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| Editorial 1994 wurden in Südafrika die ersten freien und demokratischen
Wahlen abgehalten. Für die Mehrheit der Wahlberechtigten waren dies die allerersten
Wahlen, an denen sie teilnehmen konnten. Nach jahrzehntelangem Kampf waren Forderungen wie
"Ein Mensch, eine Stimme", "Das Volk wird regieren" oder "Forward
to Freedom" Realität geworden Forderungen, wie sie im Kampf gegen die
Apartheid immer wieder erhoben worden waren und die wir aus einer Sammlung politischer
Plakate ablesen.
Andere Forderungen, etwa "Häuser,
Sicherheit und Wohlstand für alle" oder "Nein zum Hunger, nein zu höheren
Mieten" sind nun, nach Abschaffung der politischen Struktur der Apartheid, die
nächsten Aufgaben. Die Erwartungen, was mit dem Ende der Apartheid alles erreicht werden
könnte, waren enorm. Vor allem ging es dabei um eine rasche Anhebung des materiellen
Wohlstandes. Diese unerfüllbaren Hoffnungen kennen wir aus anderen Ländern, anderen
Situationen.
Heute, zehn Jahre nach der "Stunde
null", ziehen wir eine erste Bilanz. Und diese Bilanz ist positiv. Südafrika hat zur
politischen Stabilität gefunden. War Südafrika unter der Apartheid abgekapselt und
isoliert, spielt das Land heute im südlichen Afrika, in Afrika und gar weltweit eine
bedeutende Rolle. Die Wirtschaft ist konsolidiert und stark. Beinahe zu stark, fürchten
nun schon einige andere afrikanische Regierungen, die mit der Dynamik der
südafrikanischen Wirtschaft nicht mitziehen können.
Doch ist das Erreichte Gewähr für eine
positive Zukunft? Erinnern wir uns etwa an die Bilanz zehn Jahre nach der Unabhängigkeit
Zimbabwes (1980 1990). Als dann das scheinbar gefestigte, von einer volksnahen,
stabilen Regierung geführte Land plötzlich in ein Chaos kippte, dessen Ende wir auch
heute noch nicht absehen können. Solche Szenarien können wir nicht ausschliessen. Doch
scheint es, dass Südafrikas Regierende die Zeichen der Zeit erkennen. Eine starke
Steigerung der Ausgaben für Soziales und die Schaffung von Arbeitsplätzen sind
angekündigt. Eine Korrektur in der desaströsen AIDS-Politik ist bereits erfolgt.
Hoffen wir, dass diese Gratwanderung gelingt.
Und denken wir daran, dass Südafrika nicht nur mit hausgemachten Problemen kämpft,
sondern wie alle anderen Staaten in die Weltwirtschaft eingebunden ist. Je höher der
industrielle Entwicklungsgrad, desto stärker sind die Auswirkungen einer globalisierten
Wirtschaft.
Hans-Ulrich Stauffer |
1994 2004: 10 Jahre freies, demokratisches Südafrika
Die südafrikanische Botschafterin January-Bardill im Gespräch Mit den ersten demokratischen Wahlen vor 10 Jahren ist in
Südafrika die Periode der Apartheid-Herrschaft zu Ende gegangen. Riesige Erwartungen
wurden mit der Machtübernahme durch eine Regierung der afrikanischen Mehrheit verbunden.
Was ist in diesen vergangenen zehn Jahren erreicht worden, was konnte nicht erreicht
werden? Für das Afrika-Bulletin sprachen Hans-Ulrich Stauffer und Nora Baud mit der
Botschafterin Südafrikas in Bern, Frau Nozipho January-Bardill.
Frau Botschafterin, was waren 1994 nach den
ersten, freien und demokratischen Wahlen die grössten Herausforderungen, die sich
stellten?
Botschafterin Nozipho January-Bardill: Eine der
grössten Herausforderungen war, das Land politisch zu stabilisieren Wir hatten eine
unstabile politische Lage, beispielsweise in KwaZulu-Natal. Nicht jedermann teilte damals
die Idee der nationalen Einheit. Ein Erfolg ist, dass wir in Südafrika politische
Stabilität erreichen konnten. So halten wir jetzt im April dieses Jahres zum dritten Mal
demokratische Wahlen ab, dies auf nationaler wie auf Provinzebene. Wir haben
Oppositionsparteien, die daran teilnehmen. Wir haben eine freie Presse und die
Meinungsäusserungsfreiheit. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit und die
Gewaltenteilung; verschiedentlich ist die Regierung vor Gericht eingeklagt worden. Die
Menschenrechtskommission überwacht die Einhaltung der Menschenrechte, das funktioniert
sehr gut.
Wie haben sich in den zehn Jahren die
politischen Rahmenbedingungen doch verändert - denken wir etwa an die Spannungen, die
noch im Zeitpunkt der Wahlen beispielsweise mit Gatsha Buthelezi bestanden.
Der Einbezug der verschiedenen
Oppositionsparteien in die Regierung war ein grosser Pluspunkt. Doch dies muss auch wieder
überprüft werden. So kann sich die Frage nach den diesjährigen, dritten Wahlen erneut
stellen, weshalb andere Parteien an der Regierung beteiligt werden sollen, wenn der ANC
die absolute Mehrheit erreichen sollte. Es gibt immer noch den starken Willen, andere
Parteien an der Regierung zu beteiligen.
Daneben haben wir die wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen in den Griff bekommen. Wir haben die Inflationsrate auf unter 10 Prozent
gedrückt, was im Vergleich zur Schweiz zwar noch immer hoch, für Südafrika aber
akzeptabel ist. Wir haben im Weiteren alle Apartheidschulden zurückbezahlt. Die Zinsen
sind niedriger, was bedeutet, dass die Leute mehr Geld in ihrer Tasche haben. Die
makroökonomischen Bedingungen haben sich also geändert. Man sagt uns, wir könnten damit
sogar der Europäischen Union beitreten, da wir deren Kriterien besser erfüllen als etwa
Frankreich und Deutschland...
Welche Ziele wurden nicht erreicht?
Die Verbesserung unserer wirtschaftlichen
Bedingungen war mit Opfern verbunden. Wir konnten nicht genügend Mittel in soziale
Programme stecken. Wir konnten einfach nicht beides aufs Mal machen, sondern eines nach
dem andern. Heute wissen wir, dass wir mehr Geld für soziale Belange einsetzen müssen.
Wenn wir das nicht tun, wird die Armut die politische Stabilität bedrohen.
Hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich
vergrössert?
In einem gewissen Sinne schon, aber nicht
generell. Viel mehr Leute haben heute ein eigenes Heim, haben Zugang zu Elektrizität und
zu sauberem Wasser. Kinder haben kostenlosen Schulunterricht, das Gesundheitswesen steht
allen offen. Und die Leute sind frei. Viele haben heute ein besseres Leben als 1994 und
davor. Doch sie haben noch nicht genug Geld in ihrer Tasche.
Die grösste Herausforderung ist die
Arbeitslosigkeit. Wir haben nicht genügend Arbeitsplätze geschaffen. Wir haben so etwas
wie Wachstum ohne Arbeitsplätze...
Ein anderes Problem ist die Kriminalität.
Auch dort machen wir Fortschritte. Die
Kriminalität ist immer noch sehr viel höher als wir es wünschen. Betroffen sind vor
allem die Townships. Das hängt mit den Lebensbedingungen zusammen. Touristen sind jedoch
praktisch nicht davon betroffen.
Gibt es nicht eine wachsende Kluft zwischen
der Regierung einerseits und ärmeren Schichten der Bevölkerung und
Nichregierungsorganisationen andererseits?
Ja, der Hauptgrund ist die Arbeitslosigkeit, zu
wenig Leute haben einen Arbeitsplatz in Südafrika. Die Erwartungen waren sehr hoch, wer
nichts hatte, erwartete unrealistisch viel für einen Zeitraum von nur 10 Jahren, nach 300
Jahren Unterdrückung. Das ist unmöglich, vor allem dann, wenn wir in einer
globalisierten Weltwirtschaft überleben müssen, die sehr konkurrenzfähig ist. Die
Bedingungen sind härter geworden; in Europa sorgt man mehr für sich selbst. Südafrika
will mehr Handel und weniger Hilfe. Die weltwirtschaftlichen Probleme spielen in unsere
Wirtschaft hinein. Deshalb ist unsere Regierung auch in internationalen Organisationen
aktiv, beispielsweise in der WTO (Welthandelsorganisation).
Ist die Landfrage von so grosser
Bedeutung wie in anderen Ländern, beispielsweise Zimbabwe?
Wir wollen die Landfrage richtig lösen; wir
möchten nicht bei uns, was in Zimbabwe passiert. Die Landverteilung muss in einem
gesetzlichen Rahmen durchgeführt werden, eine Entschädigung muss bezahlt werden. Die
Landfrage stellt sich auch etwas anders: Wir sagen immer, in Zimbabwe lebt die
Bevölkerung nicht auf ihrem Land, in Südafrika jedoch schon. Wir würden die
Bevölkerung auch nicht ermuntern, Landwirtschaft zu betreiben. Der Umverteilungsprozess
geht sehr langsam vor sich und wir werden kritisiert. Die Welt schaut auf uns. Wir haben
heute einen Afrika-Pessimismus, Zimbabwe hat noch mehr Pessimismus geschaffen. Wir müssen
unseren Weg finden.
Südafrika ist wirtschaftlich das führende
afrikanische Land und ein Emerging Market. Welche Rolle spielt Südafrika regional und
international?
Sie kennen sicher Präsident Mbekis Traum
von der afrikanischen Renaissance. Kurz danach kam die NEPAD-Initiative (Neue
Partnerschaft für Afrikas Entwicklung) und die Gründung der Afrikanischen Union. Beide
Male stand Südafrika an vorderster Front dieser Prozesse, zusammen mit Nigeria, Ägypten
und Senegal. In zwei Bereichen engagiert sich Südafrika heute, einerseits im Aufbau
dieser Organisationen, andererseits bilateral in friedensbildenden und friedenserhaltenden
Missionen, denn wir sind der Auffassung, dass wir keine Stabilität und kein
Wirtschaftswachstum erreichen können, ohne Friede und Stabilität in Afrika. Deshalb sind
südafrikanische Truppenkontingente in der Region der grossen Seen und im Kongo und
anderen Unruheherden aktiv.
