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Afrika-Bulletin Nr. 119:
August/September 2005
Schwerpunktthema:
Fairer Handel statt freier Handel!
Afrika-Komitee
Ziele, Themen, Kontakte
Afrika-Bulletin. Archiv

NescaFAIR
Ein Bericht von einer innovativen Kampagne

“Wir“, das sind Sandra Ujpétery und Severin Meier. Wir sind heute 15 Jahre alt, wohnen in Zürich und besuchen die Kantonsschule Hohe Promenade. Seit Jahren setzen wir uns als “private Überzeugungstäter“ gegen Hunger und Elend und insbesondere für einen fairen Handel mit der sogenannten “Dritten Welt“ ein. Wie kamen wir dazu?

Sandra Ujpétery: Am Anfang stand ein Bild in der Zeitschrift “Der Spiegel“. Einige bis auf die Knochen abgemagerte schwarze Kinder waren darauf zu sehen, darunter stand geschrieben: “Hungernde Kinder im Sudan auf der Suche nach Ameisen als Nahrung“. Ich war damals Primarschülerin und elf Jahre alt. Vom Sudan, dem grössten Land Afrikas, hatte ich nie zuvor gehört, diese Welt war mir fremd. Aber ich begriff sofort: Wenn es Kinder gibt, die hungern müssen, dann läuft etwas falsch auf der Welt. Ich begann mich zu informieren und fand nach und nach heraus, wo die Ursachen von Hunger und Elend liegen.

Severin Meier: Sandra und ich besuchten zusammen die Primarschule. Eines Tages drückte mir Sandra Prospekte in die Hand, mit denen ich nichts anfangen konnte. Eine davon zeigte eine südamerikanische Bäuerin, die auf einem Esel ritt. Es waren Broschüren von Hilfswerken. Nur widerwillig nahm ich diese “Geschenke“ an, aber nachdem ich sie alle gelesen hatte, begann ich, mich mehr und mehr für diese Thematik zu interessieren.

Unterschriften für eine gerechtere Welt

Wir wollten uns aber nicht nur informieren, sondern auch etwas tun. Wir kamen darauf, dass die naheliegendste Handlungsmöglichkeit für uns als Konsumenten der faire Handel ist. Und so begannen wir, unsere Klassenkollegen auf den fairen Handel aufmerksam zu machen. Daneben starteten wir eine Unterschriftensammlung, damit die Migros Max Havelaar-Kakaopulver ins Sortiment nimmt. Unerfahren, wie wir damals waren, brachten wir gerade mal etwa 300 Unterschriften zusammen, die wir häppchenweise einschickten. Immerhin: Unter anderem wegen unserer Aktion führte die Migros später tatsächlich ein solches Kakaopulver ein.

Unsere nächste Unterschriftensammlung lief schon etwas professioneller ab. Diesmal wandten wir uns an die Schokoladefirma Lindt & Sprüngli und kamen auf 1695 Unterschriften. Mit Unterstützung eines Mitgliedes der Grünen Partei konnten wir diesmal sogar eine öffentliche Übergabe unter Einbezug der Medien organisieren. Bis heute fehlt allerdings im Sortiment von Lindt & Sprüngli eine fair gehandelte Schokolade.

Von Anfang an hatten wir uns speziell mit den Geschäftspraktiken der Firma Nestlé auseinander gesetzt (siehe Kasten “Stichwort Nestlé“). Immer wieder schrieben wir kritische Briefe an den Konzern. Schliesslich wurden wir von Nestlé an deren Hauptsitz in Vevey am Genfersee eingeladen, um dort über die Vorwürfe zu diskutieren. Wir folgten dieser Einladung am 26. Mai letzten Jahres und wurden von Nestlé-Pressesprecher François-Xavier Perroud empfangen. Im Verlauf des etwa zweistündigen Gespräches gab Perroud die üblichen ausweichenden und verharmlosenden Antworten auf unsere Fragen.

Wir waren der Ansicht, dass Nestlé in sozialer und ökologischer Hinsicht nach wie vor zu schlecht abschneidet und dass wir in dieser Angelegenheit etwas unternehmen müssen. Wir starteten unsere dritte Unterschriftenkampagne unter dem Titel “NescaFAIR statt Nescafé“, deren Hauptanliegen es ist, dass Nestlé in den Bereichen Kakao/Schokolade und Kaffee mit dem fairen Handel zusammenarbeitet. Bis heute haben wir mehr als 3800 Unterschriften gesammelt. Anfang September werden die Unterschriften eingereicht.

Weitere Informationen zur NescaFAIR-Kampagne finden Sie unter www.nescafair.ch.vu

Freier Welthandel als Patentrezept für Afrika?

"Freier Welthandel", wie er von der Welthandelsorganisation verstanden wird, bedeutet Wegfall aller Handelshemmnisse. Zölle, Einfuhrbeschränkungen oder -sperren sollen verschwinden. Doch trotz WTO schotten sich die USA auch heute noch gegen missbillige Importe ab, das gilt vom Stahl (Konkurrent: EU) bis zu den Textilien (Konkurrenten: Schwellenländer). Der Stärkere fordert freien Handel, soweit es ihm nützt. Schwächere Länder sind kaum in der Lage, frei zu handeln. Vielmehr müssen sie ihre Länder für Billigstimporte öffnen, was oft einem Todesstoss für das einheimische Gewerbe bedeutet. Sandra Ujpétery und Severin Meier.

