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Tropenholzskandal im Regenwald
EditorialDie abgelegenen Regenwälder von Kamerun, den beiden
Kongo-Staaten, Gabun und der Zentralafrikanischen Republik sind Tag für Tag Schauplatz
von Menschenrechtsverletzungen, Wilderei und Naturzerstörung: Ein nicht erklärter Krieg,
ausgelöst durch die Holzindustrie, gefördert durch korrupte Regierungen und toleriert
von Umweltorganisationen, die ihre Aufsichtspflicht nicht wahrnehmen. Die Zerstörung der
Lebensgrundlagen für Menschen und Tiere wird in atemberaubendem Tempo vorangetrieben.
Ein "afrikanisches" Problem, das uns in der
Schweiz nichts angeht? Nein! Die Holzindustrie arbeitet international, und eines
der grössten im Kongo-Becken aktiven Unternehmen hat seinen Sitz in Basel. Ein Thema nur
für Fachleute und InteressenvertreterInnen? - Nein! Als KonsumentInnen und
WeltbürgerInnen liegt es auch an uns, dafür zu schauen, dass bei uns nicht nur das
richtige Essen, sondern auch das richtige Holz auf den Tisch kommt.
Das Afrika-Komitee hat sich seit einem
Jahr mit dem heimlichen Krieg im Regenwald auseinandergesetzt im Gespräch mit dem
engagierten Basler Journalisten Ruedi Suter, der uns die Thematik näher gebracht hat, und
gestützt auf Zeugnisse des Schweizers Karl Ammann, dem "Mr. Bushmeat", der mit
seinen Fotos, seinen Recherchen und Demarchen seit Jahren die dubiosen Geschäfte mit dem
Urwald kritisiert.
Mit der vorliegenden Bulletinausgabe
und mit einer abendfüllenden Veranstaltung am 9. September
2004 im Union, Basel, wollen wir den verdrängten Skandal der
Menschenrechtsverletzungen, Wilderei und Naturzerstörung im Kongo-Becken mit seinen
verschiedenen Aspekten sichtbar machen. Dabei kommen neben Ruedi Suter und Karl Ammann
auch Greenpeace Schweiz und der Bruno Manser Fonds zu Wort. Beide Organisationen sind
aus den beiden Amerika im einen, aus Borneo im anderen Fall inzwischen auch
in den Regenwäldern Zentralafrikas "angelangt" und haben uns beim
Zusammentragen von Fakten und Einschätzungen unterstützt.
Die vorliegende Bulletinausgabe
konzentriert sich darauf, einige Einblicke in die Thematik zu geben. Erste Skizzen von
Lösungsansätzen, wie das Kongo-Becken und seine BewohnerInnen einem ökologischen
Desaster entgehen können, erhoffen wir uns von der Veranstaltung vom 9. September. Dort
wird auch insbesondere die Rolle der Schweiz verdeutlicht: Die Praktiken und Strategien
der von der Schweiz aus tätigen Holzindustrie, der privaten und staatlichen Entwicklungs-
und Umweltorganisationen, der schweizerischen KonsumentInnen sollen an den von der Schweiz
unterzeichneten internationalen Konventionen sowie an den Forderungen und Erwartungen
kritischer BeobachterInnen und betroffener Gemeinschaften gemessen werden.
Und damit endgültig der Sprung vom
Bulletin ins "real life": Es wäre schön, Sie im September an unserer
Veranstaltung zu sehen oder aber an einem anderen Anlass von "Afrika - Basel: Dialog und Fest"
(ABSA 2004) vom 6. bis 12. September 2004 in Basel.
Thomas Schwarz,
Afrika-Komitee |
Verdrängter Krieg im Regenwald
Reportage aus dem
grünen Herzen Afrikas Tag für Tag sind die abgelegenen Regenwälder des
Kongobeckens Schauplatz von Menschenrechtsverletzungen, Wilderei und Naturzerstörung: Ein
nicht erklärter Krieg, betrieben durch die Holzindustrie und Konsumenten in den
Industriegesellschaften, gefördert durch korrupte Regierungen, toleriert von
kompromissbereiten Umweltorganisationen. Ein Augenschein vor Ort von Ruedi Suter.
Fahrt an die ferne Front. Dorthin, wo kaum je einer
hinreist. Wo im frisch aufgerissenen Urwald bis zu 900 Jahre alte Baumriesen krachend zu
Fall gebracht werden. Wo dem Urvolk der Pygmäen, aber auch dem Wild wie Elefanten,
Gorillas und anderen geschützten Tieren im Stundentakt die Lebensgrundlagen zerstört
werden. Wo der Krach der Bulldozer, der Kettensägen, Lastwagen, Generatoren und
Sägewerke den bis vor kurzem unangetasteten Regenwäldern ihre Ruhe rauben. Wo
Barackenstädte aus dem gerodeten Boden schiessen, um sich mit Scharen von Händlern,
Siedlern, Holzarbeitern, Waffenhändlern, Wilderern und Prostituierten zu füllen. Wo auf
firmeneigenen Flugpisten die Verantwortlichen der Holzkonzerne und Beamte für
Stippvisiten landen, um sich in gekühlten Räumen über Fortschritt, Fällquoten,
Exportraten, Investitionen, Korruption und Umweltschutz zu unterhalten. Und wo ich jetzt
zusammen mit dem Schweizer Afrika-Kenner Karl Ammann mit einem gemieteten Geländewagen
hin will: nach Ostkamerun, zu den Agglomerationen Libongo, Kabo und Ouessou, ins
Dreiländereck am Shanga, dem mächtigen Grenzfluss, wo sich Kamerun, die
Zentralafrikanische Republik und die Republik Kongo (Brazzaville) berühren. Es ist ein
Gebiet, das von Medienleuten kaum aufgesucht wird. Weil die Anreise zuviel Zeit, zuviel
Geld kostet und das Thema Regenwaldzerstörung kein Trend-Thema ist.
Amokfahrer und Strassensperren
700 Kilometer Landweg liegen vor uns. Das bedeutet
mehrere Tage Rütteln und Rutschen auf engen, nach dem täglichen Regen seifenglatten
Lateritpisten. Der hinter der nächsten Kurve in der Strassenmitte heran rasende, mit
tonnenschweren Stämmen beladene Lastwagen lässt unserem Fahrer keine Wahl. Er reisst das
Steuer herum, wir schleudern, geraten in Schieflage, schiessen quer über die Strasse auf
die gegenüberliegende Strassenböschung zu, prallen in den Steilhang, überschlagen uns -
und krachen aufs Dach.
Glück gehabt, nur ein paar Schnittwunden. Wir
kriechen zum zersplitterten Beifahrerfenster hinaus. Ist die Reise nach vier Stunden schon
beendet? Karl Amman bringt sich am Waldrand in Sicherheit, verbindet seine Wunden, öffnet
seinen Koffer. Darin ein ganzes Kommunikationszentrum: Handys, Kameras, Filmapparate, ein
GPS-Navigationsgerät, ein Laptop-Computer - und ein Satelittentelefon. Stoisch informiert
der Schweizer via Weltraum ein paar seiner Kontaktpersonen. Nun wird klar, diese
Expedition ist generalstabsmässig geplant. Bei einem Verschwinden, Unfall oder einer
Verhaftung würde ein Netz engagierter MitarbeiterInnen aus Kreisen von Umweltschützern,
Menschenrechtlern und Diplomaten aktiv.
Aus dem Gleichgewicht gehebelt
Im Herzen Afrikas tobt ein Krieg gegen die Schöpfung,
abgeschieden, erbarmungslos, verdrängt. Hier beschaffen sich westliche Holzkonzerne zu
einem Pappenstiel für uns Konsumenten und Konsumentinnen in Europa und den USA
hochwertiges Tropenholz. Sie walzen mit Unterstützung von afrikanischen Regierungen, mit
Entwicklungsgeld, mit dem Segen der Weltbank und unter den Augen grosser
Umweltorganisationen wie dem Worldwide Fund for Nature (WWF) und der amerikanischen
Wildlife Conservation Society (WCS) Strassen in den Urwald, holen die wertvollsten Bäume
heraus, entwurzeln die Waldnomaden und pumpen hungrige Arbeiter, mittellose Beamte und
geschäftstüchtige Fremde in den Wald. So wird dieses Paradies aus dem Gleichgewicht
gehebelt. Deshalb die Wilderei, deshalb der explodierende Handel mit Buschfleisch, deshalb
die rasende Ausrottung geschützter Tierarten: Die "Bushmeat Crisis" ist
ausserhalb Afrikas vor allem dank Karl Ammann zum Begriff geworden.
Der 1949 in Sankt Gallen geborene Schweizer ist
unterdessen als hartnäckiger Rechercheur, Mahner und Hinterfrager in Sachen
Tropenwaldzerstörung, Artenschutz und Menschenrechte gefürchtet. In den Chefetagen der
Konzerne ebenso wie in den Büros der Ministerien, Entwicklungs- und Umweltorganisationen.
Denn Ammann, der studierte Wirtschaftsfachmann, kennt keine Gefühlsduselei. Er ist ein
Rationalist, liefert Zahlen und Fakten, verlangt diese aber auch von der Gegenseite. Und
er beharrt auf ehrlicher Transparenz, stellt Fragen, reist immer wieder in die
abgelegensten Urwaldgebiete und sammelt wagemutig Beweise für die unkontrollierte
Zerstörung der afrikanischen Regenwälder. Er will bewusst machen, zur Diskussion
stellen: in Abhandlungen, Artikeln, Büchern oder Reden vor Gremien wie Europa-Parlament,
UNO und Weltbank.
