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Editorial

1994 wurden in Südafrika die ersten freien und demokratischen Wahlen abgehalten. Für die Mehrheit der Wahlberechtigten waren dies die allerersten Wahlen, an denen sie teilnehmen konnten. Nach jahrzehntelangem Kampf waren Forderungen wie "Ein Mensch, eine Stimme", "Das Volk wird regieren" oder "Forward to Freedom" Realität geworden – Forderungen, wie sie im Kampf gegen die Apartheid immer wieder erhoben worden waren und die wir aus einer Sammlung politischer Plakate ablesen.

Andere Forderungen, etwa "Häuser, Sicherheit und Wohlstand für alle" oder "Nein zum Hunger, nein zu höheren Mieten" sind nun, nach Abschaffung der politischen Struktur der Apartheid, die nächsten Aufgaben. Die Erwartungen, was mit dem Ende der Apartheid alles erreicht werden könnte, waren enorm. Vor allem ging es dabei um eine rasche Anhebung des materiellen Wohlstandes. Diese unerfüllbaren Hoffnungen kennen wir aus anderen Ländern, anderen Situationen.

Heute, zehn Jahre nach der "Stunde null", ziehen wir eine erste Bilanz. Und diese Bilanz ist positiv. Südafrika hat zur politischen Stabilität gefunden. War Südafrika unter der Apartheid abgekapselt und isoliert, spielt das Land heute im südlichen Afrika, in Afrika und gar weltweit eine bedeutende Rolle. Die Wirtschaft ist konsolidiert und stark. Beinahe zu stark, fürchten nun schon einige andere afrikanische Regierungen, die mit der Dynamik der südafrikanischen Wirtschaft nicht mitziehen können.

Doch ist das Erreichte Gewähr für eine positive Zukunft? Erinnern wir uns etwa an die Bilanz zehn Jahre nach der Unabhängigkeit Zimbabwes (1980 – 1990). Als dann das scheinbar gefestigte, von einer volksnahen, stabilen Regierung geführte Land plötzlich in ein Chaos kippte, dessen Ende wir auch heute noch nicht absehen können. Solche Szenarien können wir nicht ausschliessen. Doch scheint es, dass Südafrikas Regierende die Zeichen der Zeit erkennen. Eine starke Steigerung der Ausgaben für Soziales und die Schaffung von Arbeitsplätzen sind angekündigt. Eine Korrektur in der desaströsen AIDS-Politik ist bereits erfolgt.

Hoffen wir, dass diese Gratwanderung gelingt. Und denken wir daran, dass Südafrika nicht nur mit hausgemachten Problemen kämpft, sondern wie alle anderen Staaten in die Weltwirtschaft eingebunden ist. Je höher der industrielle Entwicklungsgrad, desto stärker sind die Auswirkungen einer globalisierten Wirtschaft.

Hans-Ulrich Stauffer

1994 – 2004: 10 Jahre freies, demokratisches Südafrika
Die südafrikanische Botschafterin January-Bardill im Gespräch

Mit den ersten demokratischen Wahlen vor 10 Jahren ist in Südafrika die Periode der Apartheid-Herrschaft zu Ende gegangen. Riesige Erwartungen wurden mit der Machtübernahme durch eine Regierung der afrikanischen Mehrheit verbunden. Was ist in diesen vergangenen zehn Jahren erreicht worden, was konnte nicht erreicht werden? Für das Afrika-Bulletin sprachen Hans-Ulrich Stauffer und Nora Baud mit der Botschafterin Südafrikas in Bern, Frau Nozipho January-Bardill.

Frau Botschafterin, was waren 1994 nach den ersten, freien und demokratischen Wahlen die grössten Herausforderungen, die sich stellten?

Botschafterin Nozipho January-Bardill: Eine der grössten Herausforderungen war, das Land politisch zu stabilisieren Wir hatten eine unstabile politische Lage, beispielsweise in KwaZulu-Natal. Nicht jedermann teilte damals die Idee der nationalen Einheit. Ein Erfolg ist, dass wir in Südafrika politische Stabilität erreichen konnten. So halten wir jetzt im April dieses Jahres zum dritten Mal demokratische Wahlen ab, dies auf nationaler wie auf Provinzebene. Wir haben Oppositionsparteien, die daran teilnehmen. Wir haben eine freie Presse und die Meinungsäusserungsfreiheit. Wir haben eine Verfassungsgerichtsbarkeit und die Gewaltenteilung; verschiedentlich ist die Regierung vor Gericht eingeklagt worden. Die Menschenrechtskommission überwacht die Einhaltung der Menschenrechte, das funktioniert sehr gut.

Wie haben sich in den zehn Jahren die politischen Rahmenbedingungen doch verändert - denken wir etwa an die Spannungen, die noch im Zeitpunkt der Wahlen beispielsweise mit Gatsha Buthelezi bestanden.

Der Einbezug der verschiedenen Oppositionsparteien in die Regierung war ein grosser Pluspunkt. Doch dies muss auch wieder überprüft werden. So kann sich die Frage nach den diesjährigen, dritten Wahlen erneut stellen, weshalb andere Parteien an der Regierung beteiligt werden sollen, wenn der ANC die absolute Mehrheit erreichen sollte. Es gibt immer noch den starken Willen, andere Parteien an der Regierung zu beteiligen.

Daneben haben wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Griff bekommen. Wir haben die Inflationsrate auf unter 10 Prozent gedrückt, was im Vergleich zur Schweiz zwar noch immer hoch, für Südafrika aber akzeptabel ist. Wir haben im Weiteren alle Apartheidschulden zurückbezahlt. Die Zinsen sind niedriger, was bedeutet, dass die Leute mehr Geld in ihrer Tasche haben. Die makroökonomischen Bedingungen haben sich also geändert. Man sagt uns, wir könnten damit sogar der Europäischen Union beitreten, da wir deren Kriterien besser erfüllen als etwa Frankreich und Deutschland...

Welche Ziele wurden nicht erreicht?

Die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Bedingungen war mit Opfern verbunden. Wir konnten nicht genügend Mittel in soziale Programme stecken. Wir konnten einfach nicht beides aufs Mal machen, sondern eines nach dem andern. Heute wissen wir, dass wir mehr Geld für soziale Belange einsetzen müssen. Wenn wir das nicht tun, wird die Armut die politische Stabilität bedrohen.

Hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrössert?

In einem gewissen Sinne schon, aber nicht generell. Viel mehr Leute haben heute ein eigenes Heim, haben Zugang zu Elektrizität und zu sauberem Wasser. Kinder haben kostenlosen Schulunterricht, das Gesundheitswesen steht allen offen. Und die Leute sind frei. Viele haben heute ein besseres Leben als 1994 und davor. Doch sie haben noch nicht genug Geld in ihrer Tasche.

Die grösste Herausforderung ist die Arbeitslosigkeit. Wir haben nicht genügend Arbeitsplätze geschaffen. Wir haben so etwas wie Wachstum ohne Arbeitsplätze...

Ein anderes Problem ist die Kriminalität.

Auch dort machen wir Fortschritte. Die Kriminalität ist immer noch sehr viel höher als wir es wünschen. Betroffen sind vor allem die Townships. Das hängt mit den Lebensbedingungen zusammen. Touristen sind jedoch praktisch nicht davon betroffen.

Gibt es nicht eine wachsende Kluft zwischen der Regierung einerseits und ärmeren Schichten der Bevölkerung und Nichregierungsorganisationen andererseits?

Ja, der Hauptgrund ist die Arbeitslosigkeit, zu wenig Leute haben einen Arbeitsplatz in Südafrika. Die Erwartungen waren sehr hoch, wer nichts hatte, erwartete unrealistisch viel für einen Zeitraum von nur 10 Jahren, nach 300 Jahren Unterdrückung. Das ist unmöglich, vor allem dann, wenn wir in einer globalisierten Weltwirtschaft überleben müssen, die sehr konkurrenzfähig ist. Die Bedingungen sind härter geworden; in Europa sorgt man mehr für sich selbst. Südafrika will mehr Handel und weniger Hilfe. Die weltwirtschaftlichen Probleme spielen in unsere Wirtschaft hinein. Deshalb ist unsere Regierung auch in internationalen Organisationen aktiv, beispielsweise in der WTO (Welthandelsorganisation).

Ist die Landfrage von so grosser Bedeutung wie in anderen Ländern, beispielsweise Zimbabwe?

Wir wollen die Landfrage richtig lösen; wir möchten nicht bei uns, was in Zimbabwe passiert. Die Landverteilung muss in einem gesetzlichen Rahmen durchgeführt werden, eine Entschädigung muss bezahlt werden. Die Landfrage stellt sich auch etwas anders: Wir sagen immer, in Zimbabwe lebt die Bevölkerung nicht auf ihrem Land, in Südafrika jedoch schon. Wir würden die Bevölkerung auch nicht ermuntern, Landwirtschaft zu betreiben. Der Umverteilungsprozess geht sehr langsam vor sich und wir werden kritisiert. Die Welt schaut auf uns. Wir haben heute einen Afrika-Pessimismus, Zimbabwe hat noch mehr Pessimismus geschaffen. Wir müssen unseren Weg finden.

Südafrika ist wirtschaftlich das führende afrikanische Land und ein Emerging Market. Welche Rolle spielt Südafrika regional und international?

Sie kennen sicher Präsident Mbeki’s Traum von der afrikanischen Renaissance. Kurz danach kam die NEPAD-Initiative (Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung) und die Gründung der Afrikanischen Union. Beide Male stand Südafrika an vorderster Front dieser Prozesse, zusammen mit Nigeria, Ägypten und Senegal. In zwei Bereichen engagiert sich Südafrika heute, einerseits im Aufbau dieser Organisationen, andererseits bilateral in friedensbildenden und friedenserhaltenden Missionen, denn wir sind der Auffassung, dass wir keine Stabilität und kein Wirtschaftswachstum erreichen können, ohne Friede und Stabilität in Afrika. Deshalb sind südafrikanische Truppenkontingente in der Region der grossen Seen und im Kongo und anderen Unruheherden aktiv.

