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| NescaFAIR
Ein Bericht von einer innovativen Kampagne
“Wir“,
das sind Sandra Ujpétery und Severin Meier. Wir sind
heute 15 Jahre alt, wohnen in Zürich und besuchen die Kantonsschule
Hohe Promenade. Seit Jahren setzen wir uns als “private
Überzeugungstäter“ gegen Hunger und Elend und
insbesondere für einen fairen Handel mit der sogenannten
“Dritten Welt“ ein. Wie kamen wir dazu?
Sandra Ujpétery:
Am Anfang stand ein Bild in der Zeitschrift “Der Spiegel“.
Einige bis auf die Knochen abgemagerte schwarze Kinder waren
darauf zu sehen, darunter stand geschrieben: “Hungernde
Kinder im Sudan auf der Suche nach Ameisen als Nahrung“.
Ich war damals Primarschülerin und elf Jahre alt. Vom Sudan,
dem grössten Land Afrikas, hatte ich nie zuvor gehört,
diese Welt war mir fremd. Aber ich begriff sofort: Wenn es Kinder
gibt, die hungern müssen, dann läuft etwas falsch
auf der Welt. Ich begann mich zu informieren und fand nach und
nach heraus, wo die Ursachen von Hunger und Elend liegen.
Severin Meier: Sandra und ich besuchten zusammen die Primarschule.
Eines Tages drückte mir Sandra Prospekte in die Hand, mit
denen ich nichts anfangen konnte. Eine davon zeigte eine südamerikanische
Bäuerin, die auf einem Esel ritt. Es waren Broschüren
von Hilfswerken. Nur widerwillig nahm ich diese “Geschenke“
an, aber nachdem ich sie alle gelesen hatte, begann ich, mich
mehr und mehr für diese Thematik zu interessieren.
Unterschriften
für eine gerechtere Welt
Wir wollten uns aber
nicht nur informieren, sondern auch etwas tun. Wir kamen darauf,
dass die naheliegendste Handlungsmöglichkeit für uns
als Konsumenten der faire Handel ist. Und so begannen wir, unsere
Klassenkollegen auf den fairen Handel aufmerksam zu machen.
Daneben starteten wir eine Unterschriftensammlung, damit die
Migros Max Havelaar-Kakaopulver ins Sortiment nimmt. Unerfahren,
wie wir damals waren, brachten wir gerade mal etwa 300 Unterschriften
zusammen, die wir häppchenweise einschickten. Immerhin:
Unter anderem wegen unserer Aktion führte die Migros später
tatsächlich ein solches Kakaopulver ein.
Unsere nächste
Unterschriftensammlung lief schon etwas professioneller ab.
Diesmal wandten wir uns an die Schokoladefirma Lindt & Sprüngli
und kamen auf 1695 Unterschriften. Mit Unterstützung eines
Mitgliedes der Grünen Partei konnten wir diesmal sogar
eine öffentliche Übergabe unter Einbezug der Medien
organisieren. Bis heute fehlt allerdings im Sortiment von Lindt
& Sprüngli eine fair gehandelte Schokolade.
Von Anfang an hatten
wir uns speziell mit den Geschäftspraktiken der Firma Nestlé
auseinander gesetzt (siehe Kasten “Stichwort Nestlé“).
Immer wieder schrieben wir kritische Briefe an den Konzern.
Schliesslich wurden wir von Nestlé an deren Hauptsitz
in Vevey am Genfersee eingeladen, um dort über die Vorwürfe
zu diskutieren. Wir folgten dieser Einladung am 26. Mai letzten
Jahres und wurden von Nestlé-Pressesprecher François-Xavier
Perroud empfangen. Im Verlauf des etwa zweistündigen Gespräches
gab Perroud die üblichen ausweichenden und verharmlosenden
Antworten auf unsere Fragen.
Wir waren der Ansicht,
dass Nestlé in sozialer und ökologischer Hinsicht
nach wie vor zu schlecht abschneidet und dass wir in dieser
Angelegenheit etwas unternehmen müssen. Wir starteten unsere
dritte Unterschriftenkampagne unter dem Titel “NescaFAIR
statt Nescafé“, deren Hauptanliegen es ist, dass
Nestlé in den Bereichen Kakao/Schokolade und Kaffee mit
dem fairen Handel zusammenarbeitet. Bis heute haben wir mehr
als 3800 Unterschriften gesammelt. Anfang September werden die
Unterschriften eingereicht.
Weitere Informationen
zur NescaFAIR-Kampagne finden Sie unter
www.nescafair.ch.vu |
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Freier Welthandel als Patentrezept für Afrika?
"Freier Welthandel",
wie er von der Welthandelsorganisation verstanden wird, bedeutet
Wegfall aller Handelshemmnisse. Zölle, Einfuhrbeschränkungen
oder -sperren sollen verschwinden. Doch trotz WTO schotten sich
die USA auch heute noch gegen missbillige Importe ab, das gilt
vom Stahl (Konkurrent: EU) bis zu den Textilien (Konkurrenten:
Schwellenländer). Der Stärkere fordert freien Handel,
soweit es ihm nützt. Schwächere Länder sind kaum
in der Lage, frei zu handeln. Vielmehr müssen sie ihre
Länder für Billigstimporte öffnen, was oft einem
Todesstoss für das einheimische Gewerbe bedeutet. Sandra
Ujpétery und Severin Meier.
Die “Dritte
Welt“, insbesondere Afrika, soll stärker in den Weltmarkt
eingebunden werden. Die Industriestaaten sollen ihre Märkte
für landwirtschaftliche Produkte öffnen, damit die
Entwicklungsländer mehr exportieren und dadurch Arbeitsplätze
schaffen und die Armut bekämpfen können. Diese Forderungen
beten die Weltbank, der Internationale Währungsfonds IWF
und sogar einige Nichtregierungsorganisationen (und Nestlé)
seit Jahrzehnten herunter. “Connecting Africa to global
business“ hiess denn auch der vielversprechende Titel
eines Symposiums am diesjährigen Winterthurer Afro-Pfingsten.
Grossplantagen
und Weltmarktpreise machen Hunger
Die Menschen in Mubende,
Uganda, haben erfahren, was das konkret bedeuten kann. Im August
2001 wurden dort mehr als 400 Kleinbauernfamilien (etwa 2000
Personen) von der ugandischen Armee von ihrem Land vertrieben.
