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| Kleinkredite als
Entwicklungsmotor hus.
"Ujamaa" stand für einen gemeinschaftlichen, auf Dorfebene basierenden Aufbau
in den ländlichen Gebieten Tanzanias. In Zimbabwe arbeiteten Dorfgemeinschaften in der
"Mushandira Pamwe"-Bewegung zusammen. Mozambique und Angola setzten von allem
Anfang an auf Genossenschaften im klassischen Sinn. Doch all diese Bewegungen, die eine
egalitäre, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestützte Entwicklung ermöglichen
sollten, sind heute mehr oder minder versandet. "Box closed" stand dann auch
handschriftlich auf einem Brief vermerkt, den die Projektgruppe des Afrika-Komitees vor
kurzem an Projektpartner geschrieben hatte, und der schliesslich wieder in unserem
Postfach landete. Offensichtlich sind gemeinschaftliche Entwicklungskonzepte , vorab in
Grossprojekten, schwierig durchzustehen, vor allem dann, wenn die ideologischen Grundlagen
nicht einmal aus der eigenen Tradition stammen.
Wieviele Millionen Dollar Entwicklungsgelder
oder sind es Milliarden flossen wohl in solche Projekte, die so gut in unsere
Vorstellung passten? Und wieviele Entwicklungsruinen wurden in den kurzen zehn, zwanzig
Jahren finanziert? Diese Fragen sind Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, Analysen,
Konferenzen.
Und nun sehen wir, dass lokale Initiativen, die einem
klaren, ungeschminkten Kleinkapitalismus entsprechen, Erfolg haben können. Die
Finanzierung von Eigeninitiativen mit Kleinkrediten respektive in unserem Rahmen:
Kleinstkrediten, zeitigt weltweit Erfolg. Überraschende Erkenntnisse: Kleinstkredite
zeichnen sich unter anderem durch eine erstaunliche hohe Rückzahlungsrate aus. Das war
bei Genossenschaften gerade anders, dort war die Rückzahlung eher die Ausnahme. Müssen
wir umdenken? Geschieht eine Entwicklung auch in Afrika zuerst einmal über ein
afrikanisches KMU (Kleines und mittleres Unternehmen), das nach klassischen
kapitalistischen Ansätzen funktioniert? Immerhin: Wenn damit Arbeit und Verdienst
geschaffen werden kann, wenn darauf eine Existenz begründet werden kann, kann dies ein
kleiner Schritt zu einer weiteren Entwicklung sein.Deshalb gehen wir in der vorliegenden
Ausgabe auf die Erfahrungen und die Verbreitung von Mikrokredit-Organisationen in der
Dritten Welt ein. |
Graswurzel-Banken
Schlüssel zur Entwicklung?Auch in den armen Ländern der Dritten Welt gibt es initiative
Menschen, die mit einer Geschäftsidee eine wirtschaftliche Existenz begründen möchten.
Doch vielfach fehlt es am notwendigen Startkapital. In den letzten Jahren wurden
Finanzierungsformen gesucht und gefunden, die Starthilfen gewähren und dies mit
erstaunlichem Erfolg. Diese Mikrokreditprogramme beruhen auf dem Grundsatz der
Selbsthilfe, wie bei uns in den Anfangszeiten Konsumvereine, Kredit- oder
Bürgschaftsgenossenschaften und sogar Kranken- und Vorsorgekassen aufgebaut wurden. Als
Muhammad Yunus Anfang der 70er-Jahre die Idee hatte, Menschen Geld zu leihen, die als
nicht kreditwürdig galten, wurde er von vielen belächelt. Heute wird der Professor aus
Bangladesch weltweit als Experte anerkannt und seine Grameen Bank gilt als Musterbeispiel
für den Erfolg des Mikrokredit-Konzepts. Ein Bericht von Hanne May.
Warum sind Mikrokredite überhaupt notwendig? Das
Konzept wurde schon Anfang der 50er-Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit erprobt.
Vielen armen Kleinbauern fehlten beispielsweise die Mittel, das Saatgut für die nächste
Anbauperiode oder neues Gerät anzuschaffen. Für diese Investitionen erhielten sie
Kleinkredite von Hilfsorganisationen, die sie nach der Ernte zurückzahlten. Eine
kommerzielle Bank hätte sie nie als Kunde akzeptiert. Ihre einzige Alternative waren die
örtlichen Geldverleiher, die sich ihre Darlehen aber mit Wucherzinsen von bis zu 100
Prozent im Monat vergolden ließen. An dieser Problematik hat sich in den meisten
Entwicklungsländern bis heute wenig geändert.
Bei Mikrokrediten werden wie der Name schon
sagt sehr kleine Summen verliehen. Sie reichen von ca. 30 bis maximal 15 000
Franken je nach Land und KreditnehmerInnen, meist rückzahlbar innerhalb eines
Jahres. Insbesondere in den armen Entwicklungsländern liegt die Kredithöhe aber selten
über 1500 Franken. Nicht zuletzt deshalb scheuen kommerzielle Banken das Geschäft.
Schliesslich ist der Verwaltungsaufwand für einen Kleinkredit genauso hoch wie für eine
höhere Summe.
Das ist auch bei Mikrofinanz-Institutionen nicht
anders. Viele arbeiten zudem dezentral, das heisst: Die "Bank" kommt zum Kunden.
Häufig werden feste Kredit- und/oder Spargruppen direkt vor Ort gebildet, die sich
wöchentlich treffen. Im Rahmen dieser Treffen werden von einem Mitarbeiter die Raten
eingesammelt. Ein aufwändiges Verfahren, das schnell zu Verwaltungskosten von 25 Prozent
der Kreditsumme führt. Die Zinssätze von Mikrokrediten liegen deshalb durchschnittlich
zwischen 20 und 80 Prozent pro Jahr.
Den hohen Kosten stehen hohe Rückzahlquoten von über
97% gegenüber. Zudem minimiert die breite Streuung der Kreditportfolios das
Ausfallrisiko. "Poor always pay back" Arme zahlen immer zurück, sagt
Grameen-Gründer Yunus. Zudem gehen die Minikredite, vor allem in Asien, überwiegend an
Frauen. Und die gelten auch in konservativen Bankenkreisen als sehr solide. So sagte
beispielsweise der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, kürzlich in einem
Interview, eigentlich sollten Banken nur noch an Frauen Geld verleihen, die gingen damit
viel verantwortungsvoller um.
Mikrokredit: Ein riesiger Markt
Die Consultative Group to Assist the Poorest (CPAG) -
ein Zusammenschluss von 29 staatlichen Entwicklungsministerien, -organisationen und
-banken - schätzt, dass weltweit 500 Millionen Menschen keinen Zugang zu
Finanzdienstleistungen haben. Ihr durchschnittlicher Kreditbedarf liegt bei rund 800
Dollar pro Jahr. Bankexperten gehen davon aus, dass bislang erst rund 5% des Bedarfs
gedeckt sind. Nicht zuletzt aufgrund dieses riesigen Potenzials ist der Mikrokredit-Markt
seit einigen Jahren "en vogue".
Der bislang ausgeschlossene Personenkreis in
vielen Entwicklungsländern die Bevölkerungsmehrheit könnte mit
Finanzdienstleistungen seine Lebenssituation verbessern. Schon heute eröffnen viele
Kleinstunternehmer dank Mikrokrediten ein Geschäft, Handwerker richten Werkstätten ein.
