängig geworden. Beim Aufbau des Landes will die Regierung in erster Linie die ländliche Entwicklung fördern, um eine Selbstversorgung möglich zu machen. Mit Krediten sollen die Kleinbauern ihre landwirtschaftlichen Erträge und damit ihr Einkommen verbessern können. Bis zur Gründung von SZSCS (Southern Zone Savings and Credit Scheme) im Jahre 1994 waren die armen Bevölkerungsschichten kaum an Kapital gekommen, ausser zu Wucherzinsen.

SZSCS, ein Projekt der internationalen Entwicklungsorganisation ACORD, war die erste ländliche Spar- und Leihkasse in Eritrea. Mittlerweile ist sie in eine Dorfbank umgewandelt worden, die ihren Mitgliedern gehört. Dank dem von SZSCS lancierten Kreditprogramm können Bauernfamilien der Region eine Gemüseproduktion aufbauen. Im Weiteren erhalten initiative Frauen die Möglichkeit, eine Teestube oder einen Verkaufsstand einzurichten. Jeder Kreditantrag muss von einer Spar- und Kreditgruppe geprüft und vom Dorfkomitee bewilligt werden.

Nur die intensive Ausbildung und Begleitung der Spargruppen und Komitees garantiert einen erfolgreichen Projektverlauf. Deshalb werden sie in kaufmännischen Grundkenntnissen unterrichtet. Die Einrichtung von genossenschaftlich funktionierenden Dorfbanken hilft der Bevölkerung, sich vermehrt selber zu organisieren. Die Mitglieder übernehmen die Verantwortung für die Kreditvergabe nun selbst.

Das Kleinkreditprojekt in Eritrea wurde vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) finanziert. Informationen bei: HEKS, Stampfenbachstrasse 123, Postfach, CH-8035 Zürich, Tel 01 361 66 00, mailto:info@hekseper.ch.

Apartheidklagen gehen in eine entscheidende Runde
   
Kampagne für Entschuldung und Entschädigung 

Am 6. November wird Richter Sprizzo in New York die Vertreter aller beteiligten Parteien anhören und in den darauf folgenden Monaten entscheiden, ob er die von den beiden Anwälten Michael Hausfeld und Ed Fagan eingereichten Klagen von Apartheidopfern zulassen wird. Die beiden Klagen unterscheiden sich in wesentlichen Aspekten. Die von Michael Hausfeld im Auftrag von Khulumani eingereichte Klage, die auch von der internationalen Kampagne unterstützt wird, ist im Gegensatz zu derjenigen von Fagan keine Sammelklage, sie argumentiert mit der Verletzung des Völkerrechts durch die beklagten Firmen, die mit ihrer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Sektor des Apartheidregimes wissentlich die Verbrechen der Apartheid mitgetragen und ermöglicht haben. Wissentlich, weil die Apartheid durch zahlreiche Resolutionen der UNO als "Verbrechen gegen die Menschheit" beurteilt wurde. Von Barbara Müller.

Die über 50 beklagten Banken und Konzerne haben in ihrer Antwort auf die vorgebrachten Klagen versucht, die Berechtigung der Klagen mit formal-juristischen Argumenten abzuweisen. Dabei haben sie von unerwarteter Seite Schützenhilfe erhalten. Mit einer Eingabe an das New Yorker Gericht hat der südafrikanische Justizminister Penuell Maduna am 11. Juni 2003 das Gericht aufgefordert, die Klagen abzuweisen. Er sprach einem ausländischen Gericht das Recht ab, über Angelegenheiten zu entscheiden, die für Südafrika von grundlegender Bedeutung seien. Ausserdem würden die souveränen Interessen Südafrikas mit den Klagen tangiert, denn Südafrika sei auf Investitionen der beklagten Banken und Firmen angewiesen. Die ANC-Regierung scheint ein kurzes Gedächtnis zu haben. Noch 1989 hatten ihre Vertreter das Umschuldungsverfahren eines internationalen Bankkonsortiums, dem die beklagten Schweizer Banken federführend angehörten, als "Akt der Unmenschlichkeit" verurteilt. Die damalige Stellungnahme schloss mit den Worten: "Wenn die Zeit kommt, werden sich Südafrikas Menschen daran erinnern, wie diese Banken mit dem Elend unserer Bevölkerung Geschäfte gemacht haben."