Andauernde Menschenrechtsverletzungen an den
Baka-Pygmäen
Wir warten nicht lange am Strassenrand. Ein Pick-up
nimmt uns mit bis in die Stadt Bertoua. Von dort mit dem nächsten Mietwagen weiter zur
Holzfällerstadt Yokaduma. Hier lebt seit 33 Jahren Missionsschwester Rita Rossi aus
Florenz. Sie klagt, mit der Ankunft der Holzindustrie habe der Niedergang der Baka
(Pygmäen) begonnen. Ziehen die Konzerne dereinst ab, sei die Baka-Kultur vernichtet und
die ökologisch verwüstete Region falle der Verelendung anheim, ohne Arbeit, ohne
Zukunftsperspektiven. Die Baka, kleine feingliedrige Waldnomaden, sind seit Jahrtausenden
Jäger und Sammler. Verteilen aber die Regierungen in den Hauptstädten Zentralafrikas
ihre Holzkonzessionen, verramschen sie rücksichtslos die Heimat der rechtlosen
Ureinwohner.
Für die mit der Holzindustrie anrückenden, Bantu
sprechenden Heerscharen anderer afrikanischer Ethnien sind die Pygmäen in der Regel
einfach "Halbaffen": Sie werden gejagt, vertrieben, ausgebeutet, oft
vergewaltigt und als Arbeitssklaven missbraucht. Das bestätigen uns nach Rita Rossi wenig
später auch europäische Berufsjäger in Ostkamerun, die nur Baka anstellen. ("Weil
niemand anders zuverlässiger ist und besser die Wälder und Tiere kennt als die
Baka"). Die Menschenrechtsverletzungen an dem Wildbeutervolk werden neuerdings auch
von seinen Vertretern vor der UNO-Menschenrechtskommission in Genf vorgetragen. Die
Pygmäen sind die ersten menschlichen Opfer der mit europäischen Steuergeldern
unterstützten Regenwaldzerstörung im Kongobecken.
Weiterfahrt nach Südosten, wo insgesamt neun
Holzfirmen vorab aus Frankreich, Italien und Spanien den Urwald fällen. Links und rechts
bis zu 40 Meter hohe Baumriesen, dichter Urwald, ein flüchtender Gorilla, ab und zu ein
neueres Bantu-Dorf, entgegenkommende Lastwagen, die Blatthütten einiger Bakas und immer
wieder Strassensperren mit sich misstrauisch gebenden Beamten.
Man will wissen, wer in die Konzessionen fährt.
Strassensperren in diesen Gebieten, wies Ammann nach, dienten aufgrund des Einflusses der
Holzbarone mehr der Eintritts- als der Austrittskontrolle. Illegal geschlagenes Holz oder
Buschfleisch kämen problemloser aus den Konzessionsgebieten heraus als Fremde hinein.
Immerhin, räumt der Schweizer ein, werde man in Kamerun wenigstens durchgelassen. Dies im
Gegensatz zu anderen Ländern wie Gabun oder Kongo-Brazzaville, wo Holzkonzerne
"ihre" Gebiete hermetisch abriegelten.
Elefantenmassaker gleich neben der Holzfällerpiste
Plötzlich vor uns, auf der schnurgeraden,
lateritroten Waldstrasse ein am Rand abgestellter Geländewagen. Ein paar Afrikaner und
Europäer stehen im gleissenden Sonnenlicht und blicken uns entgegen. Es sind Mitarbeiter
des für die BBC arbeitenden Filmteams vom Büro TVE. Ihr Führer ist Joseph Melloh - ein
Bantu und Ex-Gorillawilderer, der sich mit Ammanns Hilfe zu einem der mutigsten
Wildschützer Kameruns entwickelte. "Hier wurden vor Tagen sechs Elefanten
geschossen, geräuchert und mit Lastern abtransportiert", erläutert uns Melloh.
Einige Schritte in den Busch, Gestank, Fliegen, und da
liegt das, was einst eine Herde war: Ohren, Knochen, Hautfetzen und eine riesige Breimasse
aus Innereien, auf der sich Abertausende wimmelnder Maden gütlich tun. Etwas weiter davon
entfernt die Feuerstellen und Gerüste für das Räuchern der mit Buschmessern
zerstückelten Elefanten. Fleisch in einem Regenwald erfordert eine rasche Konservierung,
vor allem wenn es noch transportiert und verkauft werden soll. Ammann registriert mit dem
GPS die genaue Lage des Massakers, und er filmt und fotografiert die Details der
grauslichen Szene. Ein weiteres Dokument unter vielen anderen, das er später jenen in den
Büros der Ministerien, Holzkonzerne, Entwicklungs- und Umweltorganisationen unter die
Nase halten wird, die mangels Erfahrung, Kenntnissen oder aus taktischen Gründen
behaupten, man habe in den abgelegenen Konzessionen das meiste im Griff.
Weiterfahrt. Kurz vor der Stadt Libongo steht eine
Pygmäenfamilien am Strassenrand. Ammann lässt halten, steigt aus und begrüsst die im
Lumpen gehüllten Menschen. Ein Mann kann etwas Französisch. Er sagt, seine Sippe sei zum
Verlassen jener Waldregion gezwungen worden, in der sie gelebt habe. Dort werde jetzt
abgeholzt. Jeder Versuch, in den Wald zurückzukehren, sei von Holzfällern und
Wildhütern mit Drohungen vereitelt worden. Jetzt lebe man hier am Strassenrand und wisse
nicht mehr, wie das Leben weitergehen soll. Ammann verspricht, später mit der Filmkamera
zurückzukommen und sich ihre Geschichte erzählen zu lassen. Ein Beweis mehr für das
willkürliche Abholzen der Regenwälder im Kongobecken.
Die Rettung von "Libongo", dem
Gorillababy
Im Zielort Libongo am mächtigen Shanga-Grenzfluss,
stossen wir in kürzester Zeit in den hier typischen Bretterbuden auf verschiedene
Verkäufer von Bushmeat. Später entdeckt Ammann in einem Hinterhof einen gefangenen,
bereits ziemlich geschwächten Jung-Gorilla, der seiner umgebrachten Mutter abgenommen
worden war. Karl Amman lässt "Libongo" - so wird das Waisenkind getauft -
umgehend beschlagnahmen. Und zwar von Beamten des örtlichen Büros des kamerunischen
Ministerium für Umwelt und Wälder (MINEF), dessen Mitarbeiter vom WWF besoldet werden.
Da den MINEF-Leuten das Verständnis für die Beschlagnahmung des unter Artenschutz
stehenden Tiers offensichtlich abgeht und der zuständige Ranger mit dem Affenbaby nichts
anzufangen weiss, schlägt Ammann vor, "Libongo" nach Yaoundé mitzunehmen und
dort in einer Auffangstation für Menschenaffen abzugeben.
Erleichtert willigt der Beamte ein. Ab sofort
verwandelt sich Ammann zum Ersatzvater, drückt das Gorillakind an die Brust, stösst
beruhigende Affenlaute aus, legt den Kleinen in die Aktentasche und gibt ihm mit einem
Schoppen während den nächsten Tagen regelmässig Pulvermilch und Bananenbrei.
Innert kurzer Zeit sind wir zufällig Zeugen davon
geworden, dass in den Holzkonzessionen weder die Vertreibung der Baka, noch die Wilderei,
noch der Fleischhandel unter Kontrolle sind.
Vom kamerunischen Libongo den Shanga hinab ins
kongolesische Kabo auf der anderen Flussseite braucht es eine Tagesreise. Das Filmteam und
ich besteigen ein schmales Flussboot mit Aussenbordmotor. Ammann und Melloh bleiben
zurück. In Kongo-Brazzaville sind sie persona non grata. Denn seitdem der Kameruner 2002
im Auftrag des Schweizers verdeckte Filmaufnahmen in der Konzession der CIB (Congolaise
Industrielle des Bois) machte, um u.a. den Handel mit Buschfleisch zu belegen, sind die
beiden für den Kongo "Staatsfeinde". Melloh flog damals auf und wurde
verhaftet. Er verschwand spurlos in einem Gefängnis in Brazzaville. Erst auf massiven
internationalen Druck kam er wieder frei.
"Ohne Undercover-Kontrollen durch Afrikaner
bessert sich nichts"
Es scheint, dass der Nordkongo in Zusammenarbeit
zwischen Holzindustrie und der Regierung in Brazzaville hermetisch abgeschottet wird:
Tatsächlich wurde mir in Genf von der dortigen Landesvertretung ein Visum verweigert.
Ohne Begründung. Nur, weil ich als Reiseziel den Nordkongo angab? Das Visum habe ich
trotzdem erhalten, in Yaoundé. Aber auch das hilft nichts vor Ort. Der
Immigrations-Offizier im abgelegenen Kabo meldet die weissen Ankömmlinge unverzüglich
dem örtlichen Büro vom WCS. Die grosse US-Umweltschutzorganisation ist die dritte Macht
im Gebiet: Sie berät die CIB wie auch die Regierung und ist mit verschiedenen Projekten
engagiert. Nachdem uns dessen Vertreter nach dem Beruf gefragt hat und per
Satelittentelefon den gerade in New York weilenden Chef, Paul Elkin, konsultierte,
komplimentiert uns der nervös gewordene WCS-Mitarbeiter am nächsten Tag mit einem
Schnellboot aus dem Land. Der Nordkongo ist eine Sperrzone, in die man nur auf Einladung
der CIB, des WCS oder der Regierung hinein kommt. Unangemeldete Besuche oder
überraschende Kontrollen durch Holzfachleute, Umweltschützer und Menschenrechtler sind
nicht möglich.
Doch genau diese nicht angemeldeten Kontrollen
verlangt Karl Ammann für die letzten Regenwälder im Kongobecken. Denn nur so könne
zuverlässig geprüft werden, ob sich alle Beteiligten an die Regeln halten: "Es
braucht international finanzierte Undercover-Teams aus Einheimischen, die sich auskennen,
nicht auffallen und unerkannt recherchieren. Denn richtig wäre: Die Konzerne schlagen ihr
Holz ein, die Regierungen kontrollieren den legalen Einschlag und das Zahlen der Steuern,
und die Umweltorganisationen überprüfen die Konzerne und die Regierungen, ob der
Einschlag auch tatsächlich nachhaltig erfolgt. So würden sich die drei Mächte
gegenseitig kontrollieren. Doch heute liegen alle miteinander im Bett."