Sie mussten einer Plantage des deutschen Kaffeehandelsunternehmens
Neumann weichen. Dieses Projekt wird von der ugandischen Regierung
und Neumann als “Entwicklungsprojekt“ dargestellt.
Auch vor der Vertreibung
lebten die Betroffenen unter ärmlichen Bedingungen, aber
sie konnten sich immerhin selbst mit Nahrung versorgen. Heute
haben sie keine Möglichkeit, Nahrungsmittel anzubauen,
und der Lohn derjenigen, die auf der Plantage Arbeit gefunden
haben, reicht nicht zum Leben. Fünf Kinder sollen bereits
infolge von Unterernährung gestorben sein. Trotz internationalen
Protesten wurde das geraubte Land bis heute nicht zurückgegeben.
In Mubende wächst jetzt Kaffee statt Maniok –und
das in Uganda, wo 21 % der Bevölkerung unterernährt
sind.
Mubende ist kein
Einzelfall. Ähnliches geschieht zum Beispiel im Nordosten
Brasiliens, wo auf riesigen Plantagen Zuckerrohr für den
Weltmarkt angebaut wird. Am Rande dieser Plantagen leben die
landlosen Feldarbeiter in bitterer Armut, die Zuckerproduktion
drängt den Anbau von Getreide, Obst und Gemüse für
die einheimische Bevölkerung immer mehr zurück. Trotzdem
wird gefordert, dass die Schweiz und die EU den staatlich subventionierten
Zuckerrübenanbau aufgeben und stattdessen vermehrt Rohrzucker
aus dem Süden importieren. Die Grossgrundbesitzer dürften
sich dann auf höhere Profite freuen. Die Armen aber werden
vom Zuckerrohr im wahrsten Sinn des Wortes an den Rand gedrängt.
Viele Kleinbauern
bauen neben Nahrungsmitteln für die Selbstversorgung Exportprodukte
wie Kaffee oder Kakao an, um ihr Einkommen aufzubessern. Aber
sie profitieren kaum davon, wenn die Märkte Nordamerikas
und Europas geöffnet werden. Denn um erfolgreich exportieren
zu können, braucht es Kapital, Know-how, Beziehungen und
Infrastruktur, und das haben nur wenige Kleinbauern. So bleiben
kleinere Produzenten dem Zwischenhandel und dem unberechenbaren
Auf und Ab der Weltmarktpreise ausgeliefert.
Das kann dramatische
Folgen haben, wie das Beispiel des Kaffees zeigt. Lange verharrten
die Weltmarktpreise infolge von Überproduktion auf sehr
tiefem Niveau. Millionen Kaffeepflanzer verelendeten, Hunger
und Kinderarbeit nahmen in den Kaffeeanbaugebieten deutlich
zu. Ganze Länder, wie etwa Äthiopien, wurden in Mitleidenschaft
gezogen. Inzwischen steigen die Kaffeepreise wieder leicht,
aber ob das ausreicht, um die Armut der Bauern dauerhaft zu
lindern, ist fraglich. Wenn die Preise steigen, werden zahlreiche
Plantagen wieder in den Kaffeeanbau einsteigen und erneut eine
Überproduktion verursachen, sodass die nächste Krise
praktisch vorprogrammiert ist. So werden regelmässig Existenzen
zerstört.
Fairer Handel
statt freier Handel
50 Prozent der Hungernden
auf dieser Welt sind Kleinbauern, 20 Prozent sind landlose Landarbeiter.
Wer den Hunger bekämpfen will, muss daher in erster Linie
diese beiden Gruppen fördern. Projekte wie die Mubende-Plantage
hingegen werden den Hunger zwangsläufig vergrössern,
auch wenn sie die Exportstatistiken besser aussehen lassen.
Damit derartige Fehlentwicklungen korrigiert werden können,
muss das System des Welthandels grundlegend geändert werden.
Insbesondere muss das Prinzip der “Kostenwahrheit“
eingeführt werden. Es darf nicht sein, dass Kaffee von
der Mubende-Plantage billiger ist als fair gehandelter Kaffee,
oder dass konventionelles Zuckerrohr aus brasilianischen fazendas
konkurrenzfähiger ist als Schweizer Bio-Rübenzucker.
Der “faire Handel“ bietet uns als Konsumenten die
Möglichkeit, zu solchen Veränderungen einen kleinen,
aber konkreten Beitrag zu leisten.
Fairer Handel bedeutet,
dass Kleinbauern-Kooperativen und kleine bis mittlere Plantagen
ihre Produkte direkt, also ohne Zwischenhandel, exportieren
können. Sie erhalten dafür feste Mindestpreise, die
sich daran orientieren, was die Bauern und Arbeiter zum Leben
brauchen, und nicht an den Börsenpreisen. Im Gegenzug müssen
die Produzenten Umwelt-, Sozial- und Qualitätsstandards
einhalten, die unabhängig kontrolliert werden. Eine dieser
Vorschriften ist, dass die Produktion für den fairen Handel
die Selbstversorgung nicht gefährden darf. Menschenrechtsverletzungen
wie in Mubende sind im fairen Handel somit ausgeschlossen. Weltweit
profitieren heute mehr als 800 000 Familien vom fairen Handel.
Trotzdem ist der
faire Handel (ebenso wie die biologische Landwirtschaft) bis
heute ein Nischenmarkt geblieben. Es ist ein Skandal, dass die
rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Umwelt heute als
“konventionell“, das heisst “herkömmlich,
normal, gewöhnlich“ bezeichnet wird. Eigentlich müsste
es sich von selbst verstehen, dass bei der Produktion unserer
alltäglichen Konsumgüter die Menschenrechte und gewisse
Umweltschutzvorschriften eingehalten werden. Solange die “Grossen“
wie Nestlé, Kraft oder Chiquita weiterhin auf “konventionelle“
Produktion setzen, wird der faire Handel allerdings ein Nischenmarkt
bleiben.
Stichwort Nestlé
Das Schweizer Unternehmen
Nestlé ist der grösste Nahrungsmittelkonzern der
Welt –zu Nestlé gehören zahlreiche bekannte
und beliebte Marken wie Nescafé, Cailler, Maggi oder
Thomy. Im Jahre 2004 erzielte Nestlé einen Gewinn von
6,7 Milliarden Franken.
Immer wieder wird
der Konzern aus verschiedenen Gründen kritisiert. Zum Beispiel
wird der Firma vorgeworfen, in verschiedenen Ländern, vor
allem in Kolumbien, die gewerkschaftliche Organisierung ihrer
Mitarbeiter zu unterdrücken.