Anfang Jahr hatten sich die südafrikanischen Vertreter der Klage und die Regierung darauf geeinigt, dass sich letztere weder für noch gegen die Klagen aussprechen würde und das Recht der KlägerInnen auf Klagen für Wiedergutmachung anerkenne. Es gibt einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass der Gesinnungswandel der Mbeki-Regierung nicht ganz freiwillig erfolgte, sondern auf Druckausübung zurückzuführen ist. Aussagen von Ohrenzeugen belegen ausserdem, dass das Justizministerium sein Affidavit nach einer persönlichen Intervention von US Aussenminister Colin Powell verfasste.

Die Argumente der KlägerInnen werden ebenfalls von renommierter Seite unterstützt. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Joseph E. Stiglitz, hat Richter Sprizzo ein Schreiben zukommen lassen, in dem er Bezug auf den Brief von Justizminister Maduna nimmt und bestreitet, dass die Klagen Investitionen verhindern würden. Er spricht sich für die Annahme der Klagen aus. Auch Vertreter der schweizerischen und deutschen Kampagne haben Eingaben eingereicht, in denen sie begründen, inwiefern die beklagten Banken und Unternehmen dem Apartheidregime in entscheidenden Krisen wichtige finanzielle und politische Hilfeleistungen erbracht haben.

Die südafrikanische Zivilgesellschaft meldet sich zu Wort

Unter dem Vorsitz des anglikanischen Erzbischofs Njongonkulu Ndungane fand Ende August eine Konferenz zur Frage der Reparationen und Klagen mit Delegierten von rund 50 Organisationen der südafrikanischen Zivilgesellschaft (Kirchen, Gewerkschaften und NRO) statt, die feststellten, dass die am 16. April 2003 von Präsident Thabo Mbeki verkündeten Beschlüsse der Regierung den im Abschlussbericht der südafrikanischen "Wahrheits- und Versöhnungskommission" (TRC) gemachten Empfehlungen und den legitimen Forderungen der Apartheidopfer bei weitem nicht gerecht werden. In der von der Konferenz verabschiedeten Resolution heisst es: " Wir bekräftigen unser Recht, über juristische Massnahmen zu unserem Recht zu kommen." Die Konferenz bekundete ihre Bereitschaft zu Verhandlungen mit der Regierung und den südafrikanischen und ausländischen Konzerne. Sie forderte den Justizminister auf, sein Memorandum zurückzuziehen.

Die Eingabe der schweizerischen Kampagne kann unter www.aktionfinanzplatz.ch nachgelesen werden. Barbara Müller ist Mitglied des Afrika-Komitees und vertritt das Komitee in der Koordinationsgruppe der schweizerischen Kampagne.

Zimbabwe: Aktuelle Entwicklung

gb (September 2003). Geht Mugabe endlich oder geht er nicht? Seit Monaten gibt es immer wieder Spekulationen über einen baldigen Abgang von Mugabe. Heute mehren sich die Anzeichen, dass Mugabe am Zanu-Kongress im Dezember als Parteivorsitzender zurücktritt und im Juni nächsten Jahres als Präsident.

Viele ZimbabwerInnen können sich allerdings nicht vorstellen, dass Mugabe freiwillig zurücktritt. Seit Monaten spekuliert wird auch über den Nachfolger Mugabes. Ist das ein Mitglied der Regierungspartei Zanu oder Morgan Tsvangirai von der Oppositionspartei MDC? Skeptiker halten allerdings von den Fähigkeiten Tsvangirais nicht viel. Inzwischen gehen die Versuche der Regierung, ihre Macht mit allen Mitteln zu halten, weiter. Oppositionelle werden verfolgt, in den Gefängnissen wird gefoltert und kürzlich wurde die unabhängige Tageszeitung "Daily News" geschlossen. Der wirtschaftliche Niedergang geht weiter. In den Läden sind keine Waren mehr erhältlich, dafür blüht der Schwarzmarkt, wo die Waren zu horrenden Preisen erhältlich sind. Lange Schlangen bilden sich nicht nur bei den Tankstellen, sondern auch bei den Banken. Den Leuten wird nur noch ein Bruchteil des Lohnes ausbezahlt, weil die Banknoten fehlen. Diese konnten nicht mehr gedruckt werden, weil das Papier fehlt. Die Nahrungsmittel sind nach wie vor knapp, die Leute hungern. Gleichzeitig versucht die Bevölkerung, möglichst normal zu leben. Nach wie vor finden kulturelle Veranstaltungen statt und es gibt unzählige Gruppen, die nach wie vor aktiv sind.