Wir landen in Sucambo. Hier werden die Holz-Trucks der
CIB vom Kongo über den Fluss nach Kamerun gebracht, um dann in die Hafenstadt Douala an
den Atlantik zu fahren. Obwohl die CIB ausweichend oder gar nicht auf kritische
Pressefragen reagiert, gilt sie im Dreiländereck Kamerun-Zentralafrikanische
Republik-Kongo nach dem Alarmschlagen Ammanns als der Holzkonzern mit dem heute am
weitesten entwickelten ökologischen Bewusstsein. Doch dies gilt nur ansatzweise.
Denn CIB rühmt sich z.B., ihre Lastwagen würden
streng kontrolliert und kein Buschfleisch mehr transportieren. Berufsjäger aus Frankreich
und Deutschland, die in der Region permanente Camps für reiche Kunden aus den USA
unterhalten und sich aktiv für den Wildschutz und die Baka-Pygmäen einsetzen, stellen
immer wieder das Gegenteil fest. CIB-Lastwagen transportieren weiterhin geräuchertes
Buschfleisch in die Städte des Westen oder, in entgegengesetzter Richtung, nach Pokola,
der CIB-Holzfällerstadt im Kongo. Die Jäger haben sich die Nummern der Lastwagen notiert
(die Liste liegt dem FSS vor) und einen Protestbrief an die CIB geschickt. Eine Antwort
erhielten sie nie.
Dank eines glücklichen Umstands treffen wir mit Hilfe
von Joseph Melloh im Städtchen Kika um Mitternacht einen deprimiert wirkenden Wildhüter.
Der sogenannte Ecogarde erklärt sich bereit, Auskunft zu geben. Wir fahren in ein von ihm
bestimmtes Versteck: ein Haus in einer Strasse ohne Beleuchtung. Im Licht der Filmkamera
bittet uns der Zeuge, seinen Namen nicht zu nennen, da er trotz allem seine Stelle
behalten müsse. Auch er unterstehe dem MINEF, den Lohn erhalte er vom WWF. Was er in den
letzten Jahren habe mitmachen müssen, sei gegen die Prinzipien seines Berufs und gegen
sein Gewissen, erklärt der Mann mit dem offenen Gesicht. Sein Chef und viele seiner
Kameraden steckten mit den Wilderern unter einer Decke. Würden Wilderer einmal verhaftet,
seien sie oft am nächsten Tag schon wieder frei und mitsamt den beschlagnahmten Gewehren
verschwunden.
Wer sich als Ranger gegen solche Praktiken wehre,
werde unter einem Vorwand gefeuert. Der Ecogarde nennt noch verschiedene weitere
Beispiele, die immer das Gleiche bestätigen: Fast nichts ist unter Kontrolle in den
fernen Regenwäldern Zentralafrikas. Um sie und ihre Menschen und Tiere zu retten,
dürften die übrig gebliebenen Urwälder gar nicht mehr angetastet werden. Und die
Industrien müssten abziehen. "Doch dann", gibt Wirtschaftsfachmann Ammann zu
bedenken, "müssen wir Formeln finden, um diese Länder zu kompensieren."
Am folgenden Abend verabschieden wir uns in Yaoundé
von "Libongo". Das Personal der Affenstation übernimmt den kleinen Gesellen, um
ihn gleich mit Medikamenten zu behandeln. Am nächsten Morgen sind seine sumpfdunklen
Augen gebrochen. Karl Ammann ist erschüttert. Er vermutetet eine Fehlbehandlung und
fordert sofort Rechenschaft. Es ist bestimmt nicht seine letzte Forderung. So, wie auch
"Libongo", das Gorillababy, nicht das letzte Opfer einer mörderischen
Holzindustrie sein wird.
Hinweis: Dieser
Artikel ist ein Auszug aus einer Artikelserie von Ruedi Suter, Freier Journalist, Basel: "In
Afrikas Wäldern tobt ein verdrängter Krieg" (2004). Online auf www.onlinereports.ch. Informationen und Publikationen von Karl Ammann: www.karlammann.com. Umfassende Einblicke in das Thema Waldvernichtung und
Ausrottung geschützter Menschenaffen vermittelt das Buch "Eating Apes" von Dale
Peterson und Karl Ammann (University California Press, ISBN 0-520-23090-6) |
"Für Afrikas Regenwälder braucht es einen Marshallplan"
Ein Interview mit Karl AmmannKarl Ammann, eben waren Sie wieder einmal
im Dreiländereck Kamerun - Zentralafrikanische Republik - Kongo Brazzaville. Ihr Eindruck
von dieser Expedition?
Diese Reise war verdammt hart und insgesamt
deprimierend: Wir sahen vertriebene Pygmäen, Elefantenmassaker, Märkte mit dem Fleisch
getöteter Wildtiere: Ich sehe nicht, wo man in den letzten zehn Jahren wirklich
Fortschritte gemacht hat. Ich sehe vor allem Rückschritte und eine dramatische
Beschleunigung der Naturzerstörung: Wo man hinschaut, egal ob in Kamerun, im Kongo, in
Gabun oder anderswo - überall spielt sich das Gleiche ab: An sieben Tagen die Woche
arbeiten die Holzkonzerne rund um die Uhr. Wenn man das zentrale Afrika kennt, wo
praktisch nichts funktioniert, wo ein verdammt heisses Klima herrscht und man das Minimum
tut, um zu überleben, und wenn man dann diese Holzfirmen beobachtet, wie die 24 Stunden
lang voll arbeiten, auch nachts im Scheinwerferlicht, dann wird es für jeden und jede
klar: Hier wird so schnell wie möglich Profit gemacht, weil man nicht an die Zukunft
glaubt.
Die Holzkonzerne bestreiten dies. Sie beteuern, sie
würden nachhaltig wirtschaften.
Das sind Geschäftsleute. Und die haben Shareholders ,
die ein Maximum an Profit sehen wollen. Die Verantwortlichen werden an der Höhe des
Profits gemessen - und nicht an ihrer umweltfreundlichen Einschlagart. Alle Debatten um
Nachhaltigkeit werden für die Konsumenten in den Industrieländern geführt. Es geht um
Gewinn und um nichts anderes. So betreiben die Holzkonzerne eine mit Werbung verbrämte
Verzögerungspolitik. Seit über zehn Jahren reden sie von der Einführung der
FSC-Zertifizierung. Sie halten uns mit Gesprächen hin, signalisieren Einsicht, doch in
Tat und Wahrheit machen sie rücksichtslos weiter.
Holzkonzerne schaffen Arbeitsplätze, bringen
Handel.
Ich möchte alle Aspekte des Holzeinschlags in
Regenwäldern gerne einmal von unabhängiger Fachseite untersucht haben wissen: Was
passiert, wenn man die grössten und ältesten Bäume aus dem Wald herausholt? Was
passiert mit dem Artenschwund? Und was mit den vertriebenen Pygmäen? Dies plus die
Unfälle auf den Strassen, die Verschmutzung der Landschaft und der Flüsse mit
Chemikalien aus den Sägewerken, die Verbreitung von Krankheiten, die Entwurzelung der
Waldvölker und so weiter müsste alles zusammengezählt und mit den positiven
Auswirkungen der Holzwirtschaft verglichen werden, zum Beispiel mit der Schaffung von
Arbeitsplätzen und dem Zahlen von Steuern. Dann müsste untersucht werden, was mit diesen
Steuergeldern im Land tatsächlich geschieht. Bringen diese wirklich eine Entwicklung? Was
gibt es dann an neuen Schulen, Spitälern und anderer Infrastruktur? Denn: Wir haben nicht
funktionierende Regierungen. Die sind so schlecht, dass ihre einzige Entwicklung jene der
Schweizer Bankkonten ist, weil korrupte Beamte und Staatsführer das Geld ins Ausland
schaffen. Wir aber sollten keine natürlichen Ressourcen wie Holz, Öl oder Mineralien aus
diesen Ländern abziehen, solange keine Regierung an der Macht ist, die eine langfristige
Entwicklung für die eigene Bevölkerung garantiert.
...und eine Gegenmacht zu den Holzkonzernen
darstellt.
Die Ausgangslage müsste doch so sein: Die Konzerne
schlagen ihr Holz, die Regierungen kontrollieren den legalen Einschlag und das Zahlen der
Steuern, und die Umweltorganisationen überprüfen die Konzerne und die Regierungen, dass
der Einschlag nachhaltig erfolgt und nicht zu viel zerstört wird. Das wäre die Basis:
Die drei Mächte würden sich gegenseitig kontrollieren.
Doch die Regierungen sind so schlecht, dass sie ihre
Leute nicht zahlen, dass sie denen keine Transport- und Kommunikationsmittel geben. Wenn
also ein Regierungsbeamter in einer der zumeist weit abgelegenen Holzkonzessionen
überleben will, dann muss er von den Firmen leben, lässt sich von ihnen herumfahren und
wird von ihnen ernährt. Würde er nicht beide Augen zudrücken, könnte er nicht
überleben. Wir haben Beamte, die in Holzkonzessionen Restaurants haben, mit ihrem Gewehr
wird gejagt, und das Fleisch kommt ins Restaurant. Die Regierung kontrolliert nur dann die
Firmen, wenn die Weltbank, Greenpeace oder Global Witness Druck ausüben.
Doch nun gibt es die Partnership-Deals der grossen
Umweltorganisationen wie WWF oder WCS.
Da sagten die Holzleute: Wir können erst richtig Holz
einschlagen, wenn ihr uns sagt, auf welcher Seite der Baum fallen und die Strasse
durchgeführt werden soll. Aber vom Tierschutz verstehen wir rein gar nichts. Wenn ihr
etwas machen wollt, dann müsst ihr das selber machen und selber zahlen, denn wir haben
kein Geld dafür. Und Umweltorganisationen wie WWF und WCS haben das akzeptiert. Der WWF
hat jetzt ein neues Programm in Zentralafrika, wozu ihm die EU zirka 5 Millionen Euro gab,
um den Holzfirmen ein besseres Ansehen zu verschaffen. Die legen sich jetzt ins Bett
zusammen, und damit sind die Kontrollen nicht mehr da...
Selling Feelgood-Conservation nennen Sie das: Der
Verkauf des reinen Gewissens durch die Umweltorganisationen.