Ist die Geschäftsidee erfolgreich, kann der Kredit schnell zurückgezahlt und
gegebenenfalls ein neuer, grösserer aufgenommen werden. Zudem vergeben die meisten
Organisationen nicht nur Kredite, sondern bieten auch - zum Teil sogar verpflichtend -
Sparprogramme an. So können die Kunden aus eigener Kraft Vermögen bilden und sich besser
gegen Unwägbarkeiten wie Naturkatastrophen, Krankheiten oder Arbeitslosigkeit absichern.
Kleiner Beitrag, grosse Wirkung - lautet die positive
Botschaft des Mikrokredit-Modells. Deshalb haben viele staatliche
Entwicklungshilfeorganisationen, wie beispielsweise die deutsche Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit (GTZ), in den 90-er Jahren ihre Strategie modifiziert von dem
bisherigen Leitmotiv "Finanzierung der Entwicklung" zu "Entwicklung der
Finanzierung". Grundlage des Strategiewechsels war die Erkenntnis, dass erst ein
funktionierendes Finanzsystem, das allen Teilen der Bevölkerung Zugang zu
Finanzdienstleistungen ermöglicht, Grundlage für den Aufbau einer funktionierenden
Markwirtschaft sein kann. Nicht zuletzt weil die Kleinkredite - ähnlich wie bei der
Entwicklung von Kreditgenossenschaften oder Bausparkassen - nach dem Grundsatz der
Selbsthilfe auch zum Auf- und Ausbau eines funktionsfähigen Mittelstands beitragen
können.
Massgeblich gefördert durch staatliche und
nichtstaatliche Geldgeber sind weltweit inzwischen bis zu 70000
Mikrofinanz-Institutionen aktiv. Dabei handelt es sich keineswegs um eine homogene Gruppe.
Vielen kleinen Organisationen stehen wenige wirklich grosse gegenüber. Und als
reguliertes Finanzinstitut agiert derzeit nur eine Minderheit. Die meisten
Mikrofinanz-Institutionen arbeiten als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und genießen
so einen anderen Rechtsstatus mit oftmals weniger strengen Auflagen. Für Investoren sind
aber in der Regel nur regulierte Mikrofinanz-Institutionen interessant.
Nach Schätzungen der Schweizer Investmentgesellschaft
Blue Orchard sind bislang zudem erst rund 500 Organisationen wirtschaftlich stabil. Die
deutsche Internationale Micro Investitionen AG (IMI AG) kommt sogar nur auf rund 60
profitabel arbeitende Institute.
Eine Branche im Umbruch
Seit Ende der 90er-Jahre ist Bewegung in die Szene
gekommen. Verschiedene staatliche Entwicklungsorganisationen, grosse Geldgeber und
kommerzielle Banken - u.a. aus Deutschland und der Schweiz - sind bemüht, die Branche zu
professionalisieren und in Form von Unterstützungsfonds das nötige Eigenkapital zum
Aufbau nachhaltig stabiler Finanzinstitute bereitzustellen. Dabei wird ein ganzheitlicher
"Mikrofinanz"-Ansatz vertreten, der Kredite, Sparen und Versicherungen umfasst.
Der Ausbau von Sparangeboten erleichtert die Refinanzierung der Kreditportfolios und
ermöglicht es den Kunden, eigene Liquidität aufzubauen.
Im Zuge dieser Entwicklung sind mehrere
Investmentfonds entstanden, die aber meist nur für institutionelle Investoren bestimmt
sind. Dieser Trend wird von einigen "Donors" begrüsst, die den
Mikrokredit-Sektor aufgebaut haben und sich nun gern zurückziehen würden. Die jahrelange
Förderung hat teilweise zum Aufbau überdimensionierter und ineffizienter
Verwaltungsapparate geführt. Oftmals scheint es, dass der Widerstand mancher
Mikrokredit-Organisation, vom Fördertropf abgenabelt zu werden und sich in einen
regulierten Banken-Status zu begeben, einer Weigerung gleichkommt, sich dem Wettbewerb zu
stellen.
Streitfrage: Für welche Zielgruppe sind
Mikrokredite geeignet?
Ein grundsätzlicher Streit ist darüber entbrannt,
welche Kunden mit Mikrofinanz-Produkten angesprochen werden sollen. Traditionell zielen
Mikrokredite auf die arme und weibliche Bevölkerung, in Asien liegt der Frauenanteil bei
über 90 Prozent. In den 80er-Jahren wurde mit Mikrokrediten auch die Strategie verfolgt,
dadurch langfristig die Position der Frauen in der Gesellschaft zu stärken. Auch wenn es
viele Erfolgsgeschichten von Frauen gibt - Mikrokredite allein führen nicht zum Ziel.
Selbst in Bangladesch, wo die grössten Mikrofinanz-Institutionen der Welt agieren, sind
flankierende Aufklärungsmassnahmen unerlässlich, um wirkliche Fortschritte für die
Frauenrechte zu erzielen.
Deutlich konträrer sind die Positionen bei der Frage,
ob Mikrokredite das geeignete Mittel sind, um die Ärmsten der Armen zu erreichen. Ja,
sagt beispielsweise die Grameen Bank. Eine Studie habe gezeigt, dass jährlich 5 Prozent
der Mitglieder dank Mikrokrediten ihre Armut überwinden kann. Ja, sagen auch die
Vertreter der Microcredit Summit Campaign www.microcreditsummit.org.
Die 1997 gestartete Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, weltweit 100 Millionen der
ärmsten Familien durch Mikrokredite ein besseres Leben zu ermöglichen. Zielpunkt ist das
Jahr 2005, das von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Mikrokredite
ausgerufen wird. Zielgruppe sind jene 50 Prozent der Familien, die unterhalb der
nationalen Armutsgrenze leben. Nach Angaben der Weltbank müssen weltweit 1,2 Milliarden
Menschen (rund 240 Mio.. Familien) mit weniger als 1 Dollar am Tag auskommen. An der
Kampagne sind derzeit über 3000 Organisationen beteiligt. Ende 2001 hatten sie weltweit
insgesamt 21,8 Miollionen Familien aus der Zielgruppe erreicht. Die meisten Mitglieder
sind sehr klein, nur 30 Organisationen erreichen schon knapp 55 Prozent aller
Zielgruppen-Kunden. Als Beispiele dafür, dass Organisationen mit armen Menschen zusammen
arbeiten können und dennoch profitabel sind, werden Share (Indien, 80 000 Mitglieder) und
Crecer (Bolivien, 30 000 Mitglieder), genannt. Bei beiden liegt der Anteil der Neukunden
unterhalb der nationalen Armutsgrenze über 60 Prozent.
Von Finanzvertretern und vielen großen Geldgebern
wird die Microcredit Summit Campaign äusserst kritisch gesehen: Zu viele Zahlenspiele,
die Dominanz weniger Organisationen und fragwürdiger Lobbyismus lauten die Einwände. So
zählt beispielsweise der amerikanische Agrarriese Monsanto zu den Sponsoren. Das
Unternehmen hat in Bangladesch schon Ende der 90-er Jahre zusammen mit der Grameen Bank
und Brac Hybrid-Reissorten an Kleinbauern verkauft - über Mikrokredite. Die nicht
vermehrbaren Reissorten garantieren dem Unternehmen jährliche Saatgutverkäufe.