Ein anderer Vorwurf,
der schon seit Jahrzehnten immer wieder erhoben wird, lautet,
dass Nestlé durch die aggressive Vermarktung von Babynahrung
in Entwicklungsländern das Leben von Säuglingen gefährdet
(“Nestlé tötet Babys“). Hier hat sich
nach weltweiten Protesten und Boykotten einiges gebessert. Dennoch
ist der Skandal bis heute nicht zu Ende.
Auch Nestlés
Engagement im problematischen Geschäft mit der lebensnotwendigen
Ressource Wasser zieht Kritik auf sich. Umweltorganisationen
wie Greenpeace kritisieren Nestlé wegen ihrer positiven
Einstellung zum Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.
Ein weiterer wichtiger
“Anklagepunkt“ ist, dass Nestlé den Produzenten
von Kakao und Kaffee in der Dritten Welt keine festen, existenzsichernden
Preise bezahlt und dadurch Armut und Ausbeutung (bis hin zum
Einsatz von Kindersklaven auf westafrikanischen Kakaofeldern)
fördert.
Fairer Handel
in der Schweiz
Das bekannteste Gütesiegel
für gerechten Handel in der Schweiz ist Max Havelaar. Max
Havelaar- Produkte sind bei Migros, Coop und an vielen anderen
Geschäften erhältlich. Das Sortiment umfasst derzeit
Kaffee, Tee, Schokolade, Kakaopulver, Honig, Zucker, Reis, Bananen,
Mangos, Ananas, Avocados, Orangensaft, Blumen, Topfpflanzen
und Textilien. Daneben gibt es weitere Labels wie STEP (für
Teppiche), gebana oder das biofair-Zeichen der Biofarm Genossenschaft
und natürlich viele kleine Projekte, welche hier nicht
aufgezählt werden können.
In keinem anderen
Land ist der Marktanteil fair gehandelter Produkte so hoch wie
in der Schweiz. 47 Prozent der hierzulande verkauften Bananen
tragen das Max Havelaar-Label, Coop hat die konventionellen
Bananen sogar ganz aus dem Sortiment genommen. 70 Prozent der
SchweizerInnen kennen das Max Havelaar-Gütesiegel.
Seit die deutschen
Discounter Aldi und Lidl in die Schweiz drängen, sind diese
Fortschritte jedoch in Gefahr. Die entsprechende Werbung der
Grossverteiler hat dazu geführt, dass viele Konsumenten
“preisbewusster“ geworden sind. Bereits hat der
Kassensturz berichtet, dass dieses “Preisbewusstsein“
beim Fleisch dazu führt, dass die Verkäufe von Bio-Fleisch
stagnieren und vereinzelte Produzenten wieder zur “konventionellen“
Tierhaltung zurückkehren. Tierquälerei, Umweltzerstörung
und Hunger sind ein zu hoher Preis für billige Produkte,
und es bleibt zu hoffen, dass die Schweizer Konsumentinnen und
Konsumenten die “Tiefe Preise um jeden Preis“-Politik
von Aldi und Lidl nicht unterstützen werden. |
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| Togo:
Die Dinosaurier sterben nicht aus
Familie Gnassingbé
behält die Oberhand
Im Februar dieses
Jahres ist der Doyen der afrikanischen Staatschefs, Gnassingbé
Eyadéma, nach 38 Jahren Machtausübung gestorben.
Trotz Widerstand des Volkes und anfänglich auch anderer
afrikanischer Staaten hat sich sein durch das Militär gestützter
Sohn Faure Gnassingbé als neuer Präsident durchgesetzt.
Die vorangegangenen Wahlen können weder als fair noch als
demokratisch bezeichnet werden. Ein Bericht von Angela Deppeler.
Als Gnassingbé
Eyadéma am 5. Februar 2005 starb, stand Togo unter Schock.
Obgleich damit gerechnet werden musste, dass das kränkelnde
69-jährige Staatsoberhaupt nicht mehr allzu lange über
das Land herrschen würde, wusste in jenem Augenblick niemand
so recht, wie man nun reagieren sollte.
Doch das Militär
handelte rasch: Die Grenzen wurden umgehend geschlossen, damit
der zu einer Konferenz ausgereiste Parlamentspräsident
Natchaba Ouattara nicht nach Togo zurückreisen konnte.
Laut Verfassung hätte er die interimistische Präsidentschaft
übernehmen und binnen 60 Tagen Neuwahlen organisieren müssen.
Das konstruierte Machtvakuum galt dann als Vorwand, um den Sohn
des verstorbenen Präsidenten, Faure Gnassingbé,
auf dessen Posten zu hieven. Dazu wurde eine Parlamentsversammlung
einberufen, welche die Verfassung den neuen Gegebenheiten kurzerhand
anpasste. Der neue Gnassingbé legte noch am Sonntag dem
6. Februar seinen Amtseid ab und löste damit die ersten
Proteste aus, die am Samstag darauf schon mindestens drei Tote
forderten.
Internationale
Kritik
Die internationale
Gemeinschaft reagierte zunächst mit heftiger Kritik. Die
Afrikanische Union (AU) sowie die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft
ECOWAS sprachen von einem Staatsstreich und drohten mit Sanktionen,
falls sich Togo nicht den im NEPAD (New Partnership for Africa's
Development) festgeschriebenen Regeln der guten Regierungsführung
fügen würde. Obwohl auch Frankreich die rechtswidrige
Machtergreifung Faure Gnassingbés formell verurteilte,
konnte dies die Worte von Präsident Chirac kaum vergessen
machen, der Eyadéma als einen Freund Frankreichs bezeichnet
und ihn darüber hinaus als persönlichen Freund gewürdigt
hatte. Mit dieser unbedachten Aussage schürte er antifranzösische
Gefühle bei vielen Togolesen, die sich nur allzu gut daran
erinnern, wie das offizielle Frankreich Gnassingbé bei
den letzten Wahlen 2003 unterstützte.
Als der junge Präsident
auch nach Gesprächen mit anderen afrikanischen Staatschefs
nicht nachgab, schlug die AU unter der Führung des nigerianischen
Präsidenten Olusegun Obasanjo Mitte Februar eine härtere
Gangart an. Sie verlangte den Rücktritt Faure Gnassingbés
und verhängte Sanktionen. Obasanjo drohte sogar mit dem
Einsatz der nigerianischen Armee in Lomé, falls Gnassingbé
keine Wahlen ausrufe. Die ECOWAS setzte Togos Mitgliedschaft
aus. Derweil nahmen die Demonstrationen in verschiedenen togolesischen
Städten laufend zu.