Die “Dritte Welt“, insbesondere Afrika, soll stärker in den Weltmarkt eingebunden werden. Die Industriestaaten sollen ihre Märkte für landwirtschaftliche Produkte öffnen, damit die Entwicklungsländer mehr exportieren und dadurch Arbeitsplätze schaffen und die Armut bekämpfen können. Diese Forderungen beten die Weltbank, der Internationale Währungsfonds IWF und sogar einige Nichtregierungsorganisationen (und Nestlé) seit Jahrzehnten herunter. “Connecting Africa to global business“ hiess denn auch der vielversprechende Titel eines Symposiums am diesjährigen Winterthurer Afro-Pfingsten.

Grossplantagen und Weltmarktpreise machen Hunger

Die Menschen in Mubende, Uganda, haben erfahren, was das konkret bedeuten kann. Im August 2001 wurden dort mehr als 400 Kleinbauernfamilien (etwa 2000 Personen) von der ugandischen Armee von ihrem Land vertrieben. Sie mussten einer Plantage des deutschen Kaffeehandelsunternehmens Neumann weichen. Dieses Projekt wird von der ugandischen Regierung und Neumann als “Entwicklungsprojekt“ dargestellt.

Auch vor der Vertreibung lebten die Betroffenen unter ärmlichen Bedingungen, aber sie konnten sich immerhin selbst mit Nahrung versorgen. Heute haben sie keine Möglichkeit, Nahrungsmittel anzubauen, und der Lohn derjenigen, die auf der Plantage Arbeit gefunden haben, reicht nicht zum Leben. Fünf Kinder sollen bereits infolge von Unterernährung gestorben sein. Trotz internationalen Protesten wurde das geraubte Land bis heute nicht zurückgegeben. In Mubende wächst jetzt Kaffee statt Maniok –und das in Uganda, wo 21 % der Bevölkerung unterernährt sind.

Mubende ist kein Einzelfall. Ähnliches geschieht zum Beispiel im Nordosten Brasiliens, wo auf riesigen Plantagen Zuckerrohr für den Weltmarkt angebaut wird. Am Rande dieser Plantagen leben die landlosen Feldarbeiter in bitterer Armut, die Zuckerproduktion drängt den Anbau von Getreide, Obst und Gemüse für die einheimische Bevölkerung immer mehr zurück. Trotzdem wird gefordert, dass die Schweiz und die EU den staatlich subventionierten Zuckerrübenanbau aufgeben und stattdessen vermehrt Rohrzucker aus dem Süden importieren. Die Grossgrundbesitzer dürften sich dann auf höhere Profite freuen. Die Armen aber werden vom Zuckerrohr im wahrsten Sinn des Wortes an den Rand gedrängt.

Viele Kleinbauern bauen neben Nahrungsmitteln für die Selbstversorgung Exportprodukte wie Kaffee oder Kakao an, um ihr Einkommen aufzubessern. Aber sie profitieren kaum davon, wenn die Märkte Nordamerikas und Europas geöffnet werden. Denn um erfolgreich exportieren zu können, braucht es Kapital, Know-how, Beziehungen und Infrastruktur, und das haben nur wenige Kleinbauern. So bleiben kleinere Produzenten dem Zwischenhandel und dem unberechenbaren Auf und Ab der Weltmarktpreise ausgeliefert.

Das kann dramatische Folgen haben, wie das Beispiel des Kaffees zeigt. Lange verharrten die Weltmarktpreise infolge von Überproduktion auf sehr tiefem Niveau. Millionen Kaffeepflanzer verelendeten, Hunger und Kinderarbeit nahmen in den Kaffeeanbaugebieten deutlich zu. Ganze Länder, wie etwa Äthiopien, wurden in Mitleidenschaft gezogen. Inzwischen steigen die Kaffeepreise wieder leicht, aber ob das ausreicht, um die Armut der Bauern dauerhaft zu lindern, ist fraglich. Wenn die Preise steigen, werden zahlreiche Plantagen wieder in den Kaffeeanbau einsteigen und erneut eine Überproduktion verursachen, sodass die nächste Krise praktisch vorprogrammiert ist. So werden regelmässig Existenzen zerstört.

Fairer Handel statt freier Handel

50 Prozent der Hungernden auf dieser Welt sind Kleinbauern, 20 Prozent sind landlose Landarbeiter. Wer den Hunger bekämpfen will, muss daher in erster Linie diese beiden Gruppen fördern. Projekte wie die Mubende-Plantage hingegen werden den Hunger zwangsläufig vergrössern, auch wenn sie die Exportstatistiken besser aussehen lassen. Damit derartige Fehlentwicklungen korrigiert werden können, muss das System des Welthandels grundlegend geändert werden. Insbesondere muss das Prinzip der “Kostenwahrheit“ eingeführt werden. Es darf nicht sein, dass Kaffee von der Mubende-Plantage billiger ist als fair gehandelter Kaffee, oder dass konventionelles Zuckerrohr aus brasilianischen fazendas konkurrenzfähiger ist als Schweizer Bio-Rübenzucker. Der “faire Handel“ bietet uns als Konsumenten die Möglichkeit, zu solchen Veränderungen einen kleinen, aber konkreten Beitrag zu leisten.