Wir sind Teil der Wirtschaft Afrikas und haben auch wirtschaftliche Interessen, beispielsweise in Nigeria. Wirtschaftlich ist Afrika der Kontinent, von dem uns die Apartheid abgeschnitten hat. Jetzt versuchen wir, einen Kontinent zu schaffen, der für sich selbst sorgen kann. Das ist ein Ideal, das sicherlich schwer zu erreichen ist. Nicht alle in Afrika teilen das Ziel von NEPAD, beispielsweise Länder, die eine Geschichte von "Bad Governance" und Diktatur haben, Länder, die keine Erfahrung in Demokratie haben. Denken wir beispielweise an die DR Kongo, es wird eine Generation dauern, bis eine neue Idee, wie ein Land geführt werden soll, akzeptiert ist.

In letzter Zeit ist es um NEPAD etwas stiller geworden. Ist der Prozess ins Stocken geraten?

Nein, eigentlich nicht. NEPAD ist dabei, eigene Institutionen aufzubauen. Wir sind der Ansicht, dass starke, eigene Institutionen für den Erfolg notwendig sind. In den letzten anderthalb Jahren wurden Mechanismen und Kriterien entwickelt, um den "Peer Review", die Qualitätsprüfung, vorzunehmen. Der Ratifizierungsprozess all der Staaten braucht viel Zeit. Jetzt werden vier Staaten der Prüfung unterzogen, zuerst Ghana, dann folgen Rwanda, Kenya und Mauritius. Insgesamt sind es 16 Staaten, die teilnehmen. Das NEPAD-Sekretariat ist sehr engagiert, einige der Entwicklungsprogramme, vorab im Infrastrukturbereich, aktiv voranzutreiben, beispielsweise im Bereich der Stromversorgung.

Spielt die SADC, die Entwicklungsgemeinschaft der Staaten des Südlichen Afrika, noch eine Rolle?

Oh ja, die SADC ist sehr aktiv, beispielsweise im Aufbau einer Zollunion, wie sie bereits zwischen Südafrika, Swaziland, Lesotho, Botswana und Namibia besteht. Auch bei der Besetzung der Organe der Afrikanischen Union, die nach vier Regionen erfolgt, ist die SADC aktiv.

Sie haben die WTO bereits angesprochen. Ist Südafrika bereit für einen freien Güteraustausch ohne Protektionismus?

Nein, nicht wirklich. Deshalb werden wir ja auch kritisiert, die Wirtschaft nicht liberalisiert und den Markt nicht geöffnet zu haben, beispielsweise den Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte. Aber ein solcher Wandel muss gesetzgeberisch abgesichert sein. Wir wollen in Südafrika noch immer zuerst den Staat und nicht primär den Markt. Südafrika kennt noch immer protektive Massnahmen, um die eigene Wirtschaft zu schützen.

Kommen wir zu den Beziehungen zwischen Südafrika und der Schweiz. Hier scheint es heute keine Probleme zu geben.

Die bilateralen Beziehungen sind sehr gut. Wir haben eine Zusammenarbeit auf Regierungsebene, im Kulturbereich, in der Technologie. Die Schweiz half auch in Zusammenhang mit der Wahrheits- und Versöhnungkommission (TRC). Oder bei der Unterzeichnung der Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) half uns die Schweiz bei der Umsetzung. Zudem finanziert die Schweiz ein Training für Verhandlungsführung in der WTO. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, DEZA, hatte bis 2004 Zeit eine Vertretung in Südafrika, dann soll es eine eher regionale Vertretung sein. Einige schweizerische Firmen haben den Swiss-South Africa Trust eingerichtet, der vor allem die Ausbildung von jungen Menschen ermöglicht; dies ist ein gemeinsames Projekt zwischen dem Privatsektor und der DEZA. Als unser Präsident letztes Jahr in der Schweiz weilte, wurde auch ein Abkommen unterzeichnet, das die gemeinsame Durchführung von Projekten in Afrika ermöglicht. Mehr erwarten wir eigentlich nicht. Wir sind mehr an Handel als an Hilfe interessiert.

Kommen wir noch zur Frage der Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika unter der Apartheid. Was gibt es dazu zu sagen?

Meine Ansicht dazu ist folgende: Die Apartheidsregierung hatte Beziehungen zu den meisten westlichen Staaten. Sie hatte spezielle Beziehungen zur Schweiz und ich kenne nicht alle Details. Ich glaube, wir werden nie alles erfahren, auch wenn zur Zeit einige Studien gemacht werden, die noch nicht abgeschlossen sind. Wir beobachten dieser Prozess eher, denn wir meinen, durch die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission haben wir uns mit den Geistern der Apartheid auseinandergesetzt. Auch wenn die TRC nicht ein perfektes Modell war, hat sie doch die wichtigsten Akteure der Menschenrechtsverletzungen benennt. Die Entschädigungszahlungen sind noch nicht erfolgt, denn alleine schon das Finden einer brauchbaren Formel für die Entschädigung ist eine riesige Aufgabe, weil wir ja alle Opfer der Apartheid sind. Ich musste 23 Jahre ausserhalb meines Landes leben, wie soll das aufgewogen werden? Deshalb hat die TRC die 21'000 schwersten Fälle bestimmt, die eine Entschädigung erhalten sollen. Im Parlament ist nun beschlossen worden, dass diese 21'000 Menschen je 30'000 Rand Entschädigung erhalten sollen.

Und nun zur Schweiz. Ich sage immer: Wenn ihr das Bedürfnis habt, die Geschichte aufzuarbeiten, dann solltet ihr es machen. Ich stelle immer wieder fest, dass ihr uns diese Frage der Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika stellt. Ihr solltet aber untereinander ausdiskutieren, wie dieses Problem gelöst werden kann. Das ist meine Meinung. Aber auch die südafrikanische Regierung denkt so, deshalb hat sie sich gegen die Sammelklagen ausgesprochen und klar gemacht, dass wir eine amerikanischen Gerichtsbarkeit nicht gutheissen. Wenn es in diesem Punkt Differenzen gibt, müssen wir dies akzeptieren. Wir können auch unsere Bürger nicht davon abhalten, ihre Ansprüche geltend zu machen. Das ist ihr verfassungsmässiges Recht.

Ich glaube, wir sollten uns auf die Zukunft konzentrieren , die wir gestalten können, aber wir sollen und dürfen auch die Vergangenheit nicht vergessen, das wäre gefährlich.

Sie feiern nun die ersten zehn Jahre eines freien und demokratischen Südafrika. In der Schweiz finden dazu zahlreiche Aktivitäten statt. Was ist das Ziel?

Wir wollen zusammen mit der Schweiz feiern. Wir wollen die Kenntnisse über Südafrika verbessern. Vielfach bestehen fixe Vorstellungen oder Vorurteile, so ist die Schweiz zum Beispiel reich und hat Chemie, Banken und Heidi, Südafrika ist von AIDS und Kriminalität geplagt und liegt ohnehin in einem hoffnungslosen Kontinent. Auch wenn die Handelsbeziehungen und die Schweizer Wirtschaftspräsenz in Südafrika sehr gut sind – 250 Firmen haben eine Niederlassung in Südafrika -, sind die sozialen Kontakte beschränkt. Schweizerinnen und Schweizer reisen zwar nach Südafrika, aber Schwarze aus Südafrika können sich eine Reise in die Schweiz nicht leisten. Wir bringen im Verlauf des Jahres Südafrikanrinnen und Südafrikaner in die Schweiz und führen zahlreiche Begegnungen und Veranstaltungen in allen Landesgegegenden durch.

Frau Botschafterin, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Zur Person:

Frau Patricia Nozipho January-Bardill ist seit 2001 Botschafterin Südafrikas in der Schweiz. Bis Ende März 2004 war sie zudem eines der 18 Mitglieder des UN-Expertenkomitees für die Elimination der Rassendiskriminierung. Frau January-Bardill war an der Universität von Botswana, Lesotho und Swaziland tätig, anschliesend führte sie eine eigene Beratungsgesellschaft in Grossbritannien. In den neunziger Jahren nahm sie am Transformationsprozess Südafrika Teil und war im öffentlichen wie auch privaten Sektor engagiert.

Zum besseren Verständnis:

Die Ziele von NEPAD sind
- die Demokratisierung Afrikas zu stabilisieren und voranzutreiben
- die wirtschaftliche Entwicklung mit einem eigenständigen Wachstum zu fördern
- die Armut zu reduzieren und
- Afrikas Marginalisierung zu stoppen.

Die Strategie zur Verwirklichung dieser Ziele beruht auf vier Säulen. Erstens sollen mit Friedensinitiativen und Konfliktlösung die vielen (Bürger-)Kriege aus eigener Kraft gestoppt werden. Zweitens sollen Demokratie und "Gutes Regieren" gefördert werden. Drittens sollen die – teilweise kaum handlungsfähigen – Staaten ihren Bürgerinnen und Bürgern eine Grundversorgung an Gesundheitsdiensten, Bildung etc. garantieren. Und viertens soll die regionale Zusammenarbeit zwischen den afrikanischen Staaten verstärkt werden. Die knappen Investitionsmittel sollen auf die Kernbereiche Infrastruktur, Humankapital (Bildung, Stärkung der Frauen, sozialer Bereich), Modernisierung der Landwirtschaft und den Zugang zu den Märkten der Industrieländer konzentriert werden. Um all diese Projekte zu verwirklichen, werden in den nächsten 15 Jahren zusätzlich 64 Mrd. $ benötigt, die von den Industrieländern als Entwicklungshilfe oder als Investitionen aufgebracht werden sollen. Im Gegenzug verpflichten sich die afrikanischen Regierungen zu Transparenz und zum Kampf gegen Korruption.

Am NEPAD-Prozess sind folgende Staaten beteiligt: Ghana, Rwanda, Kenya, Mauritius, Mozambique, Nigeria, Senegal, Südafrika, Äthiopien, Mali, Uganda, Burkina Faso, Algerien, Kamerun, Gabun und Kongo-Brazzaville.

Mehr zur NEPAD-Diskussion im Afrika-Bulletin Nr. 113 vom Februar/März 2004

1994 – 2004: 10 Jahre freies, demokratisches Südafrika
Kleine Geschichten zur grossen Geschichte

Von Rudolf Küng; Afrikakorrespondent von Schweizer Radio DRS

Als Tom Manthata eines Abends mit seiner Frau und den zwei Kindern in meiner kleinen Wohnung an der Jacob Maré Street im Zentrum von Pretoria zu Besuch kam, musste seine Tochter Zandile - sie wird etwa fünf Jahre alt gewesen sein - auf die Toilette. Ich wies ihr den Weg ins Badezimmer. Als sie zurückkam, tuschelte sie etwas in der Muttersprache mit ihrem Vater. Tom schien sie abzuweisen, doch sie liess sich nicht einfach abwimmeln. Ich mischte mich ein und fragte, ob ich etwas tun könne. Nein, nein, wehrte Tom ab, es sei nichts, Zandile habe bloss die Wanne im Bad entdeckt und gefragt, ob man darin baden könne. Es wurde Zandiles erstes Badewanneerlebnis.