Ja, wir fühlen uns so alle besser. Dafür ist niemand
bereit, sich mit der dringenden Frage auseinanderzusetzen: Was wird wirklich erreicht?
Also: Die Umweltorganisationen sollten sagen: Herrschaften, die Basis muss folgende sein:
Ihr zahlt für die Bestandsaufnahme und die saubere Bewirtschaftung - und am Schluss
bekommt ihr ein Qualitätszertifikat.
Bringt die Zertifizierung, bringt das FSC-Label
wirklich die Lösung? Was ist denn Ihre persönliche Meinung?
Es gibt Leute, die sagen: Wir müssen pragmatisch
sein. Ich meine, die Linie zwischen Pragmatismus und Ausverkauf der Wälder ist
hauchdünn. Was im zentralen Afrika zurzeit läuft, ist der Ausverkauf der Wälder und der
Umweltorganisationen. Ich bin realistisch. Holz wird eingeschlagen, weil wir keine
Alternative bieten können. Wir können nicht einfach zu den Regierungen gehen und sagen:
Hört auf, die Wälder einzuschlagen, wenn ihnen die Weltbank sagt, das Abholzen kann
ihnen Milliarden von Dollars bringen. Wir müssen Formeln finden, um diese Länder zu
kompensieren, damit sie aufhören, den Urwald abzuholzen. Wenn wir eine intakte
Biodiversität in Afrika wollen, dann müssen wir dafür zahlen. Da genügen dann aber
nicht ein paar Millionen Dollar. Da brauchte es einen Marschallplan, Hunderte von
Millionen Dollar pro Jahr. Doch wird dafür niemand einen Scheck unterschreiben, solange
Umweltorganisationen für fünf Millionen versprechen, das gleiche zu machen. Dort liegt
das Problem.
Sie machen Umweltorganisationen und Regierungen den
Vorwurf, dass sie rein ökonomisch denken. Gibt es aber überhaupt eine Lösung für die
Waldvölker und bedrohten Tierarten? Müssten da die Wälder nicht einfach unantastbar
bleiben?
Ich lebe seit 25 Jahren in Afrika. Ich glaube, da gibt
es praktisch nur beschränkte Möglichkeiten. Die beste Ausgangslage sind die geschützten
Gebiete, also Nationalparks. "Nicht anrühren" heisst hier die Devise. In den
meisten Gebieten ist es aber zu spät. Die Konzessionen sind vergeben. Es werden noch
schnell ein paar Nationalparks ausgeschieden. Ihr Schutz ist schwierig, wenn alle diese
Holzstrassen um die Parks führen und Tausenden von Menschen die Möglichkeit geben, sich
anzusiedeln und zu wildern.
Die Kosten, diese Schutzzonen zu schützen, werden um
ein Vielfaches höher sein als sie vorher gewesen wären, als die Wälder in Ruhe gelassen
wurden und die Holzindustrie noch keine Zugänge geschaffen hatte. Wenn man also
Kongo-Kinshasa hat, wo noch keine Holz-Konzessionen vergeben wurden, so ist das die
Chance, global eine Schutzlösung zu finden. Hier hätten wir noch ein grosses Stück
tropischen Regenwalds, das man schützen könnte. Mit einem Vertrag mit der Regierung.
Schutz wird es nie zu 100 Prozent geben. Aber wenn die Strassen nicht da sind und die
Holzfirmen diese Wälder nicht öffnen und Leute hineinpumpen, dann werden diese Wälder
nie aufgemacht. Weil das Geld nie da wäre für die Regierungen, um diese Strassen zu
bauen. Die Leute würden vielmehr in die Städte ziehen, die ihnen ohnehin komfortabler
scheinen. Nur mit Holzfirmen, Minenfirmen oder Erdölfirmen lockt man die Leute in die
Wälder. Wenn wir diese Schutzgebiete ohne Holzeinschlag ausscheiden könnten, wäre dies
die beste Ausgangsposition für die Menschen.
Sie halten nicht mehr viel von den Zoologen...
Was mich betrifft, müsste im Regenwald niemand Tiere
zählen und beobachten. Das Wild wäre im Urwald ohne Wissenschafter very happy. Das
Problem sind die Leute, die den Tieren nachstellen, sie in die Fallen locken oder
abschiessen. Um etwas zu erreichen, muss man mit den Leuten zusammenarbeiten. Das ist
verdammt hart. Und wer macht das? Die Soziologen, und nicht die Biologen oder Zoologen.
Denn diese sitzen lieber isoliert im Wald und beobachten die Affen anstatt sich mit dem
Dorfältesten drei Stunden auseinanderzusetzen, weshalb er das Geld für den Umweltschutz
in die eigenen Tasche steckte und weshalb die Dorfbewohner keinen einzigen Cent davon
erhalten haben.
Und die Pygmäen, die ersten Menschenopfer der
Abholzerei?
Die Lage der Regenwaldvölker, der Baka und Batwa
etwa, ist genauso deprimierend wie jene des Wildes. Sie haben nicht die Möglichkeit, sich
in den modernen Gesellschaften oder auch gegenüber den Bantu sprechenden Volksgruppen
durchzusetzen, und deshalb müssen wir uns um ihre Rechte kümmern. Die Pygmäen brauchen
Grundrechte, da sie fast schlimmer dran sind als das Wild. Auch hier sind Lösungen
gefragt: Sie sollen sich selber entscheiden können, ob sie an der Strasse oder im
Waldesinneren leben wollen. Im Moment haben sie nicht einmal diese Entscheidungsfreiheit.
Sie werden aus ihren Wäldern weggejagt. Und es gibt keine Wälder mehr, in denen sie
ungestört leben dürfen. Entweder es gibt dort eine Jagdkonzession oder eine
Holzkonzession oder eine Konzession für Minenbetrieb. Oder es ist ein Nationalpark, in
dem sie nicht mehr sein dürfen. Oder es ist eine Pufferzone. Ihr Ende scheint deshalb
relativ nahe zu sein, genauso wie beim Wild. Ich habe keine Hoffnung für die
Pygmäenvölker - ausser sie erhalten ihr Selbstbestimmungsrecht und ihre Reservate. Dort
können sie natürlich dann auch abholzen. Aber das wäre ihr Entscheid und nicht jener
von einem anderen Volk in einer fernen Hauptstadt. Und sie hätten wenigstens das Recht
gehabt, ihre eigenen Fehler zu machen.
Mit Karl Amman sprach Ruedi Suter, Journalist,
Basel |
Schweizer Tropenholz-Import 2003:
Ein Güterzug von 5,9 Kilometern
LängeHätte man das in
die Schweiz im letzten Jahr importierte Tropenholz auf einen SBB-Güterzug verladen,
hätte dieser Zug eine Länge von 5,9 Kilometern erreicht. Das zeigt eine Berechnung des
Bruno-Manser-Fonds auf Grundlage der schweizerischen Aussenhandelsstatistik. Der Import
von tropischen Baumstämmen, Brettern und Balken in die Schweiz im Jahr 2003 betrug total
17'548 Tonnen - entsprechend einem Güterzug mit 292 voll beladenen Wagen. Positiv zu
vermerken ist, dass der Import dieses sogenannten Rund- und Schnittholzes aus den Tropen
seit Anfang der 1970er-Jahre markant gesunken ist: damals überstieg er zeitweise die
100000-Tonnen-Marke.
Der effektive Schweizer Verbrauch an Tropenholz ist
allerdings noch grösser, als die Statistik vermuten lässt. Nicht deklariert werden
nämlich aus Tropenhölzern hergestellte Fertigprodukte aus dem Ausland. Grosse
Tropenholzvolumen stecken vor allem in Gartenmöbeln, Fenstern, Türen und Parkett. Um
eine höhere Wertschöpfung zu erzielen, sind verschiedene Herkunftsländer von Tropenholz
dazu übergegangen, ihre Hölzer vermehrt selbst zu verarbeiten. Dadurch werden
Arbeitsplätze im Süden geschaffen. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit dieser Länder
von der Forstwirtschaft, was die Abholzung der tropischen Urwälder beschleunigt.
Nach wie vor wird aber auch in der Schweiz Tropenholz
verarbeitet. So zählen laut Angaben von Greenpeace etwa die Türenfabrik Brunegg (Aargau)
und die Bauwerk Parkett AG im sanktgallischen St. Margrethen zu den grossen Schweizer
Verarbeitern tropischer Hölzer. Wichtigster Importeur ist der Holzhändler Fritz Jäggi
mit Sitz im bernischen Kirchberg. Trotz Zertifizierungsprogrammen wie FSC stammt ein
grosser Teil der in der Schweiz verwendeten Tropenhölzer aus Primärwäldern (Urwäldern)
oder sogar aus illegaler Produktion.
Leider ist für die Konsumenten nicht ersichtlich, ob
sie beim Kauf von Holzprodukten unwissentlich Tropenhölzer einkaufen. Mit einer
gesetzlichen Regelung für die Deklaration von Holzprodukten nach Herkunft und Holzart tut
sich die Schweizer Politik ausgesprochen schwer. Zwar wurden seit 1993 bereits zwei
Vorstösse der ehemaligen Parlamentsmitglieder Rosmarie Simmen (CVP, SO) und Christoph
Eymann (Liberale, BS) für eine Deklarationspflicht von Tropenholz an den Bundesrat
überwiesen. Der politische Wille für die Einführung einer Deklarationspflicht für
Holzprodukte fehlt jedoch weiterhin.
So möchte der Bundesrat auch den neuerlichen Vorstoss
des Basler SP-Nationalrats Remo Gysin für die Einführung einer Deklarationspflicht für
Holzprodukte nur in der unverbindlichen Form eines Postulats entgegennehmen. Zwar schreibt
die Landesregierung in ihrer Stellungnahme, dass sie der Holzdeklaration "als
marktwirtschaftlichem Instrument zur Information der Konsumentinnen und Konsumenten über
ökologische und soziale Aspekte eines Produktes grundsätzlich positiv" gegenüber
stehe. Eine gesetzliche Regelung lehnt der Bundesrat allerdings unter Verweis auf eine
fehlende internationale Koordination ab.