Fairer Handel bedeutet, dass Kleinbauern-Kooperativen und kleine bis mittlere Plantagen ihre Produkte direkt, also ohne Zwischenhandel, exportieren können. Sie erhalten dafür feste Mindestpreise, die sich daran orientieren, was die Bauern und Arbeiter zum Leben brauchen, und nicht an den Börsenpreisen. Im Gegenzug müssen die Produzenten Umwelt-, Sozial- und Qualitätsstandards einhalten, die unabhängig kontrolliert werden. Eine dieser Vorschriften ist, dass die Produktion für den fairen Handel die Selbstversorgung nicht gefährden darf. Menschenrechtsverletzungen wie in Mubende sind im fairen Handel somit ausgeschlossen. Weltweit profitieren heute mehr als 800 000 Familien vom fairen Handel.

Trotzdem ist der faire Handel (ebenso wie die biologische Landwirtschaft) bis heute ein Nischenmarkt geblieben. Es ist ein Skandal, dass die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Umwelt heute als “konventionell“, das heisst “herkömmlich, normal, gewöhnlich“ bezeichnet wird. Eigentlich müsste es sich von selbst verstehen, dass bei der Produktion unserer alltäglichen Konsumgüter die Menschenrechte und gewisse Umweltschutzvorschriften eingehalten werden. Solange die “Grossen“ wie Nestlé, Kraft oder Chiquita weiterhin auf “konventionelle“ Produktion setzen, wird der faire Handel allerdings ein Nischenmarkt bleiben.

Stichwort Nestlé

Das Schweizer Unternehmen Nestlé ist der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt –zu Nestlé gehören zahlreiche bekannte und beliebte Marken wie Nescafé, Cailler, Maggi oder Thomy. Im Jahre 2004 erzielte Nestlé einen Gewinn von 6,7 Milliarden Franken.

Immer wieder wird der Konzern aus verschiedenen Gründen kritisiert. Zum Beispiel wird der Firma vorgeworfen, in verschiedenen Ländern, vor allem in Kolumbien, die gewerkschaftliche Organisierung ihrer Mitarbeiter zu unterdrücken.

Ein anderer Vorwurf, der schon seit Jahrzehnten immer wieder erhoben wird, lautet, dass Nestlé durch die aggressive Vermarktung von Babynahrung in Entwicklungsländern das Leben von Säuglingen gefährdet (“Nestlé tötet Babys“). Hier hat sich nach weltweiten Protesten und Boykotten einiges gebessert. Dennoch ist der Skandal bis heute nicht zu Ende.

Auch Nestlés Engagement im problematischen Geschäft mit der lebensnotwendigen Ressource Wasser zieht Kritik auf sich. Umweltorganisationen wie Greenpeace kritisieren Nestlé wegen ihrer positiven Einstellung zum Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.

Ein weiterer wichtiger “Anklagepunkt“ ist, dass Nestlé den Produzenten von Kakao und Kaffee in der Dritten Welt keine festen, existenzsichernden Preise bezahlt und dadurch Armut und Ausbeutung (bis hin zum Einsatz von Kindersklaven auf westafrikanischen Kakaofeldern) fördert.

Fairer Handel in der Schweiz

Das bekannteste Gütesiegel für gerechten Handel in der Schweiz ist Max Havelaar. Max Havelaar- Produkte sind bei Migros, Coop und an vielen anderen Geschäften erhältlich. Das Sortiment umfasst derzeit Kaffee, Tee, Schokolade, Kakaopulver, Honig, Zucker, Reis, Bananen, Mangos, Ananas, Avocados, Orangensaft, Blumen, Topfpflanzen und Textilien. Daneben gibt es weitere Labels wie STEP (für Teppiche), gebana oder das biofair-Zeichen der Biofarm Genossenschaft und natürlich viele kleine Projekte, welche hier nicht aufgezählt werden können.

In keinem anderen Land ist der Marktanteil fair gehandelter Produkte so hoch wie in der Schweiz. 47 Prozent der hierzulande verkauften Bananen tragen das Max Havelaar-Label, Coop hat die konventionellen Bananen sogar ganz aus dem Sortiment genommen. 70 Prozent der SchweizerInnen kennen das Max Havelaar-Gütesiegel.

Seit die deutschen Discounter Aldi und Lidl in die Schweiz drängen, sind diese Fortschritte jedoch in Gefahr. Die entsprechende Werbung der Grossverteiler hat dazu geführt, dass viele Konsumenten “preisbewusster“ geworden sind. Bereits hat der Kassensturz berichtet, dass dieses “Preisbewusstsein“ beim Fleisch dazu führt, dass die Verkäufe von Bio-Fleisch stagnieren und vereinzelte Produzenten wieder zur “konventionellen“ Tierhaltung zurückkehren. Tierquälerei, Umweltzerstörung und Hunger sind ein zu hoher Preis für billige Produkte, und es bleibt zu hoffen, dass die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten die “Tiefe Preise um jeden Preis“-Politik von Aldi und Lidl nicht unterstützen werden.