Wir sind Teil der Wirtschaft Afrikas und haben
auch wirtschaftliche Interessen, beispielsweise in Nigeria. Wirtschaftlich ist Afrika der
Kontinent, von dem uns die Apartheid abgeschnitten hat. Jetzt versuchen wir, einen
Kontinent zu schaffen, der für sich selbst sorgen kann. Das ist ein Ideal, das sicherlich
schwer zu erreichen ist. Nicht alle in Afrika teilen das Ziel von NEPAD, beispielsweise
Länder, die eine Geschichte von "Bad Governance" und Diktatur haben, Länder,
die keine Erfahrung in Demokratie haben. Denken wir beispielweise an die DR Kongo, es wird
eine Generation dauern, bis eine neue Idee, wie ein Land geführt werden soll, akzeptiert
ist.
In letzter Zeit ist es um NEPAD
etwas stiller geworden. Ist der Prozess ins Stocken geraten?
Nein, eigentlich nicht. NEPAD ist dabei, eigene
Institutionen aufzubauen. Wir sind der Ansicht, dass starke, eigene Institutionen für den
Erfolg notwendig sind. In den letzten anderthalb Jahren wurden Mechanismen und Kriterien
entwickelt, um den "Peer Review", die Qualitätsprüfung, vorzunehmen. Der
Ratifizierungsprozess all der Staaten braucht viel Zeit. Jetzt werden vier Staaten der
Prüfung unterzogen, zuerst Ghana, dann folgen Rwanda, Kenya und Mauritius. Insgesamt sind
es 16 Staaten, die teilnehmen. Das NEPAD-Sekretariat ist sehr engagiert, einige der
Entwicklungsprogramme, vorab im Infrastrukturbereich, aktiv voranzutreiben, beispielsweise
im Bereich der Stromversorgung.
Spielt die SADC, die
Entwicklungsgemeinschaft der Staaten des Südlichen Afrika, noch eine Rolle?
Oh ja, die SADC ist sehr aktiv, beispielsweise
im Aufbau einer Zollunion, wie sie bereits zwischen Südafrika, Swaziland, Lesotho,
Botswana und Namibia besteht. Auch bei der Besetzung der Organe der Afrikanischen Union,
die nach vier Regionen erfolgt, ist die SADC aktiv.
Sie haben die WTO bereits angesprochen. Ist
Südafrika bereit für einen freien Güteraustausch ohne Protektionismus?
Nein, nicht wirklich. Deshalb werden wir ja
auch kritisiert, die Wirtschaft nicht liberalisiert und den Markt nicht geöffnet zu
haben, beispielsweise den Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte. Aber ein solcher
Wandel muss gesetzgeberisch abgesichert sein. Wir wollen in Südafrika noch immer zuerst
den Staat und nicht primär den Markt. Südafrika kennt noch immer protektive Massnahmen,
um die eigene Wirtschaft zu schützen.
Kommen wir zu den Beziehungen zwischen
Südafrika und der Schweiz. Hier scheint es heute keine Probleme zu geben.
Die bilateralen Beziehungen sind sehr gut. Wir
haben eine Zusammenarbeit auf Regierungsebene, im Kulturbereich, in der Technologie. Die
Schweiz half auch in Zusammenhang mit der Wahrheits- und Versöhnungkommission (TRC). Oder
bei der Unterzeichnung der Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) half
uns die Schweiz bei der Umsetzung. Zudem finanziert die Schweiz ein Training für
Verhandlungsführung in der WTO. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, DEZA,
hatte bis 2004 Zeit eine Vertretung in Südafrika, dann soll es eine eher regionale
Vertretung sein. Einige schweizerische Firmen haben den Swiss-South Africa Trust
eingerichtet, der vor allem die Ausbildung von jungen Menschen ermöglicht; dies ist ein
gemeinsames Projekt zwischen dem Privatsektor und der DEZA. Als unser Präsident letztes
Jahr in der Schweiz weilte, wurde auch ein Abkommen unterzeichnet, das die gemeinsame
Durchführung von Projekten in Afrika ermöglicht. Mehr erwarten wir eigentlich nicht. Wir
sind mehr an Handel als an Hilfe interessiert.
Kommen wir noch zur Frage der Beziehungen
zwischen der Schweiz und Südafrika unter der Apartheid. Was gibt es dazu zu sagen?
Meine Ansicht dazu ist folgende: Die
Apartheidsregierung hatte Beziehungen zu den meisten westlichen Staaten. Sie hatte
spezielle Beziehungen zur Schweiz und ich kenne nicht alle Details. Ich glaube, wir werden
nie alles erfahren, auch wenn zur Zeit einige Studien gemacht werden, die noch nicht
abgeschlossen sind. Wir beobachten dieser Prozess eher, denn wir meinen, durch die Arbeit
der Wahrheits- und Versöhnungskommission haben wir uns mit den Geistern der Apartheid
auseinandergesetzt. Auch wenn die TRC nicht ein perfektes Modell war, hat sie doch die
wichtigsten Akteure der Menschenrechtsverletzungen benennt. Die Entschädigungszahlungen
sind noch nicht erfolgt, denn alleine schon das Finden einer brauchbaren Formel für die
Entschädigung ist eine riesige Aufgabe, weil wir ja alle Opfer der Apartheid sind. Ich
musste 23 Jahre ausserhalb meines Landes leben, wie soll das aufgewogen werden? Deshalb
hat die TRC die 21'000 schwersten Fälle bestimmt, die eine Entschädigung erhalten
sollen. Im Parlament ist nun beschlossen worden, dass diese 21'000 Menschen je 30'000 Rand
Entschädigung erhalten sollen.
Und nun zur Schweiz. Ich sage immer: Wenn ihr
das Bedürfnis habt, die Geschichte aufzuarbeiten, dann solltet ihr es machen. Ich stelle
immer wieder fest, dass ihr uns diese Frage der Beziehungen zwischen der Schweiz und
Südafrika stellt. Ihr solltet aber untereinander ausdiskutieren, wie dieses Problem
gelöst werden kann. Das ist meine Meinung. Aber auch die südafrikanische Regierung denkt
so, deshalb hat sie sich gegen die Sammelklagen ausgesprochen und klar gemacht, dass wir
eine amerikanischen Gerichtsbarkeit nicht gutheissen. Wenn es in diesem Punkt Differenzen
gibt, müssen wir dies akzeptieren. Wir können auch unsere Bürger nicht davon abhalten,
ihre Ansprüche geltend zu machen. Das ist ihr verfassungsmässiges Recht.
Ich glaube, wir sollten uns auf die Zukunft
konzentrieren , die wir gestalten können, aber wir sollen und dürfen auch die
Vergangenheit nicht vergessen, das wäre gefährlich.
Sie feiern nun die ersten zehn Jahre eines
freien und demokratischen Südafrika. In der Schweiz finden dazu zahlreiche Aktivitäten
statt. Was ist das Ziel?
Wir wollen zusammen mit der Schweiz feiern. Wir
wollen die Kenntnisse über Südafrika verbessern. Vielfach bestehen fixe Vorstellungen
oder Vorurteile, so ist die Schweiz zum Beispiel reich und hat Chemie, Banken und Heidi,
Südafrika ist von AIDS und Kriminalität geplagt und liegt ohnehin in einem
hoffnungslosen Kontinent. Auch wenn die Handelsbeziehungen und die Schweizer
Wirtschaftspräsenz in Südafrika sehr gut sind 250 Firmen haben eine Niederlassung
in Südafrika -, sind die sozialen Kontakte beschränkt. Schweizerinnen und Schweizer
reisen zwar nach Südafrika, aber Schwarze aus Südafrika können sich eine Reise in die
Schweiz nicht leisten. Wir bringen im Verlauf des Jahres Südafrikanrinnen und
Südafrikaner in die Schweiz und führen zahlreiche Begegnungen und Veranstaltungen in
allen Landesgegegenden durch.
Frau Botschafterin, herzlichen Dank für
dieses Gespräch.
Zur Person:
Frau Patricia Nozipho January-Bardill ist seit
2001 Botschafterin Südafrikas in der Schweiz. Bis Ende März 2004 war sie zudem eines der
18 Mitglieder des UN-Expertenkomitees für die Elimination der Rassendiskriminierung. Frau
January-Bardill war an der Universität von Botswana, Lesotho und Swaziland tätig,
anschliesend führte sie eine eigene Beratungsgesellschaft in Grossbritannien. In den
neunziger Jahren nahm sie am Transformationsprozess Südafrika Teil und war im
öffentlichen wie auch privaten Sektor engagiert.
Zum besseren Verständnis:
Die Ziele von NEPAD sind
- die Demokratisierung Afrikas zu stabilisieren und voranzutreiben
- die wirtschaftliche Entwicklung mit einem eigenständigen Wachstum zu fördern
- die Armut zu reduzieren und
- Afrikas Marginalisierung zu stoppen.
Die Strategie zur Verwirklichung dieser Ziele
beruht auf vier Säulen. Erstens sollen mit Friedensinitiativen und Konfliktlösung die
vielen (Bürger-)Kriege aus eigener Kraft gestoppt werden. Zweitens sollen Demokratie und
"Gutes Regieren" gefördert werden. Drittens sollen die teilweise kaum
handlungsfähigen Staaten ihren Bürgerinnen und Bürgern eine Grundversorgung an
Gesundheitsdiensten, Bildung etc. garantieren. Und viertens soll die regionale
Zusammenarbeit zwischen den afrikanischen Staaten verstärkt werden. Die knappen
Investitionsmittel sollen auf die Kernbereiche Infrastruktur, Humankapital (Bildung,
Stärkung der Frauen, sozialer Bereich), Modernisierung der Landwirtschaft und den Zugang
zu den Märkten der Industrieländer konzentriert werden. Um all diese Projekte zu
verwirklichen, werden in den nächsten 15 Jahren zusätzlich 64 Mrd. $ benötigt, die von
den Industrieländern als Entwicklungshilfe oder als Investitionen aufgebracht werden
sollen. Im Gegenzug verpflichten sich die afrikanischen Regierungen zu Transparenz und zum
Kampf gegen Korruption.
Am NEPAD-Prozess sind folgende Staaten
beteiligt: Ghana, Rwanda, Kenya, Mauritius, Mozambique, Nigeria, Senegal, Südafrika,
Äthiopien, Mali, Uganda, Burkina Faso, Algerien, Kamerun, Gabun und Kongo-Brazzaville.