Das war im südafrikanischen Frühling 1982 - Herbst in der Schweiz -, und nicht allein brachen wir mit unserem einfachen Zusammensein in meinem Appartement die Gesetze des Landes, die schlichte Begebenheit trug auch dazu bei, meinen Blick für die Dimensionen der Apartheid zu weiten. Zwar ist Südafrikas jüngere Geschichte an den grossen Persönlichkeiten und ihrem heldenhaften Kampf gegen das Monster eines perversen Regimes zu ermessen, an überragenden Menschen wie Nelson Mandela. Dennoch ist das Bild der kleinen Zandile in der Badewanne in meiner Erinnerung nie verblasst.

Mandela war zu jener Zeit gerade von Robben Island ins Pollsmoor Gefängnis hinter Capetown verlegt worden, zusammen mit Walter, wie er in seiner Autobiografie schreibt (Walter Sisulu), Raymond Mhlaba und Andrew Mlangeni. Das wussten die wenigsten. Damals war der Weg zur Freiheit noch lang. Die - seltenen - Fahrten mit Tom nach Soweto, wo er wohnte, und von wo er Tag für Tag nach Pretoria zur Arbeit fuhr, waren illegal. So wie es verboten war, an der Wand des einfachen Hauses ein Foto von Nelson Mandela oder die schwarz-grün-gelbe Flagge des ANC aufzuhängen.

Jeden Tag erschien Tom pünktlich und makellos gekleidet am Arbeitsort so wie alle Schwarzen, egal von wie weit her sie anfahren, egal, wie früh am Morgen sie aufstehen mussten. Und sie alle brauchten dafür eine Bewilligung. Anna Maribe Mapanti, die aus Bophutatswana anreiste, trug jeweils den Geruch des Holzkohlefeuers in meine Wohnung. Sie übertünchte ihn mit dem spitzen Duft des Glasreinigers, den sie ausgiebig für das Abreiben der Fensterscheiben und Glastische verwendete, die längst glänzten. Es gab im Ein-Mann-Haushalt kaum etwas zu tun, Anna langweilte sich, doch die Anstellung aufzugeben stand ausser Diskussion. Es hatte eines Abends an meiner Wohnungstüre geläutet, draussen stand eine ältere Frau mit aufwändiger Kopfbedeckung, eine Zulu-Frau, dachte ich. Sie fuhr mich sogleich an, halb Englisch, halb Afrikaans sprechend (was ich nicht verstand). Was es zu verstehen gab, kapierte ich aber: ich hatte keine Maid, keine Hausangestellte, und enthielt so einer schwarzen Frau einen Arbeitsplatz vor. Durch die Vermittlung der Zulufrau kam seither Anna Maripe Mapanti an jedem Wochentag in mein Appartement.

Am 26. April 1994 war ich schon früh am Morgen unterwegs nach Matshaba im Distrikt Mankwe - ehedem noch Bophutatswana. Am Horizont ging ein neuer Tag auf. Was heisst ein neuer Tag - ein neues Zeitalter! Im Scheinwerferlicht des Autos tauchten auf dem Schotterrand der Landstrasse Gestalten auf, die sich noch in finsterer Nacht aufgemacht hatten, das allerletzte Stück ihres langen Wegs zur Freiheit zurückzulegen. Ich begegnete ihnen wieder in der Primarschule von Matshaba, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Stimme abgaben. Die Alten mit von der Sonne und dem Leben gegerbter Haut zuerst. Einer von ihnen, mit zerschlissenen Schuhen, die zu langen Hosenstösse zerfranst, die zu grosse Jacke über die Schultern herabhängend, geht nach der Stimmabgabe wortlos nach draussen in den Schatten eines Baumes, breitet seine Arme aus und beginnt langsam zu tanzen. An den darauf folgenden Wahltagen suche ich unter den schönen, glatthäutigen Jungen vergebens Anna Maribe Mapanti.

Seither blitzen beim Anflug auf Johannesburg, Capetown, Durban die silbernen Wellblechdächer tausendfach in Reih und Glied. Und in der Mall von Sandton schieben nicht mehr allein weisshäutige, sondern auch Afrikaner-Familien ihre mit Waren überfüllten Einkaufswagen zum BMW in der Parkgarage, eskortiert von Buben in neusten Turnschuhen und Mädchen mit kunstvollen Zöpfchenfrisuren. In Rose Gwanyas Hütte aber, die nur durch schmale Durchgänge von anderen, gleichen Hütten getrennt ist, sind die winddurchlässigen Wände noch immer mit den selben Ausschussfahnen farbiger Werbedrucke tapeziert wie eh und je. Hundertfach lächelt eine blonde Frau mit dem hellblauen Weichspüler in der Hand. Rose lebt mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Schwester in Khayelitsha, dem Township draussen beim Flughafen von Cape Town. Sie ist AIDS-krank und arbeitslos, ihr Mann und Vater ihres Sohnes hat sie verlassen. Die 28 Jahre junge Frau beklagt ihr Schicksal nicht, klagt nicht, dass mit der Apartheid nicht auch ihre Armut verschwunden ist. Das halten Wortgewaltige wie Lesego Rampolokeng anders, wenn dieser über die fat cats von heute herzieht, oder wie Lewis Nkosi, für dessen Held Molapo im Buch Underground People der Befreiungskampf noch nicht beendet ist, solange die Armut-Apartheid fortbesteht. Die Armut, das zeigen die Daten des "South Africa Survey" vom Institute of Race Relations in Johannesburg, hat sich in den letzten zehn Jahren sogar noch vertieft.

Ermisst sich heute, zehn Jahre nach dem siegreichen Befreiungskampf gegen die Apartheid-Herrschaft, die Geschichte Südafrikas noch immer an grossen Persönlichkeiten? An Thabo Mbeki etwa, dem Poeten, wenn er zur Feier der neuen Verfassung, die eine der fortschrittlichsten der Welt ist, sagt: "Ich bin ein Afrikaner. Ich schulde mein Sein den Hügeln und Wäldern, den Bergen und Ebenen, den Flüssen und Wüsten, den Bäumen und Blumen, den Meeren, und den ewig wechselnden Jahreszeiten, die das Gesicht unseres Heimatlandes verändern"; der aber Massen vor den Kopf stösst, wenn er den Zusammenhang des HI-Virus und AIDS anzweifelt; und der mit seinem Lavieren gegenüber Robert Mugabe die von ihm mitkonzipierte Neue Partnerschaft zur Entwicklung Afrikas NEPAD in Gefahr bringt? Noch immer stehen Südafrikas Geschicke im leuchtenden Glanz der Befreiung, noch immer sehen die Menschen ihre Lebensverhältnisse, so erbärmlich diese nach wie vor sein mögen, im Licht der Leuchtfigur Mandelas. Und sie werden dies am 14. April 2004, dem Wahltag, mit einer grossen Stimmenmehrheit für Präsident Mbeki und den ANC zum Ausdruck bringen.

Doch dies wird nicht immer so bleiben. Die Zukunft ist abzusehen, wo der Befreiungskampf gegen das Apartheidregime vom Befreiungskampf gegen die Herrschaft der Armut in den Hintergrund gedrängt sein wird. Dieser neue Befreiungskampf aber wird an all dem ermessen werden, was das tägliche Leben der Millionen Menschen tatsächlich verbessert, am Dach über dem Kopf, an Wasser und Strom und an etwas zu Essen, aber auch an Arbeit, Gesundheit und Sicherheit, und weiter: an Bildung und Kultur. Südafrika mangelt es nicht an Führungspersönlichkeiten, die diese Forderungen auf ihre Fahnen geschrieben haben, und die dafür so wortgewaltig eintreten wie einst die Kämpfer gegen die Apartheid.

Die globalen Verhältnisse jedoch geben Anlass zur Befürchtung, dass der neue Kampf noch viel schwieriger sein wird, als es der frühere war, und dass der Sieg viel schwerer zu erringen ist. Eines aber steht fest: der Sieg über die Armut wird in einfachen Geschichten zu erzählen sein, in so einfachen Begebenheiten wie Zandiles Bad in der Wanne.

 

Afrika in Kürze

Angola
Die Zivilgesellschaft regt sich

Ende Februar ist es in Luanda zu einer ersten Demonstration für Demokratie und gegen den erstarrten Machtklüngel der MPLA-Regierung gekommen. Im März, zwei Jahre nach Ende des 40-jährigen Unabhängigkeits- und Bürgerkriegs wurde eine nationale "Kampagne für Demokratie in Angola" gegründet. Daran beteiligen sich mehr als 30 Organisationen der Zivilgesellschaft. Ziel ist, den Druck auf die Dos Santos-Regierung zu erhöhen. Dieser wird vorgeworfen, nichts zur Verbesserung der Lebensbedingungen der 13 Millionen EinwohnerInnen Angolas zu tun und die nationalen Reichtümer, vorab die Erträge aus Erdöl, für eigene Zwecke zu missbrauchen. Angeprangert wird die Tatsache, dass noch immer kein Datum für nationale, demokratische Wahlen angekündigt ist.

Eritrea
Kontroverse Entwicklung

Im trockenen, sandigen Küstenstreifen am Roten Meer findet seit wenigen Jahren eine ökologische Umwälzung statt: Die Aufforstung mit Mangroven. Das "Manzanar Projekt" könnte – so seine Initianten – eines Tages den Hunger ausrotten und die globale Erwärmung eindämmen. Vier Jahre nach dem Beginn der Pflanzungen gibt es über 250.000 Mangrovenbäume, wo einst nur Sand war. Doch das Projekt ist umstritten. Kritiker sagen, das Projekt, welsches vom pensionierten amerikanischen Zellbiologen Gordon Sato getragen wird, spiele mit der Umwelt.