 

Togo: Die Dinosaurier sterben nicht aus
Familie Gnassingbé behält die Oberhand

Im Februar dieses Jahres ist der Doyen der afrikanischen Staatschefs, Gnassingbé Eyadéma, nach 38 Jahren Machtausübung gestorben. Trotz Widerstand des Volkes und anfänglich auch anderer afrikanischer Staaten hat sich sein durch das Militär gestützter Sohn Faure Gnassingbé als neuer Präsident durchgesetzt. Die vorangegangenen Wahlen können weder als fair noch als demokratisch bezeichnet werden. Ein Bericht von Angela Deppeler.

Als Gnassingbé Eyadéma am 5. Februar 2005 starb, stand Togo unter Schock. Obgleich damit gerechnet werden musste, dass das kränkelnde 69-jährige Staatsoberhaupt nicht mehr allzu lange über das Land herrschen würde, wusste in jenem Augenblick niemand so recht, wie man nun reagieren sollte.

Doch das Militär handelte rasch: Die Grenzen wurden umgehend geschlossen, damit der zu einer Konferenz ausgereiste Parlamentspräsident Natchaba Ouattara nicht nach Togo zurückreisen konnte. Laut Verfassung hätte er die interimistische Präsidentschaft übernehmen und binnen 60 Tagen Neuwahlen organisieren müssen. Das konstruierte Machtvakuum galt dann als Vorwand, um den Sohn des verstorbenen Präsidenten, Faure Gnassingbé, auf dessen Posten zu hieven. Dazu wurde eine Parlamentsversammlung einberufen, welche die Verfassung den neuen Gegebenheiten kurzerhand anpasste. Der neue Gnassingbé legte noch am Sonntag dem 6. Februar seinen Amtseid ab und löste damit die ersten Proteste aus, die am Samstag darauf schon mindestens drei Tote forderten.

Internationale Kritik

Die internationale Gemeinschaft reagierte zunächst mit heftiger Kritik. Die Afrikanische Union (AU) sowie die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS sprachen von einem Staatsstreich und drohten mit Sanktionen, falls sich Togo nicht den im NEPAD (New Partnership for Africa's Development) festgeschriebenen Regeln der guten Regierungsführung fügen würde. Obwohl auch Frankreich die rechtswidrige Machtergreifung Faure Gnassingbés formell verurteilte, konnte dies die Worte von Präsident Chirac kaum vergessen machen, der Eyadéma als einen Freund Frankreichs bezeichnet und ihn darüber hinaus als persönlichen Freund gewürdigt hatte. Mit dieser unbedachten Aussage schürte er antifranzösische Gefühle bei vielen Togolesen, die sich nur allzu gut daran erinnern, wie das offizielle Frankreich Gnassingbé bei den letzten Wahlen 2003 unterstützte.

Als der junge Präsident auch nach Gesprächen mit anderen afrikanischen Staatschefs nicht nachgab, schlug die AU unter der Führung des nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo Mitte Februar eine härtere Gangart an. Sie verlangte den Rücktritt Faure Gnassingbés und verhängte Sanktionen. Obasanjo drohte sogar mit dem Einsatz der nigerianischen Armee in Lomé, falls Gnassingbé keine Wahlen ausrufe. Die ECOWAS setzte Togos Mitgliedschaft aus. Derweil nahmen die Demonstrationen in verschiedenen togolesischen Städten laufend zu.

Schliesslich musste Gnassingbé einlenken und versprach am 25. Februar die Organisation von Neuwahlen. Sogleich wurde er selbst von der Regierungspartei "Rassemblement du peuple togolais" (RPT) zum Präsidentschaftskandidaten gekürt. Die über Jahrzehnte gezielt von Eyadéma gespaltenen Oppositionsparteien hatten Mühe, sich auf ein Vorgehen zu einigen. Aufgrund 2002 geänderter Wahlgesetze konnte der schärfste Gegner des RPT-Kandidaten sich nicht aufstellen lassen. Gilchrist Olympio nutzte aber seine Position, um den Vizepräsidenten seiner Partei, Bob Akitani, zu nominieren. Die anhaltenden Streitereien in der aus sechs Oppositionsparteien bestehenden Koalition schadeten dessen Glaubwürdigkeit ebenso wie die hämische Ausschlachtung seines Alters durch die RPT. Der 74jährige Akitani musste gegen den angeblich 39jährigen Faure Gnassingbé antreten, der sich oft betont lässig und fortschrittlich gab. Pikantes Detail: in der togolesischen Presse betrug das Alter des Eyadéma-Sohnes vor seinem Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten bloss knapp über 30 Jahre, laut Verfassung muss ein Präsident aber mindestens 35 Jahre alt sein.

Wahlkampf der Herrschenden

Einen Monat vor den Wahlen waren die Mauern der Hauptstadt von Sprüchen beschmiert, die die Oppositionsführer als Terroristen oder als Gegner Togos verschrien. An den meistbefahrenen Strassen Lomés fielen grosse Reklameschilder auf, die den verstorbenen Eyadéma als ewigen Vater der Nation, Friedensfürst und Garant eines fortschrittlichen Togos verherrlichten. Parallel dazu schloss die Armee auf brutale Weise mehrere lokale Radiostationen unter dem Vorwand, diese hätten keine Steuern bezahlt. Auch das von vielen TogoerInnen gehörte "Radio France International" wurde gestört, sobald über Togo berichtet wurde. Privaten Fernsehsendern wurde die Berichterstattung über die Wahlen untersagt. Am sonst von der Bevölkerung rege genutzten Strand wimmelte es nur so von schwer bewaffneten Soldaten. Jede Aktion der Übergangsregierung zeigte bloss, dass diese im gleichen Stil weiterzumachen gedachte, wie dies von Vater Eyadéma vorgemacht worden war.