Auch unabhängig von solch fragwürdigen Entwicklungen
sagen Bankenvertreter und grosse (staatliche) Entwicklungshilfeorganisationen: Extrem arme
Menschen sind nicht die geeignete Klientel für Mikrokredite. Menschen ohne stabiles
Einkommen können Kredite nicht zurückzahlen und werden dadurch nur tiefer in Schulden,
Armut und Abhängigkeit getrieben. Sie brauchen Unterstützung durch spezielle
Entwicklungsprogramme. Vor allem Investmentfonds von Banken zielen auf ein
"Upscaling" der Kundengruppe: Angesprochen werden sollen Kleinunternehmen,
Handwerksbetriebe aus dem klassischen Mittelstand, die ebenfalls kaum Zugang zu
bezahlbarem Kapital haben.
Schlüsselrolle der Frauen
Den weiblichen Kreditnehmern kommt eine
Schlüsselrolle zu, und spezielle Einrichtungen, die über die finanzielle Position der
Frau deren Stellung insgesamt stärken, leisten einen wichtigen Beitrag, über das
Selbstvertrauen der Frauen in ihre Fähigkeiten zu einer auf gleichberechtigte
Partnerschaft gründenden Entwicklung beizutragen. Frauen mit niedrigen bis mittleren
Einkommen sind auch die Zielgruppe der First Women Bank Ltd. in Karachi (Pakistan), die
1989 entstand (www.fwbl.com.pk). Die von 5 Banken
(90 % des Kapitals) und dem Staat (10 %) gegründete Bank hat bisher fast 15000
Frauen bei Existenzgründungen unterstützt.
Die Anfänge einer weltweiten Initiative, dem
Womens World Banking (www.swwb.org), die ein
enges Netzwerk für Frauen geknüpft hat, gehen auf das Jahr 1979 zurück. 2001 wurde das
WWB Global Network for Banking Innovation in Microfinance gebildet, dessen
Gründungsmitglieder etablierte Finanzdienstleistungsinstitutionen sind. Dazu zählen v.
a. öffentliche Förder- und Entwicklungsbanken, nationale Genossenschaftsbanken, darunter
die Triodos Bank (NL), und das World Council of Credit Unions (USA), Fonds internationaler
Banken wie die Citigroup Foundation (USA) oder die Deutsche Bank, der Microcredit
Development Fund (USA) sowie weitere Finanzdienstleister.
Weltweite Streuung
Besonders weit verbreitet sind
Mikrofinanz-Institutionen in Form von Banken, NGOs oder Kreditgenossenschaften in Asien.
In Indonesien ist dies z.B. das System der Rakyat Bank, in Thailand die Bank for
Agriculture and Agricultural Cooperatives (www.bacc.or.th),
in Vietnam der Peoples Credit Fund. In Bangladesch sind mit der Grameen Bank und
Brac die grössten Mikrofinanzinstitutionen der Welt aktiv. Zusammen erreichen sie weit
über 5 Millionen Kunden.
In Asien sind zwar die meisten
Mikrofinanz-Institutionen beheimatet, aber unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind die
Organisationen in Lateinamerika und Südamerika deutlich erfolgreicher. Deshalb sind sie
in den Fondsportfolios auch viel stärker vertreten. Ein Beispiel für viele ist die
Acción International (www.accion.org), die 1961 in
Caracas (Venezuela) entstand und mittlerweile in 15 Ländern Lateinamerikas und der
Karibik, fünf afrikanischen Ländern südlich der Sahara und an über 30 Standorten in
den USA arbeitet.
Rückblickend hat Acción im letzten Jahrzehnt
insgesamt rd. 3,8 Mrd. Dollar Mikrokredite an rd. 2,3 Mio. Menschen vergeben. Seit März
2003 ist die auf den Cayman Islands mit einem Startkapital von 18 Mio. Dollars neu
gegründete Acción Investments in Microfinance aktiv. Potenzial für Mikrofinanzierung
besteht vor allem noch in (West-) Afrika, wo sie am Anfang stehen. Allerdings arbeiten von
der Weltbank als sehr positiv eingestufte Institutionen schon in Guinea, Senegal, Burkina
Faso oder Mali. In Ghana, Kenia, Malawi oder Nigeria besteht traditionell ein System der
informellen Kleinkreditvergabe.
Die Verfasserin Hanne May ist freie Journalistin
und Autorin und lebt in Wiesbaden (BRD). Sie ist stellvertretende Vorsitzende der
Organisation Mati e.V., Selbstbestimmte Dorfentwicklung in Bangladesch. Den Beitrag haben
wir mit freundlicher Genehmigung von der Zeitschrift "Öko-Invest" übernommen
(Öko-Invest, Schweizertalstrasse 8-10/5/1, A-1130 Wien; www.oeko-invest.de). |
| Grameen Bank Das 1976 von Muhammad Yunus gegründete
Kleinkredit-Projekt wurde 1983 in eine Bank nach staatlichem Recht umgewandelt. Die
Grameen Bank hat 12 000 Mitarbeiter, die in über 60 Prozent aller Dörfer des Landes
aktiv sind. Von den 2,4 Mio. Bankkunden sind 95 Prozent Frauen.
Diesen Frauen gehört die Bank, denn sie stellen 90
Prozent der Einlagen. Seit 1995 erhält Grameen nach eigenen Angaben keine Fördergelder
mehr, muss aber noch verschiedene zinsgünstige Darlehen zurückzahlen. Die vorhandenen
Kundeneinlagen deckten im August 2002 rund 67 Prozent der ausstehenden Kredite - von einer
Kostendeckung ist Grameen also, trotz jahrzehntelanger Förderung, noch ein gutes Stück
entfernt.
Bis Ende 2002 hatte Grameen insgesamt ca. 3,5 Mrd.
Dollar an Krediten vergeben, wovon bereits 3,2 Mrd. Dollar zurückgezahlt wurden. Im
vergangenen Jahr hat die Bank wieder eine Rückzahlquote von 98,45 Prozent geschafft.
Diese hohe Quote führt Yunus u.a. auf die Organisation in Kreditnehmergruppen
("peer-group monitoring") zurück: dadurch entsteht eine breitere Haftungsbasis
und die Mittelverwendung bleibt den Gruppenmitgliedern transparent. Die Kreditnehmer
erklären sich mit den "16 decisions" einverstanden, die sich auf die
verschiedensten Lebensbereiche beziehen wie Hausbau/sanitäre Einrichtungen/Hygiene,
Ernährung, Geburtenkontrolle, Erziehung und Grundsätze zum Miteinander in der Familie
und (Dorf-) Gemeinschaft. Zudem meint Yunus, dass Frauen (anfangs wollten sie gar keinen
Kredit, um eheliche Konflikte zu vermeiden) fähiger seien, mit dem Geld produktiver
umzugehen. Sie denken an die Zukunft ihrer Kinder und würden das Geld nicht wie die
Männer vor allem für Statussymbole ausgeben.
Doch Ende der 90er-Jahre geriet Grameen in die Krise.
Schon lange wurde die rigide Kreditvergabe kritisiert: In jedem Dorf soll sich eine
begrenzte Anzahl von Gruppen mit jeweils einer Höchstzahl von Kreditnehmern gegenseitig
unterstützen. Die Kundinnen schließen sich in Fünfergruppen zusammen, in der jede für
jede bürgt. Kann ein Mitglied den Kredit nicht zurückzahlen, bekommt künftig keine mehr
einen Kredit. Zahlungsaufschübe - z.B. bei unvorhersehbaren Schwierigkeiten - waren nicht
vorgesehen. Zunehmender Unmut über diese Bedingungen, einzelne Übergriffe von
Mitarbeitern und die Folgen schwerer Überschwemmungen im Jahr 1998 führten zu
erheblichen Zahlungsausfällen.