Als eines der ärmsten Länder der Welt und erst seit 12 Jahren unabhängig, ist Eritrea entschlossen, neue Lösungen für die Geissel des Hungers zu finden. Mit wenig fruchtbarem Land oder natürlichen Ressourcen ausgestattet, leben seine 3,3 Millionen Einwohner fast dauerhaft unter der Bedrohung durch Dürre und Nahrungsmittelknappheit. Zwei Dinge, von denen es jedoch reichlich hat, sind Wüste und Salzwasser entlang einer Küste von 1.200 Kilometern. Wege zu finden, um diese Ressourcen nutzbar zu machen, wurde Satos Ehrgeiz. Er überlegte sich, wenn genügend Mangroven entlang der öden Küste angebaut werden könnten, dann könnten Rinder und Ziegen mit Futter versorgt werden, auch wenn die Regenfälle ausblieben und Dürre herrschte. Mangroven sind kleine, buschartige Bäume und bemerkenswert, weil sie, anders als die meisten Pflanzen, im Salzwasser gedeihen und im Tidebereich an Küsten auf der ganzen Welt wachsen.

Mangroven in Regionen wieder anzupflanzen, wo sie zuvor wuchsen, wird von Umweltschützern als gute Sache betrachtet. Satos Arbeit unterscheidet sich davon, weil er eine komplett neue Landschaft schafft, indem er Mangroven anbaut, wo nie zuvor Mangroven gesehen wurden.
Etwa 15 Prozent von Eritreas Küstenstreifen ist von Mangroven bedeckt, auch in Bereichen, wo sich gelegentlich Regenfluten durch den Sand ins Meer ergiessen. Damit die Mangroven in der neuen Umgebung besser wachsen, erhalten sie Stickstoff- und Phosphatdünger, obwohl es zuvor keine Umweltverträglichkeitsprüfung oder unabhängige Versuche gab. Meeresbiologen warnen, dass die Chemikalien das empfindliche Korallen- und Fischleben im Roten Meer schädigen könnten. "Korallen gedeihen in Gebieten mit niedrigen Nährstoffgehalten. Die Sorge beim Einsatz großer Nährstoffmengen jeglicher Art ist, dass diese ganze Korallen-Ökosysteme negativ beeinflussen und abtöten", sagt Mark Spalding, Co-Autor des UN "World Atlas of Coral Reefs". "Kommt etwas ins Meer, bleibt es nicht an der gleichen Stelle. Das Meer ist eine Flüssigkeit, Nährstoffe, die den Mangroven gegeben wurden, lösen sich heraus und gelangen dann in Gebiete weit von den Mangrovenpflanzungen entfernt." Es zeichnet sich ein Konflikt zwischen lokaler landwirtschaftlicher Entwicklung und Gefährdung des Ökosystems im Roten Meer ab. Vorderhand geniesst das Projekt die Unterstützung der eritreischen Regierung.
Im Dezember 2002 erhielt das Manzanar Projekt den angesehenen "Rolex Award for Enterprise" im Wert von 100.000 $. Versuche, weitere Investoren anzulocken, wurden seitdem jedoch durch Proteste von Umweltschützern verhindert. (Quelle: Reuters)

Äthiopien-Eritrea
Druck auf Äthiopien nimmt zu

Nahezu alle europäischen Staaten sowie einige afrikanische Länder haben in den vergangenen Wochen eindeutig erklärt, dass sie die Entscheidung der Kommission für die Grenzdemarkation zwischen Äthiopien und Eritrea (EEBC) als "endgültig und bindend" betrachten. Zuletzt hat das US State Department auch für die USA diese Haltung deutlich gemacht und beide Länder aufgefordert, die Entscheidung umzusetzen. Das Aussenministerium Eritreas hat in einer Pressemitteilung am 27. Januar 2004 das öffentliche Bekenntnis der USA zur Entscheidung der Grenzkommission begrüsst, zugleich jedoch klargemacht, dass Eritrea immer unmissverständlich alle Teile des Friedensabkommens von Algiers von 2002 respektiert und voll unterstützt habe, und dies auch weiterhin tun werde. Wenn die Entscheidung der Grenzkommission respektiert werde und die Demarkation ohne weitere Verzögerung durchgeführt werde, seien allen Türen für direkte Gespräche, eine Normalisierung des Verhältnisses und vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen Eritrea und Äthiopien offen. (Quelle: mz/EHD-Nachrichten 1/2004)

Lesotho
Textilindustrie boomt

Zur Förderung afrikanischer Hersteller ist in den USA noch unter der Clinton-Administration der "African Growth and Opportunity Act" verabschiedet worden. Afrikanischen Ländern wird dadurch ein erleichterter Zugang zum amerikanischen Markt gegeben. Für Lesotho, das 30'000 qkm grosse und 2,2 Mio. Bewohner zählende Königreich, das vollständig von Südafrika umgeben ist, zahlt sich diese Möglichkeit aus. Innert drei Jahren ist die Zahl der Arbeitsplätze in der Textilindustrie von 17'000 auf 54'000 angestiegen. Damit ist die Textilindustrie Hauptarbeitgeber geworden und überrundet die staatliche Verwaltung. Die Textilexporte in die USA, vor allem Jeans, betrugen 2002 318 Mio. $, was mehr als ein Drittel aller bevorzugten Exporte ausmacht.  (Quelle: Sowetan, 20.2.04)

Zimbabwe
Lage spitzt sich weiter zu

g.b. Zimbabwes wirtschaftlicher Zerfall geht weiter. Wann wird er endlich gestoppt? Die Lage der Bevölkerung ist desolat. Es wirkt wie ein Wunder, was trotz allem noch möglich ist. Die Zahlungen der vielen ins Ausland Emigrierten helfen beim Überleben.

Die von der EU wegen der Wahlfälschungen und der Menschenrechtsverletzungen verhängten Sanktionen zeigen nun auch Auswirkungen bei den Fahrzeugen der Polizei und der Armee, die von Frankreich, Österreich und England stammen. Wegen fehlenden Ersatzteilen sind die meisten nicht mehr einsatzbereit. Als Ersatz will die Regierung Mazdas kaufen. Mit den Sanktionen hatte die EU auch eine Einreisesperre gegen Präsident Mugabe verhängt. Diese Einreisesperre wurde neu auch auf alle Regierungsmitglieder ausgeweitet.

Der südafrikanische Präsident Tabo Mbeki versucht nach wie vor hinter den Kulissen und in "stiller Diplomatie", die Regierung Mugabe und die Opposition MDC zu offiziellen Gesprächen an einen Tisch zusammen zu bringen. Nachdem offenbar die Regierung Mugabe schon diverse Zusagen zu solchen Gesprächen wieder rückgängig machte, ist auch die letzte Zusage zu Gesprächen im Februar nicht eingehalten worden. Die MDC erklärte schon verschiedentlich, dass sie zu bedingungslosen Gesprächen bereit sei. Die Regierung allerdings will nur Gespräche aufnehmen, wenn die MDC eine Reihe von Bedingungen erfüllt und unter anderem die nach wie vor hängige Anfechtung der letzten Präsidentenwahlen zurückzieht. Bei vielen zimbabwischen NGO’s stösst die "stille Diplomatie" von Mbeki auf Unverständnis. Sie fühlen sich allein gelassen.

Eritrea: Gute Nachrichten sind keine Nachrichten
Eritreas Entwicklung in der Diskussion

Von Yemane Meheret, Ausland-Eritreer

Seit mehreren Jahren lebe und arbeite ich als ein Bürger Eritreas in der Schweiz. Immer wieder reise ich mit meiner Familie zurück im unsere Heimat. Die Situation, die wir dort antreffen, unterscheidet sich grundlegend von dem, was in den hiesigen Medien über das kleine Land Eritrea berichtet wird. Gute Nachrichten sind offenbar keine Nachrichten. Über Afrika im Allgemeinen und über Eritrea im Besonderen sehen, hören und lesen die Menschen hier nur das Allerschlimmste: Hunger- und Dürrekatastrophen, Diktaturen, Kriegsherren, Seuchen, und nicht enden wollende Kriege prägen das Bild der Berichterstattung. Wie aber sehen der Alltag und das Leben der Menschen am Horn von Afrika tatsächlich aus?

Es ist unbestritten, dass Ostafrika, das Horn von Afrika, zur Wiege der Menschheit zählt. Vor Urzeiten erlaubten die klimatischen Bedingungen in diesem Raum die Menschwerdung – der Rest des Globus war von Eis und Gletschern überzogen. Aus dem ostafrikanischen Raum wanderten die Menschen nordwärts und besiedelten unter anderem das Nildelta. Es ist also nicht vermessen, wenn ich hier behaupte, dass der Mensch in Afrika entstanden ist, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist und das dieses Erbe in der heutigen politischen und kulturellen Diskussion zu wenig oder überhaupt nicht gewürdigt wird.

Folgen der Kolonisation

Eritrea leidet, wie jedes andere afrikanische Land auch, noch immer unter den Folgen der Kolonisation. All denen, die nun sagen, dass sei lange her und all diese Länder seien schon längst frei und könnten ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen, muss ich drei Dinge entgegnen:

  • Eine echte Entkolonialisierung hat nie stattgefunden. Die Länder des afrikanischen Kontinents, welche sich ihre Unabhängigkeit in harten und blutigen Kämpfen erobert haben, sehen sich noch immer mit der Einmischung von ehemaligen oder neuen Kolonialmächten konfrontiert.
  • Demzufolge hat eine echte und eigenständige Entwicklung niemals stattfinden können. Sei es wegen Rohstoffen, sei es während des kalten Krieges aus strategischen Überlegungen oder sei es aktuell wegen dem US-amerikanischen "Krieg gegen den Terror": Immer sehen sich die afrikanischen Staaten mit den Einmischungen und Spaltungsversuchen von US-amerikanischen, europäischen und westlichen Mächten konfrontiert.
  • Nicht nur Eritrea, alle Länder Afrikas sind mit den Folgen der Globalisierung konfrontiert. Dagegen, gegen die Politik der Weltbank und des IWF, wehren sich diese Länder. Dementsprechend werden sie denn auch von der westlichen Politik behandelt.
    Wer also bestreitet, dass ein Grossteil, wenn nicht alle Probleme Afrikas von der Kolonisation herrühren, muss erst mal belegen, dass diese Kolonisation in der Tat beendet ist. Ich bestreite dies!