Mehr zur NEPAD-Diskussion im Afrika-Bulletin
Nr. 113 vom Februar/März 2004 |
1994
2004: 10 Jahre freies, demokratisches Südafrika
Kleine Geschichten zur grossen Geschichte Von Rudolf Küng; Afrikakorrespondent von Schweizer Radio DRS
Als Tom Manthata eines Abends mit seiner Frau
und den zwei Kindern in meiner kleinen Wohnung an der Jacob Maré Street im Zentrum von
Pretoria zu Besuch kam, musste seine Tochter Zandile - sie wird etwa fünf Jahre alt
gewesen sein - auf die Toilette. Ich wies ihr den Weg ins Badezimmer. Als sie zurückkam,
tuschelte sie etwas in der Muttersprache mit ihrem Vater. Tom schien sie abzuweisen, doch
sie liess sich nicht einfach abwimmeln. Ich mischte mich ein und fragte, ob ich etwas tun
könne. Nein, nein, wehrte Tom ab, es sei nichts, Zandile habe bloss die Wanne im Bad
entdeckt und gefragt, ob man darin baden könne. Es wurde Zandiles erstes
Badewanneerlebnis.
Das war im südafrikanischen Frühling 1982 -
Herbst in der Schweiz -, und nicht allein brachen wir mit unserem einfachen Zusammensein
in meinem Appartement die Gesetze des Landes, die schlichte Begebenheit trug auch dazu
bei, meinen Blick für die Dimensionen der Apartheid zu weiten. Zwar ist Südafrikas
jüngere Geschichte an den grossen Persönlichkeiten und ihrem heldenhaften Kampf gegen
das Monster eines perversen Regimes zu ermessen, an überragenden Menschen wie Nelson
Mandela. Dennoch ist das Bild der kleinen Zandile in der Badewanne in meiner Erinnerung
nie verblasst.
Mandela war zu jener Zeit gerade von Robben
Island ins Pollsmoor Gefängnis hinter Capetown verlegt worden, zusammen mit Walter, wie
er in seiner Autobiografie schreibt (Walter Sisulu), Raymond Mhlaba und Andrew Mlangeni.
Das wussten die wenigsten. Damals war der Weg zur Freiheit noch lang. Die - seltenen -
Fahrten mit Tom nach Soweto, wo er wohnte, und von wo er Tag für Tag nach Pretoria zur
Arbeit fuhr, waren illegal. So wie es verboten war, an der Wand des einfachen Hauses ein
Foto von Nelson Mandela oder die schwarz-grün-gelbe Flagge des ANC aufzuhängen.
Jeden Tag erschien Tom pünktlich und makellos
gekleidet am Arbeitsort so wie alle Schwarzen, egal von wie weit her sie anfahren, egal,
wie früh am Morgen sie aufstehen mussten. Und sie alle brauchten dafür eine Bewilligung.
Anna Maribe Mapanti, die aus Bophutatswana anreiste, trug jeweils den Geruch des
Holzkohlefeuers in meine Wohnung. Sie übertünchte ihn mit dem spitzen Duft des
Glasreinigers, den sie ausgiebig für das Abreiben der Fensterscheiben und Glastische
verwendete, die längst glänzten. Es gab im Ein-Mann-Haushalt kaum etwas zu tun, Anna
langweilte sich, doch die Anstellung aufzugeben stand ausser Diskussion. Es hatte eines
Abends an meiner Wohnungstüre geläutet, draussen stand eine ältere Frau mit
aufwändiger Kopfbedeckung, eine Zulu-Frau, dachte ich. Sie fuhr mich sogleich an, halb
Englisch, halb Afrikaans sprechend (was ich nicht verstand). Was es zu verstehen gab,
kapierte ich aber: ich hatte keine Maid, keine Hausangestellte, und enthielt so einer
schwarzen Frau einen Arbeitsplatz vor. Durch die Vermittlung der Zulufrau kam seither Anna
Maripe Mapanti an jedem Wochentag in mein Appartement.
Am 26. April 1994 war ich schon früh am Morgen
unterwegs nach Matshaba im Distrikt Mankwe - ehedem noch Bophutatswana. Am Horizont ging
ein neuer Tag auf. Was heisst ein neuer Tag - ein neues Zeitalter! Im Scheinwerferlicht
des Autos tauchten auf dem Schotterrand der Landstrasse Gestalten auf, die sich noch in
finsterer Nacht aufgemacht hatten, das allerletzte Stück ihres langen Wegs zur Freiheit
zurückzulegen. Ich begegnete ihnen wieder in der Primarschule von Matshaba, wo sie zum
ersten Mal in ihrem Leben ihre Stimme abgaben. Die Alten mit von der Sonne und dem Leben
gegerbter Haut zuerst. Einer von ihnen, mit zerschlissenen Schuhen, die zu langen
Hosenstösse zerfranst, die zu grosse Jacke über die Schultern herabhängend, geht nach
der Stimmabgabe wortlos nach draussen in den Schatten eines Baumes, breitet seine Arme aus
und beginnt langsam zu tanzen. An den darauf folgenden Wahltagen suche ich unter den
schönen, glatthäutigen Jungen vergebens Anna Maribe Mapanti.
Seither blitzen beim Anflug auf Johannesburg,
Capetown, Durban die silbernen Wellblechdächer tausendfach in Reih und Glied. Und in der
Mall von Sandton schieben nicht mehr allein weisshäutige, sondern auch Afrikaner-Familien
ihre mit Waren überfüllten Einkaufswagen zum BMW in der Parkgarage, eskortiert von Buben
in neusten Turnschuhen und Mädchen mit kunstvollen Zöpfchenfrisuren. In Rose Gwanyas
Hütte aber, die nur durch schmale Durchgänge von anderen, gleichen Hütten getrennt ist,
sind die winddurchlässigen Wände noch immer mit den selben Ausschussfahnen farbiger
Werbedrucke tapeziert wie eh und je. Hundertfach lächelt eine blonde Frau mit dem
hellblauen Weichspüler in der Hand. Rose lebt mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Schwester
in Khayelitsha, dem Township draussen beim Flughafen von Cape Town. Sie ist AIDS-krank und
arbeitslos, ihr Mann und Vater ihres Sohnes hat sie verlassen. Die 28 Jahre junge Frau
beklagt ihr Schicksal nicht, klagt nicht, dass mit der Apartheid nicht auch ihre Armut
verschwunden ist. Das halten Wortgewaltige wie Lesego Rampolokeng anders, wenn dieser
über die fat cats von heute herzieht, oder wie Lewis Nkosi, für dessen Held Molapo im
Buch Underground People der Befreiungskampf noch nicht beendet ist, solange die
Armut-Apartheid fortbesteht. Die Armut, das zeigen die Daten des "South Africa
Survey" vom Institute of Race Relations in Johannesburg, hat sich in den letzten zehn
Jahren sogar noch vertieft.
Ermisst sich heute, zehn Jahre nach dem
siegreichen Befreiungskampf gegen die Apartheid-Herrschaft, die Geschichte Südafrikas
noch immer an grossen Persönlichkeiten? An Thabo Mbeki etwa, dem Poeten, wenn er zur
Feier der neuen Verfassung, die eine der fortschrittlichsten der Welt ist, sagt: "Ich
bin ein Afrikaner. Ich schulde mein Sein den Hügeln und Wäldern, den Bergen und Ebenen,
den Flüssen und Wüsten, den Bäumen und Blumen, den Meeren, und den ewig wechselnden
Jahreszeiten, die das Gesicht unseres Heimatlandes verändern"; der aber Massen vor
den Kopf stösst, wenn er den Zusammenhang des HI-Virus und AIDS anzweifelt; und der mit
seinem Lavieren gegenüber Robert Mugabe die von ihm mitkonzipierte Neue Partnerschaft zur
Entwicklung Afrikas NEPAD in Gefahr bringt? Noch immer stehen Südafrikas Geschicke im
leuchtenden Glanz der Befreiung, noch immer sehen die Menschen ihre Lebensverhältnisse,
so erbärmlich diese nach wie vor sein mögen, im Licht der Leuchtfigur Mandelas. Und sie
werden dies am 14. April 2004, dem Wahltag, mit einer grossen Stimmenmehrheit für
Präsident Mbeki und den ANC zum Ausdruck bringen.
Doch dies wird nicht immer so bleiben. Die
Zukunft ist abzusehen, wo der Befreiungskampf gegen das Apartheidregime vom
Befreiungskampf gegen die Herrschaft der Armut in den Hintergrund gedrängt sein wird.
Dieser neue Befreiungskampf aber wird an all dem ermessen werden, was das tägliche Leben
der Millionen Menschen tatsächlich verbessert, am Dach über dem Kopf, an Wasser und
Strom und an etwas zu Essen, aber auch an Arbeit, Gesundheit und Sicherheit, und weiter:
an Bildung und Kultur. Südafrika mangelt es nicht an Führungspersönlichkeiten, die
diese Forderungen auf ihre Fahnen geschrieben haben, und die dafür so wortgewaltig
eintreten wie einst die Kämpfer gegen die Apartheid.
Die globalen Verhältnisse jedoch geben Anlass
zur Befürchtung, dass der neue Kampf noch viel schwieriger sein wird, als es der frühere
war, und dass der Sieg viel schwerer zu erringen ist. Eines aber steht fest: der Sieg
über die Armut wird in einfachen Geschichten zu erzählen sein, in so einfachen
Begebenheiten wie Zandiles Bad in der Wanne. |
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| Afrika in Kürze
Angola
Die Zivilgesellschaft regt sich
Ende Februar ist es in Luanda zu einer ersten
Demonstration für Demokratie und gegen den erstarrten Machtklüngel der MPLA-Regierung
gekommen. Im März, zwei Jahre nach Ende des 40-jährigen Unabhängigkeits- und
Bürgerkriegs wurde eine nationale "Kampagne für Demokratie in Angola"
gegründet. Daran beteiligen sich mehr als 30 Organisationen der Zivilgesellschaft. Ziel
ist, den Druck auf die Dos Santos-Regierung zu erhöhen. Dieser wird vorgeworfen, nichts
zur Verbesserung der Lebensbedingungen der 13 Millionen EinwohnerInnen Angolas zu tun und
die nationalen Reichtümer, vorab die Erträge aus Erdöl, für eigene Zwecke zu
missbrauchen. Angeprangert wird die Tatsache, dass noch immer kein Datum für nationale,
demokratische Wahlen angekündigt ist.
Eritrea
Kontroverse Entwicklung
Im trockenen, sandigen Küstenstreifen am Roten
Meer findet seit wenigen Jahren eine ökologische Umwälzung statt: Die Aufforstung mit
Mangroven. Das "Manzanar Projekt" könnte so seine Initianten
eines Tages den Hunger ausrotten und die globale Erwärmung eindämmen. Vier Jahre nach
dem Beginn der Pflanzungen gibt es über 250.000 Mangrovenbäume, wo einst nur Sand war.
Doch das Projekt ist umstritten. Kritiker sagen, das Projekt, welsches vom pensionierten
amerikanischen Zellbiologen Gordon Sato getragen wird, spiele mit der Umwelt.