Weiter Informationen zu Zimbabwe im Rundbrief der Vereinigung Schweiz-Zimbabwe. Bestelladresse: Vereinigung Schweiz-Zimbabwe, c/o J. Brogli, Postfach 62, 6405 Immensee.

Afrika in Kürze 

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Angola
Von Rot-Schwarz zu Blau-Weiss-Rot.

Agostinho Neto, bis zu einem Tode 1979 erster Präsident Angolas, würde sein Land nicht mehr wiedererkennen. Die Symbole der Unabhängigkeit verschwinden und damit die Reminiszenzen an einen sozialistischen Entwicklungsweg. So ist vor kurzem beschlossen worden, eine vollkommen neue Verfassung auszuarbeiten. Ebenfalls wurde beschlossen, die Staatssymbole zu ändern. Die Nationalhymne wird geändert, ebenso das Staatsemblem. Die Fahne in Rot-Schwarz mit der Machete wird durch eine neue ersetzt, die im roten Mittelfeld ein Sonnensymbol trägt, das als Felsmalerei in Tchitundu-Hulu in der südangolanischen Namibe-Provinz gefunden wurde. (Quelle: Jeune Afrique)

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Afrika
Enormer Kapitalabfluss.

Die Wirtschaftskommission der UNO für Afrika legt einen interessanten Report auf (Economic Report on Africa 2003, www.uneca.org). Darin legt sie erstmals den Finger auf das Übel der Kapitalflucht und veröffentlicht dazu interessante Zahlen. So wird aufgezeigt, dass in den Jahren 1970 bis 1996 alleine aus Nigeria 130 Milliarden $ Kapital abfloss, gefolgt von der Elfenbeinküste (34 Mia.), Angola (20 Mia.), Zaire/Kongo (19 Mia.), Kamerun (17 Mia.), Zambia (13 Mia.), Sudan und Zimbabwe (11 Mia.), Äthiopien (8 Mia.). Gesamthaft sind in diesen 27 Jahren rund 300 Mia. Franken aus Afrika abgeflossen. Diese Mittel fehlen natürlich beim Aufbau und der Entwicklung einer einheimischen Wirtschaft.

Andererseits haben die Privatisierungen, von denen viel gesprochen worden ist, nicht ein enormes Ausmass angenommen. In den Jahren 1970 bis 1996 sind Staatsbetriebe für 10 Mia. $ privatisiert worden. Dabei entfallen alleine auf Südafrika mehr als 3 Mia.. Für alle anderen Staaten liegen die Privatisierungen unter 1 Mia., nämlich Ghana und Nigeria (je 900 Mio.), Zambia 820 Mio., Elfenbeinküste 620 Mio., Senegal (415 Mio.), Äthiopien (410 Mio.).

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Wachstum 2002

Dank den neuerschlossenen Erdölfeldern im Küstengebiet boomt das kleine Äquatorialguinea. Für das letzte Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 24,4 % augewiesen. Auf sensationelle 12,2 % bringt es Mozambique, dem keine sprudelnden Ölquellen geholfen haben. Angola wiederum kommt – ebenfalls dank Öl – auf 12 %. Tschad bringt es auf 11 % und Rwanda auf 10 %, gefolgt von Ugnda (6,1 %), Äthiopien (6 %) und Kapverde (5,8 %). Am andern Ende der Statistik weist Gabon (trotz Erdöl) ein Wachstum von –03 %, Guinea-Bissau –1,6 %, Malawi –1,7 % und Madagaskar –3,5 % aus. Das Schlusslicht ist - wie bereits im Vorjahr – Zimbabwe mit –8,8 %. Das durchschnittliche Wachstum wird mit 3,3 % angegeben. Konflikte und Dürreperioden werden in vielen Ländern für das geringe Wachstum verantwortlich gemacht.