Schliesslich musste
Gnassingbé einlenken und versprach am 25. Februar die
Organisation von Neuwahlen. Sogleich wurde er selbst von der
Regierungspartei "Rassemblement du peuple togolais"
(RPT) zum Präsidentschaftskandidaten gekürt. Die über
Jahrzehnte gezielt von Eyadéma gespaltenen Oppositionsparteien
hatten Mühe, sich auf ein Vorgehen zu einigen. Aufgrund
2002 geänderter Wahlgesetze konnte der schärfste Gegner
des RPT-Kandidaten sich nicht aufstellen lassen. Gilchrist Olympio
nutzte aber seine Position, um den Vizepräsidenten seiner
Partei, Bob Akitani, zu nominieren. Die anhaltenden Streitereien
in der aus sechs Oppositionsparteien bestehenden Koalition schadeten
dessen Glaubwürdigkeit ebenso wie die hämische Ausschlachtung
seines Alters durch die RPT. Der 74jährige Akitani musste
gegen den angeblich 39jährigen Faure Gnassingbé
antreten, der sich oft betont lässig und fortschrittlich
gab. Pikantes Detail: in der togolesischen Presse betrug das
Alter des Eyadéma-Sohnes vor seinem Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten
bloss knapp über 30 Jahre, laut Verfassung muss ein Präsident
aber mindestens 35 Jahre alt sein.
Wahlkampf der
Herrschenden
Einen Monat vor den
Wahlen waren die Mauern der Hauptstadt von Sprüchen beschmiert,
die die Oppositionsführer als Terroristen oder als Gegner
Togos verschrien. An den meistbefahrenen Strassen Lomés
fielen grosse Reklameschilder auf, die den verstorbenen Eyadéma
als ewigen Vater der Nation, Friedensfürst und Garant eines
fortschrittlichen Togos verherrlichten. Parallel dazu schloss
die Armee auf brutale Weise mehrere lokale Radiostationen unter
dem Vorwand, diese hätten keine Steuern bezahlt. Auch das
von vielen TogoerInnen gehörte "Radio France International"
wurde gestört, sobald über Togo berichtet wurde. Privaten
Fernsehsendern wurde die Berichterstattung über die Wahlen
untersagt. Am sonst von der Bevölkerung rege genutzten
Strand wimmelte es nur so von schwer bewaffneten Soldaten. Jede
Aktion der Übergangsregierung zeigte bloss, dass diese
im gleichen Stil weiterzumachen gedachte, wie dies von Vater
Eyadéma vorgemacht worden war.
Die Hoffnung auf
einen Wandel, welche viele TogolesInnen in die Wahlen setzten,
nahm ab, je näher diese rückten. Es wurde klar, dass
die Wahllisten hoffnungslos veraltet und um gegen 1 Million
Phantomwähler aufgebauscht waren. Die Regierung unternahm
keine ernsthaften Anstrengungen, diese zu erneuern. Faure Gnassingbé
zögerte die Bekanntgabe des Wahltermins so lange hinaus,
dass die EU und die USA sich weigerten, internationale Wahlbeobachter
zu senden.
Wahlen nicht frei
und fair
Der Ruf nach einer
Verschiebung der Wahlen wurde im April immer lauter. Mehrere
zivilgesellschaftliche Organisationen Togos, wie z.B. die "Ligue
Togolaise de Droit de l'Homme" (LTDH), sprachen frustriert
über die bloss halbherzig durchgeführte Aktualisierung
der Wählerlisten und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte
gegen Demonstrierende. Drei Tage vor dem angesetzten Termin
warnte sogar der Innenminister Esso Boko, dass die Aufrechterhaltung
des Wahltermins entgegen dem Willen der Opposition zu einem
Bürgerkrieg führen könnte. Diese Aussage bezahlte
er mit seiner Absetzung, worauf er in die deutsche Botschaft
floh und dort um Asyl bat.
Trotz allem wurden
die Wahlen am 24. April durchgeführt. Schon am Wahlsonntag
kam es zu Kämpfen zwischen Oppositionellen und Sicherheitskräften,
nachdem erstere den Austausch von Wahlurnen und andere Unregelmässigkeiten
beobachtet hatten.
Eineinhalb Wochen
später bezeichnete die RTP sich als Wahlsiegerin; Faure
Gnassignbé sei mit 60,15 Prozent der gültigen Stimmen
gewählt, Akitani habe bloss 38,25 Prozent erhalten. Olympio
und andere Oppositionspolitiker prangerten das Resultat als
Betrug an und forderten eine Neuauszählung. In den Tagen
und Wochen nach den Wahlen nahmen die heftigen Zusammenstösse
zwischen Oppositionellen und Regierungskräften zu. Das
Militär drang gewaltsam in private Häuser ein, wo
sie nicht-regierungstreue TogolesInnen vermutete. Immer mehr
togolesische Familien flüchteten in die Nachbarländer
Ghana und Benin; heute befinden sich rund 36 000 TogolesInnen
im Exil. Der Ruf des UN-Welternährungsprogramms nach Nahrungsmittelhilfe
für rund 66 500 Personen (die innerhalb Togos vertriebenen
mitgerechnet) verhallt in der internationalen Öffentlichkeit
ungehört. Unterdessen beziffert sich die Zahl der Toten
durch die Unruhen auf 100 (laut der Regierung) bzw. 790 (laut
der LTDH). Am 18. Juli berichtete die Nachrichtenagentur Irinnews,
dass bei LTDH weiterhin täglich Klagen über Repressionen
und sexuelle Verbrechen von Armeeangehörigen an der Bevölkerung
eingehen.
Zahme internationale
Reaktionen
In den internationalen
Reaktionen nach den Wahlen spiegeln sich unterschiedliche Interessen.
Während die ECOWAS wie auch Frankreich die Wahlen als grundsätzlich
fair bezeichneten, äusserten sich die USA und die EU mit
deutlicher Reserviertheit.