Der "Grenzkonflikt" zwischen Äthiopien und Eritrea

Geographisch und politisch wäre es logisch, dass Eritrea und Äthiopien, ja die gesamte Region am Horn von Afrika, eine Einheit bilden. Der junge Staat Eritrea ist jedoch kein künstliches, auf dem Reissbrett der kolonialen Strategen entstandenes Gebilde, sondern ausdrücklich der Wille des Volkes. Nach dem Befreiungskampf gegen Menghistu, welchen Eritrea gemeinsam mit Äthiopien führte, entschied sich das eritreische Volk, im Einvernehmen mit Äthiopien, nach einem Referendum die Unabhängigkeit auszurufen.

Schon bald nach der Unabhängigkeit Eritreas fingen die Konflikte mit den Nachbarstaaten an. Analysieren wir diese Konflikte genauer, stellen wir fest, dass jeder einzelne geschürt und angeheizt wurde. Namentlich der "Grenzkonflikt" von 1998 mit Äthiopien ist ein sehr guter Beleg für diese Behauptung. Dieser "Grenzkonflikt" sollte einzig dazu dienen, das junge und aufstrebende Eritrea zu disziplinieren, zu zügeln und wenn notwendig zu zerstören. Ein wichtiges Ziel dieses "Grenz"konfliktes war auch die Einsetzung einer Marionettenregierung, welche dem Westen genehm ist. Das ist misslungen. Grob gesagt ging es bei diesem "Grenzkonflikt" um ein Stück Brachland zwischen Äthiopien und Eritrea. Die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) in Deutschland zeichnete damals eine neue Karte und dies löste den Krieg aus. Äthiopien beanspruchte plötzlich ein Stück Land für sich, welches bis anhin unbestritten zu Eritrea gehört hatte.

Wo es keine Probleme gibt, werden sie geschaffen: Nach dem Grenzkonflikt wurde in Algerien ein Friedensabkommen geschlossen, welches den Konflikt schlichten sollte. Eine UN-Kommission sollte den Grenzverlauf markieren, eine andere die Wiedergutmachung für die Vertriebenen EritreerInnen festlegen, eine dritte schliesslich den Ursprung feststellen und die Schuldigen des Konfliktes ermitteln. 2002 stellte der internationale Gerichichtshof in Den Haag fest, dass die Siedlung Badme zu Eritrea gehört. Dies war einer der Kernpunkte des Konfliktes. Die Umsetzung dieses Urteils durch die Markierung der Grenze wurde von Äthiopien bislang dreimal verschoben. Schliesslich lehnte Äthiopien im September 2003 den Internationalen Gerichtshof in Den Haag als bindende Instanz gänzlich ab. Nach all den langwierigen Verhandlungen, nachdem die UNO über 4000 Blauhelme in die Region entsandt und fast vier Jahre dort stationiert hatte, reagiert die Weltgemeinschaft nicht auf diese Sabotage Äthiopiens.

Tatsachen

Ich möchte nun einige Tatsachen, wie ich sie auf meinen regelmässigen Besuchen in meinem Heimatland erlebe, wiedergeben.

Eritrea ist, allen Anfeindungen und Verleumdungen zum Trotz, ein Land im Aufbau. Das Volk Eritreas steht hinter seiner Regierung. Diese Regierung hat es geschafft, trotz Krisen, Dürren und Krieg eine Infrastruktur aufrecht zu erhalten oder neu aufzubauen, die sich in der Tat sehen lässt. So gibt es ausreichend Versorgung für die Bevölkerung, es braucht niemand zu hungern. Dies wird vor allem dadurch gewährleistet, dass StudentInnen und Menschen aus der Stadt regelmässig und organisiert aufs Land ziehen, um den Bauern bei der Saat und der Ernte zu helfen. Teil dieses Programms ist auch eine Aufforstungskampagne. Der Wald soll das dringend benötige Wasser bringen. Medizinische und schulische Versorgung sind gewährleistet und der grösste Teil des Landes ist elektrifiziert. Über all diese, unter grössten Schwierigkeiten verwirklichten Projekte, sehe und höre ich nichts, wenn hier über Eritrea berichtet wird. Demgegenüber wissen die Menschen vor Ort sehr wohl, wem sie ihren Fortschritt zu verdanken haben: Nämlich sich selbst und ihrem unerschütterlichen Willen, frei und unabhängig zu leben.

Da noch immer eine Bedrohung besteht, hat Eritrea seine Armee nicht demobilisiert. Diese übernimmt jedoch – nebst ihrem Bewachungsauftrag – auch viele andere zivile Aufgaben, wie Strassenbau, Aufbau oder Wiederaufbau der Infrastruktur usw.

Die Sache mit der Demokratie

Ein grosser, vielleicht der grösste Vorwurf, der Eritrea immer wieder gemacht wird: Ihr seid keine Demokratie, bei euch regiert ein Einparteiensystem. Das stimmt, es gibt in Eritrea nur eine einzige Partei, die EPLF (Eritrean Peoples Liberation Front; aktuell: EPJDF, Eritrean Peoples Justice and Democratic Front). Weshalb ist das so?

Die EPLF ist die Partei, welche Eritrea im Befreiungskampf unbestrittenerweise an- und zum Erfolg führte. Erklärtes Ziel der EPLF war und ist es, mehrere Parteien zuzulassen. Dies wird auch geschehen, wenn Eritrea nicht mehr bedroht wird. Diese Bedrohung ist heute jedoch offensichtlich und im Alltag Eritreas deutlich spürbar. Eine Demokratisierung des Landes zum jetzigen Zeitpunkt wäre insofern eine grosse Gefahr, als es zu einer Spaltung kommen könnte. Diese Spaltung kann nicht im Interesse Eritreas sein. Es ist bezeichnend, dass die einzig wirkliche Opposition nicht aus Eritrea, sondern aus dem Ausland, namentlich aus den USA kommt. In der Regel handelt es sich dabei um Exil-Eritreer, welche an US-amerikanischen Universitäten oder Denkfabriken studiert haben und nun den "Mangel an Demokratie" in ihrem Land beklagen. Das Motto dieser Leute war früher: "Victory for the masses" (Sieg für die Massen), heute scheint ihr Motto "Victory for me" (Sieg für mich) zu sein.

Als in Europa lebender Bürger Eritreas muss ich mich manchmal wirklich fragen, ob diese Demokratie den afrikanischen Systemen wirklich so haushoch überlegen ist: Hitler kam nicht durch einen Staatsputsch an die Macht, er wurde "demokratisch" gewählt. Der gegenwärtige Präsident der USA, der drauf und dran ist, unsere Welt im Namen des "Krieges gegen den Terror" zu vernichten, hat kaum ein anderes Wort als "Demokratie" auf seinen Lippen. Da ist mir ein Einparteien System wie das unsere, welches sicherlich auch seine Fehler hat, aber ohne Korruption und Heuchelei für die Interessen des Volkes arbeitet, lieber!

Im Übrigen ist es keineswegs so, dass in Eritrea das Volk nichts zu sagen hätte. Zwar kennen wir in Eritrea das Modell der direkten Demokratie nicht, wie sie in der Schweiz üblich ist. Es gibt jedoch bei uns eine grosse Zahl von demokratischen Organisationen, Frauenorganisationen, Gewerkschaften, Bauernorganisationen, Studentenorganisationen usw., die einen lebendigen demokratischen Prozess garantieren. Diese Organisationen sind eine Macht, an welcher die Regierung weder vorbeikommen kann, noch vorbeikommen will.

Religiöse Gemeinschaften und politische Gefangene

Im Afrika-Bulletin erschien vor kurzem ein Artikel (Afrika-Bulletin Nr. 110, Mai/Juni 2003), in dem die Situation der Menschenrechte in Eritrea thematisiert wurde. Diese Kritik an Eritrea darf im Rahmen dieses Artikels nicht unbeantwortet bleiben.

Prinzipiell steht die eritreische Regierung für die Freiheit der Religionen ein. Während des Grenzkrieges wurden die Religionen nicht verboten, aber ihre öffentliche Ausübung wurde eingeschränkt. Dies mit der Begründung, dass sich Armee, Volk und Nation im Krieg befindet. Die Einschränkung galt für alle Religionen und hatte keinen Einfluss auf Individuen, diese waren nach wie vor frei, ihre Religion auszuüben.

Im Afrika-Bulletin wurde nun die Einschränkung oder das Verbot von Sekten kritisiert. Meiner Meinung nach verfolgen diese Sekten einen bestimmten Zweck: Sie sollen das Selbstbewusstsein des Volkes und der Armee schwächen. Sie sind also ein Instrument des Neo-Kolonialismus. Dass sich innerhalb dieser Sekten sicher einige wohlmeinende Menschen befinden mögen, ändert an dieser Tatsache nichts. Die Aktivitäten dieser Sekten nach dem Krieg, die fast ausnahmslos darauf abzielten, das Volk zu spalten und zu verunsichern, stützt diese These.

Zur Frage der politischen Gefangenen: Es darf nicht vergessen werden, dass zwischen Äthiopien und Eritrea nach wie vor noch kein beidseitig anerkanntes Grenzabkommen zustande gekommen ist. Jederzeit kann also der bewaffnete Konflikt wieder ausbrechen. Wer in so einer Situation die Haltung und die Politik der Regierung kritisiert, muss sich die Frage gefallen lassen, auf wessen Seite er steht. Der US-amerikanische Imperialismus versucht seit Jahrzehnten, am Horn von Afrika Fuss zu fassen. Eritrea ist nur eines der Ziele der Aggressoren. Es liegt auf der Hand, dass die USA, nebst dem, dass sie Äthiopien einen Stellvertreterkrieg führen lassen, auch versuchen, dass eritreische Volk selbst zu indoktrinieren. Dass die Regierung und die Justiz Eritreas versucht, diese Angriffe abzuwehren, ist nur folgerichtig und muss ihr zugestanden werden.

Unsere Heimat Eritrea ist ein Land wie jedes Andere- und doch ist es in vielerlei Hinsicht etwas Besonders. Viele Länder dieser Erde - darunter auch die Schweiz - haben lange und oftmals blutige Befreiungskämpfe hinter sich. Was in andern Ländern vielleicht Jahrhunderte zurückliegen mag, ist in Eritrea aktuell oder noch keine Generation alt.