Zwischenzeitlich sank die Rückzahlquote auf 88
Prozent. Deshalb hat Grameen sein Vergabesystem seit Anfang 2000 grundlegend umgestellt.
Bei Zahlungsschwierigkeiten können Kundinnen künftig aussetzen, Raten senken und die
Laufzeit strecken. Besonders arme Mitglieder werden ausserhalb der Gruppen von einem
Mentor betreut. Neu eingeführt wurde u.a. eine Pensionskasse, die inzwischen schon
monatlich 1,75 Mio.. Dollar Beiträge verbucht, und ein Förderdarlehen für
Universitätsstudien, vergleichbar dem deutschen Bafög.
Das Grameen-Modell hat weltweite Verbreitung gefunden.
Die Organisation Cashpor vertritt beispielsweise 23 nach Grameen angelegte Banken in neun
Ländern Asiens. Unterstützt werden diese Nachfolgebanken z.B. von der Calvert Foundation
(USA) oder Peoples Fund (USA), einer eigens für diese Banken gegründeten Stiftung.
Informationen: www.grameen-info.org |
| Brac-Bank Die 1972 für heimkehrende Flüchtlinge
des Unabhängigkeitskriegs Bangladeschs gegründete Hilfsorganisation ist heute eine der
grössten Nichtregierungsorganisationen der Welt.
Rund 60 000 Mitarbeiter erreichen 68 Miollionen
Menschen mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung Bangladeschs. Brac stellt gut
ein Drittel der Schulkapazitäten, hat mehr als ein Dutzend Ausbildungszentren und eine
eigene Universität. Zur Finanzierung wurden grossee Agrarbetriebe und eine
Kunsthandwerkskooperative aufgebaut. Die im regulierten Status arbeitende Brac Bank
finanziert überwiegend "Small & Medium Enterprise", das heisst
Mittelständler und mittelgroße Unternehmen.
Im Rahmen seines Entwicklungsprogramms vergibt Brac
Mikrokredite an rund 3,65 Mio. Mitglieder, davon 98 Prozent Frauen. Ähnlich wie Grameen
arbeitet Brac mit "Village Organisations" (ca. 40-45 Mitglieder), die
"Solidarity Groups" (je 5 Mitglieder) bilden. Allein im Jahr 2002 wurden gut 292
Mio. Dollar neue Kredite bewilligt, die Rückzahlquote lag sensationell bei über 99
Prozent. Fast 86 Mio. Dollar hatten die Kundinnen auf ihren Sparkonten. Damit verfügt
Brac über das grösste Mikrokredit-Programm weltweit, das seit 2001 kostendeckend
arbeitet. Weiterer Fortschritt: Nach Erhebungen von Brac hat sich der Anteil der Frauen,
die selbständig über ihr Einkommen verfügen können, seit Programmstart von 30 auf 60
Prozent verdoppelt.
Informationen: www.bacc.or.th |
Aufbau einer ländlichen Spar-
und Leihkasse
Ein Kleinkreditprojekt in EritreaDank einer Spar- und Leihkasse
erhält die arme Bevölkerung der Region Southern Zone in Eritrea Kredite zu günstigen
Konditionen. Nach 30 Jahren Befreiungskampf ist Eritrea 1993 unabhängig geworden. Beim
Aufbau des Landes will die Regierung in erster Linie die ländliche Entwicklung fördern,
um eine Selbstversorgung möglich zu machen. Mit Krediten sollen die Kleinbauern ihre
landwirtschaftlichen Erträge und damit ihr Einkommen verbessern können. Bis zur
Gründung von SZSCS (Southern Zone Savings and Credit Scheme) im Jahre 1994 waren die
armen Bevölkerungsschichten kaum an Kapital gekommen, ausser zu Wucherzinsen.
SZSCS, ein Projekt der internationalen
Entwicklungsorganisation ACORD, war die erste ländliche Spar- und Leihkasse in Eritrea.
Mittlerweile ist sie in eine Dorfbank umgewandelt worden, die ihren Mitgliedern gehört.
Dank dem von SZSCS lancierten Kreditprogramm können Bauernfamilien der Region eine
Gemüseproduktion aufbauen. Im Weiteren erhalten initiative Frauen die Möglichkeit, eine
Teestube oder einen Verkaufsstand einzurichten. Jeder Kreditantrag muss von einer Spar-
und Kreditgruppe geprüft und vom Dorfkomitee bewilligt werden.
Nur die intensive Ausbildung und Begleitung der
Spargruppen und Komitees garantiert einen erfolgreichen Projektverlauf. Deshalb werden sie
in kaufmännischen Grundkenntnissen unterrichtet. Die Einrichtung von genossenschaftlich
funktionierenden Dorfbanken hilft der Bevölkerung, sich vermehrt selber zu organisieren.
Die Mitglieder übernehmen die Verantwortung für die Kreditvergabe nun selbst.
Das Kleinkreditprojekt in Eritrea wurde vom
Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) finanziert. Informationen bei:
HEKS, Stampfenbachstrasse 123, Postfach, CH-8035 Zürich, Tel 01 361 66 00, mailto:info@hekseper.ch. |
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Apartheidklagen gehen in
eine entscheidende Runde
Kampagne für
Entschuldung und Entschädigung Am 6. November wird Richter Sprizzo in New York die Vertreter
aller beteiligten Parteien anhören und in den darauf folgenden Monaten entscheiden, ob er
die von den beiden Anwälten Michael Hausfeld und Ed Fagan eingereichten Klagen von
Apartheidopfern zulassen wird. Die beiden Klagen unterscheiden sich in wesentlichen
Aspekten. Die von Michael Hausfeld im Auftrag von Khulumani eingereichte Klage, die auch
von der internationalen Kampagne unterstützt wird, ist im Gegensatz zu derjenigen von
Fagan keine Sammelklage, sie argumentiert mit der Verletzung des Völkerrechts durch die
beklagten Firmen, die mit ihrer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem öffentlichen
Sektor des Apartheidregimes wissentlich die Verbrechen der Apartheid mitgetragen und
ermöglicht haben. Wissentlich, weil die Apartheid durch zahlreiche Resolutionen der UNO
als "Verbrechen gegen die Menschheit" beurteilt wurde. Von Barbara Müller.
Die über 50 beklagten Banken und Konzerne haben in
ihrer Antwort auf die vorgebrachten Klagen versucht, die Berechtigung der Klagen mit
formal-juristischen Argumenten abzuweisen. Dabei haben sie von unerwarteter Seite
Schützenhilfe erhalten. Mit einer Eingabe an das New Yorker Gericht hat der
südafrikanische Justizminister Penuell Maduna am 11. Juni 2003 das Gericht aufgefordert,
die Klagen abzuweisen. Er sprach einem ausländischen Gericht das Recht ab, über
Angelegenheiten zu entscheiden, die für Südafrika von grundlegender Bedeutung seien.
Ausserdem würden die souveränen Interessen Südafrikas mit den Klagen tangiert, denn
Südafrika sei auf Investitionen der beklagten Banken und Firmen angewiesen. Die
ANC-Regierung scheint ein kurzes Gedächtnis zu haben. Noch 1989 hatten ihre Vertreter das
Umschuldungsverfahren eines internationalen Bankkonsortiums, dem die beklagten Schweizer
Banken federführend angehörten, als "Akt der Unmenschlichkeit" verurteilt. Die
damalige Stellungnahme schloss mit den Worten: "Wenn die Zeit kommt, werden sich
Südafrikas Menschen daran erinnern, wie diese Banken mit dem Elend unserer Bevölkerung
Geschäfte gemacht haben."