Die Regierungschefs
der AU und der ECOWAS scheinen sich mit dem Fortbestand der
Gnassingbé-Herrschaft arrangiert zu haben; ihr erstmaliges
Eintreten gegen einen Mitgliedstaat verlief mit der Anerkennung
des von der RTP verkündeten Resultats im Sand. Der AU-Vorsitzende
Obasanjo versuchte nach den Wahlen noch, Gnassingbé und
die Opposition an einen Tisch zu bringen, um eine "Regierung
der nationalen Einheit" zu erreichen. Die Gespräche
scheiterten an der der kompromisslosen Haltung beider Seiten.
Die vom togolesischen Premierminister Edem Kodjo unterdessen
vorgestellte Regierung strotzt nur so von Figuren des Eyadéma-Clans
und enthält mehrere für Gewalt bekannte Namen.
Die Reaktion der
EU bleibt zwiespältig; die Differenz zwischen der milden
Haltung Frankreichs und der kritischen Position Deutschlands
besteht auch weiterhin. Das Europaparlament verabschiedete jedoch
eine Resolution, welche die Wahl vom 24. April nicht anerkannt.
Damit fehlen auch die Bedingungen, dass die EU den 1993 verfügten
Stopp von Entwicklungsgeldern aufheben könnte. Eine Kommission
soll nun prüfen, wie sich die neue Regierung gegenüber
den 22 Verpflichtungen verhält, die noch der Vater Gnassingbé
mit der EU ausgehandelt hatte mit dem Ziel, wieder an EU-Gelder
zu kommen.
Während sich
internationale Organisationen auf ihren Rückzug aus Togo
vorbereiten, steigen die Lebensmittelpreise im Land drastisch;
in Lomé kostet das wichtigste Grundnahrungsmittel Mais
im Juli 2005 schon 2-3 Mal so viel wie noch vor 5 Monaten. Die
Bevölkerung scheint keine Möglichkeit zu sehen, ausser
den Überlebenskampf von Tag zu Tag weiter zu führen
und weiteres Blutvergiessen zu vermeiden. Im Land herrscht eine
erzwungene Ruhe.
Autorin: Die Ethnologin lic.phil. Angela Deppeler hat vom Februar
2004 bis März 2005 in Togo gelebt und im Auftrag des Deutschen
Entwicklungsdienstes gearbeitet. E-mail: angela.deppeler@arcor.de
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| "Zwei
glückliche Wochen sind zwei gute Wochen"
Eine etwas
andere Art von Ferien in Malawi
Malawi ist ein
Naturparadies im Herzen Afrikas – ein mausarmes allerdings.
Bernard Challendes, U-21 Fussballcoach der Schweiz, hat dort
mit seiner Familie die Sommerferien verbracht. Anstatt aber
Elephanten und Krokodile zu suchen, hat Challandes auf einem
staubigen Acker in einem Slum zwei Wochen lang mit Waisenkindern
Fussball gespielt. Dabei hat er Erstaunliches entdeckt. Ein
Bericht von Charlotte Jacquemart (Blantyre).
Die Wunde sieht böse
aus: Innocent, 12 Jahre, humpelt über den staubigen Acker.
Sein Schienbein hat einen Stein erwischt, obwohl die grossen
darunter aus dem Feld entfernt wurden. Blut läuft über
seine dicke Hornhaut, versickert im Sand. Seit Jahr und Tag
spielt Innocent ohne "Accessoires" wie Schuhe geschweige
denn Schienbeinschoner Fussball. Das härtet ab. Das offene
Schienbein wird verarztet – es ist weniger schlimm als
befürchtet.
Innocent ist nur
einer von vielen, der sich von Anouk (46) und Cloé (20)
Challandes, Frau und Tochter des Schweizer U-21 Fussballcoaches,
in diesen Tagen verarzten lässt. Nicht nur neue, auch alte
Wunden lassen die Kinder pflegen. Viele davon sind vereitert.
Doch nicht immer geht es den Kindern um die Blessuren : Die
Waisen aus dem Slum Chemusa in der malawischen Stadt Blantyre
suchen nicht nur Merfen und Gaze, sondern auch Zuneigung. Für
viele ist es das erste Mal, dass sich jemand um sie individuell
kümmert. In Malawi sind 30 Prozent der Kinder Waisen. Als
Waise gilt, wer die Mutter verloren hat. Der Grund für
die vielen "Orphans" ist Aids. Kinder mit Geschwistern
auf dem Rücken, fast gleich gross wie sie selbst, gehören
genauso zum Leben in der Township wie Dreck, Schweiss und Hunger.
Dieses Umfeld hat
sich der U-21 Coach Bernard Challendes als Ferienort für
den Sommer 2005 ausgesucht. Es seien sicher ungewöhnliche
Ferien, gibt Ehefrau Anouk zu, "doch das Projekt fasziniert
uns". Die Faszination ist gegenseitig : Die Jüngsten
der Township, schwatzend und lachend, umklammern die Beine der
"Musungu" - der weissen Frau. Die Familie Challandes
– mit von Partie sind auch Mehdi (17) und Jules (12) -
ist nicht alleine in Malawi. Mit dabei sind vier junge Schweizer
Fussballer. Um das runde Leder dreht sich denn auch das Projekt:
Unter der Führung Challandes’ trainieren die Schweizer
während zweier Wochen 150 bis 200 Waisenkinder zwischen
10 und 16 Jahren. Der U-21 Trainer hat mit seiner Zusage keinen
Moment gezögert. "Ich habe das Glück, mit meiner
Passion Geld zu verdienen. Mit meinem Einsatz hier kann ich
mich ein wenig revanchieren." Gleichzeitig blickt er selbstkritisch
auf die Schweiz. "Wir Fussballer sind enorm verwöhnt.
Es tut gut, zu erleben, dass es Orte gibt ohne Bälle, Tore,
Schuhe." Oder Wasser, um Wunden auszuwaschen, ergänzt
seine Frau beiläufig.
Das - vermeintlich
- bescheidene Ziel des Projektes umreisst der Initiator Martin
Schaer (44). Der Berner Jurist und Lehrer kennt Malawi wie seine
Hosentasche. Mehrere Schulhäuser hat er bereits gebaut.
"Sport gibt Selbstvertrauen. Das gemeinsame Spiel lehrt
die Kinder, dass sie sich aus eigener Kraft organisieren können".
Die finanziellen Mittel treibt Schaer selbst auf. Die Unabhängigkeit
hat ihren Preis: Noch klafft im 30000 Franken-Budget ein Loch.