Gegen den Konsum von Tropenholz in der Schweiz
engagiert sich auch die grüne Baselbieter Nationalrätin Maya Graf: In zwei Motionen
verlangt sie eine Unterbindung des Imports von Holz illegaler Herkunft und ein
verstärktes Engagement der Eidgenossenschaft für eine ökologische und soziale
Zertifizierung von Holzprodukten. Schon bald hat der Nationalrat Gelegenheit, in Sachen
Tropenholzpolitik Nägel mit Köpfen zu machen: die bereits Ende 2002 eingereichten
Vorstösse von Gysin und Graf dürften in Kürze vors Parlament kommen.
Lukas Straumann
Bruno-Manser-Fonds
| Der Bruno-Manser-Fonds im Einsatz für die Tropenwälder Seit 1992 setzt sich der vom Basler Umweltschützer und
Menschenrechtsaktivisten Bruno Manser begründete Bruno-Manser-Fonds für die Rechte der
indigenen Bevölkerung und den Schutz der Wälder in der malaysischen Provinz Sarawak
(Borneo) und anderen Regenwaldgebieten ein. Manser lebte von 1984-1990 mit dem Volk der
Penan in Borneo und wurde Zeuge der Zerstörung der Regenwälder durch grossflächigen
Holzschlag. In der Schweiz erlangte Manser 1993 nationale Bekanntheit, als er mit einem
60-tägigen Hungerstreik vor dem Bundeshaus die Öffentlichkeit aufrüttelte. Seit seiner
letzten Reise nach Sarawak im Mai 2000 ist er verschollen. Mansers "Tagebücher aus
dem Regenwald" erschienen im Mai 2004 im Christoph-Merian-Verlag.
Wichtigstes Projekt des Bruno-Manser-Fonds ist die
Unterstützung der Penan bei der Dokumentation ihrer Geschichte und der Kartierung ihrer
traditionellen Lebensräume im Regenwald von Sarawak. Mit Hilfe von Satellitentechnologie
(GPS) werden detaillierte Karten angefertigt, welche als Grundlage von Landrechtsklagen
bei den lokalen Gerichten dienen. Das Projekt wird massgeblich von der Stiftung
"Kunst für den Tropenwald" des Basler Galeristen Ernst Beyeler unterstützt.
Aufgrund der dramatischen Entwicklung in den
afrikanischen Regenwäldern und der Beteiligung von Schweizer Holzkonzernen plant der
Bruno-Manser-Fonds, seine Aktivitäten mittelfristig auch auf das Kongobecken auszudehnen.
Aus diesem Grund haben wir eine Vertretin der Pygmäen in die Schweiz eingeladen, um über
die Situation dieses bedrohten Volkes im afrikanischen Regenwald zu berichten. - Bruno
Manser trat bereits 1995 mit nomadischen Pygmäen in Kontakt, als er den Ituri-Urwald im
Nordosten des damaligen Zaïre, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, bereiste.
Zur Weiterführung seiner Arbeit ist der
Bruno-Manser-Fonds dringend auf Ihre Unterstützung angewiesen. Bitte unterstützen Sie
uns nach Kräften mit einer Spende auf Konto Nr. 421329.29.00.00-5 bei der Bank Coop in
Basel oder auf Postcheckkonto Nr. 40-5899-8. Informationen: www.bmf.ch.
Bruno-Manser-Fonds, Heuberg 25, 4051 Basel |
|
Die Holzindustrie tief im Sumpfe des Kongos
Und die Schweiz steckt mit drin...Mit modernen Maschinen werden im Kongobecken
Bäume aus dem Walde geschlagen, die Jahrhunderte brauchten, um die Grösse zu erreichen,
die sie jetzt haben. Eine nachhaltige Nutzung der Wälder ist in weiter Ferne, zu gross
ist der kurzfristige Profit aus der Plünderung der Wälder. Auch Schweizer Firmen sind
involviert.
Die Regenwälder sind entgegen üblicher Meinung selten menschenleer. Waldvölker wie
die Pygmäen leben seit Jahrtausenden mit und von ihnen. Sie nutzen die Wälder, sie jagen
ihre Tiere und sie haben gelernt, ihn zu nutzen, ohne dass er Schaden nimmt. Doch die
Urbevölkerung wird diskriminiert und oft vertrieben, wenn ein ausländischer Konzern den
Wald in Form einer Konzession mit dem Segen der Regierungen ausbeuten darf, oder wenn ein
Schutzgebiet erreichtet wird, in dem selbst die Urbevölkerung mit ihrer traditionellen
Lebensweise keinen Platz mehr hat.
Waldelefanten, Flachlandgorillas, Schimpansen und die dem Menschen am nächsten
verwandten Affen, die Bonobos, leben ebenso in den Regenwäldern des Kongobeckens. Sie
sind massiv vom Aussterben bedroht. Die Holzindustrie legt Strassen in zuvor fast
unzugängliche Wälder, baut Städte, wo früher nur Kleinstsiedlungen vorhanden waren,
und lockt damit Tausende von Menschen in die Wälder. Diese brauchen Nahrung, und das
Fleisch wird zu einem grossen Teil aus den neu erschlossenen Wäldern geschossen. In der
Folge wird tierisches Leben um die Städte praktisch ausgerottet. Die Überlebenssituation
der Urvölker verschlechtert sich markant, da diese keine Tiere mehr jagen können.
Viele der betroffenen Länder haben aufgrund internationalen Drucks die
Waldgesetzgebung verbessert. Kamerun zum Beispiel hat 1999 den Export von Rundholz
verboten, damit wenigstens eine einfache verarbeitende Industrie im eigenen Lande
aufgebaut werden kann. Doch ein anderes Übel macht diese an und für sich positive
Entwicklung wieder zunichte: die Korruption und die illegalen Aktivitäten der Holzfirmen.
Eine Firma, die sich bei Verletzungen des Waldgesetze auf einfache Weise freikaufen
kann, muss sich nicht an Gesetze halten. Und wenn Firmen trotz massiven illegalen
Aktivitäten weiterhin Konzessionen zur Ausbeutung erhalten, wird jedes Gesetz sinnlos. So
zählen Länder wie Kamerun oder die Republik Kongo zum korruptesten Fünftel der von der
Nichtregierungsorganisation Transparency International auf Korruption untersuchten
Länder.
CIB: nur schöne Worte oder endlich Taten?
Bisher hat sich die afrikanische Holzindustrie kaum um Menschenrechte und Ökologie
gekümmert. Trotz Boykottaufrufen in Mitteleuropa konnte sie den Hunger der
südeuropäischen Länder nach billigem Tropenholz befriedigen, und für die wenigen
Kunden, die auf andere Produkte umstellten, fanden sie im fernen Osten schnell neue
Kunden, denen die Produktionsweise egal ist. Seit nun immer mehr FSC-zertifizierte
Produkte (siehe Kasten) verlangt werden und sich im Amazonas immer mehr Firmen
zertifizieren lassen, sind sie unter Druck gekommen.
Eine der Firmen, die sich kürzlich nach langem Zögern zu einer Absichtserklärung
entschloss, sich in absehbarer Zukunft vom FSC zertifizieren zu lassen, ist die
"Congolaise Industrielle des Bois" (CIB). Ihre Absichtserklärung ist insofern
bemerkenswert, als die Firma lange behauptet hatte, die FSC-Zertifizierung sei im
Kongobecken nicht machbar. Die CIB versuchte bisher, sich über andere Zertifikate wie das
holländische Keurhout-Label ein grünes Image zu geben und stellte sich gleich selbst ein
Zertifikat aus: ein grünes Blatt.
Wer steckt genau hinter der "Congolaise Industrielle des Bois"? Gegründet
wurde sie 1972 vom deutschen Holzindustriellen Hinrich Stoll. CIB gehört zu dem in Basel
ansässigen Konzern tt Timber International AG und bewirtschaftet in der Republik Kongo
(Brazzaville) laut eigenen Angaben eine Urwaldfläche von 1,3 Millionen Hektaren mit einer
jährlichen Produktion von 290 000 m3. CIB ist das grösste Holzunternehmen im
Land, sie hat ihr Hauptquartier im ehemaligen Dschungeldorf Pokola, das mit seinen rund
1300 Menschen zu einer kleinen Stadt ausgebaut wurde. CIB beherrscht grosse Teile des
Nordkongos, in den nur genehme Besucher hineinkommen.
Der Holzkonzern pflegt engste Verbindungen zur Regierung und zum US-Umweltmulti
Wildlife Conservation Society (WCS), der die Behörden wie auch CIB berät. Die
Baumstämme werden auf Lastwagen durch Kamerun in die Hafenstadt Douala gefahren, zur
Verschiffung nach Europa.
Die Holzfirma hat Managementpläne für Wald und Wild entwickelt, welche die
nachhaltige Bewirtschaftung und auch die Besserstellung der von der Holzfällerei
existenziell bedrohten Baka (Pygmäen) sichern sollen. In diese, mit der WCS erarbeiteten
Projekte, fliessen jeweils auch Steuergelder aus Deutschland (GTZ) und der Schweiz. Dessen
Staatssekretariat für Wirtschaft seco finanzierte über die Tropenholzorganisation ITTO
ein Projekt zur Kontrolle des Wildereiproblems und zur Bewirtschaftung eines an ein
Reservat grenzendes Waldstücks.
Wie sinnvoll das Schweizer Engagement tatsächlich ist, wurde im Sommer 2004 durch eine
unabhängige Expertengruppe überprüft. Bei Redaktionsschluss lagen die Resultate noch
nicht vor. Ob die Expertengruppe bei der vorgewarnten CIB im Kongowald auf Widersprüche
stösst, bezweifelt der Urwaldkenner Karl Ammann aufgrund seiner Erfahrungen jetzt schon.
Ihm ist aber auch bewusst, was der seco-Vertreter Jürgen Blaser sagt: "CIB ist von
allen Forstkonzessionären, die ich im Kongo kenne, die bei weitem am besten geführte
Unternehmung. CIB hat aber auch eine grosse Visibilität, weit mehr als die zwei Dutzend
anderen europäischen, asiatischen, libyschen und kamerunischen Unternehmen, die im Kongo
die Wälder exploitieren."