Anfang Jahr hatten sich die südafrikanischen
Vertreter der Klage und die Regierung darauf geeinigt, dass sich letztere weder für noch
gegen die Klagen aussprechen würde und das Recht der KlägerInnen auf Klagen für
Wiedergutmachung anerkenne. Es gibt einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass der
Gesinnungswandel der Mbeki-Regierung nicht ganz freiwillig erfolgte, sondern auf
Druckausübung zurückzuführen ist. Aussagen von Ohrenzeugen belegen ausserdem, dass das
Justizministerium sein Affidavit nach einer persönlichen Intervention von US
Aussenminister Colin Powell verfasste.
Die Argumente der KlägerInnen werden ebenfalls von
renommierter Seite unterstützt. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Joseph E.
Stiglitz, hat Richter Sprizzo ein Schreiben zukommen lassen, in dem er Bezug auf den Brief
von Justizminister Maduna nimmt und bestreitet, dass die Klagen Investitionen verhindern
würden. Er spricht sich für die Annahme der Klagen aus. Auch Vertreter der
schweizerischen und deutschen Kampagne haben Eingaben eingereicht, in denen sie
begründen, inwiefern die beklagten Banken und Unternehmen dem Apartheidregime in
entscheidenden Krisen wichtige finanzielle und politische Hilfeleistungen erbracht haben.
Die südafrikanische Zivilgesellschaft meldet
sich zu Wort
Unter dem Vorsitz des anglikanischen Erzbischofs
Njongonkulu Ndungane fand Ende August eine Konferenz zur Frage der Reparationen und Klagen
mit Delegierten von rund 50 Organisationen der südafrikanischen Zivilgesellschaft
(Kirchen, Gewerkschaften und NRO) statt, die feststellten, dass die am 16. April 2003 von
Präsident Thabo Mbeki verkündeten Beschlüsse der Regierung den im Abschlussbericht der
südafrikanischen "Wahrheits- und Versöhnungskommission" (TRC) gemachten
Empfehlungen und den legitimen Forderungen der Apartheidopfer bei weitem nicht gerecht
werden. In der von der Konferenz verabschiedeten Resolution heisst es: " Wir
bekräftigen unser Recht, über juristische Massnahmen zu unserem Recht zu kommen."
Die Konferenz bekundete ihre Bereitschaft zu Verhandlungen mit der Regierung und den
südafrikanischen und ausländischen Konzerne. Sie forderte den Justizminister auf, sein
Memorandum zurückzuziehen.
Die Eingabe der schweizerischen Kampagne kann
unter www.aktionfinanzplatz.ch nachgelesen
werden. Barbara Müller ist Mitglied des Afrika-Komitees und vertritt das Komitee in der
Koordinationsgruppe der schweizerischen Kampagne. |
| Zimbabwe: Aktuelle Entwicklung gb (September 2003). Geht Mugabe endlich
oder geht er nicht? Seit Monaten gibt es immer wieder Spekulationen über einen baldigen
Abgang von Mugabe. Heute mehren sich die Anzeichen, dass Mugabe am Zanu-Kongress im
Dezember als Parteivorsitzender zurücktritt und im Juni nächsten Jahres als Präsident.
Viele ZimbabwerInnen können sich allerdings nicht
vorstellen, dass Mugabe freiwillig zurücktritt. Seit Monaten spekuliert wird auch über
den Nachfolger Mugabes. Ist das ein Mitglied der Regierungspartei Zanu oder Morgan
Tsvangirai von der Oppositionspartei MDC? Skeptiker halten allerdings von den Fähigkeiten
Tsvangirais nicht viel. Inzwischen gehen die Versuche der Regierung, ihre Macht mit allen
Mitteln zu halten, weiter. Oppositionelle werden verfolgt, in den Gefängnissen wird
gefoltert und kürzlich wurde die unabhängige Tageszeitung "Daily News"
geschlossen. Der wirtschaftliche Niedergang geht weiter. In den Läden sind keine Waren
mehr erhältlich, dafür blüht der Schwarzmarkt, wo die Waren zu horrenden Preisen
erhältlich sind. Lange Schlangen bilden sich nicht nur bei den Tankstellen, sondern auch
bei den Banken. Den Leuten wird nur noch ein Bruchteil des Lohnes ausbezahlt, weil die
Banknoten fehlen. Diese konnten nicht mehr gedruckt werden, weil das Papier fehlt. Die
Nahrungsmittel sind nach wie vor knapp, die Leute hungern. Gleichzeitig versucht die
Bevölkerung, möglichst normal zu leben. Nach wie vor finden kulturelle Veranstaltungen
statt und es gibt unzählige Gruppen, die nach wie vor aktiv sind.
Weiter Informationen zu Zimbabwe im Rundbrief der
Vereinigung Schweiz-Zimbabwe. Bestelladresse: Vereinigung Schweiz-Zimbabwe, c/o J. Brogli,
Postfach 62, 6405 Immensee. |
| Afrika
in Kürze ......................................
Angola
Von Rot-Schwarz zu Blau-Weiss-Rot.
Agostinho Neto, bis zu einem
Tode 1979 erster Präsident Angolas, würde sein Land nicht mehr wiedererkennen. Die
Symbole der Unabhängigkeit verschwinden und damit die Reminiszenzen an einen
sozialistischen Entwicklungsweg. So ist vor kurzem beschlossen worden, eine vollkommen
neue Verfassung auszuarbeiten. Ebenfalls wurde beschlossen, die Staatssymbole zu ändern.
Die Nationalhymne wird geändert, ebenso das Staatsemblem. Die Fahne in Rot-Schwarz mit
der Machete wird durch eine neue ersetzt, die im roten Mittelfeld ein Sonnensymbol trägt,
das als Felsmalerei in Tchitundu-Hulu in der südangolanischen Namibe-Provinz gefunden
wurde. (Quelle: Jeune Afrique)
......................................
Afrika
Enormer Kapitalabfluss.
Die Wirtschaftskommission der
UNO für Afrika legt einen interessanten Report auf (Economic Report on Africa 2003, www.uneca.org). Darin legt sie erstmals den Finger auf
das Übel der Kapitalflucht und veröffentlicht dazu interessante Zahlen. So wird
aufgezeigt, dass in den Jahren 1970 bis 1996 alleine aus Nigeria 130 Milliarden $ Kapital
abfloss, gefolgt von der Elfenbeinküste (34 Mia.), Angola (20 Mia.), Zaire/Kongo (19
Mia.), Kamerun (17 Mia.), Zambia (13 Mia.), Sudan und Zimbabwe (11 Mia.), Äthiopien (8
Mia.). Gesamthaft sind in diesen 27 Jahren rund 300 Mia. Franken aus Afrika abgeflossen.
Diese Mittel fehlen natürlich beim Aufbau und der Entwicklung einer einheimischen
Wirtschaft.
Andererseits haben die Privatisierungen, von denen
viel gesprochen worden ist, nicht ein enormes Ausmass angenommen. In den Jahren 1970 bis
1996 sind Staatsbetriebe für 10 Mia. $ privatisiert worden. Dabei entfallen alleine auf
Südafrika mehr als 3 Mia.. Für alle anderen Staaten liegen die Privatisierungen unter 1
Mia., nämlich Ghana und Nigeria (je 900 Mio.), Zambia 820 Mio., Elfenbeinküste 620 Mio.,
Senegal (415 Mio.), Äthiopien (410 Mio.).