Unterstützung zugesagt hat die Schweizer Mobiliar. Durch
den regelmässigen Trainingsbetrieb hofft Schaer, dass die
Slum-Kinder ein Gefühl für eine fixe Tagesstruktur
entwickeln. "Stur" ist denn auch der Tagesplan : Vor-
und nachmittags je ein Training in Altersgruppen, "zmittag"
in der Gruppe aus einem Topf. Das Menu variert kaum: "Nsima"
- eine Art Maisbrei -, Kohl und Bohnen.
Die Einheimischen
vertrauen Schaer, weil er immer wieder zurückkehrt. "Man
of vision" sagen sie ihm nach und grüssen den "Musungu"
mit "you are my friend". Die Township Chemusa hat
der Berner für sein Fussballcamp ausgewählt, weil
der Stadtteil der einzige Slum in Blantyre ist, in dem sich
ein einigermassen ebenes Fussballfeld befindet: Das Feld ist
eine staubige Senke, 90 mal 45 Meter, am Rande der Township.
Die Bewohner der
Township haben sich seit langem auf die Schweizer gefreut. Keine
TV- oder Radiostation hat das Event im Vorfeld verpasst. Entsprechend
überwältigend ist der Empfang, mit Tanz und Gesang:
"Musungu, Musungu", rufen die Kinder den Weissen zu,
und drängen sich um sie. Neben der "Attraktion"
Challandes & Co. und den 80 Fussbällen lockt ein weiterer
Name die Kinder aus ihren ärmlichen Backstein-Hütten
hervor: Der Lokalmatador Trevor (17). Er ist Teammanager der
U-17 von Malawi und spielt in der obersten Liga des Landes.
Trevor amtet zusammen mit Jugendlichen aus dem Slum als Assistent
und Übersetzer.
Auf dem Fussballplatz
kämpfen die Schweizer nicht nur mit Hitze und Staub, sondern
vorallem mit der Logistik des Unterfangens. Der Ansturm der
Kinder reisst nicht ab. Der U-21 Coach und seine Crew beginnen
morgens mit 80 Spielern, und hören abends mit 160 auf.
Trotzdem findet Challendes das Ganze "extraordinaire".
Ein Teil seiner Assistenten kämpft zu Beginn auch mit sich
selbst. Der Wirtschaftsstudent Christian Schober (23): "Erst
auf dem staubigen Acker, umringt von dutzenden dunklen Kinderaugen,
die mich anstarren, habe ich realisiert, worauf ich mich eingelassen
habe." Und der Logistiker Christian Wäny (23) meint
ehrlich: "Meine Verkrampfung nach dem ersten Slumbesuch
hat sich erst nach einigen Tagen gelöst". Gewöhnungsbedürftig
ist der Schweissgeruch, der einen überall hinbegleitet.
Auch der U-21 Coach
redet von "Herausforderung". Von aussen sieht man
ihm keine Anspannung an. Er verfolgt die Kinder in seiner Gruppe
aufmerksam, spornt sie an, korrigiert. Sie hangen ihm an den
Lippen, obwohl sie kein Wort verstehen. Der Nationalcoach lässt
sich selbst durch überfallartig vorbeiziehende Bienenschwärme
nicht aus der Ruhe bringen. Zieht eine schwarze Wolke am Himmel
auf, werfen sich die Kinder sofort auf den Boden. Challandes
kopiert sie – und erntet schallendes Gelächter: Es
amüsiert die Kinder, dass der hohe Besuch mitten unter
ihnen im Staub liegt. Gelacht wird auch sonst viel. Die "Musungu"
mit ihren Bällen und farbigen Fussballshirts sind für
die Kinder inmitten der Armut ein Hort der Lebensfreude.
Der Unterschied zu
Schweizer Kindern könnte grösser nicht sein, meinen
die Trainer. Psychologiestudent Oli Portmann (23): "Wir
haben alles, sie haben nichts. Trotzdem akzeptieren sie ohne
Widerrede, dass wir ihnen über Nacht keine Bälle überlassen."
In der Schweiz, vergleicht Christian Schober, hätte er
für sein Team 20 Bälle. "Alle streiten sich um
den besten, und machen einen Lätsch, wenn sie den nicht
kriegen." Wie um das Gesagte zu unterstreichen, drippelt
Nelson (14) mit einem Ball 20 Meter über den Acker. Seine
Augen glänzen, die weissen Zähne blitzen. Noch nie
habe er einen Ball für solange Zeit alleine am Fuss führen
dürfen, erzählt er. Eigentlich möchte Nelson
Chauffeur werden. Da er nicht wisse, ob er das schaffe, sei
er hier. "Es ist gut, wenn ich noch etwas anderes lerne.
Falls das mit dem Chauffeur nicht klappt."
Andrew (14) und Hamilton
(15) sind aus anderen Gründen auf dem Platz. "Das
ist der Beginn unserer Profikarriere", sind sie überzeugt.
Es sei das erste Mal in ihrem Leben, dass jemand für sie
etwas organisiere, fügen sie an. Schon frühmorgens
pilgern sie aufs Feld, und warten geduldig auf die Schweizer,
die ausserhalb der Township ein billiges Hotel belegen. Andrew
und Hamilton sind sicher, dass der Faden nach der Abreise der
Schweizer nicht reissen wird. "Wenn wir einige Bälle
und T-Shirts behalten dürfen", ergänzt Hamilton
scheu. Bälle sind bis hinauf in die oberste Landesliga
Mangelware. Trevor und sein Super League Team verfügen
über ganze drei Bälle.
Denn Bälle sind
unerschwinglich. Ein gutes rundes Leder kostet schnell 50 Franken.
Auf den Teeplantagen liegen die Löhne bei 55 Rappen am
Tag. Doch Not macht erfinderisch. Die Kinder formen aus Papier
und Plastiksäcken über dem Feuer handballgrosse Kugeln,
in die sie Styropor füllen. Nur Schuhe lassen sich aus
dem besten Abfall keine basteln. Praktisch alle spielen barfuss.
Selten teilen sich zwei Kinder ein Paar Schuhe. Das Barfusspiel
auf dem steinigen Sandplatz macht sich bezahlt. "Schweizer
Altersgenossen könnten mit der Ballbehandlung der Malawier
nicht mithalten", lobt Challandes. "Viele hier sind
technisch unheimlich gut." Am meisten begeistert Challendes
die unbändige Lust der Kinder, spielen zu dürfen –
und ihre Disziplin. "Sie kennen die Fussballregeln genau,
akzeptieren sie ohne Widerrede."