Wir haben diese Kämpfe nicht gesucht, sie wurden uns aufgezwungen. Im Bestreben, die errungene Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren, steht die überwiegende Mehrheit des Volkes hinter seiner Regierung. Diese Regierung ist, wie jede andere Regierung auch, in mancherlei Hinsicht zu kritisieren. Es ist jedoch die Frage, welche Motivation hinter dieser Kritik steht. Ist es eine aufbauende Kritik, die mögliche Fehler aufzeigen und beseitigen will, dann ist sie willkommen. Destruktive Kritik jedoch, die nichts anderes will, als die Fortschritte Eritreas negieren und die Einheit des Landes zersetzen, wird von Volk und Regierung völlig zu Recht zurückgewiesen.

Alle Menschen, ob Medienschaffende, PolitikerInnen, oder einfache BürgerInnen sind herzlich dazu eingeladen, ihre Vorurteile zu Hause zu lassen, nach Eritrea zu reisen und sich so vor Ort selber ein differenziertes Bild zu machen.

Das besondere Buch

Die Tätigkeit der Basler Mission an der Goldküste

Für Forscher der westafrikanischen Geschichte ist das historische Bildarchiv der Basler Mission eine einzigartige Schatzkammer. Nun wird erstmals eine grössere Serie dieser Bilder in einem Buch veröffentlicht, das die Präsenz der Basler Mission an der Goldküste dokumentiert.

Historische Fotografien bergen weit mehr als das, was wir auf den ersten Blick sehen. Sie erzählen von untergegangenen Kulturen, von verschwundenen Alltagsgegenständen, von Tradition und Brauchtum und nicht zuletzt von der Beziehung zwischen dem Fotografen und seinem Objekt. Dass die Basler Missionare im 19. Jahrhundert ihre Arbeit ausführlich dokumentierten, um die Unterstützung im Heimatland sicherzustellen, ist heute ein Glücksfall für die Forschung. Zehntausende von Bildern mit unschätzbarem Wert birgt das Archiv der Basler Mission – eine Fundgrube für alle, die sich beispielsweise für die westafrikanische Geschichte interessieren.

Ausgehend von einer Ausstellung von rund hundert Bildern im Nationalen Museum in Akkra schrieb Peter A. Schweizer, langjähriger Schweizer Botschafter in Ghana, sein nun auch auf deutsch erschienenes Buch zur Geschichte der Basler Mission an der Goldküste. Lebendig wird die historische Betrachtung dank zahlreicher Bilder aus dem umfangreichen Archiv der Basler Mission. Wir begegnen der Missionarin Rosa Ramseyer mit einer Kindergartenklasse, sehen, wie die Missionare Schimming und Schultze mit ihren weissen Tropenhelmen radfahrend das Hochland durchqueren, staunen ob der Einfachheit einer provisorischen Klinik und dem Mut der einheimischen Ruderer, die Waren vom Festland auf die Hochseeschiffe und, im Gegenzug, Fracht aus Europa ans Land zu bringen hatten.

Das Buch zeigt, welchen Einfluss das Engagement der Basler Mission auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes hatte. Das Buch berichtet von Schwierigkeiten und Erfolgen, von Pionierleistungen und Widerständen, von Problemen wie dem Kampf gegen den Sklavenhandel oder gegen die Malaria. Vor allem aber ermöglicht es – dank seinem umfangreichen Bildteil – Einblick in eine verlorene Welt.

Die rund 270 Seiten umfassende Publikation besteht aus einem Text- und einem Fototeil, auf den im Text jeweils verwiesen wird. Das Buch vermittelt interessierten LeserInnen gute Einblicke in den Hintergrund der Missionsarbeit und die tägliche Arbeit und die täglichen kleinen Sorgen.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Basler Mission ein Bildarchiv mit rund 50'000 Fotografien aus der Zeit zwischen 1860 und 1950 besitzt. Diese Bilder stehen heute dank einer digitalen Aufbereitung via Internet zur Verfügung: www.bmpix.org.

Peter A. Schweizer, Mission an der Goldküste, Geschichte und Fotografie der Basler Mission im kolonialen Ghana; Basel 2002 (Christoph Merian Verlag)

Neu auf dem Büchertisch

Frauen- und Geschlechterforschung im ländlichen Afrika

hus. Rita Schäfer, LeserInnen des Afrika-Bulletins als Verfasserin von Beiträgen über das südliche Afrika nicht unbekannt, legt eine kommentierte Bibliographie von Publikationen zur Frauen- und Geschlechterforschung in ländlichen Gebieten Afrikas vor. Etwa 1500 publizierte Beiträge aus mehr als 100 Fachzeitschriften wurden von der Autorin gesichtet und zusammengefasst, womit sie eine riesige Arbeit geleistet hat. Berücksichtigt wurden europäische, amerikanische und afrikanische Quellen, von denen oftmals gar keine Kenntnis besteht. Die nun (in zweiter Auflage) herausgegebene Publikation stellt für alle an der Genderdiskussion interessierten Personen und natürlich alle, die in der entsprechenden Forschung tätig sind, eine unschätzbare Hilfe dar. Möge Rita Schäfer die Kraft und Ausdauer haben, die weitere publizistische Entwicklung im Auge zu behalten und zu gegebener Zeit erneut eine aktualisierte kommentierte Bibliographie herauszugeben.

Rita Schäfer, Gender und ländliche Entwicklung, Eine kommentierte Bibliographie, Münster 2003 (Lit-Verlag; 2. Auflage)

Die UNO als Friedenserzwingerin

hus. Im letzten Jahrzehnt hat die Rolle der UNO bei friedenserzwingenden und -erhaltenden Operationen enorm zugenommen. In immer mehr nationalen oder regionalen Konflikten spielt die UNO eine stabilisierende Rolle, sei es etwa im Grenzkonflikt zwischen Eritrea und Äthiopien, sei es im Osten Kongos. Die multilaterale Friedenssicherung in der Folge von Beschlüssen des UN-Sicherheitsrates setzt oftmals blutigen, schier endlosen Konflikten ein Ende, denen die einheimische Bevölkerung hilflos ausgeliefert sind. Und gerade im Irak zeigt sich heute, dass die wider alle UNO-Positionen losgezogene USA nun kleinlaut Hilfe bei der UNO sucht, da sie offenbar nicht in der Lage ist, das Chaos unter Kontrolle zu bringen.
Der Auswertung der Erfahrungen verschiedener UN-Missionen kommt deshalb grosse Bedeutung zu. In der Publikation "UN-Friedensoperationen in Afrika" geschieht dies eingehend. Ausgegangen wird von einer Darstellung der Entwicklung und der rechtlichn Grundlagen von UN-Interventionen. Anschliessend werden die Erfahrungen von Interventionen aufgearbeitet, so die Kongo-Mission 1960-64, der Einsatz in Namibia (1988), Angola, Mozambique, Somalia und Rwanda sowie verschiedene kleinere Missionen. Dabei wird aufgezeigt, weshalb einzelne Missionen zu Misserfolgen wurden, aber auch, wie aus den Erfahrungen Lehren gezogen wurden.

Tobias Diebel, UN-Friedenspolitik in Afrika, Weltinnenpolitik und die Realität von Bürgerkriegen, Bonn 2003 (Dietz).

Fabelhaftes Bilderbuch

c.hr. Es ist aufgemacht wie ein grosses, altes Notizbuch, mit grünschwarz marmoriertem Papier, verstärkten Ecken und eingefasstem Rücken. Aber drinnen sind keine Bleistiftkritzeleien, sondern farbenprächtige Bilder, und man liest es nicht von vorn nach hinten, sondern der arabischen Tradition entsprechend von rechts nach links. "Das Notizbuch des Zeichners" des Ägypters Mohieddin Ellabbad ist ein Bilderbuch. Aber was für ein Bilderbuch! Jede Seite fesselt das Auge, jede Seite entwickelt einen Sog, der den Betrachter, die Betrachterin in die Darstellung hineinzieht und eine Fülle von Inhalten entdecken lässt. Die Phantasie entzündet sich z.B. an der Kombination einer antiken Heldendarstellung mit dem Bild Supermans, an der expressiven Zeichnung eines Strassenbahnfahrers oder an der Gegenüberstellung einer Ferienpostkarte vom Genfersee mit einer schwarzweissen ägyptischen Ansichtskarte um die Jahrhundertwende, die einen alten Baumbestand hinter einer Parkmauer zeigt. Ihren ästhetischen Reiz beziehen die Bilder auch aus dem Zusammenspiel von Zeichnung oder Collage mit dekorativer arabischer Schrift. Der Text – der Kommentar des Zeichners – ist in den Marginalien in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Die Summe der Seiten zeichnet anhand von Andenken, Erinnerungen und Reflexionen den Weg eines Jungen nach bis zum erwachsenen Mann und Illustrator, Schriftsteller und Buchhersteller, der Ellabbad heute ist. "Das Notizbuch des Zeichners" ist ein Fund und ein Glücksfall – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Mohieddin Ellabbad, Das Notizbuch des Zeichners, Zürich 2003 (Atlantis / Verlag Pro Juventute; Kinderbuchfonds Baobab)

Das Lied vom Regenvogel: Briefe aus Somalia

H.F. Vre Karrer, Hebamme, Krankenschwester und Dozentin für Krankenpflege aus Zürich-Oerlikon wurde im Februar des Jahres 2002 im Alter von 69 Jahren in Somalia unter ungeklärten Umständen erschossen. Sie arbeitete neun Jahren in Somalia. Sie half Frauen bei schwierigen Geburten, pflegte kranke, verletzte und hungernde Kinder. Mit Hilfe von privaten Spenderinnen und Spendern konnte sie im Oktober 1994 das vom Krieg zerstörte Ambulatorium im Armenviertel von Merka wieder eröffnen. Sehr schnell erkannte Verena Karrer, dass neben der medizinischen Hilfe auch Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um die Armut wirksam zu bekämpfen. Innert kurzer Zeit entstanden auf Grund ihrer Initiative eine Bauerngenossenschaft, eine Waisenschule, ein zweites Ambulatorium und anfangs 2001 wurde eine Berufsmittelschule eingeweiht. Sie holte auch herumstreunende, von Raub lebende Kindersoldaten an ihre Schule, mit dem Programm "Give the gun and get the pen" (Gib die Waffe ab und nimm die Feder).