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Wachstum 2002
Dank den neuerschlossenen Erdölfeldern im
Küstengebiet boomt das kleine Äquatorialguinea. Für das letzte Jahr wird ein
Wirtschaftswachstum von 24,4 % augewiesen. Auf sensationelle 12,2 % bringt es Mozambique,
dem keine sprudelnden Ölquellen geholfen haben. Angola wiederum kommt ebenfalls
dank Öl auf 12 %. Tschad bringt es auf 11 % und Rwanda auf 10 %, gefolgt von Ugnda
(6,1 %), Äthiopien (6 %) und Kapverde (5,8 %). Am andern Ende der Statistik weist Gabon
(trotz Erdöl) ein Wachstum von 03 %, Guinea-Bissau 1,6 %, Malawi 1,7 %
und Madagaskar 3,5 % aus. Das Schlusslicht ist - wie bereits im Vorjahr
Zimbabwe mit 8,8 %. Das durchschnittliche Wachstum wird mit 3,3 % angegeben.
Konflikte und Dürreperioden werden in vielen Ländern für das geringe Wachstum
verantwortlich gemacht.
Im Aussenhandel liegt summenmässig die Kaprepublik
mit 57 Mia. $; 2001) an der Spitze, gefolgt von Nigeria und Algerien (je 30 Mia.), Libyen
(20 Mia.) Marokko (18 Mia.), Tunesien und Ägypten (je 16 Mia.) und Angola (10 Mia.).
Nebst Süafrika kommen also dem Maghreb-Raum resp. den Erdölproduzenten grosse Bedeutung
zu. Interessant wird es, wenn der Pro-Kopf-Aussenhandel verglichen wird. Spitzenreiter
sind die Seychellen-Inseln (7192 $), gefolgt von Äquatorialguinea (5689 $), Libyien (3761
$), Botswana (2946 $), Mauritius (2932 $) und Gabon 2825 $). Eritrea bingt es auf 121 $,
Äthiopien nur auf 22 $ (letzte Position).
Und wo wird investiert? Das meiste Kapital floss 2001
nach Südafrika (6,653 Mia. $), gefolgt von Marokko (2,5 Mia.), Algerien, Nigeria und
Angola (je 1,1 Mia.). Nach Eritrea flossen 34 Mio. $, nach Äthiopien 20 Mio. Am untern
Ende liegt Zimbabwe (5 Mio.), Sierra Leone (4 Mio.), Dschibuti (3 Mio.), Komoren (2 Mio.),
Kapverde und Sao Tomé (je 1 Mio.). Kein Geld floss nach Burundi und Somalia, während aus
Libyen sogar 101 Mio. abflossen. Generell werden rückläufige Investitionen verzeichnet.
(Quelle: Uneca, Weltbank, NZZ)
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Mozambique
Kampf gegen Korruption nimmt zu.
In Nampula wurden über 60
Polizisten wegen Nichteignung und krimineller Machenschaften aus dem Polizeidienst
entlassen. Gegen weitere 100 wurden disziplinarische Massnahmen ergriffen. Der Gouverneur
von Inhambane hat angekündigt, dass Mitarbeiter der Distriktverwaltungen, die ihre
Aufgaben nicht erfüllen, künftig auch keinen Lohn mehr erhalten werden. Bei Besuchen in
den Distrikten, die durch den Zyklon Japhet betroffen waren, musste er feststellen, dass
kaum eine der beschädigten Schulen wieder instandgestellt worden war, obwohl die
Baumaterialen zur Verfügung gestellt worden waren. Die Antikorruptionsbehörde bei der
Staatsanwaltschaft hat Bürgertelefone eingerichtet, mit denen jedermann Anzeigen und
Beschwerden direkt der Behörde geben kann, ohne die Büros aufzusuchen. (Quelle:
Mosambik-Rundbrief)
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Südafrika
Massiver Brain-Drain.
Tausende von Ärzten,
Krankenschwestern, Ingenieuren und anderen, gut ausgebildeten Fachleuten verlassen Jahr
für Jahr das Land. Dabei ziehen nicht nur weisse Fachleute aus dem Land, die aufgrund der
Stellenbesetzung durch Schwarze keine Berufschancen mehr sehen, sondern zunehmend auch
schwarze Fachleute, die im Ausland ein Mehrfaches verdienen können. Eine gezielte
Abwerbung von Klinikpersonal erfolgt aus Grossbritannien. Mehr als 1000 ausgebildete
Schwestern nehmen jedes Jahr eine Arbeit in Grossbritannien auf. Bereits 1997 hatte Nelson
Mandela Grossbritannen gebeten, die Abwerbung einzustellen, doch ohne Erfolg. Einen Spagat
versucht nun das private südafrikanische Spitalunternehmen Netcare, das jeweils für eine
Zeit bis zu drei Monaten Teams von bis zu 100 Spezialisten, darunter auch Ärzte, nach
Grossbritannien zum Einsatz sendet. In dieser Zeit verdient das Personal signifikant mehr
als in Südafrika. (Quelle: NZZ)
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São Tomé &
Principe
Verheissungsvolle Zukunft?
Der Golf von Guinea ist erdölreich. Davon profitieren
schon Nigeria, Gabon und Äquatorialguinea. Nun sind auch Erdölfelder im Meer zwischen
der Inselrepublik São Tomé e Principe und Nigeria gefunden worden. Damit eröffnen sich
dem kleinsten, bevölkerungsschwächsten Land Afrikas, das mit 300 Mio. $ hochverschuldet
ist, neue Perspektiven. 2004 soll mit der Ölförderung begonnen werden. Vom Ertrag
fliessen 60% nach Nigeria, São Tomé erhält 40%. Erstmalig will eine Landesregierung die
Einnahmen aus dem Erdölgeschäft öffentlich publizieren. Doch löst der bevorstehende
Wohlstand nicht nur Freude aus. Im Juli putschten Militärs, als der demokratisch
gewählte Präsident im Ausland weilte. Doch nach Interventionen des nigerianischen
Staatschefs Obasanjo kehrte der Präsident in Begleitung Obasanjos ins Land zurück, den
Putschisten wurde im Gegenzug Straffreiheit gewährt.
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Afrika
NEPAD-Projekte
Im Rahmen der "Neuen Partnerschaft für Afrikas
Entwicklung" nehmen erste Projekte langsam Gestalt an. Ein Projekt betrifft die
Vernetzung lokaler oder nationaler Stromnetze zu regionalen Netzen. Die Afrikanische
Entwicklungsbank finanziert die Stromvernetzung zwischen Nigeria, Togo und Benin. Ein
anderes Projekt sieht die Vernetzung zwischen Spanien, Marokko und Algerien vor. Die
Arbeiten haben bereits begonnen. Doch bei anderen Projekten harzt es. Sie kommen nicht vom
Fleck, so etwa ein vereinheitlichtes afrikanisches Luftüberwachungssystem oder ein
Wasserbewirtschaftungssystem im Nil-Becken. (Quelle: Business Report Online)
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SADC im Umbruch
Die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas,
die aus der Frontstaatenbewegung hervorgegangen ist, stösst an Grenzen. Zimbabwe, das
eine führende Rolle spielte, kann diese aufgrund des eigenen wirtschaftlichen
Niederganges nicht mehr ausüben. Zahlreiche Projekte sind eingestellt worden. Nun hat die
Inselgruppe der Seychellen den Austritt aus der SADC angekündigt, da sie den
Mitgliederbeitrag nicht mehr bezahlen will. Mit diesem Schritt, der auf einem Sparprogramm
beruht, treten die Seychellen auch aus anderen Organisationen aus und schliessen
verschiedene Botschaften. (Quelle: The Star) |
If
its got the funk, its in the box
Afro Funk und Fusion
für die ClubszeneIn
letzter Zeit sind mehrere Alben mit Afro Beat, Funk, Fusion und Soul der späten 60er und
70er Jahre auf den Markt gekommen. Diese Tendenz hat ihren Ursprung in der Clubszene
Londons. Jan Chudozilov und Veit Arlt stellen drei CDs vor, die uns eine scheinbar
vertraute Musik neu entdecken lassen.