Im Aussenhandel liegt summenmässig die Kaprepublik mit 57 Mia. $; 2001) an der Spitze, gefolgt von Nigeria und Algerien (je 30 Mia.), Libyen (20 Mia.) Marokko (18 Mia.), Tunesien und Ägypten (je 16 Mia.) und Angola (10 Mia.). Nebst Süafrika kommen also dem Maghreb-Raum resp. den Erdölproduzenten grosse Bedeutung zu. Interessant wird es, wenn der Pro-Kopf-Aussenhandel verglichen wird. Spitzenreiter sind die Seychellen-Inseln (7192 $), gefolgt von Äquatorialguinea (5689 $), Libyien (3761 $), Botswana (2946 $), Mauritius (2932 $) und Gabon 2825 $). Eritrea bingt es auf 121 $, Äthiopien nur auf 22 $ (letzte Position).

Und wo wird investiert? Das meiste Kapital floss 2001 nach Südafrika (6,653 Mia. $), gefolgt von Marokko (2,5 Mia.), Algerien, Nigeria und Angola (je 1,1 Mia.). Nach Eritrea flossen 34 Mio. $, nach Äthiopien 20 Mio. Am untern Ende liegt Zimbabwe (5 Mio.), Sierra Leone (4 Mio.), Dschibuti (3 Mio.), Komoren (2 Mio.), Kapverde und Sao Tomé (je 1 Mio.). Kein Geld floss nach Burundi und Somalia, während aus Libyen sogar 101 Mio. abflossen. Generell werden rückläufige Investitionen verzeichnet. (Quelle: Uneca, Weltbank, NZZ)

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Mozambique
Kampf gegen Korruption nimmt zu.

In Nampula wurden über 60 Polizisten wegen Nichteignung und krimineller Machenschaften aus dem Polizeidienst entlassen. Gegen weitere 100 wurden disziplinarische Massnahmen ergriffen. Der Gouverneur von Inhambane hat angekündigt, dass Mitarbeiter der Distriktverwaltungen, die ihre Aufgaben nicht erfüllen, künftig auch keinen Lohn mehr erhalten werden. Bei Besuchen in den Distrikten, die durch den Zyklon Japhet betroffen waren, musste er feststellen, dass kaum eine der beschädigten Schulen wieder instandgestellt worden war, obwohl die Baumaterialen zur Verfügung gestellt worden waren. Die Antikorruptionsbehörde bei der Staatsanwaltschaft hat Bürgertelefone eingerichtet, mit denen jedermann Anzeigen und Beschwerden direkt der Behörde geben kann, ohne die Büros aufzusuchen. (Quelle: Mosambik-Rundbrief)

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Südafrika
Massiver Brain-Drain.

Tausende von Ärzten, Krankenschwestern, Ingenieuren und anderen, gut ausgebildeten Fachleuten verlassen Jahr für Jahr das Land. Dabei ziehen nicht nur weisse Fachleute aus dem Land, die aufgrund der Stellenbesetzung durch Schwarze keine Berufschancen mehr sehen, sondern zunehmend auch schwarze Fachleute, die im Ausland ein Mehrfaches verdienen können. Eine gezielte Abwerbung von Klinikpersonal erfolgt aus Grossbritannien. Mehr als 1000 ausgebildete Schwestern nehmen jedes Jahr eine Arbeit in Grossbritannien auf. Bereits 1997 hatte Nelson Mandela Grossbritannen gebeten, die Abwerbung einzustellen, doch ohne Erfolg. Einen Spagat versucht nun das private südafrikanische Spitalunternehmen Netcare, das jeweils für eine Zeit bis zu drei Monaten Teams von bis zu 100 Spezialisten, darunter auch Ärzte, nach Grossbritannien zum Einsatz sendet. In dieser Zeit verdient das Personal signifikant mehr als in Südafrika. (Quelle: NZZ)

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São Tomé & Principe
Verheissungsvolle Zukunft?