Als eines der ärmsten Länder der Welt und
erst seit 12 Jahren unabhängig, ist Eritrea entschlossen, neue Lösungen für die Geissel
des Hungers zu finden. Mit wenig fruchtbarem Land oder natürlichen Ressourcen
ausgestattet, leben seine 3,3 Millionen Einwohner fast dauerhaft unter der Bedrohung durch
Dürre und Nahrungsmittelknappheit. Zwei Dinge, von denen es jedoch reichlich hat, sind
Wüste und Salzwasser entlang einer Küste von 1.200 Kilometern. Wege zu finden, um diese
Ressourcen nutzbar zu machen, wurde Satos Ehrgeiz. Er überlegte sich, wenn genügend
Mangroven entlang der öden Küste angebaut werden könnten, dann könnten Rinder und
Ziegen mit Futter versorgt werden, auch wenn die Regenfälle ausblieben und Dürre
herrschte. Mangroven sind kleine, buschartige Bäume und bemerkenswert, weil sie, anders
als die meisten Pflanzen, im Salzwasser gedeihen und im Tidebereich an Küsten auf der
ganzen Welt wachsen.
Mangroven in Regionen wieder anzupflanzen, wo
sie zuvor wuchsen, wird von Umweltschützern als gute Sache betrachtet. Satos Arbeit
unterscheidet sich davon, weil er eine komplett neue Landschaft schafft, indem er
Mangroven anbaut, wo nie zuvor Mangroven gesehen wurden.
Etwa 15 Prozent von Eritreas Küstenstreifen ist von Mangroven bedeckt, auch in Bereichen,
wo sich gelegentlich Regenfluten durch den Sand ins Meer ergiessen. Damit die Mangroven in
der neuen Umgebung besser wachsen, erhalten sie Stickstoff- und Phosphatdünger, obwohl es
zuvor keine Umweltverträglichkeitsprüfung oder unabhängige Versuche gab. Meeresbiologen
warnen, dass die Chemikalien das empfindliche Korallen- und Fischleben im Roten Meer
schädigen könnten. "Korallen gedeihen in Gebieten mit niedrigen Nährstoffgehalten.
Die Sorge beim Einsatz großer Nährstoffmengen jeglicher Art ist, dass diese ganze
Korallen-Ökosysteme negativ beeinflussen und abtöten", sagt Mark Spalding, Co-Autor
des UN "World Atlas of Coral Reefs". "Kommt etwas ins Meer, bleibt es nicht
an der gleichen Stelle. Das Meer ist eine Flüssigkeit, Nährstoffe, die den Mangroven
gegeben wurden, lösen sich heraus und gelangen dann in Gebiete weit von den
Mangrovenpflanzungen entfernt." Es zeichnet sich ein Konflikt zwischen lokaler
landwirtschaftlicher Entwicklung und Gefährdung des Ökosystems im Roten Meer ab.
Vorderhand geniesst das Projekt die Unterstützung der eritreischen Regierung.
Im Dezember 2002 erhielt das Manzanar Projekt den angesehenen "Rolex Award for
Enterprise" im Wert von 100.000 $. Versuche, weitere Investoren anzulocken, wurden
seitdem jedoch durch Proteste von Umweltschützern verhindert. (Quelle: Reuters)
Äthiopien-Eritrea
Druck auf Äthiopien nimmt zu
Nahezu alle europäischen Staaten sowie einige
afrikanische Länder haben in den vergangenen Wochen eindeutig erklärt, dass sie die
Entscheidung der Kommission für die Grenzdemarkation zwischen Äthiopien und Eritrea
(EEBC) als "endgültig und bindend" betrachten. Zuletzt hat das US State
Department auch für die USA diese Haltung deutlich gemacht und beide Länder
aufgefordert, die Entscheidung umzusetzen. Das Aussenministerium Eritreas hat in einer
Pressemitteilung am 27. Januar 2004 das öffentliche Bekenntnis der USA zur Entscheidung
der Grenzkommission begrüsst, zugleich jedoch klargemacht, dass Eritrea immer
unmissverständlich alle Teile des Friedensabkommens von Algiers von 2002 respektiert und
voll unterstützt habe, und dies auch weiterhin tun werde. Wenn die Entscheidung der
Grenzkommission respektiert werde und die Demarkation ohne weitere Verzögerung
durchgeführt werde, seien allen Türen für direkte Gespräche, eine Normalisierung des
Verhältnisses und vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen Eritrea und Äthiopien offen.
(Quelle: mz/EHD-Nachrichten 1/2004)
Lesotho
Textilindustrie boomt
Zur Förderung afrikanischer Hersteller ist in
den USA noch unter der Clinton-Administration der "African Growth and Opportunity
Act" verabschiedet worden. Afrikanischen Ländern wird dadurch ein erleichterter
Zugang zum amerikanischen Markt gegeben. Für Lesotho, das 30'000 qkm grosse und 2,2 Mio.
Bewohner zählende Königreich, das vollständig von Südafrika umgeben ist, zahlt sich
diese Möglichkeit aus. Innert drei Jahren ist die Zahl der Arbeitsplätze in der
Textilindustrie von 17'000 auf 54'000 angestiegen. Damit ist die Textilindustrie
Hauptarbeitgeber geworden und überrundet die staatliche Verwaltung. Die Textilexporte in
die USA, vor allem Jeans, betrugen 2002 318 Mio. $, was mehr als ein Drittel aller
bevorzugten Exporte ausmacht. (Quelle: Sowetan, 20.2.04)
Zimbabwe
Lage spitzt sich weiter zu
g.b. Zimbabwes wirtschaftlicher Zerfall geht
weiter. Wann wird er endlich gestoppt? Die Lage der Bevölkerung ist desolat. Es wirkt wie
ein Wunder, was trotz allem noch möglich ist. Die Zahlungen der vielen ins Ausland
Emigrierten helfen beim Überleben.
Die von der EU wegen der Wahlfälschungen und
der Menschenrechtsverletzungen verhängten Sanktionen zeigen nun auch Auswirkungen bei den
Fahrzeugen der Polizei und der Armee, die von Frankreich, Österreich und England stammen.
Wegen fehlenden Ersatzteilen sind die meisten nicht mehr einsatzbereit. Als Ersatz will
die Regierung Mazdas kaufen. Mit den Sanktionen hatte die EU auch eine Einreisesperre
gegen Präsident Mugabe verhängt. Diese Einreisesperre wurde neu auch auf alle
Regierungsmitglieder ausgeweitet.
Der südafrikanische Präsident Tabo Mbeki
versucht nach wie vor hinter den Kulissen und in "stiller Diplomatie", die
Regierung Mugabe und die Opposition MDC zu offiziellen Gesprächen an einen Tisch zusammen
zu bringen. Nachdem offenbar die Regierung Mugabe schon diverse Zusagen zu solchen
Gesprächen wieder rückgängig machte, ist auch die letzte Zusage zu Gesprächen im
Februar nicht eingehalten worden. Die MDC erklärte schon verschiedentlich, dass sie zu
bedingungslosen Gesprächen bereit sei. Die Regierung allerdings will nur Gespräche
aufnehmen, wenn die MDC eine Reihe von Bedingungen erfüllt und unter anderem die nach wie
vor hängige Anfechtung der letzten Präsidentenwahlen zurückzieht. Bei vielen
zimbabwischen NGOs stösst die "stille Diplomatie" von Mbeki auf
Unverständnis. Sie fühlen sich allein gelassen. |
Eritrea: Gute Nachrichten sind keine Nachrichten
Eritreas Entwicklung in der Diskussion Von Yemane Meheret, Ausland-Eritreer
Seit mehreren Jahren lebe und arbeite ich als
ein Bürger Eritreas in der Schweiz. Immer wieder reise ich mit meiner Familie zurück im
unsere Heimat. Die Situation, die wir dort antreffen, unterscheidet sich grundlegend von
dem, was in den hiesigen Medien über das kleine Land Eritrea berichtet wird. Gute
Nachrichten sind offenbar keine Nachrichten. Über Afrika im Allgemeinen und über Eritrea
im Besonderen sehen, hören und lesen die Menschen hier nur das Allerschlimmste: Hunger-
und Dürrekatastrophen, Diktaturen, Kriegsherren, Seuchen, und nicht enden wollende Kriege
prägen das Bild der Berichterstattung. Wie aber sehen der Alltag und das Leben der
Menschen am Horn von Afrika tatsächlich aus?
Es ist unbestritten, dass Ostafrika, das Horn
von Afrika, zur Wiege der Menschheit zählt. Vor Urzeiten erlaubten die klimatischen
Bedingungen in diesem Raum die Menschwerdung der Rest des Globus war von Eis und
Gletschern überzogen. Aus dem ostafrikanischen Raum wanderten die Menschen nordwärts und
besiedelten unter anderem das Nildelta. Es ist also nicht vermessen, wenn ich hier
behaupte, dass der Mensch in Afrika entstanden ist, dass Afrika die Wiege der Menschheit
ist und das dieses Erbe in der heutigen politischen und kulturellen Diskussion zu wenig
oder überhaupt nicht gewürdigt wird.
Folgen der Kolonisation
Eritrea leidet, wie jedes andere afrikanische
Land auch, noch immer unter den Folgen der Kolonisation. All denen, die nun sagen, dass
sei lange her und all diese Länder seien schon längst frei und könnten ihr Schicksal in
ihre eigenen Hände nehmen, muss ich drei Dinge entgegnen:
- Eine echte Entkolonialisierung hat nie
stattgefunden. Die Länder des afrikanischen Kontinents, welche sich ihre Unabhängigkeit
in harten und blutigen Kämpfen erobert haben, sehen sich noch immer mit der Einmischung
von ehemaligen oder neuen Kolonialmächten konfrontiert.
- Demzufolge hat eine echte und eigenständige
Entwicklung niemals stattfinden können. Sei es wegen Rohstoffen, sei es während des
kalten Krieges aus strategischen Überlegungen oder sei es aktuell wegen dem
US-amerikanischen "Krieg gegen den Terror": Immer sehen sich die afrikanischen
Staaten mit den Einmischungen und Spaltungsversuchen von US-amerikanischen, europäischen
und westlichen Mächten konfrontiert.
- Nicht nur Eritrea, alle Länder Afrikas sind mit
den Folgen der Globalisierung konfrontiert. Dagegen, gegen die Politik der Weltbank und
des IWF, wehren sich diese Länder. Dementsprechend werden sie denn auch von der
westlichen Politik behandelt.
Wer also bestreitet, dass ein Grossteil, wenn nicht alle Probleme Afrikas von der
Kolonisation herrühren, muss erst mal belegen, dass diese Kolonisation in der Tat beendet
ist. Ich bestreite dies!