Das Treiben auf dem
Platz lässt nicht nur die Seelen der Teilnehmer baumeln,
sondern trägt auch Früchte: Die Kinder lernen, dass
sie in komplexen Übungen wieder an die Reihe kommen, dass
sie das Material am Abend zwar abgeben müssen, am nächsten
Morgen aber wieder erhalten. Und: Sie wachen selbst mit Argusaugen
darüber, dass niemand einen Ball entwendet. Denn sie wissen:
Ohne Bälle kein Training. Mit der Kritik, das Projekt sei
eine kurzlebige Veranstaltung, kann Bernard Challandes denn
auch nichts anfangen. "Natürlich verändern wir
Afrika damit nicht. Aber wir haben schon gewonnen, wenn die
Kinder einen Traum leben, den sie haben. Zwei glückliche
Wochen sind zwei gute Wochen."
Nur: Was wird in
Zukunft sein, wenn die "Musungu" nicht mehr da sind?
Niemand wagt eine Prognose. Wenn aus dem Slum selbst niemand
Verantwortung dafür übernimmt, sieht der Primarlehrer
Martin Berger (25) schwarz. Dem Chef der Township wäre
es am liebsten, ein Hilfswerk würde übernehmen. Das
sei unrealistisch, fällt Noel (28), Schaers rechte Hand
in Malawi, dem Dorfchef ins Wort. "Die machen nur das,
was Geld gibt."
Trevor, der U-17
Manager, verspricht, das Werk weiter zu führen, mit dem
Material, das vor Ort bleibt. Er habe viel von Challandes gelernt.
"Vielleicht Euer Coach sogar etwas von mir", lacht
er. Er schnappt sich ein Netz mit Bällen, bittet um 80
Kwacha für den Bus nach Hause und verschwindet im schwarzen
Menschengewühl. Ob er regelmässig wiederkehrt, wenn
ihm niemand mehr den Bus bezahlt?
Autorin: Charlotte Jacquemart ist Journalistin bei der NZZ am
Sonntag.
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| Ein
anderer Tsunami
Brutale Vertreibungsaktion
in Zimbabwe
Seit Ende Mai sind
in ganz Zimbabwe mindestens 700'000 Personen von Polizei und
Militär ohne Ankündigung von ihren alten Siedlungen
vertrieben worden. Das geräumte Gebiet wurde mit Planierraupen
platt gewalzt, die Gebäude zerstört. Dabei wurden
nicht nur Wellblech- oder Holzbretterbuden zerstört, sondern
auch gemauerte grössere Häuser, Schulen, Kliniken,
Läden, Coiffeur-Salons, Handwerksbetriebe. Die BewohnerInnen
erhielten nur kurz Gelegenheit, ihre wichtigste Habe zusammenzupacken,
bevor die Zerstörung begann. Einige wurden sogar gezwungen,
bei der Zerstörung ihrer Häuser mit zu helfen. Zerstört
wurden nicht nur illegale Siedlungen, sondern auch Siedlungen,
die den BewohnerInnen von der Regierung schon vor mehr als zehn
Jahren zugewiesen wurden.
Den Leuten wurde
befohlen, nach Hause aufs Land zurück zu kehren. Einige
wurden auf Lastwagen gepackt und in Camps abgeladen, wo keine
Infrastruktur vorhanden war - nicht einmal Wasser. Die Regierung
versprach, dass die Leute in einigen Tagen an einen besseren
Ort kommen. Mittlerweile ist mehr als ein Monat vergangen, und
die Leute sind immer noch am selben Ort. Viele versuchen, bei
Verwandten unter zu kommen, viele müssen aber draussen
campieren, oft nur notdürftig unter einem Zelt aus Plastikplanen.
Dabei ist es in der Nacht oft bitterkalt, denn in Zimbabwe ist
Winter.
Die Leute sind verzweifelt.
Sie haben nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihre Arbeit und
damit ihr Einkommen verloren. Wegen der Wirtschaftskrise und
der Enteignung der weissen Farmer verloren viele ihre Arbeit
auf den Farmen, in den Minen und in der Industrie. Sie versuchten,
sich im informellen Sektor mit Gelegenheitsarbeiten über
Wasser zu halten. Wer Platz im Garten hatte, baute ein oder
zwei Zimmer an und vermietete diese. All diese Einkommensquellen
sind nun zerstört, die Leute sind von Hilfe abhängig.
Kinder können nicht mehr in die Schule. Medizinische Behandlungen
können nicht mehr durchgeführt werden, weil die Leute
in alle Winde zerstreut sind. Dies ist besonders gravierend
bei Aids-Therapien, die eine regelmässige Medikamenteneinnahme
voraussetzen.
200 NGO's haben gegen
diese brutale Zerstörungsaktion bei der UNO und bei der
Afrikanischen Union protestiert. Die zimbabwischen Kirchen haben
die Aktion scharf verurteilt. Eine Delegation des südafrikanischen
Kirchenrates war nach einem Besuch in Zimbabwe entsetzt über
das Gesehene und verurteilte das Vorgehen der zimbabwischen
Regierung scharf. Die Delegation schlug einen Katalog von (Hilfs-)Massnahmen
für die Bevölkerung vor, darunter auch die Unterstützung
von Massnahmen des zivilen Ungehorsams. Die UNO sandte zur Untersuchung
der Vorgänge eine spezielle Vertretung nach Zimbabwe. Auch
diese kritisierte mit deutlichen Worten die Vertreibungsaktion
als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die eine schwere humanitäre
Krise ausgelöst habe. Die Regierung wies diese Kritik als
verleumderische Verschwörung zurück.
Was bringt eine Regierung,
die von 1980 bis 1995 als Hoffnungsträgerin der Region
galt, dazu, eine solch menschenverachtende und an die Apartheidpolitik
erinnernde Zerstörungsaktion gegen die ärmsten Bewohner
zu lancieren? Zuerst gab die Regierung an, die überfüllten
Siedlungen stellten ein Gesundheitsrisiko dar und müssten
saniert werden. Später hiess es, in den Siedlungen lebten
Kriminelle, die der Wirtschaft schadeten und ausländische
Migranten von den Nachbarländern, die dorthin zurückkehren
sollten. Für die Oppositionspartei MDC ist der Fall klar:
Mit der Aktion will die Regierung die MDC schwächen, denn
ihre Anhänger leben in den zerstörten Siedlungen.