Die Hoffnung auf einen Wandel, welche viele TogolesInnen in die Wahlen setzten, nahm ab, je näher diese rückten. Es wurde klar, dass die Wahllisten hoffnungslos veraltet und um gegen 1 Million Phantomwähler aufgebauscht waren. Die Regierung unternahm keine ernsthaften Anstrengungen, diese zu erneuern. Faure Gnassingbé zögerte die Bekanntgabe des Wahltermins so lange hinaus, dass die EU und die USA sich weigerten, internationale Wahlbeobachter zu senden.

Wahlen nicht frei und fair

Der Ruf nach einer Verschiebung der Wahlen wurde im April immer lauter. Mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen Togos, wie z.B. die "Ligue Togolaise de Droit de l'Homme" (LTDH), sprachen frustriert über die bloss halbherzig durchgeführte Aktualisierung der Wählerlisten und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstrierende. Drei Tage vor dem angesetzten Termin warnte sogar der Innenminister Esso Boko, dass die Aufrechterhaltung des Wahltermins entgegen dem Willen der Opposition zu einem Bürgerkrieg führen könnte. Diese Aussage bezahlte er mit seiner Absetzung, worauf er in die deutsche Botschaft floh und dort um Asyl bat.

Trotz allem wurden die Wahlen am 24. April durchgeführt. Schon am Wahlsonntag kam es zu Kämpfen zwischen Oppositionellen und Sicherheitskräften, nachdem erstere den Austausch von Wahlurnen und andere Unregelmässigkeiten beobachtet hatten.

Eineinhalb Wochen später bezeichnete die RTP sich als Wahlsiegerin; Faure Gnassignbé sei mit 60,15 Prozent der gültigen Stimmen gewählt, Akitani habe bloss 38,25 Prozent erhalten. Olympio und andere Oppositionspolitiker prangerten das Resultat als Betrug an und forderten eine Neuauszählung. In den Tagen und Wochen nach den Wahlen nahmen die heftigen Zusammenstösse zwischen Oppositionellen und Regierungskräften zu. Das Militär drang gewaltsam in private Häuser ein, wo sie nicht-regierungstreue TogolesInnen vermutete. Immer mehr togolesische Familien flüchteten in die Nachbarländer Ghana und Benin; heute befinden sich rund 36 000 TogolesInnen im Exil. Der Ruf des UN-Welternährungsprogramms nach Nahrungsmittelhilfe für rund 66 500 Personen (die innerhalb Togos vertriebenen mitgerechnet) verhallt in der internationalen Öffentlichkeit ungehört. Unterdessen beziffert sich die Zahl der Toten durch die Unruhen auf 100 (laut der Regierung) bzw. 790 (laut der LTDH). Am 18. Juli berichtete die Nachrichtenagentur Irinnews, dass bei LTDH weiterhin täglich Klagen über Repressionen und sexuelle Verbrechen von Armeeangehörigen an der Bevölkerung eingehen.

Zahme internationale Reaktionen

In den internationalen Reaktionen nach den Wahlen spiegeln sich unterschiedliche Interessen. Während die ECOWAS wie auch Frankreich die Wahlen als grundsätzlich fair bezeichneten, äusserten sich die USA und die EU mit deutlicher Reserviertheit.

Die Regierungschefs der AU und der ECOWAS scheinen sich mit dem Fortbestand der Gnassingbé-Herrschaft arrangiert zu haben; ihr erstmaliges Eintreten gegen einen Mitgliedstaat verlief mit der Anerkennung des von der RTP verkündeten Resultats im Sand. Der AU-Vorsitzende Obasanjo versuchte nach den Wahlen noch, Gnassingbé und die Opposition an einen Tisch zu bringen, um eine "Regierung der nationalen Einheit" zu erreichen. Die Gespräche scheiterten an der der kompromisslosen Haltung beider Seiten. Die vom togolesischen Premierminister Edem Kodjo unterdessen vorgestellte Regierung strotzt nur so von Figuren des Eyadéma-Clans und enthält mehrere für Gewalt bekannte Namen.

Die Reaktion der EU bleibt zwiespältig; die Differenz zwischen der milden Haltung Frankreichs und der kritischen Position Deutschlands besteht auch weiterhin. Das Europaparlament verabschiedete jedoch eine Resolution, welche die Wahl vom 24. April nicht anerkannt. Damit fehlen auch die Bedingungen, dass die EU den 1993 verfügten Stopp von Entwicklungsgeldern aufheben könnte. Eine Kommission soll nun prüfen, wie sich die neue Regierung gegenüber den 22 Verpflichtungen verhält, die noch der Vater Gnassingbé mit der EU ausgehandelt hatte mit dem Ziel, wieder an EU-Gelder zu kommen.