Der "Grenzkonflikt" zwischen
Äthiopien und Eritrea
Geographisch und politisch wäre es logisch,
dass Eritrea und Äthiopien, ja die gesamte Region am Horn von Afrika, eine Einheit
bilden. Der junge Staat Eritrea ist jedoch kein künstliches, auf dem Reissbrett der
kolonialen Strategen entstandenes Gebilde, sondern ausdrücklich der Wille des Volkes.
Nach dem Befreiungskampf gegen Menghistu, welchen Eritrea gemeinsam mit Äthiopien
führte, entschied sich das eritreische Volk, im Einvernehmen mit Äthiopien, nach einem
Referendum die Unabhängigkeit auszurufen.
Schon bald nach der Unabhängigkeit Eritreas
fingen die Konflikte mit den Nachbarstaaten an. Analysieren wir diese Konflikte genauer,
stellen wir fest, dass jeder einzelne geschürt und angeheizt wurde. Namentlich der
"Grenzkonflikt" von 1998 mit Äthiopien ist ein sehr guter Beleg für diese
Behauptung. Dieser "Grenzkonflikt" sollte einzig dazu dienen, das junge und
aufstrebende Eritrea zu disziplinieren, zu zügeln und wenn notwendig zu zerstören. Ein
wichtiges Ziel dieses "Grenz"konfliktes war auch die Einsetzung einer
Marionettenregierung, welche dem Westen genehm ist. Das ist misslungen. Grob gesagt ging
es bei diesem "Grenzkonflikt" um ein Stück Brachland zwischen Äthiopien und
Eritrea. Die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) in Deutschland zeichnete
damals eine neue Karte und dies löste den Krieg aus. Äthiopien beanspruchte plötzlich
ein Stück Land für sich, welches bis anhin unbestritten zu Eritrea gehört hatte.
Wo es keine Probleme gibt, werden sie
geschaffen: Nach dem Grenzkonflikt wurde in Algerien ein Friedensabkommen geschlossen,
welches den Konflikt schlichten sollte. Eine UN-Kommission sollte den Grenzverlauf
markieren, eine andere die Wiedergutmachung für die Vertriebenen EritreerInnen festlegen,
eine dritte schliesslich den Ursprung feststellen und die Schuldigen des Konfliktes
ermitteln. 2002 stellte der internationale Gerichichtshof in Den Haag fest, dass die
Siedlung Badme zu Eritrea gehört. Dies war einer der Kernpunkte des Konfliktes. Die
Umsetzung dieses Urteils durch die Markierung der Grenze wurde von Äthiopien bislang
dreimal verschoben. Schliesslich lehnte Äthiopien im September 2003 den Internationalen
Gerichtshof in Den Haag als bindende Instanz gänzlich ab. Nach all den langwierigen
Verhandlungen, nachdem die UNO über 4000 Blauhelme in die Region entsandt und fast vier
Jahre dort stationiert hatte, reagiert die Weltgemeinschaft nicht auf diese Sabotage
Äthiopiens.
Tatsachen
Ich möchte nun einige Tatsachen, wie ich sie
auf meinen regelmässigen Besuchen in meinem Heimatland erlebe, wiedergeben.
Eritrea ist, allen Anfeindungen und
Verleumdungen zum Trotz, ein Land im Aufbau. Das Volk Eritreas steht hinter seiner
Regierung. Diese Regierung hat es geschafft, trotz Krisen, Dürren und Krieg eine
Infrastruktur aufrecht zu erhalten oder neu aufzubauen, die sich in der Tat sehen lässt.
So gibt es ausreichend Versorgung für die Bevölkerung, es braucht niemand zu hungern.
Dies wird vor allem dadurch gewährleistet, dass StudentInnen und Menschen aus der Stadt
regelmässig und organisiert aufs Land ziehen, um den Bauern bei der Saat und der Ernte zu
helfen. Teil dieses Programms ist auch eine Aufforstungskampagne. Der Wald soll das
dringend benötige Wasser bringen. Medizinische und schulische Versorgung sind
gewährleistet und der grösste Teil des Landes ist elektrifiziert. Über all diese, unter
grössten Schwierigkeiten verwirklichten Projekte, sehe und höre ich nichts, wenn hier
über Eritrea berichtet wird. Demgegenüber wissen die Menschen vor Ort sehr wohl, wem sie
ihren Fortschritt zu verdanken haben: Nämlich sich selbst und ihrem unerschütterlichen
Willen, frei und unabhängig zu leben.
Da noch immer eine Bedrohung besteht, hat
Eritrea seine Armee nicht demobilisiert. Diese übernimmt jedoch nebst ihrem
Bewachungsauftrag auch viele andere zivile Aufgaben, wie Strassenbau, Aufbau oder
Wiederaufbau der Infrastruktur usw.
Die Sache mit der Demokratie
Ein grosser, vielleicht der grösste Vorwurf,
der Eritrea immer wieder gemacht wird: Ihr seid keine Demokratie, bei euch regiert ein
Einparteiensystem. Das stimmt, es gibt in Eritrea nur eine einzige Partei, die EPLF
(Eritrean Peoples Liberation Front; aktuell: EPJDF, Eritrean Peoples Justice and
Democratic Front). Weshalb ist das so?
Die EPLF ist die Partei, welche Eritrea im
Befreiungskampf unbestrittenerweise an- und zum Erfolg führte. Erklärtes Ziel der EPLF
war und ist es, mehrere Parteien zuzulassen. Dies wird auch geschehen, wenn Eritrea nicht
mehr bedroht wird. Diese Bedrohung ist heute jedoch offensichtlich und im Alltag Eritreas
deutlich spürbar. Eine Demokratisierung des Landes zum jetzigen Zeitpunkt wäre insofern
eine grosse Gefahr, als es zu einer Spaltung kommen könnte. Diese Spaltung kann nicht im
Interesse Eritreas sein. Es ist bezeichnend, dass die einzig wirkliche Opposition nicht
aus Eritrea, sondern aus dem Ausland, namentlich aus den USA kommt. In der Regel handelt
es sich dabei um Exil-Eritreer, welche an US-amerikanischen Universitäten oder
Denkfabriken studiert haben und nun den "Mangel an Demokratie" in ihrem Land
beklagen. Das Motto dieser Leute war früher: "Victory for the masses" (Sieg
für die Massen), heute scheint ihr Motto "Victory for me" (Sieg für mich) zu
sein.
Als in Europa lebender Bürger Eritreas muss
ich mich manchmal wirklich fragen, ob diese Demokratie den afrikanischen Systemen wirklich
so haushoch überlegen ist: Hitler kam nicht durch einen Staatsputsch an die Macht, er
wurde "demokratisch" gewählt. Der gegenwärtige Präsident der USA, der drauf
und dran ist, unsere Welt im Namen des "Krieges gegen den Terror" zu vernichten,
hat kaum ein anderes Wort als "Demokratie" auf seinen Lippen. Da ist mir ein
Einparteien System wie das unsere, welches sicherlich auch seine Fehler hat, aber ohne
Korruption und Heuchelei für die Interessen des Volkes arbeitet, lieber!
Im Übrigen ist es keineswegs so, dass in
Eritrea das Volk nichts zu sagen hätte. Zwar kennen wir in Eritrea das Modell der
direkten Demokratie nicht, wie sie in der Schweiz üblich ist. Es gibt jedoch bei uns eine
grosse Zahl von demokratischen Organisationen, Frauenorganisationen, Gewerkschaften,
Bauernorganisationen, Studentenorganisationen usw., die einen lebendigen demokratischen
Prozess garantieren. Diese Organisationen sind eine Macht, an welcher die Regierung weder
vorbeikommen kann, noch vorbeikommen will.
Religiöse Gemeinschaften und
politische Gefangene
Im Afrika-Bulletin erschien vor kurzem ein
Artikel (Afrika-Bulletin Nr. 110, Mai/Juni 2003), in dem die Situation der Menschenrechte
in Eritrea thematisiert wurde. Diese Kritik an Eritrea darf im Rahmen dieses Artikels
nicht unbeantwortet bleiben.
Prinzipiell steht die eritreische Regierung
für die Freiheit der Religionen ein. Während des Grenzkrieges wurden die Religionen
nicht verboten, aber ihre öffentliche Ausübung wurde eingeschränkt. Dies mit der
Begründung, dass sich Armee, Volk und Nation im Krieg befindet. Die Einschränkung galt
für alle Religionen und hatte keinen Einfluss auf Individuen, diese waren nach wie vor
frei, ihre Religion auszuüben.
Im Afrika-Bulletin wurde nun die Einschränkung
oder das Verbot von Sekten kritisiert. Meiner Meinung nach verfolgen diese Sekten einen
bestimmten Zweck: Sie sollen das Selbstbewusstsein des Volkes und der Armee schwächen.
Sie sind also ein Instrument des Neo-Kolonialismus. Dass sich innerhalb dieser Sekten
sicher einige wohlmeinende Menschen befinden mögen, ändert an dieser Tatsache nichts.
Die Aktivitäten dieser Sekten nach dem Krieg, die fast ausnahmslos darauf abzielten, das
Volk zu spalten und zu verunsichern, stützt diese These.
Zur Frage der politischen Gefangenen: Es darf
nicht vergessen werden, dass zwischen Äthiopien und Eritrea nach wie vor noch kein
beidseitig anerkanntes Grenzabkommen zustande gekommen ist. Jederzeit kann also der
bewaffnete Konflikt wieder ausbrechen. Wer in so einer Situation die Haltung und die
Politik der Regierung kritisiert, muss sich die Frage gefallen lassen, auf wessen Seite er
steht. Der US-amerikanische Imperialismus versucht seit Jahrzehnten, am Horn von Afrika
Fuss zu fassen. Eritrea ist nur eines der Ziele der Aggressoren. Es liegt auf der Hand,
dass die USA, nebst dem, dass sie Äthiopien einen Stellvertreterkrieg führen lassen,
auch versuchen, dass eritreische Volk selbst zu indoktrinieren. Dass die Regierung und die
Justiz Eritreas versucht, diese Angriffe abzuwehren, ist nur folgerichtig und muss ihr
zugestanden werden.
Unsere Heimat Eritrea ist ein Land wie jedes
Andere- und doch ist es in vielerlei Hinsicht etwas Besonders. Viele Länder dieser Erde -
darunter auch die Schweiz - haben lange und oftmals blutige Befreiungskämpfe hinter sich.
Was in andern Ländern vielleicht Jahrhunderte zurückliegen mag, ist in Eritrea aktuell
oder noch keine Generation alt.