Das vorliegende Buch besteht zur Hauptsache aus den Briefen von Vre Karrer, die sie an Bekannte, Verwandte und an den Freundeskreis, der ihre Projektarbeit in Merka unterstützte, schickte. Die Briefe wurden mit einem Lebensbild Vre Karrer ergänzt. Ausserdem finden sich am Schluss des Buches eine Zusammenstellung der Aktivitäten der Genossenschaft New Ways in Merka und ein Überblick zu Geschichte und Gesellschaft Somalias – Informationen, die mithelfen sollen, das Umfeld, in dem die Briefe entstanden sind, verständlich zu machen.

Das Buch gibt nicht nur Zeugnis vom Lebensabschnitt einer aussergewöhnlichen Frau, sondern führt uns auch ganz plastisch vor Augen, was es heisst, in einem Land zu leben, in dem es am Allernötigsten fehlt, in dem alle staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen grösstenteils zusammengebrochen sind: Ein Land ohne Infrastruktur. Wir erhalten eine leise Ahnung davon, was es heisst, ständig von Hunger und Elend und Krankheiten umgeben und auf Schritt und Tritt von Personenminen bedroht zu sein.

Vre Karrer, Und grüsse euch mit dem Lied des Regenvogels, Briefe aus Somalia, (hrsg. von Elisabeth Bäschlin), Bern/Wettingen 2003 (eFeF-Verlag)

Lebensakrobatik

Es geht um einen Kongress von Blinden, Taubstummen und Körperbehinderten in N’Djamena (Tschad). Es hat mich sehr interessiert, da ich ja jetzt auch körperbehindert bin und inzwischen im Rollstuhl sitze.

Einen besonderen Aspekt fand ich, dass auch die Behinderten im Buch sich selbst organisieren müssen, was ja für uns alle täglich eine neue Herausforderung ist, obwohl es natürlich Unterschiede gibt. Ich bin in Deutschland in einem sozial noch sehr durchorganisierten Land. Tschad ist ein Bürgerkriegsland und da ist es für Behinderte noch weniger einfach, zu überleben. Z. B. schildert der kleinwüchsige Saleh wie er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch das Leben schlägt. Er bewacht Autos reicher Damen und verkauft Zigaretten und Süssigkeiten. Ich denke auch, dass Unfälle mit Knochenbrüchen und "Standard"-Krankheiten wie beispielsweise Röteln, die bei uns sehr schnell und problemlos ausgeheilt werden können, in Tschad einen ganz erheblichen Risikofaktor darstellen. So erkrankte Pascal Djidaina an Röteln. Die Krankheit verschwand schnell wieder, aber hinterließ Spuren in seinen Augen: Er wurde blind.

Als Behinderte/r ist man hier wie dort immer auf Hilfe von Verwandten, Freunden oder sonstigen Helfern angewiesen, ohne deren Hilfe man nicht existieren kann. Der Kongress wurde mit Hilfe von "Eirene" und "Brot für die Welt" organisiert und finanziert. Ohne diese Hilfe wäre der Kongress gar nicht erst möglich gewesen, denn die Behinderten alleine hätten niemals die finanziellen Mittel zusammentragen oder das Treffen organisieren können. Auch das unterscheidet sie von den "Nichtbehinderten", die ja die Möglichkeit hätten, das Geld selbst zusammenzutragen, indem sie es verdienen, Spenden sammeln etc.

Der Kongress selber bestand aus einem Plenum mit nichtbehinderten Professoren und Professorinnen. Davor und danach gab es Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen. So hiess eine Gruppe zum Beispiel "Das Prekäre, die Schikanen und die kleinen Gemeinheiten". Jeder, der behindert ist, wird selber wissen, welche Tücken der Alltag bereit hält und was im Grunde getan werden müsste, um das Leben lebenswerter zu machen. So schildert Awa, dass die Geburt ihrer Kinder für sie als Körperbehinderte gar nicht so einfach war. Die Krankenhäuser sind auf behinderte Schwangere nicht vorbereitet. Als die Geburt bevorstand, brachten sie Freunde in ein von Franzosen geleitetes Krankenhaus.

Ganz am Ende gibt es noch ein paar Seiten, in denen es um einen Ausflug in die Hölle geht. Es ist eine schöne Geschichte, die aufzeigen kann, was für ein Unterschied es ist, ob man freiwillig an einem Ort lebt oder gezwungenermaßen.

Das Buch berührt auch die "Nichtbehinderten", ist auf jeden Fall lesenswert und sollte auch weiterempfohlen werden. "Normale" Menschen werden nach der Lektüre des Buches ihre behinderten Mitmenschen besser verstehen und es eröffnet die Möglichkeit ungezwungen über die Behinderung miteinander zu kommunizieren, da das Buch enttabuisiert. (Susanne Reichinger)

Günter Simon u. Priscille Mekooulnodji N´ Djerareuou, Lebensakrobaten, München 1998 (Marino)

Fiebrig durch das Herz Afrikas

rs. Zurück zum Tatort - Afrika. Dahin also, wo die Europäer im Namen ihrer Zivilisation und des Herrn, des Vaterlands, der Ehre, Gerechtigkeit und Nächstenliebe Abermillionen «Nigger, Bestien und Barbaren» umbrachten oder versklavten: Der schwedische Literaturhistoriker Sven Lindqvist packt Koffer und Laptop, zwängt sich auf der Sahararoute El Goléa-Zinder in klapperige Busse, quartiert sich in stickigen Herbergen ein, beobachtet, schwitzt, träumt Alpträume, denkt nach, vertieft sich in seine unzähligen Notizen und schreibt «auf den Spuren des europäischen Völkermordes» ein Werk, dem viel Interesse zu wünschen ist.

Denn «Durch das Herz der Finsternis» ist nicht einfach eine Eroberungsgeschichte Afrikas. Es ist auch die Geschichte Europas mit seiner todbringenden Überheblichkeit und Ignoranz Nicht-Europäern gegenüber. Ein geschichts-literarischer Reiseführer durch den europäischen Rassismus - von den Vernichtungsfeldzügen der letzten Jahrhunderte bis zu Adolf Hitler, von der anhaltenden Auslöschung der indigenen Völker bis zu den brennenden Asylantenheimen. Heute, so wird klar, pocht das «Herz der Finsternis» überall und nicht mehr nur, wie zu Beginn der «weissen Expansion», in der Brust der Politiker, Generäle, Denker und Wirtschaftsführer Europas und Amerikas.

Das ist ein weit,aber geschickt und teils gar heiter gespannter Bogen, der laut Vorwortverfasser Urs Widmer vor allem etwas beschwört: «Ein anderes Miteinander der Völker.» Doch die hierzu nötigten Charaktereigenschaften wie kompromisslose Ehrlichkeit, Mitgefühl und der unbeugsame Wille, Ungerechtigkeiten jeder Art entgegenzutreten, scheinen sich auch in der Jetztzeit nicht richtig gegen Eigennutz, Verdrängung und Rücksichtslosigkeit durchsetzen zu können.

So sind der erste und letzte Absatz dieses mit vielen bislang verdrängten Fakten gespikten Geschichtenbuchs identisch: «Ihr wisst schon genug. Ich auch. Nicht an Wissen mangelt es uns. Was fehlt, ist der Mut, begreifen zu wollen, was wir wissen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen.»

Um selber besser begreifen zu können, was die europäischen Eroberer auf dem Schwarzen Kontinent trieben und was Joseph Conrad mit seinem vom kolonialen Horror im Kongo Leopholds II geprägten Roman «Heart of Darkness» einer aufwachenden Minderheit in Europa feinfühlig näherbrachte, hat sich der 66jährige Lindqvist selbst dem Saharasand ausgeliefert. Dieser rieselt auch spürbar zwischen den Buchdeckeln hervor, da der Verfasser zahlreicher Bücher die Gefahr einer schliesslich langweilenden, weil allzu einseitigen Verdammung Europas zu Gunsten der Opfer mit der hautnahen Erzählung persönlicher Erlebnisse umging.

Wenn weisse Gentlemen ihre Zucht und Ordnung durchsetzten, die Flusspferdpeitschen schwangen und afrikanische Menschen zu Fleischklumpen verkrüppelten, erinnert sich Lindqvist an seinen Papa, der ihn nur widerwillig mit der Rute züchtigte. Trotzdem erfuhr er, wie sich der Vater nach den ersten Schlägen «bis zur Unkenntlichkeit entstellte». Damals begriff der Sohn, dass «Menschen von einer Art Wahn erfasst werden, wenn sie Gewalt anwenden».

Ein Wahn, der die meisten Eroberer packte, begünstigt von neuen Waffen mit weitreichender Wirkung, die den überrannten oder mit «Strafexpeditionen» heimgesuchten Völkern keine Chance liessen. «Schlägt diese Bestien alle tot,» befiehlt in Joseph Conrads «Herz der Finsternis» der mörderische Kolonialist Kurtz, der dem über Leichen gehenden, aber in der fernen Heimat glorifizierten «Helden» Stanley nachempfunden wurde. «Bestien» wurden auch jene betitelt, die später in Vietnam, Algerien, Mozambique, El Salvador, Afghanistan usw. um ihre Freiheit rangen, vermerkt Sven Lindqvist schliesslich. Er nennt auch den IWF, dem Kinder zum Opfer fallen, und folgert: «Die gebildete Öffentlichkeit hat immer recht genau gewusst, welche Greueltaten verübt wurden und werden - im Namen von Fortschritt, Zivilisation, Sozialismus, Demokratie und freier Marktwirtschaft.» Aber eben: Mächtig das Wissen, schmächtig der Wille.

Das Drama einiger Kulturen, darunter auch der europäischen, beruhte darin, dass die ersten Kontakte zu anderen Kulturen meist durch die «Internationale des Raubgesindels» (Söldner, Abenteurer, Kriminelle, Sklavenhändler etc.) hergestellt wurden. Leider hätte diese das Klima geprägt – und nicht die ehrlichen Missionare, Reisenden und Forscher, folgert Ryszard Kapuscinski nach 40 Jahren Afrika-Erfahrung. Der polnische Journalist, der mit Herz und Engagement wie kaum ein zweiter immer wieder Kopf und Kragen riskierte, um das Universum Afrika annähernd erfassen und beschreiben zu können, legt mit «Afrikanisches Fieber» ein so packendes wie aufklärerisches Buch vor.