Der Umgang mit den Pygmäen in den Konzessionen wird zum Prüfstein, und zwar
einerseits für die Firma CIB, andererseits für die FSC-Zertifizierung selbst. Denn in
einem solch sumpfigen Umfeld, wie in den abgelegenen Wäldern des Kongobeckens, ist die
Zertifizierung auch für den FSC eine riesige Herausforderung.
Christoph Wiedmer, Greenpeace Schweiz, und Ruedi Suter, freier Journalist
FSC-Zertifikat und Konsumverhalten:
"Holz anlangen..." Unser Kaufverhalten verändert Märkte und sendet ein klares
Signal an die Hersteller. Doch wie in der Landwirtschaft gibt es auch beim Holz
einen Labelsalat. Einige Tipps von Greenpeace Schweiz.
Achten Sie darauf, dass von Ihnen verwendete Hölzer und Holzprodukte immer das
FSC-Zertifikat mit einer Zertifikatsnummer tragen (www.fsc-info.org). Um ein Zertifikat des Forest Stewardship Council (FSC) zu
erhalten, müssen Forstbetriebe in der Schweiz ebenso wie überall auf der Welt strenge
Regeln befolgen: Genmanipulierte Baumarten sind tabu, der Einsatz von Pestiziden ist
verboten oder unterliegt strikten Vorschriften. Die Hölzer müssen Tier und Pflanzen
schonend aus dem Wald geholt, die Rechte der in und von den Wäldern lebenden Menschen
gewahrt werden.
Das FSC-Zertifikat ist von den grossen Umweltverbänden und vielen sozialen
Institutionen anerkannt; unabhängige Untersuchungen bestätigen seine Zuverlässigkeit.
Radikalere Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen stellen sich allerdings kategorisch
gegen die FSC-Zertifizierung von Holz aus Urwäldern: Jeder kommerzielle Eingriff dort
habe verheerende Folgen.
Vorsicht bei anderen Zeichen: Fast alle sind Scheinzertifikate der Holzwirtschaft.
Ist trotz Beharren kein FSC-zertifiziertes Holz erhältlich, verlangen Sie Hölzer
aus der Schweiz oder den Nachbarländern. Damit wirken Sie gleichzeitig dem
Transportproblem entgegen.
Benutzen Sie in erster Linie Umweltschutzpapier. Sollte dies nicht möglich sein,
fragen Sie nach Papier, das FSC-zertifiziert ist. Achtung: «Holzfreies» Papier enthält
lediglich kein Lignin (Holzstoff); seine Herstellung verschlingt aber mehr Holz als andere
Papiersorten.
Setzen Sie sich für urwaldfreundliche Gemeinden, Schulen und Büros ein. Und
machen Sie Ihren Haushalt zum Vorbild.
Weitere Informationen: www.urwaldfreundlich.ch;
Greenpeace Holzführer: http://info.greenpeace.ch/de/arten/wald |
|
| ...und weiter im Text: |
| Afrika in Kürze Südafrika
Hohe Wettbewerbsfähigkeit
Südafrika rangiert unter den afrikanischen Staaten bezüglich wirtschaftlicher
Wettbewerbsfähigkeit ganz oben. Nur noch besser schneiden Botswana und Tunesien ab. Die
Liste wurde vom World Economic Forum (WEF sic!) anlässlich einer Tagung in Maputo
publiziert. Im Vergleich zu anderen Kontinenten schneidet Afrika aber sehr schwach ab.
Für eine wesentliche Attraktiviätssteigerung Afrikas werden folgende Massnahmen
vorgeschlagen: Ausbau der Infrastruktur, Verbesserung der Gesundheitsversorgung (HIV,
Malaria), Kampf gegen Korruption und besserer Schutz des Privateigentums, flexiblere
Arbeitsmärkte und die Bildung von Handelsblöcken zur Verkleinerung der unattraktiven
kleinen Wirtschaftsräume.
Von der EU-Osterweiterung erwartet Südafrika eine Zunahme an Exporten. Die neuen
Mitgliedstaaten stehen Südafrika durch einen einfacheren Marktzugang nun ebenfalls offen.
Bereits 1999 haben Südafrika und die EU weitgehende Vereinbarungen in Handel, Entwicklung
und Zusammenarbeit geschlossen.
Mit Italien und Schweden sind Verträge über die Lieferungen von 400 gepanzerten
Fahrzeugen geschlossen worden. Diese sollen in friedenserhaltenden Missionen, an denen
sich die beiden Länder beteiligen, zum Einsatz kommen. Die Fahrzeuge für Italien werden
zusammen mit Iveco hergestellt. Für Schweden musste eine winterfähige Version entwickelt
werden.
Südafrikas Wirtschaft interessiert sich zunehmend für Zimbabwe. Das Interesse an
Investitionen nimmt stark zu. So haben etwa Impala Platinum Investitionen getätigt. Damit
soll in einem nicht unbedeutenden Markt Fuss gefasst werden. Das Problem sei heute nicht,
dass etwa keine Profite gemacht würden, sondern dass diese aufgrund der
Devisenrestriktionen nicht ausgeführt werden können.
(Quellen: Business Report; Sowetan, Thisday)
Südafrika
Ed Fagan greift Mbeki und Mandela an
Der auf Sammelklagen spezialisierte Ed Fagan eine Klage ist auch gegen die
schweizerische UBS hängig, aber auch gegen Anglo American, Gold Fields, Sasol und andere
hat nun der Liste der Verantwortlichen auch den gegenwärtigen Staatspräsidenten
Thabo Mbeki und Nelson Mandela hinzugefügt. Fagan wirft Mbeki vor, geheime Deals mit
Firmen zu Lasten der Apartheidopfer zu schliessen.
(Quelle: Sowetan. Aktuelle Informationen im Web: Business Day (www.bday.co.za); Mail & Guardian (www.mg.co.za); Sunday Times (www.suntimes.co.za); Cape Times, The Star, The
Mercury, The Independent on Saturday, Pretoria News, The Argus, Saturday Star, The Daily
News, Sunday Tribune, Sunday Independent (alle unter: www.iol.co.za);
Beeld, Natal Witness, Die Burger, Rapport, Volksblad, City Press (alle unter: www.news24.com).
Mozambique
Neuer Akt im Cardoso-Krimi
Im November 2000 wurde Carlos Cardoso, ein unabhängiger Journalist, der sich im
Kampf gegen die Korruption engagierte, in Maputo ermordet, wobei als einer der
Hintermänner immer wieder Nyimpine Chissano, der älteste Präsidentensohn, genannt
wurde. Als einer der Mörder wurde Anibal dos Santos zu einer 28-jährigen Zuchthausstrafe
verurteilt. Anibal dos Santons wurde 2003 in Südafrika verhaftet und nach Mozambique
überstellt. Unmittelbar nach seiner Einlieferung konnte er aus dem
Hochsicherheitsgefängnis entfliehen, zufälligerweise standen alle Türen offen und
patroullierten keine Wachen... Die Begünstigung war offensichtlich. Nun ist Anibal dos
Santos erneut verhaftet worden, diesmal in Toronto (Kanada). Nach seiner Überstellung
nach Maputo fragt man sich, wie die Strafe dieses Mal sichergestellt wird. Vorerst hat
Anibal dos Santos in Kanada die Trickkarte "AA" ausgespielt: Er stellte einen
Asylantrag, und kann deshalb (vorerst) nicht ausgeliefert werden.
An Anibal dos Santos dürfte auch die Schweiz interessiert sein: Er wird auch mit der
Ermordung der schweizerischen Entwicklungshelferin Nicole Bezençon in Maputo in
Verbindung gebracht. Sie war am 1. Oktober 1996 unter bis heute nicht geklärten
Umständen ermordet worden.
(Quelle: Mozambique News Reports and Clippings, 82; Facts 28/2004)
Namibia
Schrillere Töne
Namibias Präsident Sam Nujoma warnt davor, dass einige Namibier mit Weissen
zusammenarbeiten, die Namibia rekolonialisieren wollen. Mit solchen Kollaborateuren müsse
furchtlos umgegangen werden: "Weisse, nicht alle, sind Schlangen, und wir müssen
vorsichtig umgehehen, denn sie wollen, dass wir dem zustimmen, was die USA und
Grossbritannien im Irak und anderswo machen". "Imperialistische und
neokolonialistische Kräfte arbeiten daran, uns zu spalten, selbst in der
SWAPO-Führung" meinte Nujoma, der im gleichen Aufwasch auch noch ein von ihm
geschasstes Kabinettmitglied als "Homosexueller ohne Visionen" bezeichnete.
Wahlkampfpropaganda auf peinlichem Niveau oder neue politische Interventionsebene nach dem
Vorbild des Nujoma-Freundes Mugabe?
(Quelle: Pretoria News)
Guinea-Bissau
Zurück in die Zukunft
Guinea-Bissau erschien in letzter Zeit in den Medien nur im Zusammenhang mit
Staatsstreichen. Jetzt scheint sich die Lage in diesem Land, das zu den ärmsten Afrikas
zählt, wieder stabilisiert zu haben. Aus international überwachten Wahlen ging die aus
der ehemaligen Befreiungsbewegung hervorgegangene Unabhängigkeitspartei PAIGC als
Siegerin hervor. Die Armee, die den vorherigen Staatspräsidenten Kumba Yalá gestürzt
hatte, zog sich auf eine Schiedsrichterrolle zurück. Nicht ohne eigene Interessen: Das
Land ist abhängig von internationalen Hilfsgeldzahlungen, von denen auch die Armee
profitiert...
(Quelle: Neue Zürcher Zeitung)
Und noch eine Story aus Hollywood
Titelsong geklaut?