Wir haben diese Kämpfe nicht gesucht, sie
wurden uns aufgezwungen. Im Bestreben, die errungene Freiheit und Unabhängigkeit zu
bewahren, steht die überwiegende Mehrheit des Volkes hinter seiner Regierung. Diese
Regierung ist, wie jede andere Regierung auch, in mancherlei Hinsicht zu kritisieren. Es
ist jedoch die Frage, welche Motivation hinter dieser Kritik steht. Ist es eine aufbauende
Kritik, die mögliche Fehler aufzeigen und beseitigen will, dann ist sie willkommen.
Destruktive Kritik jedoch, die nichts anderes will, als die Fortschritte Eritreas negieren
und die Einheit des Landes zersetzen, wird von Volk und Regierung völlig zu Recht
zurückgewiesen.
Alle Menschen, ob Medienschaffende,
PolitikerInnen, oder einfache BürgerInnen sind herzlich dazu eingeladen, ihre Vorurteile
zu Hause zu lassen, nach Eritrea zu reisen und sich so vor Ort selber ein differenziertes
Bild zu machen. |
| Das
besondere Buch Die Tätigkeit der Basler Mission an der Goldküste
Für Forscher der westafrikanischen Geschichte
ist das historische Bildarchiv der Basler Mission eine einzigartige Schatzkammer. Nun wird
erstmals eine grössere Serie dieser Bilder in einem Buch veröffentlicht, das die
Präsenz der Basler Mission an der Goldküste dokumentiert.
Historische Fotografien bergen weit mehr als
das, was wir auf den ersten Blick sehen. Sie erzählen von untergegangenen Kulturen, von
verschwundenen Alltagsgegenständen, von Tradition und Brauchtum und nicht zuletzt von der
Beziehung zwischen dem Fotografen und seinem Objekt. Dass die Basler Missionare im 19.
Jahrhundert ihre Arbeit ausführlich dokumentierten, um die Unterstützung im Heimatland
sicherzustellen, ist heute ein Glücksfall für die Forschung. Zehntausende von Bildern
mit unschätzbarem Wert birgt das Archiv der Basler Mission eine Fundgrube für
alle, die sich beispielsweise für die westafrikanische Geschichte interessieren.
Ausgehend von einer Ausstellung von rund
hundert Bildern im Nationalen Museum in Akkra schrieb Peter A. Schweizer, langjähriger
Schweizer Botschafter in Ghana, sein nun auch auf deutsch erschienenes Buch zur Geschichte
der Basler Mission an der Goldküste. Lebendig wird die historische Betrachtung dank
zahlreicher Bilder aus dem umfangreichen Archiv der Basler Mission. Wir begegnen der
Missionarin Rosa Ramseyer mit einer Kindergartenklasse, sehen, wie die Missionare
Schimming und Schultze mit ihren weissen Tropenhelmen radfahrend das Hochland durchqueren,
staunen ob der Einfachheit einer provisorischen Klinik und dem Mut der einheimischen
Ruderer, die Waren vom Festland auf die Hochseeschiffe und, im Gegenzug, Fracht aus Europa
ans Land zu bringen hatten.
Das Buch zeigt, welchen Einfluss das Engagement
der Basler Mission auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes hatte. Das
Buch berichtet von Schwierigkeiten und Erfolgen, von Pionierleistungen und Widerständen,
von Problemen wie dem Kampf gegen den Sklavenhandel oder gegen die Malaria. Vor allem aber
ermöglicht es dank seinem umfangreichen Bildteil Einblick in eine verlorene
Welt.
Die rund 270 Seiten umfassende Publikation
besteht aus einem Text- und einem Fototeil, auf den im Text jeweils verwiesen wird. Das
Buch vermittelt interessierten LeserInnen gute Einblicke in den Hintergrund der
Missionsarbeit und die tägliche Arbeit und die täglichen kleinen Sorgen.
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen,
dass die Basler Mission ein Bildarchiv mit rund 50'000 Fotografien aus der Zeit zwischen
1860 und 1950 besitzt. Diese Bilder stehen heute dank einer digitalen Aufbereitung via
Internet zur Verfügung: www.bmpix.org.
Peter A. Schweizer, Mission an der
Goldküste, Geschichte und Fotografie der Basler Mission im kolonialen Ghana; Basel 2002
(Christoph Merian Verlag)
Neu auf dem Büchertisch
Frauen- und Geschlechterforschung im
ländlichen Afrika
hus. Rita Schäfer, LeserInnen des
Afrika-Bulletins als Verfasserin von Beiträgen über das südliche Afrika nicht
unbekannt, legt eine kommentierte Bibliographie von Publikationen zur Frauen- und
Geschlechterforschung in ländlichen Gebieten Afrikas vor. Etwa 1500 publizierte Beiträge
aus mehr als 100 Fachzeitschriften wurden von der Autorin gesichtet und zusammengefasst,
womit sie eine riesige Arbeit geleistet hat. Berücksichtigt wurden europäische,
amerikanische und afrikanische Quellen, von denen oftmals gar keine Kenntnis besteht. Die
nun (in zweiter Auflage) herausgegebene Publikation stellt für alle an der
Genderdiskussion interessierten Personen und natürlich alle, die in der entsprechenden
Forschung tätig sind, eine unschätzbare Hilfe dar. Möge Rita Schäfer die Kraft und
Ausdauer haben, die weitere publizistische Entwicklung im Auge zu behalten und zu
gegebener Zeit erneut eine aktualisierte kommentierte Bibliographie herauszugeben.
Rita Schäfer, Gender und ländliche
Entwicklung, Eine kommentierte Bibliographie, Münster 2003 (Lit-Verlag; 2. Auflage)
Die UNO als Friedenserzwingerin
hus. Im letzten Jahrzehnt hat die Rolle der UNO
bei friedenserzwingenden und -erhaltenden Operationen enorm zugenommen. In immer mehr
nationalen oder regionalen Konflikten spielt die UNO eine stabilisierende Rolle, sei es
etwa im Grenzkonflikt zwischen Eritrea und Äthiopien, sei es im Osten Kongos. Die
multilaterale Friedenssicherung in der Folge von Beschlüssen des UN-Sicherheitsrates
setzt oftmals blutigen, schier endlosen Konflikten ein Ende, denen die einheimische
Bevölkerung hilflos ausgeliefert sind. Und gerade im Irak zeigt sich heute, dass die
wider alle UNO-Positionen losgezogene USA nun kleinlaut Hilfe bei der UNO sucht, da sie
offenbar nicht in der Lage ist, das Chaos unter Kontrolle zu bringen.
Der Auswertung der Erfahrungen verschiedener UN-Missionen kommt deshalb grosse Bedeutung
zu. In der Publikation "UN-Friedensoperationen in Afrika" geschieht dies
eingehend. Ausgegangen wird von einer Darstellung der Entwicklung und der rechtlichn
Grundlagen von UN-Interventionen. Anschliessend werden die Erfahrungen von Interventionen
aufgearbeitet, so die Kongo-Mission 1960-64, der Einsatz in Namibia (1988), Angola,
Mozambique, Somalia und Rwanda sowie verschiedene kleinere Missionen. Dabei wird
aufgezeigt, weshalb einzelne Missionen zu Misserfolgen wurden, aber auch, wie aus den
Erfahrungen Lehren gezogen wurden.
Tobias Diebel, UN-Friedenspolitik in
Afrika, Weltinnenpolitik und die Realität von Bürgerkriegen, Bonn 2003 (Dietz).
Fabelhaftes Bilderbuch
c.hr. Es ist aufgemacht wie ein grosses, altes
Notizbuch, mit grünschwarz marmoriertem Papier, verstärkten Ecken und eingefasstem
Rücken. Aber drinnen sind keine Bleistiftkritzeleien, sondern farbenprächtige Bilder,
und man liest es nicht von vorn nach hinten, sondern der arabischen Tradition entsprechend
von rechts nach links. "Das Notizbuch des Zeichners" des Ägypters Mohieddin
Ellabbad ist ein Bilderbuch. Aber was für ein Bilderbuch! Jede Seite fesselt das Auge,
jede Seite entwickelt einen Sog, der den Betrachter, die Betrachterin in die Darstellung
hineinzieht und eine Fülle von Inhalten entdecken lässt. Die Phantasie entzündet sich
z.B. an der Kombination einer antiken Heldendarstellung mit dem Bild Supermans, an der
expressiven Zeichnung eines Strassenbahnfahrers oder an der Gegenüberstellung einer
Ferienpostkarte vom Genfersee mit einer schwarzweissen ägyptischen Ansichtskarte um die
Jahrhundertwende, die einen alten Baumbestand hinter einer Parkmauer zeigt. Ihren
ästhetischen Reiz beziehen die Bilder auch aus dem Zusammenspiel von Zeichnung oder
Collage mit dekorativer arabischer Schrift. Der Text der Kommentar des Zeichners
ist in den Marginalien in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Die Summe der
Seiten zeichnet anhand von Andenken, Erinnerungen und Reflexionen den Weg eines Jungen
nach bis zum erwachsenen Mann und Illustrator, Schriftsteller und Buchhersteller, der
Ellabbad heute ist. "Das Notizbuch des Zeichners" ist ein Fund und ein
Glücksfall für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Mohieddin Ellabbad, Das Notizbuch des
Zeichners, Zürich 2003 (Atlantis / Verlag Pro Juventute; Kinderbuchfonds Baobab)
Das Lied vom Regenvogel: Briefe aus
Somalia
H.F. Vre Karrer, Hebamme, Krankenschwester und
Dozentin für Krankenpflege aus Zürich-Oerlikon wurde im Februar des Jahres 2002 im Alter
von 69 Jahren in Somalia unter ungeklärten Umständen erschossen. Sie arbeitete neun
Jahren in Somalia. Sie half Frauen bei schwierigen Geburten, pflegte kranke, verletzte und
hungernde Kinder. Mit Hilfe von privaten Spenderinnen und Spendern konnte sie im Oktober
1994 das vom Krieg zerstörte Ambulatorium im Armenviertel von Merka wieder eröffnen.
Sehr schnell erkannte Verena Karrer, dass neben der medizinischen Hilfe auch
Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um die Armut wirksam zu bekämpfen. Innert
kurzer Zeit entstanden auf Grund ihrer Initiative eine Bauerngenossenschaft, eine
Waisenschule, ein zweites Ambulatorium und anfangs 2001 wurde eine Berufsmittelschule
eingeweiht. Sie holte auch herumstreunende, von Raub lebende Kindersoldaten an ihre
Schule, mit dem Programm "Give the gun and get the pen" (Gib die Waffe ab und
nimm die Feder).