In südafrikanischen
Medien wird Präsident Mbeki wegen seiner abwartenden Politik
gegnüber Zimbabwe kritisiert. Zimbabwe will von Südafrika
einen Milliardenkredit. Es wird nun verlangt, dass dieser Kredit
nicht gegeben wird oder dass eine Kreditvergabe nur unter klaren
wirtschaftlichen und politischen Bedingungen Bedingungen erfolgt.
Die Vereinigung Schweiz-Zimbabwe protestierte Ende Juni in einem
Brief an Präsident Mugabe scharf gegen die unmenschliche
Zerstörungsaktion und forderte deren sofortige Einstellung
und Entschädigung der Betroffenen. Und auch das EDA wurde
aufgefordert, alles zu unternehmen, um die Vertreibung zu stoppen.
Die Vorsteherin des EDA, Bundesrätin Calmy-Rey, versicherte
in der Zwischenzeit, dass die Schweiz alles unternehme, um von
Zimbabwe die Achtung der Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit
sowie die Förderung der Demokratie einzufordern.
Autorin: Gertrud
Baud, Mitglied des Afrika-Komitees und der Vereinigung Schweiz-Zimbabwe |
| Hinweise
auf Neuerscheinungen
DDR und Mozambique
hus. Die frühere
DDR entwickelte mit einzelnen Ländern der Dritten Welt
intensive politische und wirtschaftliche Beziehungen. Eines
davon war Mozambique. Diese Zusammenarbeit fusste u.a. auf dem
Ringen der DDR um internationale Anerkennung, denn diese wurde
ihr bis weit in die siebziger Jahre hinein verwehrt. Ausgehend
von ihrem politischen Selbstverständnis solidiarisierte
sich die DDR – ganz im Rahmen der Systemkonfrontation
Kapitalismus/Sozialismus – mit den Befreiungskämpfen
im südlichen Afrika, so auch mit dem Volk von Mozambique.
Mit der Befreiungsbwegung Frelimo wurde eine enge Zusammenarbeit
aufgebaut, die nach Erreichen der Unabhängigkeit Mozambiques
auf staatlicher Ebene weitergeführt wurde. Die DDR schlug
dem jungen Mozambique die Entwicklung und Unterstützung
verschiedener Schlüsselprojekte vor, die jedoch auch im
Interesse der DDR lagen, so beispielsweise gigantische Agrarprojekte,
um die eigene Versorgung zu verbessern, oder das Kohleabbauprojekt
Moatize, um selbst an Kohle zu kommen. Die Exporte Mozambiques
wurden weitgehend mit Gütern aus der DDR bezahlt, so beispielsweise
mit Lastautos.
Die Zusammenarbeit
wurde mit zunehmendem Bürgerkrieg in Mozambique schwieriger.
Mit dem Abschluss des Nkomati-Abkommens, das die pragmatische
Frelimo-Führung schliesslich mit Apartheid-Südafrika
schloss, zeigten sich erste Risse in der engen Zusammenarbeit.
Die inneren Schwierigkeiten der DDR trugen weiter dazu bei,
dass die Bedeutung der DDR in Mozambique abnahm.
Eine kritische Bestandesaufnahme
lässt heute erkennen, dass die materielle Solidarität
stets den politischen und wirtschaftlichen Interessen der DDR
untergeordnet war. Dass aber zahlreiche Menschen der DDR offen
und solidarisch das junge Mozambique unterstützten, ist
ebenso wahr.
Hans-Joachim
Döring, Uta Rüchel (Hg.), Freundschaftsbande und Beziehungskisten,
Die Afrikapolitik der DDR und der BRD gegenüber Mosambik,
Frankfurt/M. 2005 (Brandes & Aspel)
Deutsche Kolonialgeschichte
hus. Das Deutsche
Reich wurde erst spät zur Kolonialmacht, nebst den grossen
imperialen Mächten Grossbritannien, Frankreich, Portugal
und Spanien verblieben Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts
nur noch einige Krümel der nicht nicht aufgeteilten Welt.
Einer davon lag in Ostafrika und umfasste das Gebiet des heutigen
Tanzania. Die deutsche Inbesitznahme und Besiedlung war kaum
ein paar Jahrzehnte alt, als es aufgrund einer Nichtigkeit zu
einem der grössten Kolonialkriege Afrikas kam. 1905 bis
1907 tobte ein erbitterter Krieg, in dem über 100 000 Menschen
starben. Mit der Strategie der „verbrannten Erde“
sollten den Aufständischen die Nahrungsgrundlage entzogen
werden. Nach der aus Wasser bestehenden Medizin, die die Krieger
unverwundbar machen sollte und die Maji hiess, ging der Aufstand
als Maji-Maji-Krieg in die Geschichte ein.
Die Vorgeschichte
des Krieges, der Krieg selbst, dessen Darstellung in der (deutschen)
Presse und die Folgen werden nunmehr wissenschaftlich aufgearbeitet
im Band „Der Maji-Maij-Krieg in Deutsch-Ostafrika“
als Buch aufgelegt. In 17 Beiträgen verschiedener AutorInnen
werden einzelne Aspekte dargestellt, so etwa die gewaltsame
Inbesitznahme des Landes, der Kriegsverlauf, die Auswirkungen
der Taktik der verbrannten Erde, die Rezeption des Krieges in
Deutschland und die Auswirkungen des Kriegs im Denken heute.
Schliesslich wird auch die Schuldfrage behandelt. Diese Vielzahl
von einzelnen Themen macht das Buch äusserst lesenswert.
Doch gerade das letzte Kapitel über die Schuldfrage zeigt,
dass der Kolonialkrieg bis heute zwischen Deutschland und Tanzania
nicht sehr weit thematisiert ist, dies im Unterschied zur Verantwortung
Deutschlands gegenüber Namibia bezüglich des Herero-Aufstandes.
Felicitas Becker
und Jigal Beez (Hg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika
1905 – 1907, Berlin 2005 (Ch. Links-Verlag). |
| Das Afrika-Bulletin |
Redaktion:
- Hans Ulrich
Stauffer, baud.stauffer@bluewin.ch
- Administration,
Abos und Bestellung von Einzelexemplaren des Bulletins;
Mitgliedschaft im Afrika-Komitee:
Abos und Einzelexemplare:
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Felber Rochat, bfr@freesurf.ch, Telefon +41 61
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