Der Golf von Guinea ist erdölreich. Davon profitieren schon Nigeria, Gabon und Äquatorialguinea. Nun sind auch Erdölfelder im Meer zwischen der Inselrepublik São Tomé e Principe und Nigeria gefunden worden. Damit eröffnen sich dem kleinsten, bevölkerungsschwächsten Land Afrikas, das mit 300 Mio. $ hochverschuldet ist, neue Perspektiven. 2004 soll mit der Ölförderung begonnen werden. Vom Ertrag fliessen 60% nach Nigeria, São Tomé erhält 40%. Erstmalig will eine Landesregierung die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft öffentlich publizieren. Doch löst der bevorstehende Wohlstand nicht nur Freude aus. Im Juli putschten Militärs, als der demokratisch gewählte Präsident im Ausland weilte. Doch nach Interventionen des nigerianischen Staatschefs Obasanjo kehrte der Präsident in Begleitung Obasanjos ins Land zurück, den Putschisten wurde im Gegenzug Straffreiheit gewährt.

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Afrika
NEPAD-Projekte

Im Rahmen der "Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung" nehmen erste Projekte langsam Gestalt an. Ein Projekt betrifft die Vernetzung lokaler oder nationaler Stromnetze zu regionalen Netzen. Die Afrikanische Entwicklungsbank finanziert die Stromvernetzung zwischen Nigeria, Togo und Benin. Ein anderes Projekt sieht die Vernetzung zwischen Spanien, Marokko und Algerien vor. Die Arbeiten haben bereits begonnen. Doch bei anderen Projekten harzt es. Sie kommen nicht vom Fleck, so etwa ein vereinheitlichtes afrikanisches Luftüberwachungssystem oder ein Wasserbewirtschaftungssystem im Nil-Becken. (Quelle: Business Report Online)

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SADC im Umbruch

Die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas, die aus der Frontstaatenbewegung hervorgegangen ist, stösst an Grenzen. Zimbabwe, das eine führende Rolle spielte, kann diese aufgrund des eigenen wirtschaftlichen Niederganges nicht mehr ausüben. Zahlreiche Projekte sind eingestellt worden. Nun hat die Inselgruppe der Seychellen den Austritt aus der SADC angekündigt, da sie den Mitgliederbeitrag nicht mehr bezahlen will. Mit diesem Schritt, der auf einem Sparprogramm beruht, treten die Seychellen auch aus anderen Organisationen aus und schliessen verschiedene Botschaften. (Quelle: The Star)

If it’s got the funk, it’s in the box’
   Afro Funk und Fusion für die Clubszene

In letzter Zeit sind mehrere Alben mit Afro Beat, Funk, Fusion und Soul der späten 60er und 70er Jahre auf den Markt gekommen. Diese Tendenz hat ihren Ursprung in der Clubszene Londons. Jan Chudozilov und Veit Arlt stellen drei CDs vor, die uns eine scheinbar vertraute Musik neu entdecken lassen.

"Only the strong survive", so der Titel der Soul-Dokumentation von Hegedus und Pennebaker, die zur Zeit in den Kinos läuft. Der Film erinnert uns daran, dass Funk, Beat und Soul in den 70ern auch in Afrika in Mode waren. Afrikanische Musiker haben neben den üblichen Coverversionen der Copyright-Bands in diesem Bereich auch hervorragende Eigenkompositionen geschaffen. Allerdings ist von ihrer Musik bis auf wenige Ausnahmen wie Fela Kuti oder Osibisa kaum etwas bis nach Europa gedrungen. Viele Bands produzierten ohnehin nur gerade eine oder zwei Funk- oder Beat-Singles, bevor sie sich wieder einem anderen Stil zuwandten oder gleich ganz von der Bildfläche verschwanden.

Auch wirtschaftliche und politische Faktoren wirkten sich negativ aus: gerade die Militärputsche der späten 70er Jahre zwangen die Musikszene vielerorts in die Knie. Während in Amerika und Europa die Soulmusik von den Produzenten in ein Disco-Format gezwängt wurde, scheiterten afrikanische Musiker zunehmend an den Produktionskosten dieser aufwändig instrumentierten Musik. In den letzten drei Jahren ist eine ganze Reihe von CDs mit diesem für die späten 60er und 70er Jahre so typischen Sound erschienen und macht ihn erstmals einem internationalen Publikum zugänglich. Allen diesen Produktionen ist gemeinsam, dass sie von jungen DJs aus der Londoner Clubszene zusammengestellt wurden, die dafür ihre eigenen unabhängigen Labels gegründet haben.