Das vorliegende Buch besteht zur Hauptsache aus
den Briefen von Vre Karrer, die sie an Bekannte, Verwandte und an den Freundeskreis, der
ihre Projektarbeit in Merka unterstützte, schickte. Die Briefe wurden mit einem
Lebensbild Vre Karrer ergänzt. Ausserdem finden sich am Schluss des Buches eine
Zusammenstellung der Aktivitäten der Genossenschaft New Ways in Merka und ein Überblick
zu Geschichte und Gesellschaft Somalias Informationen, die mithelfen sollen, das
Umfeld, in dem die Briefe entstanden sind, verständlich zu machen.
Das Buch gibt nicht nur Zeugnis vom
Lebensabschnitt einer aussergewöhnlichen Frau, sondern führt uns auch ganz plastisch vor
Augen, was es heisst, in einem Land zu leben, in dem es am Allernötigsten fehlt, in dem
alle staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen grösstenteils zusammengebrochen
sind: Ein Land ohne Infrastruktur. Wir erhalten eine leise Ahnung davon, was es heisst,
ständig von Hunger und Elend und Krankheiten umgeben und auf Schritt und Tritt von
Personenminen bedroht zu sein.
Vre Karrer, Und grüsse euch mit dem Lied
des Regenvogels, Briefe aus Somalia, (hrsg. von Elisabeth Bäschlin), Bern/Wettingen 2003
(eFeF-Verlag)
Lebensakrobatik
Es geht um einen Kongress von Blinden,
Taubstummen und Körperbehinderten in NDjamena (Tschad). Es hat mich sehr
interessiert, da ich ja jetzt auch körperbehindert bin und inzwischen im Rollstuhl sitze.
Einen besonderen Aspekt fand ich, dass auch die
Behinderten im Buch sich selbst organisieren müssen, was ja für uns alle täglich eine
neue Herausforderung ist, obwohl es natürlich Unterschiede gibt. Ich bin in Deutschland
in einem sozial noch sehr durchorganisierten Land. Tschad ist ein Bürgerkriegsland und da
ist es für Behinderte noch weniger einfach, zu überleben. Z. B. schildert der
kleinwüchsige Saleh wie er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch das Leben schlägt. Er
bewacht Autos reicher Damen und verkauft Zigaretten und Süssigkeiten. Ich denke auch,
dass Unfälle mit Knochenbrüchen und "Standard"-Krankheiten wie beispielsweise
Röteln, die bei uns sehr schnell und problemlos ausgeheilt werden können, in Tschad
einen ganz erheblichen Risikofaktor darstellen. So erkrankte Pascal Djidaina an Röteln.
Die Krankheit verschwand schnell wieder, aber hinterließ Spuren in seinen Augen: Er wurde
blind.
Als Behinderte/r ist man hier wie dort immer
auf Hilfe von Verwandten, Freunden oder sonstigen Helfern angewiesen, ohne deren Hilfe man
nicht existieren kann. Der Kongress wurde mit Hilfe von "Eirene" und "Brot
für die Welt" organisiert und finanziert. Ohne diese Hilfe wäre der Kongress gar
nicht erst möglich gewesen, denn die Behinderten alleine hätten niemals die finanziellen
Mittel zusammentragen oder das Treffen organisieren können. Auch das unterscheidet sie
von den "Nichtbehinderten", die ja die Möglichkeit hätten, das Geld selbst
zusammenzutragen, indem sie es verdienen, Spenden sammeln etc.
Der Kongress selber bestand aus einem Plenum
mit nichtbehinderten Professoren und Professorinnen. Davor und danach gab es
Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen. So hiess eine Gruppe zum Beispiel "Das
Prekäre, die Schikanen und die kleinen Gemeinheiten". Jeder, der behindert ist, wird
selber wissen, welche Tücken der Alltag bereit hält und was im Grunde getan werden
müsste, um das Leben lebenswerter zu machen. So schildert Awa, dass die Geburt ihrer
Kinder für sie als Körperbehinderte gar nicht so einfach war. Die Krankenhäuser sind
auf behinderte Schwangere nicht vorbereitet. Als die Geburt bevorstand, brachten sie
Freunde in ein von Franzosen geleitetes Krankenhaus.
Ganz am Ende gibt es noch ein paar Seiten, in
denen es um einen Ausflug in die Hölle geht. Es ist eine schöne Geschichte, die
aufzeigen kann, was für ein Unterschied es ist, ob man freiwillig an einem Ort lebt oder
gezwungenermaßen.
Das Buch berührt auch die
"Nichtbehinderten", ist auf jeden Fall lesenswert und sollte auch
weiterempfohlen werden. "Normale" Menschen werden nach der Lektüre des Buches
ihre behinderten Mitmenschen besser verstehen und es eröffnet die Möglichkeit
ungezwungen über die Behinderung miteinander zu kommunizieren, da das Buch enttabuisiert.
(Susanne Reichinger)
Günter Simon u. Priscille Mekooulnodji N´
Djerareuou, Lebensakrobaten, München 1998 (Marino)
Fiebrig durch das Herz Afrikas
rs. Zurück zum Tatort - Afrika. Dahin also, wo
die Europäer im Namen ihrer Zivilisation und des Herrn, des Vaterlands, der Ehre,
Gerechtigkeit und Nächstenliebe Abermillionen «Nigger, Bestien und Barbaren» umbrachten
oder versklavten: Der schwedische Literaturhistoriker Sven Lindqvist packt Koffer und
Laptop, zwängt sich auf der Sahararoute El Goléa-Zinder in klapperige Busse, quartiert
sich in stickigen Herbergen ein, beobachtet, schwitzt, träumt Alpträume, denkt nach,
vertieft sich in seine unzähligen Notizen und schreibt «auf den Spuren des europäischen
Völkermordes» ein Werk, dem viel Interesse zu wünschen ist.
Denn «Durch das Herz der Finsternis» ist
nicht einfach eine Eroberungsgeschichte Afrikas. Es ist auch die Geschichte Europas mit
seiner todbringenden Überheblichkeit und Ignoranz Nicht-Europäern gegenüber. Ein
geschichts-literarischer Reiseführer durch den europäischen Rassismus - von den
Vernichtungsfeldzügen der letzten Jahrhunderte bis zu Adolf Hitler, von der anhaltenden
Auslöschung der indigenen Völker bis zu den brennenden Asylantenheimen. Heute, so wird
klar, pocht das «Herz der Finsternis» überall und nicht mehr nur, wie zu Beginn der
«weissen Expansion», in der Brust der Politiker, Generäle, Denker und
Wirtschaftsführer Europas und Amerikas.
Das ist ein weit,aber geschickt und teils gar
heiter gespannter Bogen, der laut Vorwortverfasser Urs Widmer vor allem etwas beschwört:
«Ein anderes Miteinander der Völker.» Doch die hierzu nötigten Charaktereigenschaften
wie kompromisslose Ehrlichkeit, Mitgefühl und der unbeugsame Wille, Ungerechtigkeiten
jeder Art entgegenzutreten, scheinen sich auch in der Jetztzeit nicht richtig gegen
Eigennutz, Verdrängung und Rücksichtslosigkeit durchsetzen zu können.
So sind der erste und letzte Absatz dieses mit
vielen bislang verdrängten Fakten gespikten Geschichtenbuchs identisch: «Ihr wisst schon
genug. Ich auch. Nicht an Wissen mangelt es uns. Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu
wollen, was wir wissen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen.»
Um selber besser begreifen zu können, was die
europäischen Eroberer auf dem Schwarzen Kontinent trieben und was Joseph Conrad mit
seinem vom kolonialen Horror im Kongo Leopholds II geprägten Roman «Heart of Darkness»
einer aufwachenden Minderheit in Europa feinfühlig näherbrachte, hat sich der 66jährige
Lindqvist selbst dem Saharasand ausgeliefert. Dieser rieselt auch spürbar zwischen den
Buchdeckeln hervor, da der Verfasser zahlreicher Bücher die Gefahr einer schliesslich
langweilenden, weil allzu einseitigen Verdammung Europas zu Gunsten der Opfer mit der
hautnahen Erzählung persönlicher Erlebnisse umging.
Wenn weisse Gentlemen ihre Zucht und Ordnung
durchsetzten, die Flusspferdpeitschen schwangen und afrikanische Menschen zu
Fleischklumpen verkrüppelten, erinnert sich Lindqvist an seinen Papa, der ihn nur
widerwillig mit der Rute züchtigte. Trotzdem erfuhr er, wie sich der Vater nach den
ersten Schlägen «bis zur Unkenntlichkeit entstellte». Damals begriff der Sohn, dass
«Menschen von einer Art Wahn erfasst werden, wenn sie Gewalt anwenden».
Ein Wahn, der die meisten Eroberer packte,
begünstigt von neuen Waffen mit weitreichender Wirkung, die den überrannten oder mit
«Strafexpeditionen» heimgesuchten Völkern keine Chance liessen. «Schlägt diese
Bestien alle tot,» befiehlt in Joseph Conrads «Herz der Finsternis» der mörderische
Kolonialist Kurtz, der dem über Leichen gehenden, aber in der fernen Heimat
glorifizierten «Helden» Stanley nachempfunden wurde. «Bestien» wurden auch jene
betitelt, die später in Vietnam, Algerien, Mozambique, El Salvador, Afghanistan usw. um
ihre Freiheit rangen, vermerkt Sven Lindqvist schliesslich. Er nennt auch den IWF, dem
Kinder zum Opfer fallen, und folgert: «Die gebildete Öffentlichkeit hat immer recht
genau gewusst, welche Greueltaten verübt wurden und werden - im Namen von Fortschritt,
Zivilisation, Sozialismus, Demokratie und freier Marktwirtschaft.» Aber eben: Mächtig
das Wissen, schmächtig der Wille.
Das Drama einiger Kulturen, darunter auch der
europäischen, beruhte darin, dass die ersten Kontakte zu anderen Kulturen meist durch die
«Internationale des Raubgesindels» (Söldner, Abenteurer, Kriminelle, Sklavenhändler
etc.) hergestellt wurden. Leider hätte diese das Klima geprägt und nicht die
ehrlichen Missionare, Reisenden und Forscher, folgert Ryszard Kapuscinski nach 40 Jahren
Afrika-Erfahrung. Der polnische Journalist, der mit Herz und Engagement wie kaum ein
zweiter immer wieder Kopf und Kragen riskierte, um das Universum Afrika annähernd
erfassen und beschreiben zu können, legt mit «Afrikanisches Fieber» ein so packendes
wie aufklärerisches Buch vor.