Da schreibt einer aus der Mitte heraus, von dort, wo Paradies und Hölle aufeinander stossen, scharf beobachtend, nichts verklärend, sich selbst einbringend und - im Gegensatz zu Lindqvist - vor allem die nachkolonialen Zustände Afrikas reflektierend. Kapuscinski zwingt die Lesenden neben sich: aufs malariaverschwitzte Bett, in die Paläste Idi Amins und anderer Diktatoren, an die Gluthitze mit hungernden Menschen, in den Kugelhagel aus dem Hinterhalt, vor die Maschinenpistolen von Kindersoldaten, in die heikle Beziehung zwischen Schwarz und Weiss und unter den Mangobaum, wo sich die Alten im Beisein der Ahnen mit zittrigen Stimmen zu Wort melden. So dicht wird einem das heutige Afrika nur selten nähergebracht.

- Sven Lindqvist, Durch das Herz der Finsternis. Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, Zürich 2002 (Unionsverlag)
- Ryszard Kapuscinski, Afrikanisches Fieber - Erfahrungen aus vierzig Jahren, Frankfurt 1999 (Eichborn Verlag)

Afrika hat alle Farben, die das Leben kennt

h.s. Jahrhunderte lang war Afrika der schwarze Kontinent oder der weisse Fleck auf der Landkarte, nun wird er bunt. Seit wir Afrika "entdeckt" haben, ist dieser Kontinent von uns definiert und bestimmt worden. Das neue Bilderbuch: Erzähl mir, wie ist Afrika? macht leider keine Ausnahme.

Diesmal antwortet der Grossvater, Papa Dembo, dem kleinen Chaka auf Fragen wie: Welche Farbe hat Afrika, wie war deine Mutter, dein Vater, dein Freund, das Dorf, das Fischen auf dem gelben Fluss, das königliche Essen, die Regenzeit, die Wildnis. Wie waren die Geister, wie war die Magie, der Tanz der Geister mit den Masken, wie wurde Papa Dembo gross, was sind die Ahnen, wie ist der Tod?

Papa Dembo, grösser als ein Baobab, weiss mehr als ein Marabut! Er holt weit aus und erzählt: Vom bunten Afrika, von Mutter Kadidja, die nach vierzehn Kindern nicht mehr gertenschlank war, aber immer noch schön und sanft und darum die Lieblingsfrau von Vater Samba (im französischen Original heisst er Simba!) war, dem löwenstarken König, der abends wunderbare Geschichten zu erzählen wusste und auf der Kora spielen konnte wie ein Griot; vom Freund, der immer bereit war für Dummheiten und Streiche; vom Dorf, ein paar Häuser um den Baobab, unter dem palavert wurde, von gebratenen Fischen und geröstetem Ignam, grüner Sauce und Reis ...

Grossvater und Enkel – Kunstfiguren, um bestimmte Inhalte zu vermitteln. Die französische Autorin, begeistert von Afrika, lässt ihre beiden Protagonisten stellvertretend für Europäer Fragen stellen, die sie in Gestalt des Grossvaters beantwortet. Darum erscheinen getreulich alle Klischees und Stereotypen, die wir Afrika zuordnen: der Vater, stark wie ein Löwe, die schöne und fruchtbare Mutter, das Palaver unter dem Baobab, die Kora, das Geschichtenerzählen, die Geister, die Ahnen, ein wunderbares Potpourri von bunt zusammengewürfelten Dingen, die Afrika ausmachen, alles umschwärmt, mitunter geheimnisvoll, aber nicht so ganz ernst genommen.

Zugegeben, der Übersetzer hat sich sehr bemüht, die schlimmsten Blüten des französischen Originals auszumerzen. Er nennt den löwenstarken Vater Samba, um Anspielungen an den Disneyfilm Simba zu vermeiden, und er nimmt den schwärmerischen Ton schwer zurück.

Das Afrika, das sich hier kunterbunt anbietet, ist Traum und Exotik, ein Afrika, wie es uns die Reiseveranstalter in den Prospekten schmackhaft machen. Nennen wir unsere Projektionsfelder nicht mehr Afrika. Nehmen wir andere imaginäre Welten dafür. Dann tun wir den Menschen in Afrika kein Unrecht. Übrigens: Können Sie sich ein Bilderbuch vorstellen, in dem Opa Fritz dem Enkel Hänschen erzählt, wie bunt Europa ist?

Marie Sellier & Marion Lesage, Sag mir, wie ist Afrika, Wuppertal 2002 (Hammer)

Südafrika nach der Apartheid: Der Versuch zur Versöhnung

sg. Verhandlung der Wahrheitskommission in einem Marktflecken, irgendwo im verstaubten hinteren Karoo. Mit grossem Aufgebot: Die als erfolgreiche New Yorker Staatsanwältin arrivierte Tochter des Optikers folgt dem Aufgebot zur Vertretung der Kläger, auch der frischgebackene ANC-Parlamentarier kehrt erstmals an seinen Herkunftsort zurück, wo er Mitgefangener und Zeuge eines Verschwundenen war, der ehemalige Sicherheits-Polizist wird aus dem Staatsgefängnis von Pretoria herbeigekarrt, begierig, mit der Verhandlung eine Amnestie und damit schliesslich seine Freilassung zu gewinnen.

Und da warten, wie Ecksteine dieses Ortes, die Alten auf Gerechtigkeit: Der Kläger, Vater des Verschwundenen und Rektor der ärmlichen Township-Primarschule, der frühere Chef der Sicherheitspolizei, in Verdacht und aufgefordert, sein Handeln der Wahrheitskommission zu eröffnen, sein ewiger Widersacher, der alternde Anwalt, der zum Gewissen des Ortes geworden ist und die Verhandlung vorantreibt.

Doch wem von all diesen Betroffenen bringt die Verhandlung der Haft und Folterung von Steve Sizela, dem Verschwundenen, Genugtuung und Versöhnung? Der Roman zeichnet die Qual der Opfer nach, in die Abgründe ihrer Schmach und ihres Versagens zurückzukehren. Er stellt aber auch die Frage, wie die zur Rechenschaft Gezogenen mit der Evidenz leben können. Neue Feigheiten, neue Tücken – sind die Menschen stark genug für die Wahrheit? scheint das Buch zu fragen.

Gillian Slovo: Red Dust, London 2002 (Virago Press; in Englisch)

Die aktuelle CD

Faytinga / Eritrea
Abyssinia Infinite / Zion Roots / Featuring Ejigayehu "Gigi" Shibabaw

Beide Sängerinnen, die aus Eritrea stammende Faytinga, wie die aus Äthiopien stammende Gigi, machten schon mit bemerkenswerten Alben auf sich aufmerksam. Beiden noch jüngeren Sängerinnen gelang und gelingt es, traditionelle Musik und Gesänge zu erneuern und in voller Frische zum Klingen zu bringen. Bei Gigi macht das gleichnamige Album, produziert vom umtriebigen Bill Laswell, viele MusikhörerInnen hellhörig, welche bis jetzt nicht viel mit ethnischer Musik anfangen konnten. Laswell gelang es auf vorzügliche Art, den traditionellen Gesang von Gigi mit einer nie ins popig abgleitenden musikalischen Begleitung zu versehen. Schon Laswell selber ist ja ein begnadeter Bassist, doch dazu kamen die afro-amerikanische Freejazz-Legende Pharoah Sanders, oder die Musiker Wayne Shorter und Herbie Hancock. Gelungene Musik, welche die brilliante Stimme von Gigi sehr einfühlsam begleitet.

Nun ist eine neue CD mit Gigi erschienen. Auch von Bill Laswell produziert. Aber mit anderem Ansatz und auch anderer Musik. Auf Zion Roots singt Gigi eher spiritistische Lieder - wie immer in ihrer Muttersprache. Begleitet wird sie von einer Anzahl äthiopischer Musiker, welche ihr Handwerk verstehen. Eine wunderbare Mischung zwischen Tradition, swingenden Elementen und einer Prise schwarzem Jazz.

Auch die eritreische Sängerin Faytinga legt ihr zweites Album vor. Auch sie hat einen fantastischen Gesang, auch sie singt in ihrer Landessprache. Die musikalische Begleitung ist aber mehr der Tradition verpflichtet. Faytinga macht nicht mit auf der Welle des kompatiblen Afro-Pop. Ihre Musik reicht von Zärtlichkeit bis zu einer wilden Rauheit, dazu trägt auch die instrumentelle Besetzung einiges bei. Hier wird mit neuem Power auch mit traditionellen Tönen und Musikinstrumenten gearbeitet, und das von Musikern die sich von ihrer Stimme auch mitreissen lassen. Faytinga ist zwar stark der traditionellen Musik verbunden, aber ihre Songs sind oft auch politisch und für die Sache der Frauen einstehend; und sie erzählen von der Heimat und von der Liebe.

Abyssinia Infinite. Featuring Ejigayehu "Gigi" Shibabaw/Zion Roots/NetWork-Rec.
Faytinga/Eritrea/Cobalt-Rec.

Nicolas Menheim & Le Super Sabador / Commandante Ché Guevara

Senegal hat eine grosse Tradition afrikanischer Salsa-Musik. Oft hat sich das ergeben, weil senegalesische Musiker in Kuba Musik studieren konnten. Und wie die karibische Musik stark von afrikanischen Wurzeln geprägt ist, kam von den senegalesischen Musikern ein Stück Karibik nach Afrika. Es gibt eine grosse Anzahl fantastischer senegalesischer Salsabands. Africando, Super Cayor de Dakar, Orchestra Baobab, Etoile de Dakar oder Pape Fall sind Namen welche für heissen Sound stehen. Der umtriebige Musiksucher und grosse Kenner afrikanischer Musik, Günter Gretz, erstaunt einmal mehr mit seiner kleinen CD-Serie "Out of Africa: Afro-Cuban Music from Senegal".

Weit weg von Musikindustrie und WorldMusic-Hysterie sind da ein paar richtige Perlen zu entdecken. Eine davon ist die CD von Nicolas Menheim & Le Super Sabador. Entstanden aus zwei Cassetten dieser Band, nämlich Chérie und Ché Guevara. Aktuelle afrokubanische Musik aus Senegal mit einer richtig grossen Band, mit Bläsern und allem drum herum, verdammt guten SängerInnen welche dich zum Tanzen verführen. Und dann eben diese Version vom Song Commandante Ché Guevara. Da wird es einem warm ums Herz. Warmer, nicht zickischer, Salsa aus Senegal!

Nicolas Menheim & Le Super Sabador / Commandante Ché Guevara / Afro-Cuban Music from Senegal / popular african music

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