Die soeben erschienene Kompilation Ghana Soundz vermittelt einen guten Einblick in die Musikszene Ghanas der 70er Jahre und besticht durch eine grosse stilistische Vielfalt. Natürlich darf hier der bekannteste Exponent von Ghana’s Funky Highlife Gyedu Blay Ambolley nicht fehlen. Die üblicherweise als Highlife Band bekannten Sweet Talks legen in ihrem Fusion Titel "Eyi Su Ngaangaa" ein modern instrumentiertes Bläser-Arrangement über ein Fundament mit Rhythmen aus ganz Ghana. Ein weiterer Höhepunkt ist der Titel "Nite Safari", der von The Black Star Sound 1966 in London aufgenommen und bei einem kleinem westindischen Label vertrieben wurde. Auch diese exzellente Fusion vereinigt lateinamerikanisch inspirierten Jazz mit einem Ashanti Tanzrythmus (Adowa). Mit ihrem liebevoll gestalteten und reich dokumentierten Booklet ist Ghana Soundz definitiv ein Liebhaberstück.

Trotz des irreführenden Titels bietet die CD Afro Rock Vol. 1 hypnotischen Afro Funk. Von den treibenden Rhythmen Ishmael Jingos und Sierra Leone’s Geraldo Pino über Steele Beauttah aus Kenya, bis hin zum relaxten Groove von John Collins’ Bokoor Band aus Ghana sind Musikschaffende quer durch den Kontinent vertreten. Mit Dackin Dackino und dem Orchestra Lissanga zeigen zwei Bands aus dem damaligen Zaïre, dass der Afro Beat auch das frankophone Afrika erfasst hatte. Leider vermag das etwas dürftige Booklet der CD dem Vergleich mit jenem von Ghana Soundz nicht Stand zu halten.

Stellvertretend für die vielen Afro Funk Produktionen des Labels STRUT haben wir uns die CD Super Afro Soul herausgepickt, eine Neuauflage der gleichnamigen LP von Orlando Julius and his Modern Aces aus dem Jahr 1966. Julius kann auf eine lange und noch längst nicht abgeschlossene, internationale Karriere als Produzent, Arrangeur und Musiker zurückblicken. Super Afro Soul bietet in erster Linie klassische Highlife-Tanznummern, die mit Soul-geprägten Bläsersätzen gewürzt sind. Neben einer Coverversion von "My Girl" (Temptations) findet sich mit dem "Ijo-Soul" ein Titel, der stark an James Browns Hit aus dem Jahr 1965 "I got you (I feel good)" erinnert. Dem schön gemachten und sorgfältig dokumentierten Booklet entnehmen wir, dass es Orlando Julius gewesen sein soll, der den Afro-amerikanischen Soulmusiker inspirierte.

Aus London vernehmen wir, dass inzwischen schon Ghana Soundz Vol. II und weitere, ähnlich konzipierte Scheiben mit Musik aus Nigeria und Benin in Vorbereitung sind. Zudem hat der Erfolg von Ghana Soundz Vol. I seinen Produzenten Miles Cleret veranlasst, eine neue CD mit Ebo Taylor und C.K. Mann einzuspielen. Wir dürfen uns darauf freuen, dass die beiden alten Stars in den nächsten Jahren auf Europa-Tournee kommen. Wie war das doch gleich? "Only the strong survive"!

  • Ghana Soundz, Afro Beat, Funk and Fusion in 70’s Ghana. Diverse Interpreten (Soundway SNDWCD 001, 2002)
  • Afro-Rock, Volume One. A collection of rare and unreleased Afro-Beat quarried from across the continent. Diverse Interpreten (Kona Records KONACD 001, 2001)
  • Orlando Julius and his Modern Aces: Super Afro Soul (Afrostrut STRUTACD 003, 2000)

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Zwei besondere Bücher

    Einblick in die Kunst der San

red. In den letzten Jahren wurde unser Blick auf nichteuropäische Kulturen durch zahlreiche Publikationen und Ausstellungen immer wieder neu geschärft. Auch die Documenta11 hat es sich u.a. zur Aufgabe gemacht – jenseits der Einschränkungen des etablierten westlichen Kunstdiskurses – die Vielfalt der Kunstproduktion in einer globalisierten Welt zu untersuchen.