Da schreibt einer aus der Mitte heraus, von
dort, wo Paradies und Hölle aufeinander stossen, scharf beobachtend, nichts verklärend,
sich selbst einbringend und - im Gegensatz zu Lindqvist - vor allem die nachkolonialen
Zustände Afrikas reflektierend. Kapuscinski zwingt die Lesenden neben sich: aufs
malariaverschwitzte Bett, in die Paläste Idi Amins und anderer Diktatoren, an die
Gluthitze mit hungernden Menschen, in den Kugelhagel aus dem Hinterhalt, vor die
Maschinenpistolen von Kindersoldaten, in die heikle Beziehung zwischen Schwarz und Weiss
und unter den Mangobaum, wo sich die Alten im Beisein der Ahnen mit zittrigen Stimmen zu
Wort melden. So dicht wird einem das heutige Afrika nur selten nähergebracht.
- Sven Lindqvist, Durch das Herz der
Finsternis. Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, Zürich
2002 (Unionsverlag)
- Ryszard Kapuscinski, Afrikanisches Fieber - Erfahrungen aus vierzig Jahren, Frankfurt
1999 (Eichborn Verlag)
Afrika hat alle Farben, die das Leben
kennt
h.s. Jahrhunderte lang war Afrika der schwarze
Kontinent oder der weisse Fleck auf der Landkarte, nun wird er bunt. Seit wir Afrika
"entdeckt" haben, ist dieser Kontinent von uns definiert und bestimmt worden.
Das neue Bilderbuch: Erzähl mir, wie ist Afrika? macht leider keine Ausnahme.
Diesmal antwortet der Grossvater, Papa Dembo,
dem kleinen Chaka auf Fragen wie: Welche Farbe hat Afrika, wie war deine Mutter, dein
Vater, dein Freund, das Dorf, das Fischen auf dem gelben Fluss, das königliche Essen, die
Regenzeit, die Wildnis. Wie waren die Geister, wie war die Magie, der Tanz der Geister mit
den Masken, wie wurde Papa Dembo gross, was sind die Ahnen, wie ist der Tod?
Papa Dembo, grösser als ein Baobab, weiss mehr
als ein Marabut! Er holt weit aus und erzählt: Vom bunten Afrika, von Mutter Kadidja, die
nach vierzehn Kindern nicht mehr gertenschlank war, aber immer noch schön und sanft und
darum die Lieblingsfrau von Vater Samba (im französischen Original heisst er Simba!) war,
dem löwenstarken König, der abends wunderbare Geschichten zu erzählen wusste und auf
der Kora spielen konnte wie ein Griot; vom Freund, der immer bereit war für Dummheiten
und Streiche; vom Dorf, ein paar Häuser um den Baobab, unter dem palavert wurde, von
gebratenen Fischen und geröstetem Ignam, grüner Sauce und Reis ...
Grossvater und Enkel Kunstfiguren, um
bestimmte Inhalte zu vermitteln. Die französische Autorin, begeistert von Afrika, lässt
ihre beiden Protagonisten stellvertretend für Europäer Fragen stellen, die sie in
Gestalt des Grossvaters beantwortet. Darum erscheinen getreulich alle Klischees und
Stereotypen, die wir Afrika zuordnen: der Vater, stark wie ein Löwe, die schöne und
fruchtbare Mutter, das Palaver unter dem Baobab, die Kora, das Geschichtenerzählen, die
Geister, die Ahnen, ein wunderbares Potpourri von bunt zusammengewürfelten Dingen, die
Afrika ausmachen, alles umschwärmt, mitunter geheimnisvoll, aber nicht so ganz ernst
genommen.
Zugegeben, der Übersetzer hat sich sehr
bemüht, die schlimmsten Blüten des französischen Originals auszumerzen. Er nennt den
löwenstarken Vater Samba, um Anspielungen an den Disneyfilm Simba zu vermeiden, und er
nimmt den schwärmerischen Ton schwer zurück.
Das Afrika, das sich hier kunterbunt anbietet,
ist Traum und Exotik, ein Afrika, wie es uns die Reiseveranstalter in den Prospekten
schmackhaft machen. Nennen wir unsere Projektionsfelder nicht mehr Afrika. Nehmen wir
andere imaginäre Welten dafür. Dann tun wir den Menschen in Afrika kein Unrecht.
Übrigens: Können Sie sich ein Bilderbuch vorstellen, in dem Opa Fritz dem Enkel
Hänschen erzählt, wie bunt Europa ist?
Marie Sellier & Marion Lesage, Sag mir,
wie ist Afrika, Wuppertal 2002 (Hammer)
Südafrika nach der Apartheid: Der
Versuch zur Versöhnung
sg. Verhandlung der Wahrheitskommission in
einem Marktflecken, irgendwo im verstaubten hinteren Karoo. Mit grossem Aufgebot: Die als
erfolgreiche New Yorker Staatsanwältin arrivierte Tochter des Optikers folgt dem Aufgebot
zur Vertretung der Kläger, auch der frischgebackene ANC-Parlamentarier kehrt erstmals an
seinen Herkunftsort zurück, wo er Mitgefangener und Zeuge eines Verschwundenen war, der
ehemalige Sicherheits-Polizist wird aus dem Staatsgefängnis von Pretoria herbeigekarrt,
begierig, mit der Verhandlung eine Amnestie und damit schliesslich seine Freilassung zu
gewinnen.
Und da warten, wie Ecksteine dieses Ortes, die
Alten auf Gerechtigkeit: Der Kläger, Vater des Verschwundenen und Rektor der ärmlichen
Township-Primarschule, der frühere Chef der Sicherheitspolizei, in Verdacht und
aufgefordert, sein Handeln der Wahrheitskommission zu eröffnen, sein ewiger Widersacher,
der alternde Anwalt, der zum Gewissen des Ortes geworden ist und die Verhandlung
vorantreibt.
Doch wem von all diesen Betroffenen bringt die
Verhandlung der Haft und Folterung von Steve Sizela, dem Verschwundenen, Genugtuung und
Versöhnung? Der Roman zeichnet die Qual der Opfer nach, in die Abgründe ihrer Schmach
und ihres Versagens zurückzukehren. Er stellt aber auch die Frage, wie die zur
Rechenschaft Gezogenen mit der Evidenz leben können. Neue Feigheiten, neue Tücken
sind die Menschen stark genug für die Wahrheit? scheint das Buch zu fragen.
Gillian Slovo: Red Dust, London 2002
(Virago Press; in Englisch)
Die aktuelle CD
Faytinga / Eritrea
Abyssinia Infinite / Zion Roots / Featuring Ejigayehu "Gigi" Shibabaw
Beide Sängerinnen, die aus Eritrea stammende
Faytinga, wie die aus Äthiopien stammende Gigi, machten schon mit bemerkenswerten Alben
auf sich aufmerksam. Beiden noch jüngeren Sängerinnen gelang und gelingt es,
traditionelle Musik und Gesänge zu erneuern und in voller Frische zum Klingen zu bringen.
Bei Gigi macht das gleichnamige Album, produziert vom umtriebigen Bill Laswell, viele
MusikhörerInnen hellhörig, welche bis jetzt nicht viel mit ethnischer Musik anfangen
konnten. Laswell gelang es auf vorzügliche Art, den traditionellen Gesang von Gigi mit
einer nie ins popig abgleitenden musikalischen Begleitung zu versehen. Schon Laswell
selber ist ja ein begnadeter Bassist, doch dazu kamen die afro-amerikanische
Freejazz-Legende Pharoah Sanders, oder die Musiker Wayne Shorter und Herbie Hancock.
Gelungene Musik, welche die brilliante Stimme von Gigi sehr einfühlsam begleitet.
Nun ist eine neue CD mit Gigi erschienen. Auch
von Bill Laswell produziert. Aber mit anderem Ansatz und auch anderer Musik. Auf Zion
Roots singt Gigi eher spiritistische Lieder - wie immer in ihrer Muttersprache. Begleitet
wird sie von einer Anzahl äthiopischer Musiker, welche ihr Handwerk verstehen. Eine
wunderbare Mischung zwischen Tradition, swingenden Elementen und einer Prise schwarzem
Jazz.
Auch die eritreische Sängerin Faytinga legt
ihr zweites Album vor. Auch sie hat einen fantastischen Gesang, auch sie singt in ihrer
Landessprache. Die musikalische Begleitung ist aber mehr der Tradition verpflichtet.
Faytinga macht nicht mit auf der Welle des kompatiblen Afro-Pop. Ihre Musik reicht von
Zärtlichkeit bis zu einer wilden Rauheit, dazu trägt auch die instrumentelle Besetzung
einiges bei. Hier wird mit neuem Power auch mit traditionellen Tönen und
Musikinstrumenten gearbeitet, und das von Musikern die sich von ihrer Stimme auch
mitreissen lassen. Faytinga ist zwar stark der traditionellen Musik verbunden, aber ihre
Songs sind oft auch politisch und für die Sache der Frauen einstehend; und sie erzählen
von der Heimat und von der Liebe.
Abyssinia Infinite. Featuring Ejigayehu
"Gigi" Shibabaw/Zion Roots/NetWork-Rec.
Faytinga/Eritrea/Cobalt-Rec.
Nicolas Menheim & Le Super Sabador
/ Commandante Ché Guevara
Senegal hat eine grosse Tradition afrikanischer
Salsa-Musik. Oft hat sich das ergeben, weil senegalesische Musiker in Kuba Musik studieren
konnten. Und wie die karibische Musik stark von afrikanischen Wurzeln geprägt ist, kam
von den senegalesischen Musikern ein Stück Karibik nach Afrika. Es gibt eine grosse
Anzahl fantastischer senegalesischer Salsabands. Africando, Super Cayor de Dakar,
Orchestra Baobab, Etoile de Dakar oder Pape Fall sind Namen welche für heissen Sound
stehen. Der umtriebige Musiksucher und grosse Kenner afrikanischer Musik, Günter Gretz,
erstaunt einmal mehr mit seiner kleinen CD-Serie "Out of Africa: Afro-Cuban Music
from Senegal".
Weit weg von Musikindustrie und
WorldMusic-Hysterie sind da ein paar richtige Perlen zu entdecken. Eine davon ist die CD
von Nicolas Menheim & Le Super Sabador. Entstanden aus zwei Cassetten dieser Band,
nämlich Chérie und Ché Guevara. Aktuelle afrokubanische Musik aus Senegal mit einer
richtig grossen Band, mit Bläsern und allem drum herum, verdammt guten SängerInnen
welche dich zum Tanzen verführen. Und dann eben diese Version vom Song Commandante Ché
Guevara. Da wird es einem warm ums Herz. Warmer, nicht zickischer, Salsa aus Senegal!
Nicolas Menheim & Le Super Sabador /
Commandante Ché Guevara / Afro-Cuban Music from Senegal / popular african music |
| Das Afrika-Bulletin |
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