"Only the strong survive", so der Titel der
Soul-Dokumentation von Hegedus und Pennebaker, die zur Zeit in den Kinos läuft. Der Film
erinnert uns daran, dass Funk, Beat und Soul in den 70ern auch in Afrika in Mode waren.
Afrikanische Musiker haben neben den üblichen Coverversionen der Copyright-Bands in
diesem Bereich auch hervorragende Eigenkompositionen geschaffen. Allerdings ist von ihrer
Musik bis auf wenige Ausnahmen wie Fela Kuti oder Osibisa kaum etwas bis
nach Europa gedrungen. Viele Bands produzierten ohnehin nur gerade eine oder zwei Funk-
oder Beat-Singles, bevor sie sich wieder einem anderen Stil zuwandten oder gleich ganz von
der Bildfläche verschwanden.
Auch wirtschaftliche und politische Faktoren wirkten
sich negativ aus: gerade die Militärputsche der späten 70er Jahre zwangen die Musikszene
vielerorts in die Knie. Während in Amerika und Europa die Soulmusik von den Produzenten
in ein Disco-Format gezwängt wurde, scheiterten afrikanische Musiker zunehmend an den
Produktionskosten dieser aufwändig instrumentierten Musik. In den letzten drei Jahren ist
eine ganze Reihe von CDs mit diesem für die späten 60er und 70er Jahre so typischen
Sound erschienen und macht ihn erstmals einem internationalen Publikum zugänglich. Allen
diesen Produktionen ist gemeinsam, dass sie von jungen DJs aus der Londoner Clubszene
zusammengestellt wurden, die dafür ihre eigenen unabhängigen Labels gegründet haben.
Die soeben erschienene Kompilation Ghana Soundz vermittelt
einen guten Einblick in die Musikszene Ghanas der 70er Jahre und besticht durch eine
grosse stilistische Vielfalt. Natürlich darf hier der bekannteste Exponent von
Ghanas Funky Highlife Gyedu Blay Ambolley nicht fehlen. Die üblicherweise
als Highlife Band bekannten Sweet Talks legen in ihrem Fusion Titel "Eyi Su
Ngaangaa" ein modern instrumentiertes Bläser-Arrangement über ein Fundament mit
Rhythmen aus ganz Ghana. Ein weiterer Höhepunkt ist der Titel "Nite Safari",
der von The Black Star Sound 1966 in London aufgenommen und bei einem kleinem
westindischen Label vertrieben wurde. Auch diese exzellente Fusion vereinigt
lateinamerikanisch inspirierten Jazz mit einem Ashanti Tanzrythmus (Adowa). Mit ihrem
liebevoll gestalteten und reich dokumentierten Booklet ist Ghana Soundz definitiv
ein Liebhaberstück.
Trotz des irreführenden Titels bietet die CD Afro
Rock Vol. 1 hypnotischen Afro Funk. Von den treibenden Rhythmen Ishmael Jingos
und Sierra Leones Geraldo Pino über Steele Beauttah aus Kenya, bis
hin zum relaxten Groove von John Collins Bokoor Band aus Ghana sind
Musikschaffende quer durch den Kontinent vertreten. Mit Dackin Dackino und dem Orchestra
Lissanga zeigen zwei Bands aus dem damaligen Zaïre, dass der Afro Beat auch das
frankophone Afrika erfasst hatte. Leider vermag das etwas dürftige Booklet der CD dem
Vergleich mit jenem von Ghana Soundz nicht Stand zu halten.
Stellvertretend für die vielen Afro Funk Produktionen
des Labels STRUT haben wir uns die CD Super Afro Soul herausgepickt, eine
Neuauflage der gleichnamigen LP von Orlando Julius and his Modern Aces aus dem Jahr
1966. Julius kann auf eine lange und noch längst nicht abgeschlossene, internationale
Karriere als Produzent, Arrangeur und Musiker zurückblicken. Super Afro Soul
bietet in erster Linie klassische Highlife-Tanznummern, die mit Soul-geprägten
Bläsersätzen gewürzt sind. Neben einer Coverversion von "My Girl"
(Temptations) findet sich mit dem "Ijo-Soul" ein Titel, der stark an James
Browns Hit aus dem Jahr 1965 "I got you (I feel good)" erinnert. Dem schön
gemachten und sorgfältig dokumentierten Booklet entnehmen wir, dass es Orlando Julius
gewesen sein soll, der den Afro-amerikanischen Soulmusiker inspirierte.
Aus London vernehmen wir, dass inzwischen schon Ghana
Soundz Vol. II und weitere, ähnlich konzipierte Scheiben mit Musik aus Nigeria und
Benin in Vorbereitung sind. Zudem hat der Erfolg von Ghana Soundz Vol. I seinen
Produzenten Miles Cleret veranlasst, eine neue CD mit Ebo Taylor und C.K. Mann
einzuspielen. Wir dürfen uns darauf freuen, dass die beiden alten Stars in den nächsten
Jahren auf Europa-Tournee kommen. Wie war das doch gleich? "Only the strong
survive"!
- Ghana Soundz, Afro Beat, Funk and Fusion in
70s Ghana. Diverse Interpreten (Soundway SNDWCD 001, 2002)
- Afro-Rock, Volume One. A collection of rare and
unreleased Afro-Beat quarried from across the continent. Diverse Interpreten (Kona Records
KONACD 001, 2001)
- Orlando Julius and his Modern Aces: Super Afro Soul
(Afrostrut STRUTACD 003, 2000)
b |
| Zwei besondere Bücher Einblick in die Kunst der San
red. In den letzten Jahren wurde unser Blick auf
nichteuropäische Kulturen durch zahlreiche Publikationen und Ausstellungen immer wieder
neu geschärft. Auch die Documenta11 hat es sich u.a. zur Aufgabe gemacht jenseits
der Einschränkungen des etablierten westlichen Kunstdiskurses die Vielfalt der
Kunstproduktion in einer globalisierten Welt zu untersuchen.
Der neu erschienene Bildband "Bushman Art"
steht in diesem Zusammenhang: Er ermöglicht erstmals einen umfassenden Einblick in die
Vielfalt der zeitgenössischen Kunst der San, der Urbevölkerung des südlichen Afrika.
Jahrtausende alte, ursprünglich ausschließlich mündlich tradierte Mythen und Legenden
werden in den farbintensiven Ölbildern und ausdrucksstarken Druckgrafiken ebenso
thematisiert wie die Sicht der San auf die Gegenwart und die jüngere, von Kolonialismus
und Apartheid-Regime geprägte Vergangenheit. Viele der Werke haben mittlerweile ihren Weg
in internationale Sammlungen und Galerien gefunden.
Die in dem Buch präsentierten Künstlerinnen und
Künstler des Kuru Art Project in DKar (Botswana) und des !Xun & Khwe Art
Project in Schmidtsdrift und Platfontein (Republik Südafrika) stehen somit für eine
originäre und lebendige Kunstszene derjenigen der Aborigines in Australien
durchaus vergleichbar.