Während sich internationale Organisationen auf ihren Rückzug aus Togo vorbereiten, steigen die Lebensmittelpreise im Land drastisch; in Lomé kostet das wichtigste Grundnahrungsmittel Mais im Juli 2005 schon 2-3 Mal so viel wie noch vor 5 Monaten. Die Bevölkerung scheint keine Möglichkeit zu sehen, ausser den Überlebenskampf von Tag zu Tag weiter zu führen und weiteres Blutvergiessen zu vermeiden. Im Land herrscht eine erzwungene Ruhe.


Autorin: Die Ethnologin lic.phil. Angela Deppeler hat vom Februar 2004 bis März 2005 in Togo gelebt und im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes gearbeitet. E-mail: angela.deppeler@arcor.de

"Zwei glückliche Wochen sind zwei gute Wochen"
Eine etwas andere Art von Ferien in Malawi

Malawi ist ein Naturparadies im Herzen Afrikas – ein mausarmes allerdings. Bernard Challendes, U-21 Fussballcoach der Schweiz, hat dort mit seiner Familie die Sommerferien verbracht. Anstatt aber Elephanten und Krokodile zu suchen, hat Challandes auf einem staubigen Acker in einem Slum zwei Wochen lang mit Waisenkindern Fussball gespielt. Dabei hat er Erstaunliches entdeckt. Ein Bericht von Charlotte Jacquemart (Blantyre).

Die Wunde sieht böse aus: Innocent, 12 Jahre, humpelt über den staubigen Acker. Sein Schienbein hat einen Stein erwischt, obwohl die grossen darunter aus dem Feld entfernt wurden. Blut läuft über seine dicke Hornhaut, versickert im Sand. Seit Jahr und Tag spielt Innocent ohne "Accessoires" wie Schuhe geschweige denn Schienbeinschoner Fussball. Das härtet ab. Das offene Schienbein wird verarztet – es ist weniger schlimm als befürchtet.

Innocent ist nur einer von vielen, der sich von Anouk (46) und Cloé (20) Challandes, Frau und Tochter des Schweizer U-21 Fussballcoaches, in diesen Tagen verarzten lässt. Nicht nur neue, auch alte Wunden lassen die Kinder pflegen. Viele davon sind vereitert. Doch nicht immer geht es den Kindern um die Blessuren : Die Waisen aus dem Slum Chemusa in der malawischen Stadt Blantyre suchen nicht nur Merfen und Gaze, sondern auch Zuneigung. Für viele ist es das erste Mal, dass sich jemand um sie individuell kümmert. In Malawi sind 30 Prozent der Kinder Waisen. Als Waise gilt, wer die Mutter verloren hat. Der Grund für die vielen "Orphans" ist Aids. Kinder mit Geschwistern auf dem Rücken, fast gleich gross wie sie selbst, gehören genauso zum Leben in der Township wie Dreck, Schweiss und Hunger.

Dieses Umfeld hat sich der U-21 Coach Bernard Challendes als Ferienort für den Sommer 2005 ausgesucht. Es seien sicher ungewöhnliche Ferien, gibt Ehefrau Anouk zu, "doch das Projekt fasziniert uns". Die Faszination ist gegenseitig : Die Jüngsten der Township, schwatzend und lachend, umklammern die Beine der "Musungu" - der weissen Frau. Die Familie Challandes – mit von Partie sind auch Mehdi (17) und Jules (12) - ist nicht alleine in Malawi. Mit dabei sind vier junge Schweizer Fussballer. Um das runde Leder dreht sich denn auch das Projekt: Unter der Führung Challandes’ trainieren die Schweizer während zweier Wochen 150 bis 200 Waisenkinder zwischen 10 und 16 Jahren. Der U-21 Trainer hat mit seiner Zusage keinen Moment gezögert. "Ich habe das Glück, mit meiner Passion Geld zu verdienen. Mit meinem Einsatz hier kann ich mich ein wenig revanchieren." Gleichzeitig blickt er selbstkritisch auf die Schweiz. "Wir Fussballer sind enorm verwöhnt. Es tut gut, zu erleben, dass es Orte gibt ohne Bälle, Tore, Schuhe." Oder Wasser, um Wunden auszuwaschen, ergänzt seine Frau beiläufig.

Das - vermeintlich - bescheidene Ziel des Projektes umreisst der Initiator Martin Schaer (44). Der Berner Jurist und Lehrer kennt Malawi wie seine Hosentasche. Mehrere Schulhäuser hat er bereits gebaut. "Sport gibt Selbstvertrauen. Das gemeinsame Spiel lehrt die Kinder, dass sie sich aus eigener Kraft organisieren können". Die finanziellen Mittel treibt Schaer selbst auf. Die Unabhängigkeit hat ihren Preis: Noch klafft im 30000 Franken-Budget ein Loch. Unterstützung zugesagt hat die Schweizer Mobiliar. Durch den regelmässigen Trainingsbetrieb hofft Schaer, dass die Slum-Kinder ein Gefühl für eine fixe Tagesstruktur entwickeln. "Stur" ist denn auch der Tagesplan : Vor- und nachmittags je ein Training in Altersgruppen, "zmittag" in der Gruppe aus einem Topf. Das Menu variert kaum: "Nsima" - eine Art Maisbrei -, Kohl und Bohnen.