Der US-Medienkonzern Disney sieht sich mit einer 1,6- Mio.-Dollar-Tantiemen-Klage
für den Song "The Lion Sleeps Tonight" konfrontiert. Eine Familie in Südafrika
klagt ihr angebliches Recht ein, für den Ursprung der weltbekannten Melodie
verantwortlich zu sein. Solomon Linda, ein Zulu Arbeiter, habe die Melodie 1939 in die
Welt gesetzt und mit einer Gruppe namens "The Evening Birds" aufgenommen. Der
Song wurde einer der populärsten in Afrika und später vom US-Folk-Sänger Pete Seeger
entdeckt. Das Lied gelangte durch die Verwendung im Film "The Lion King" zu
weltweiter Popularität und spielte für Disney mehr als 15 Mio. Dollar ein. Lindas
Familie hat bis dato aber nur 15.000 Dollar bekommen.
Der Anwalt der Familie bestätigt das Recht seiner Mandanten auf Tantiemen. Linda habe
die Rechte an dem Lied zwar an eine lokale Firma in Südafrika verkauft, aber unter
britischem Recht sei das Copyright wieder auf dessen drei Töchter und zehn Enkel
zurückgefallen. Weitere Klagen im Wert von sechs Mio. Dollar sind bereits gegen drei
südafrikanische Firmen anhängig auch unter dem Vorwurf des Profitierens durch Einkünfte
aus dem Song. Die Klage gegen Disney könnte ein Präzedenzfall sein und Auswirkungen für
andere südafrikanische Musiker haben, deren Rechte verkauft wurden und die nicht
ausreichend über die eigenen Rechte unter britischem Gesetz Bescheid wissen. Bis dato
haben 140 Bands den Song aufgenommen.
(Quelle: pte, pressetext.austria) |
| Hoffnungen auf ein demokratisches Angola Angola steht vor der Herausforderung, den
Übergang von einer zentralistischen Regierung zu einem demokratischen Staat unblutig zu
gestalten. Doch wie sollen Menschen in einem Klima der Repression von ihrem Grundrecht auf
freie Meinungsäusserung Gebrauch machen, noch dazu in einem Land, das unter dem Fluch
seiner reichen Öl- und der Diamentenvorkommen leidet? Anders gefragt: Wie kann die Angst
und Verunsicherung, welche die Demokratisierung in Angola lähmt, überwunden werden? Die
kürzlich lancierte "Kampagne für ein Demokratisches Angola" lässt
trotz sehr widriger Umstände Hoffnung keimen. Von Mark Kyburz.
Die jüngere Geschichte Angolas ist von Gewalt geprägt. Nach der Unabhängigkeit von
Portugal 1975 verschärft sich der Konflikt zwischen den beiden rivalisierenden
politischen Gruppen, der zur Sowjetunion gerichteten MPLA und der pro-westlichen UNITA,
zum Bürgerkrieg. Der Konflikt eskaliert 1992 weiter, nachdem UNITA-Führer Savimbi seine
Niederlage bei den bisher einzigen freien Wahlen nicht akzeptiert. Im Februar 2002 wird
Savimbi in einem Hinterhalt erschossen. Nun, nach seinem Tod, hoffen die Menschen, die
schon so viel gelitten haben, auf ein Ende der Gewalt, die dramatische Folgen gehabt hat:
mehr als eine halbe Millionen Tote, Flucht, Vertreibung, Entwurzelung, bitterste Armut,
verminte Felder, brachliegende Äcker, Trinkwasserverschmutzung, eine zusammengebrochene
Gesundheitsversorgung, Korruption, fehlende politische Transparenz und
zwangsläufig ein geschwächtes Demokratieverständnis.
Krieg im Frieden
Zwar ist Angola offiziell kein Ein-Parteienstaat mehr, doch hält die
Machtkonzentration der MPLA bis heute allen Demokratiebestrebungen stand.
Das politische Klima wird von einem Frieden ohne Versöhnung bestimmt, der von
politischer Repression, einer massiven Beschränkung der Radio- und Pressefreiheit sowie
Verstössen gegen Bürgerrechte und einer allgemeinen Verängstigung der Bevölkerung
gekennzeichnet ist. Zudem wird die Sicherheitslage von einem niederschwelligen bewaffneten
Konflikt in der nördlichen Enklave Cabinda geprägt, wo sich Regierungstruppen und
unabhängige Guerrillas bekämpfen. Die Regierung hat dies unter anderem zum Anlass
genommen, bis heute keinen Termin für freie Wahlen festzulegen trotz wachsender
Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung. Obwohl der Protest gegen die Regierungspolitik
zugenommen hat, blieb er bisher fast wirkungslos. Die MPLA verweigert weitgehend den
politischen Dialog und erklärt die Verzögerung des Wahltermins damit, dass es noch
keinen Entwurf für eine neue Verfassung gebe. Entgegen der demokratischen Opposition
betrachtet die Regierung eine Verfassungsreform als zwingende Voraussetzung für die Wahl
einer neuen Legislative.
Die "Kampagne für ein Demokratisches Angola"
Vor diesem Hintergrund haben am 9. März 2004 in der Hauptstadt Luanda rund 30
angolanische NGOs und Oppositionsparteien (mit insgesamt 300 Teilnehmenden) an der
Lancierung der "Kampagne für ein Demokratisches Angola", die unter dem Motto
"Friede ohne Demokratie bleibt eine Illusion" steht, teilgenommen. Diese
Kampagne, die nach und nach in alle Provinzen getragen wird, bezweckt die Förderung eines
nationalen Dialogs über Demokratie und Bürgerrechte, die Stabilisierung des
Friedensprozesses mit dem Ziel eines Friedens mit Versöhnung sowie
freie Wahlen.
Die Kampagne hat von Anfang an breite Unterstützung bei den Oppositionsparteien
gefunden. Inzwischen beteiligt sich die Hälfte aller im Parlament vertretenen Parteien
daran. Damit steigt die politische Verbindlichkeit der Beschlüsse, die in ihrem Rahmen
verabschiedet werden. Vor kurzem hat auch die UNITA, die grösste Oppositionspartei, ihre
Teilnahme an der Kampagne erklärt, was Beobachtern Hoffnung auf echte
Demokratisierungsbestrebungen zumindest innerhalb der politischen Opposition
schöpfen lässt.
Am 8./9. Juni 2004 haben die Träger der Kampagne in Luanda eine zweitägige Konferenz
zur Demokratisierung durchgeführt. Über 200 Personen haben daran teilgenommen, darunter
wichtige Vertreter der Opposition und Mitglieder von Bürgerbewegungen. Experten aus
Südafrika, Mozambique und Portugal führten Workshops zu Themen wie Verfassungsreformen,
Wahlsystemen und politischer Transparenz durch. Anlässlich der abschliessenden
Probeabstimmung wurde deutlich, dass das Hinauszögern des Wahltermins die Hoffnung der
Bevölkerung auf Demokratisierung weiter schwächen wird: 83 Prozent stimmten dafür, die
Verfassungsreform erst nach der Bestimmung einer neuen Legislative durchzuführen,
und 81 Prozent stimmten für die Einsetzung einer Wahlkommission entweder 2004 oder im
ersten Quartal 2005. Dieses Ergebnis bestätigt alle bisherigen Probeabstimmungen.
Hoffnungen auf ein demokratisches Angola?
Die Kampagne ist unlängst von einem tragischen Ereignis überschattet worden: Am 2.
Juli 2004 ist Nfulumpinga Landu Victor, einer der führenden Oppositionspolitiker,
kaltblütig ermordert worden. Er hatte zuvor an einer Sitzung des vom Präsidenten Dos
Santos einberufenen Rat der Republik teilgenommen, wo es um die Wahlen ging. Dieses
Ereignis ist beispielhaft für eine zentrale Frage: Was kann die angolanische
Zivilbevölkerung erwarten, solange Waffen ungehindert zirkulieren, die Regierung die
paramilitärischen Truppen zwecks Aufrechterhaltung der politischen Repression tatkräftig
unterstützt und der nationale Versöhnungsprozess dadurch weiterhin ausgesetzt wird? |
| Apartheidklagen:
Weitere Hürde genommen Erstmals hat der Oberste US-Gerichtshof das Recht von
Opfern schwerer und gegen allgemein anerkannte Normen verstossende
Menschenrechtsverletzungen anerkannt, in den USA zivilrechtliche Klagen einzureichen,
unabhängig von ihrer Staatszugehörigkeit und unabhängig davon, wo die Verstösse gegen
die Menschenrechte verübt wurden. Barbara Müller fasst die jüngste Entwicklung
zusammen.
Das Urteil des Obersten Gerichtshofes der USA (*) ist ein wichtiger Sieg der
internationalen Bewegung für die Menschenrechte und wird als Niederlage der
Bush-Regierung (mögliche Folterklagen in Zusammenhang mit Irak) und von
Wirtschaftsunternehmen interpretiert, gegen welche zurzeit mehrere Klagen (Burma, Nigeria,
Indonesien and Südfrika) hängig sind. Für die Apartheidklagen wird das Urteil
Auswirkungen haben, weil es den Rahmen für die Anwendung des 1789 erlassenen Alien
Tort Claims Act (ATCA) in der heutigen Zeit festgelegt.
Im Vorfeld des Prozesses hatten sich zahlreiche internationale
Menschenrechtsorganisationen, darunter auch Amnesty International, und
MenschenrechtsjuristInnen mit einem sogenannten Amicus Curiae-Brief an das Gericht für
die Annahme der Klage ausgesprochen. Dagegen hatten sich die Regierungen Englands,
Australiens und der Schweiz verwendet und zur Unterstützung ihres Anliegens den Brief des
südafrikanischen Justizministers gegen die Apartheidklagen vom April 2003 angefügt. Der
Schweiz dürfte es dabei nicht so sehr um Souveränitätsfragen und die Eindämmung des
Wirkungsfeldes der amerikanischen Gerichte gegangen sein, wie ein Sprecher des EDA
verlauten liess, als vielmehr darum, dass die schweizerischen Unternehmen im Falle der
Apartheidklagen ungeschoren davon kommen.
Khulumani ist eine Selbsthilfeorganisation von Überlebenden und Opfern der Apartheid.
Im Namen einiger ihrer Mitglieder hat Khulumani mit den Anwälten Abrahams (Südafrika)
und Hausfeld (USA) eine zivilrechtliche Klage gegen Unternehmen und Banken eingereicht,
welche durch ihre Geschäftstätigkeit die Verbrechen der Apartheid unterstützt haben.