Der neu erschienene Bildband "Bushman Art" steht in diesem Zusammenhang: Er ermöglicht erstmals einen umfassenden Einblick in die Vielfalt der zeitgenössischen Kunst der San, der Urbevölkerung des südlichen Afrika. Jahrtausende alte, ursprünglich ausschließlich mündlich tradierte Mythen und Legenden werden in den farbintensiven Ölbildern und ausdrucksstarken Druckgrafiken ebenso thematisiert wie die Sicht der San auf die Gegenwart und die jüngere, von Kolonialismus und Apartheid-Regime geprägte Vergangenheit. Viele der Werke haben mittlerweile ihren Weg in internationale Sammlungen und Galerien gefunden.

Die in dem Buch präsentierten Künstlerinnen und Künstler des Kuru Art Project in D’Kar (Botswana) und des !Xun & Khwe Art Project in Schmidtsdrift und Platfontein (Republik Südafrika) stehen somit für eine originäre und lebendige Kunstszene – derjenigen der Aborigines in Australien durchaus vergleichbar.

Die ausgezeichneten Abbildungen von Arbeiten der San werden ergänzt durch Fotografien von Paul Weinberg, die speziell für diese Publikation entstanden sind. Vier in ihrer Perspektive sehr unterschiedliche Essays von renommierten Autoren auf diesem Gebiet untersuchen die Bedeutung der Kunst der Buschleute in der Gegenwartskunst (Ulrich Krempel), die Geschichte und die Inhalte dieser Kunstform (Pippa Skotnes), ihre identitätsstiftende Funktion für die Gemeinschaften der Buschleute selbst (Andreas Sagner) und das soziale Umfeld, in dem die Arbeiten entstehen (Willemien le Roux).

Pippa Skotnes und Stefan Eisenhofer, Bushman Art, Zeitgenössische Kunst aus dem Südlichen Afrika, Stuttgart 2002 (Ardnoldsche Art Publisher)

    Mozambique: Rückblick auf die Wende

Zwei Jahre nach dem Friedenschluss zwischen der regierenden Frelimo und der Rebellenarmee Renamo konnten in Mosambik 1994 erstmals alle politischen Parteien in Präsidentschafts- und Parlamentswahlen teilnehmen. Im Rahmen eines Forschungsprojektes des französischen Centre National de Recherche Scientifique (CNRS) begleitete der Historiker Michel Cahen die erste nationale Wahlkampagne des ehemaligen Rebellenchefs Afonso Dhlakama. Jetzt ist das originale Feldtagebuch erschienen, ergänzt mit einer Einleitung, Karten, und mit ausgedehnten Fussnoten und Kommentaren. Letztere enthalten ein eigentliches Who’s who vom Mosambik der letzten Jahrzehnte und ist eine linguistische Fundgrube. Von Lisa Rimli.

Das Buch "Les Bandits, Un Historien au Mozambique 1994" ist in mehrerer Hinsicht interessant. Zum einen eröffnet es eine wenig beachtete Perspektive jenes historischen Wahlkampfes. Zudem steht die "Welt der Renamo", ihre soziale Basis, im Zentrum von Cahen’s Forschungsprojekt zur Umwandlung der Renamo von einer Guerillagruppe in eine politische Partei. Schliesslich gibt das Feldtagebuch einen Einblick in den interdisziplinären Forschungsansatz der "histoire immédiate", der intensive Feldforschung und teilnehmende Beobachtung mit einer langfristigen historischen Perspektive vereint.