Die Einheimischen vertrauen Schaer, weil er immer wieder zurückkehrt. "Man of vision" sagen sie ihm nach und grüssen den "Musungu" mit "you are my friend". Die Township Chemusa hat der Berner für sein Fussballcamp ausgewählt, weil der Stadtteil der einzige Slum in Blantyre ist, in dem sich ein einigermassen ebenes Fussballfeld befindet: Das Feld ist eine staubige Senke, 90 mal 45 Meter, am Rande der Township.

Die Bewohner der Township haben sich seit langem auf die Schweizer gefreut. Keine TV- oder Radiostation hat das Event im Vorfeld verpasst. Entsprechend überwältigend ist der Empfang, mit Tanz und Gesang: "Musungu, Musungu", rufen die Kinder den Weissen zu, und drängen sich um sie. Neben der "Attraktion" Challandes & Co. und den 80 Fussbällen lockt ein weiterer Name die Kinder aus ihren ärmlichen Backstein-Hütten hervor: Der Lokalmatador Trevor (17). Er ist Teammanager der U-17 von Malawi und spielt in der obersten Liga des Landes. Trevor amtet zusammen mit Jugendlichen aus dem Slum als Assistent und Übersetzer.

Auf dem Fussballplatz kämpfen die Schweizer nicht nur mit Hitze und Staub, sondern vorallem mit der Logistik des Unterfangens. Der Ansturm der Kinder reisst nicht ab. Der U-21 Coach und seine Crew beginnen morgens mit 80 Spielern, und hören abends mit 160 auf. Trotzdem findet Challendes das Ganze "extraordinaire". Ein Teil seiner Assistenten kämpft zu Beginn auch mit sich selbst. Der Wirtschaftsstudent Christian Schober (23): "Erst auf dem staubigen Acker, umringt von dutzenden dunklen Kinderaugen, die mich anstarren, habe ich realisiert, worauf ich mich eingelassen habe." Und der Logistiker Christian Wäny (23) meint ehrlich: "Meine Verkrampfung nach dem ersten Slumbesuch hat sich erst nach einigen Tagen gelöst". Gewöhnungsbedürftig ist der Schweissgeruch, der einen überall hinbegleitet.

Auch der U-21 Coach redet von "Herausforderung". Von aussen sieht man ihm keine Anspannung an. Er verfolgt die Kinder in seiner Gruppe aufmerksam, spornt sie an, korrigiert. Sie hangen ihm an den Lippen, obwohl sie kein Wort verstehen. Der Nationalcoach lässt sich selbst durch überfallartig vorbeiziehende Bienenschwärme nicht aus der Ruhe bringen. Zieht eine schwarze Wolke am Himmel auf, werfen sich die Kinder sofort auf den Boden. Challandes kopiert sie – und erntet schallendes Gelächter: Es amüsiert die Kinder, dass der hohe Besuch mitten unter ihnen im Staub liegt. Gelacht wird auch sonst viel. Die "Musungu" mit ihren Bällen und farbigen Fussballshirts sind für die Kinder inmitten der Armut ein Hort der Lebensfreude.

Der Unterschied zu Schweizer Kindern könnte grösser nicht sein, meinen die Trainer. Psychologiestudent Oli Portmann (23): "Wir haben alles, sie haben nichts. Trotzdem akzeptieren sie ohne Widerrede, dass wir ihnen über Nacht keine Bälle überlassen." In der Schweiz, vergleicht Christian Schober, hätte er für sein Team 20 Bälle. "Alle streiten sich um den besten, und machen einen Lätsch, wenn sie den nicht kriegen." Wie um das Gesagte zu unterstreichen, drippelt Nelson (14) mit einem Ball 20 Meter über den Acker. Seine Augen glänzen, die weissen Zähne blitzen. Noch nie habe er einen Ball für solange Zeit alleine am Fuss führen dürfen, erzählt er. Eigentlich möchte Nelson Chauffeur werden. Da er nicht wisse, ob er das schaffe, sei er hier. "Es ist gut, wenn ich noch etwas anderes lerne. Falls das mit dem Chauffeur nicht klappt."

Andrew (14) und Hamilton (15) sind aus anderen Gründen auf dem Platz. "Das ist der Beginn unserer Profikarriere", sind sie überzeugt. Es sei das erste Mal in ihrem Leben, dass jemand für sie etwas organisiere, fügen sie an. Schon frühmorgens pilgern sie aufs Feld, und warten geduldig auf die Schweizer, die ausserhalb der Township ein billiges Hotel belegen. Andrew und Hamilton sind sicher, dass der Faden nach der Abreise der Schweizer nicht reissen wird. "Wenn wir einige Bälle und T-Shirts behalten dürfen", ergänzt Hamilton scheu. Bälle sind bis hinauf in die oberste Landesliga Mangelware. Trevor und sein Super League Team verfügen über ganze drei Bälle.

Denn Bälle sind unerschwinglich. Ein gutes rundes Leder kostet schnell 50 Franken. Auf den Teeplantagen liegen die Löhne bei 55 Rappen am Tag. Doch Not macht erfinderisch. Die Kinder formen aus Papier und Plastiksäcken über dem Feuer handballgrosse Kugeln, in die sie Styropor füllen. Nur Schuhe lassen sich aus dem besten Abfall keine basteln. Praktisch alle spielen barfuss. Selten teilen sich zwei Kinder ein Paar Schuhe. Das Barfusspiel auf dem steinigen Sandplatz macht sich bezahlt. "Schweizer Altersgenossen könnten mit der Ballbehandlung der Malawier nicht mithalten", lobt Challandes. "Viele hier sind technisch unheimlich gut." Am meisten begeistert Challendes die unbändige Lust der Kinder, spielen zu dürfen – und ihre Disziplin. "Sie kennen die Fussballregeln genau, akzeptieren sie ohne Widerrede."