Die ausgezeichneten Abbildungen von Arbeiten der San
werden ergänzt durch Fotografien von Paul Weinberg, die speziell für diese Publikation
entstanden sind. Vier in ihrer Perspektive sehr unterschiedliche Essays von renommierten
Autoren auf diesem Gebiet untersuchen die Bedeutung der Kunst der Buschleute in der
Gegenwartskunst (Ulrich Krempel), die Geschichte und die Inhalte dieser Kunstform (Pippa
Skotnes), ihre identitätsstiftende Funktion für die Gemeinschaften der Buschleute selbst
(Andreas Sagner) und das soziale Umfeld, in dem die Arbeiten entstehen (Willemien le
Roux).
Pippa Skotnes und Stefan Eisenhofer, Bushman Art,
Zeitgenössische Kunst aus dem Südlichen Afrika, Stuttgart 2002 (Ardnoldsche Art
Publisher)
Mozambique:
Rückblick auf die Wende
Zwei Jahre nach dem Friedenschluss zwischen der
regierenden Frelimo und der Rebellenarmee Renamo konnten in Mosambik 1994 erstmals alle
politischen Parteien in Präsidentschafts- und Parlamentswahlen teilnehmen. Im Rahmen
eines Forschungsprojektes des französischen Centre National de Recherche Scientifique
(CNRS) begleitete der Historiker Michel Cahen die erste nationale Wahlkampagne des
ehemaligen Rebellenchefs Afonso Dhlakama. Jetzt ist das originale Feldtagebuch erschienen,
ergänzt mit einer Einleitung, Karten, und mit ausgedehnten Fussnoten und Kommentaren.
Letztere enthalten ein eigentliches Whos who vom Mosambik der letzten Jahrzehnte und
ist eine linguistische Fundgrube. Von Lisa Rimli.
Das Buch "Les Bandits, Un Historien au Mozambique
1994" ist in mehrerer Hinsicht interessant. Zum einen eröffnet es eine wenig
beachtete Perspektive jenes historischen Wahlkampfes. Zudem steht die "Welt der
Renamo", ihre soziale Basis, im Zentrum von Cahens Forschungsprojekt zur
Umwandlung der Renamo von einer Guerillagruppe in eine politische Partei. Schliesslich
gibt das Feldtagebuch einen Einblick in den interdisziplinären Forschungsansatz der
"histoire immédiate", der intensive Feldforschung und teilnehmende Beobachtung
mit einer langfristigen historischen Perspektive vereint.
Cahen wählte für die französische Originalausgabe
den polemischen Titel "Die Banditen". Die portugiesische Version, die demnächst
bei Pierrette Schlettwein Publishing erscheint, benannte Cahen - aus Rücksicht auf die
mosambikanische Leserschaft - neutraler "Os Outros" (Die Anderen). Michel Cahen
und Christian Geffray gehörten Ende der 1980er Jahre zu den ersten, welche das Paradigma
der "bewaffneten Banditen" in Frage stellten. Von der damals noch
sozialistischen Frelimo war die Renamo als unpolitische, allein von der
Destabilisierungsstrategie des weissen Rhodesien und von Südafrika angetriebene Söldner
und "bewaffnete Banditen" charakterisiert worden. Diese These, untermauert mit
zahlreichen Dokumenten zu Rhodesiens und später Südafrikas "Geheimkrieg", galt
für die westliche Antiapartheidbewegung lange als überzeugendste Erklärung für den
Guerillakrieg, der 15 Jahre lang währte.
Cahen bringt eine weitere Erklärung dafür, weshalb
westlichen Forschern das politische Innenleben der Renamo lange verborgen blieb. Die
Renamo produzierte kaum schriftliche Erzeugnisse, die während des Bürgerkrieges als
Hauptquelle der Forschung dienen mussten. Das Schriftliche blieb in erster Linie dem
modernen Frelimo-Staat vorbehalten, der alle Städte kontrollierte.
Der erste Teil des chronologisch aufgebauten
Tagebuches befasst sich mit Dhlakamas Präsidentschaftswahlkampagne. Auf weiten Strecken
der einzige unabhängige ausländische Beobachter, pflegt Cahen Empathie, einen
selbstreflexiven Ansatz und kritische Distanz. In seiner Analyse von Dhlakamas Reden,
lokalen Wahlstrategien und Lagebeurteilungen weist Cahen auf diverse strukturelle Mängel
der Wahlkampagne hin, welche nicht allein auf mangelnde materielle Ressourcen und eine
verzerrte Medienberichterstattung zurückgehen. Eine unterschwellig weiterhin
vorherrschende hierarchisch-militärische Mentalität innerhalb der Renamo soll zu
mangelnder interner Kritik und damit zu einer fatalen Selbstüberschätzung der zu
erwartenden Renamo-Erfolge im Süden geführt haben.
Der zweite, längere Teil des Buches ist die Chronik
einer stationären ethnologischen Feldforschung in den benachbarten, geographisch vom
Save-Fluss getrennten Orten Machanga und Mambone. Beide haben einiges gemeinsam: Immer
unter Frelimo-Verwaltung, wählten sie 1994 überwiegend Renamo. Während der Kolonialzeit
gehörten beide zum Einflussbereich der frühen nationalistischen Gruppe "Núcleo
Negrófilo de Manica e Sofala". Diese wurde nach antikolonialen Protesten in den
1950er Jahren Ziel einer sehr gut dokumentierten polizeilichen Untersuchungs- und
Strafaktion durch die Portugiesen. Interviews mit Veteranen der damals sogenannten
"Vorfälle von Machanga und Mambone" 1953 legen die Schlussfolgerung nahe, dass
sich mindestens an jenen Orten antikoloniale Dissidenz nach der Unabhängigkeit direkt
gegen den Frelimo-Staat fortsetzte, und dies aus denselben Gründen: dem Gefühl der
Marginalisierung.
Auch heute noch, so Cahens These, steht die Frelimo
und der von ihr dominierte Süden mit der Hauptstadt Maputo nicht nur Investoren,
Geldgebern und westlichen Medien noch immer näher als die "Welt der Renamo".
Diese besitzt ihre Basis in den bevölkerungsreichsten, aber auch ärmsten Provinzen im
Zentrum und Norden des Landes. Einen wachsenden Anhang, den Cahen als heterogene
"Coalition de marginalités" bezeichnet. Besonders im Hinblick auf die
anstehenden Lokalwahlen, an denen die Renamo nach früheren Boykotten erstmals
teilzunehmen gedenkt, und vor allem in Aussicht auf die nationalen Parlaments- und
Präsidentschaftswahlen 2004, in welchen der Renamo erstmals die Chance eines
Erdrutschsieges attestiert wird, gibt Cahens Buch einen wichtigen Einblick in das
vernachlässigte, "andere" Mosambik.
Michel Cahen, Les Bandits. Un historien au
Mozambique 1994, Paris 2002 (Centre Culturel Calouste Gulbenkian). Mit Einleitung, Karten
und Indices. Deutsche Ausgabe in Vorbereitung bei Pierrette Schlettwein Publishing, Basel
(Klosterberg 21/23, 4051 Basel) |
| Das Afrika-Bulletin |
Redaktion:
- Hans Ulrich Stauffer, baud.stauffer@bluewin.ch
- Administration, Abos und Bestellung von
Einzelexemplaren des Bulletins; Mitgliedschaft im Afrika-Komitee:
Abos und Einzelexemplare:
- Afrika-Komitee, Postfach 1072, 4001 Basel
- oder: Beatrice Felber Rochat, bfr@freesurf.ch, Telefon +41 61 692 51 88
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