Cahen wählte für die französische Originalausgabe den polemischen Titel "Die Banditen". Die portugiesische Version, die demnächst bei Pierrette Schlettwein Publishing erscheint, benannte Cahen - aus Rücksicht auf die mosambikanische Leserschaft - neutraler "Os Outros" (Die Anderen). Michel Cahen und Christian Geffray gehörten Ende der 1980er Jahre zu den ersten, welche das Paradigma der "bewaffneten Banditen" in Frage stellten. Von der damals noch sozialistischen Frelimo war die Renamo als unpolitische, allein von der Destabilisierungsstrategie des weissen Rhodesien und von Südafrika angetriebene Söldner und "bewaffnete Banditen" charakterisiert worden. Diese These, untermauert mit zahlreichen Dokumenten zu Rhodesiens und später Südafrikas "Geheimkrieg", galt für die westliche Antiapartheidbewegung lange als überzeugendste Erklärung für den Guerillakrieg, der 15 Jahre lang währte.

Cahen bringt eine weitere Erklärung dafür, weshalb westlichen Forschern das politische Innenleben der Renamo lange verborgen blieb. Die Renamo produzierte kaum schriftliche Erzeugnisse, die während des Bürgerkrieges als Hauptquelle der Forschung dienen mussten. Das Schriftliche blieb in erster Linie dem modernen Frelimo-Staat vorbehalten, der alle Städte kontrollierte.

Der erste Teil des chronologisch aufgebauten Tagebuches befasst sich mit Dhlakamas Präsidentschaftswahlkampagne. Auf weiten Strecken der einzige unabhängige ausländische Beobachter, pflegt Cahen Empathie, einen selbstreflexiven Ansatz und kritische Distanz. In seiner Analyse von Dhlakamas Reden, lokalen Wahlstrategien und Lagebeurteilungen weist Cahen auf diverse strukturelle Mängel der Wahlkampagne hin, welche nicht allein auf mangelnde materielle Ressourcen und eine verzerrte Medienberichterstattung zurückgehen. Eine unterschwellig weiterhin vorherrschende hierarchisch-militärische Mentalität innerhalb der Renamo soll zu mangelnder interner Kritik und damit zu einer fatalen Selbstüberschätzung der zu erwartenden Renamo-Erfolge im Süden geführt haben.

Der zweite, längere Teil des Buches ist die Chronik einer stationären ethnologischen Feldforschung in den benachbarten, geographisch vom Save-Fluss getrennten Orten Machanga und Mambone. Beide haben einiges gemeinsam: Immer unter Frelimo-Verwaltung, wählten sie 1994 überwiegend Renamo. Während der Kolonialzeit gehörten beide zum Einflussbereich der frühen nationalistischen Gruppe "Núcleo Negrófilo de Manica e Sofala". Diese wurde nach antikolonialen Protesten in den 1950er Jahren Ziel einer sehr gut dokumentierten polizeilichen Untersuchungs- und Strafaktion durch die Portugiesen. Interviews mit Veteranen der damals sogenannten "Vorfälle von Machanga und Mambone" 1953 legen die Schlussfolgerung nahe, dass sich mindestens an jenen Orten antikoloniale Dissidenz nach der Unabhängigkeit direkt gegen den Frelimo-Staat fortsetzte, und dies aus denselben Gründen: dem Gefühl der Marginalisierung.

Auch heute noch, so Cahens These, steht die Frelimo und der von ihr dominierte Süden mit der Hauptstadt Maputo nicht nur Investoren, Geldgebern und westlichen Medien noch immer näher als die "Welt der Renamo". Diese besitzt ihre Basis in den bevölkerungsreichsten, aber auch ärmsten Provinzen im Zentrum und Norden des Landes. Einen wachsenden Anhang, den Cahen als heterogene "Coalition de marginalités" bezeichnet. Besonders im Hinblick auf die anstehenden Lokalwahlen, an denen die Renamo nach früheren Boykotten erstmals teilzunehmen gedenkt, und vor allem in Aussicht auf die nationalen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2004, in welchen der Renamo erstmals die Chance eines Erdrutschsieges attestiert wird, gibt Cahen’s Buch einen wichtigen Einblick in das vernachlässigte, "andere" Mosambik.

Michel Cahen, Les Bandits. Un historien au Mozambique 1994, Paris 2002 (Centre Culturel Calouste Gulbenkian). Mit Einleitung, Karten und Indices. Deutsche Ausgabe in Vorbereitung bei Pierrette Schlettwein Publishing, Basel (Klosterberg 21/23, 4051 Basel)

Das Afrika-Bulletin
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