Sie sollen dafür zur Rechenschaft gezogen werden und Entschädigungen zahlen müssen. Die
Klage argumentiert, dass die Unternehmen der Apartheid wissentlich Vorschub geleistet
hätten, denn die UNO habe die Apartheid wiederholt verurteilt und zu Sanktionen gegen
Südafrika aufgerufen. Khulumani und Jubilee 2000 fordern Menschenrechtsorganisationen im
südlichen Afrika auf, einen weiteren Amicus curiae-Brief zuhanden des Gerichts zu
unterzeichnen, um den Richter auf die Bedeutung der Klage für die Durchsetzung der
Menschenrechte aufmerksam zu machen. Bereits hat sich Nobelpreisträger und Erzbischof
Desmond Tutu, der ehemalige Präsident der Wahrheits- und Versöhnungskommission, zusammen
mit anderen Mitgliedern der TRC, für die Unterstützung der Klage ausgesprochen. Auch der
südafrikanische Kirchenrat, der bisher zu den Klagen nicht Stellung genommen hatte,
verabschiedete an seiner Dreijahreskonferenz im Juli eine Resolution, die sich positiv zu
den Klagen stellt.
*) Sosa v Alverez Urteil vom 29. Juni 2004.
Weitere Informationen sind zu finden unter: www.nosafehaven.org.
(Menschenrechtsklagen) und www.aktionfinanzplatz.ch. |
Aus dem Komitee:
Afrique-à-midi: Nachhaltiger Tourismus in SüdafrikaKurzfristig
ergab sich die Möglichkeit, am 11. Juni 2004 ein "afrique-à-midi"
durchzuführen. Auf Einladung des "Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung"
weilten die beiden Südafrikanerinnen Jennifer Seif und Liniwe Dlamini in der Schweiz, wo
sie unter anderem auch an einer Veranstaltung zum 10. Jahrestag des neuen Südafrika
auftraten.
Jennifer Seif ist Koordinatorin von "Fair Trade in Tourism South Africa"
(FTTSA). Sie ging in ihrem Referat auf die ersten Erfahrungen eines "gerechten
Tourismus" in Südafrika ein. Ihre Organisation zertifiziert Tourismusanbieter,
welche einen nachhaltigen, gesellschaftsorientierten Tourismus anbieten. Das Ziel:
Gewöhnliche Leute sollen vom Tourismus profitieren, der Erlös soll (weitestgehend) im
Land bleiben. Bis jetzt sind einige grössere Anbieter zertifiziert worden wie etwas das
"Sabi Sabi Private Game Reserve". Viele europäische Tourismusgesellschaften
wissen heute noch gar nicht, dass es solche Anbieter in Südafrika gibt, obwohl sie
teilweise schon mit ihnen zusammen arbeiten. Damit die verschiedenen lokalen,
zertifizierten Anbieter auch in die Programme der grossen Anbieter aufgenommen werden
können, soll nun eine lokale Koordinationsstelle aufgebaut werden.
Lindiwe Dlamini betreibt in Durban ein Guesthouse. Sie berät im weitern eine lokale
Gemeinschaft im ländlichen KwaZulu-Natal, die Heisswasserquellen touristisch nutzen will.
Das Community-Projekt "Lilani Hotsprings" will eine bereits vor Jahrzehnten
einmal von weissen Siedlern betriebene Anlage neu erschliessen und nutzen.
Kontakte: info@fairtourismsa.org.za; www.lilani.co.za |
Neue Publikationen zu
Afrika
Reisen durch Afrika
bfr. Seit 1953 ist der Autor Toni Dähler immer wieder durch Afrika gereist und hat
seine Eindrücke über Menschen, Landschaft und Tiere festgehalten. Interessant ist dabei
festzustellen, wie sich die Einstellung zur einheimischen Bevölkerung verändert. Anfangs
geprägt von der überheblichen kolonialen Sichtweise, findet der Autor im Laufe seiner
vielen Reisen einen eigenen Zugang zu den Menschen in Afrika. Seine grosse Bewunderung
gilt jedoch der Tierwelt Afrikas. Diese wird denn auch ausführlich beschrieben. Alles in
Allem ein unterhaltsamer Reisebericht.
Toni Dähler, Kontinent meiner Sehnsucht, Zürich 2003 (Baobab Verlag)
Ist die Solidaritätsbewegung ein Flop?
s.g. "Solidarität unter Staaten in der Terrorismusbekämpfung" war nach dem
11. September 2001 Bushs Ruf, sich hinter die Mächtigen zu scharen. Das Autorenteam
Kössler und Melber holt den Begriff dahin zurück, wo Solidarität in der Geschichte
lebt: Einsatz für Menschen, denen Menschenrechte vorenthalten werden.
Selber in der internationalen Solidaritätsbewegung seit den 60er Jahren beteiligt,
geben sie einen kritischen Rückblick auf deren Entwicklung. Weder die ernüchternden
Erfahrungen mit der Unterstützung von Befreiungsbewegungen, deren Anführer allmählich
zu Autokraten wurden, noch die Strohfeuer kurzlebiger Idole werden verschwiegen. Sie
werden als Reifungsprozess verstanden, der die Bewegungen ausdünnte, aber nicht ersterben
liess. Die Autoren zeigen anhand der heutigen Situation, dass "internationale
Solidarität" eben doch einiges erreichte und weiterhin gefragt ist. Zu benennen, wie
interessengelenkte Politik Möglichkeiten für eine ausgeglichenere Entwicklung verhindert
und den Habe nichtsen Chancen vorenthält, bleibt eine wichtige Aufgabe. Augenmerk
ist auch zu richten auf die Folgen der Spezialverordnungen und -massnahmen zur
Terrorismusbekämpfung für die Menschenrechte. Gegen das Einlenken auf neoliberale
Effizienznormen und das Weggucken bei "Kollateralschäden" muss die
Solidaritätsbewegung das Wissen über die globalpolitischen Hintergründe immer wieder
publik machen. Nur so bleibt das Gefühl für die Verbundenheit mit der Welt, die
Solidarität, möglich.
Diese Streitschrift aus der Feder intellektueller Träger der Solidaritätsbewegung
liesst sich flüssig und gewinnbringend, fordert aber Durchhaltewillen und
Differenziertheit... eben, was gefordert ist.
Rainer Kössler & Henning Melber, Globale Solidarität? Eine Steitschrift, ORT
2002 (Brandes & Apsel)
Vom Mythos nationaler Befreiung
s.g. Der erste Teil dieser kollektiven Arbeit der marxistischen "Gruppe
Demontage" gibt einen gelungenen Überblick über die Prozesse, welche den Übergang
vom "Fordismus" der Wirtschaftsstrategie der 30er bis 70er Jahre
zum "Postfordismus" manifestieren. Konkurrenz als Antrieb der
Wirtschaftsentwicklung wird nicht mehr mittels Effizienzsteigerung durch
Fliessbandtechnologie der Industrien, sondern über grösstmögliche Vernetzung
ausgetragen.
Diese Einleitung begründet mit der wirtschaftlichen Globalisierung und der Dominanz
des international agierenden Finanzkapitals die abnehmende Bedeutung der Nationalstaaten.
Vom Regulator sind sie zu dienstverpflichteten Zubringern zurückgestuft. Dies schafft
neue Bedingungen für die Befreiungsbewegungen, die eine eigene, unabhängige
Nationalstaatlichkeit anstrebten und die Übernahme der machtvollen Schaltstellen,
die sich früher hier fanden. Gleichzeitig wird damit eine neue Perspektive auf diese
Bewegungen zwingend, die zuvor so die Kritik der Autoren nur ungenügend
beachtet wurde. Sie weisen nach, dass die nationale Idee, ebenso wie ethnische oder
rassische Unabhängigkeitswünsche, die sich in patriarchalen Reden vom scheinbar
homogenen "Volk" manifestieren, nicht genügen, um eine emanzipatorische
Entwicklung der Bewegung anzuführen. Dies kann zum oberflächlichen Mobilisierungsmoment
gerinnen, das eine spätere Entsolidarisierung der Eliten nicht aufhält.
Mit diesem scharfen Blick analysieren die Autoren die Verhältnisse und die Entwicklung
in sechs Befreiungsbewegungen, die Ziel der aktiven Solidarität verschiedenster
westeuropäischer Gruppen waren: Algerien, Kurdistan, Nordirland, Korsika, Euskadi
(Baskenland) und Chiapas. Auch die Solidaritätsgruppen selber erhlten einen klugen
"Denkzettel" für ihr Weiterleben. Das Buch schafft eine sorgfältige
Übersicht, in der sich der eigene, manchmal unterdrückte Verdacht klar orten lässt und
adäquatere Kriterien entstehen.
Gruppe Demontage, Postfordistische Guerilla vom Mythos nationaler Befreiung,
Münster 1999 (Unrast-Verlag)
Afrikanische Wurzeln
hus. Wer dieses Frühjahr französische Buchhandlungen aufsuchte, konnte bei den
Bestsellern ein rotes Bändchen mit der Banderole "Le Clézio" nicht übersehen.
Clézios Vater, der von Mauritius stammt, war als Arzt in den dreissiger Jahren des
letzten Jahrhunderts im Auftrag der britischen Verwaltung zuerst für zwei Jahre in
Britisch-Guyana und anschliessend im britischen Teil von Kamerun sowie später nach
dem 2. Weltkrieg in Nigeria tätig. Clézio verwebt seine Jugenderinnerungen mit
der Geschichte seines Vaters und (weit weniger) seiner Mutter, einer Französin. Dabei
erfahren wir über die noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts herrschende
Abgeschiedenheit des nördlichen Kamerun, einem Gebiet, von dem es nicht einmal Landkarten
gab. Hier wuchs Clézio ausschliesslich unter afrikanischen Kindern auf, während seine
Eltern ohnehin seit Jahrzehnten vollkommen abgeschieden von der europäischen
Kolonialschicht lebten. Eine anregende Publikation.
J.M.G. Le Clézio, LAfriquain, Paris 2004 (Mercure de France) |
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