Das Treiben auf dem Platz lässt nicht nur die Seelen der Teilnehmer baumeln, sondern trägt auch Früchte: Die Kinder lernen, dass sie in komplexen Übungen wieder an die Reihe kommen, dass sie das Material am Abend zwar abgeben müssen, am nächsten Morgen aber wieder erhalten. Und: Sie wachen selbst mit Argusaugen darüber, dass niemand einen Ball entwendet. Denn sie wissen: Ohne Bälle kein Training. Mit der Kritik, das Projekt sei eine kurzlebige Veranstaltung, kann Bernard Challandes denn auch nichts anfangen. "Natürlich verändern wir Afrika damit nicht. Aber wir haben schon gewonnen, wenn die Kinder einen Traum leben, den sie haben. Zwei glückliche Wochen sind zwei gute Wochen."

Nur: Was wird in Zukunft sein, wenn die "Musungu" nicht mehr da sind? Niemand wagt eine Prognose. Wenn aus dem Slum selbst niemand Verantwortung dafür übernimmt, sieht der Primarlehrer Martin Berger (25) schwarz. Dem Chef der Township wäre es am liebsten, ein Hilfswerk würde übernehmen. Das sei unrealistisch, fällt Noel (28), Schaers rechte Hand in Malawi, dem Dorfchef ins Wort. "Die machen nur das, was Geld gibt."

Trevor, der U-17 Manager, verspricht, das Werk weiter zu führen, mit dem Material, das vor Ort bleibt. Er habe viel von Challandes gelernt. "Vielleicht Euer Coach sogar etwas von mir", lacht er. Er schnappt sich ein Netz mit Bällen, bittet um 80 Kwacha für den Bus nach Hause und verschwindet im schwarzen Menschengewühl. Ob er regelmässig wiederkehrt, wenn ihm niemand mehr den Bus bezahlt?


Autorin: Charlotte Jacquemart ist Journalistin bei der NZZ am Sonntag.

Ein anderer Tsunami
Brutale Vertreibungsaktion in Zimbabwe

Seit Ende Mai sind in ganz Zimbabwe mindestens 700'000 Personen von Polizei und Militär ohne Ankündigung von ihren alten Siedlungen vertrieben worden. Das geräumte Gebiet wurde mit Planierraupen platt gewalzt, die Gebäude zerstört. Dabei wurden nicht nur Wellblech- oder Holzbretterbuden zerstört, sondern auch gemauerte grössere Häuser, Schulen, Kliniken, Läden, Coiffeur-Salons, Handwerksbetriebe. Die BewohnerInnen erhielten nur kurz Gelegenheit, ihre wichtigste Habe zusammenzupacken, bevor die Zerstörung begann. Einige wurden sogar gezwungen, bei der Zerstörung ihrer Häuser mit zu helfen. Zerstört wurden nicht nur illegale Siedlungen, sondern auch Siedlungen, die den BewohnerInnen von der Regierung schon vor mehr als zehn Jahren zugewiesen wurden.

Den Leuten wurde befohlen, nach Hause aufs Land zurück zu kehren. Einige wurden auf Lastwagen gepackt und in Camps abgeladen, wo keine Infrastruktur vorhanden war - nicht einmal Wasser. Die Regierung versprach, dass die Leute in einigen Tagen an einen besseren Ort kommen. Mittlerweile ist mehr als ein Monat vergangen, und die Leute sind immer noch am selben Ort. Viele versuchen, bei Verwandten unter zu kommen, viele müssen aber draussen campieren, oft nur notdürftig unter einem Zelt aus Plastikplanen. Dabei ist es in der Nacht oft bitterkalt, denn in Zimbabwe ist Winter.

Die Leute sind verzweifelt. Sie haben nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihre Arbeit und damit ihr Einkommen verloren. Wegen der Wirtschaftskrise und der Enteignung der weissen Farmer verloren viele ihre Arbeit auf den Farmen, in den Minen und in der Industrie. Sie versuchten, sich im informellen Sektor mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Wer Platz im Garten hatte, baute ein oder zwei Zimmer an und vermietete diese. All diese Einkommensquellen sind nun zerstört, die Leute sind von Hilfe abhängig. Kinder können nicht mehr in die Schule. Medizinische Behandlungen können nicht mehr durchgeführt werden, weil die Leute in alle Winde zerstreut sind. Dies ist besonders gravierend bei Aids-Therapien, die eine regelmässige Medikamenteneinnahme voraussetzen.

200 NGO's haben gegen diese brutale Zerstörungsaktion bei der UNO und bei der Afrikanischen Union protestiert. Die zimbabwischen Kirchen haben die Aktion scharf verurteilt. Eine Delegation des südafrikanischen Kirchenrates war nach einem Besuch in Zimbabwe entsetzt über das Gesehene und verurteilte das Vorgehen der zimbabwischen Regierung scharf. Die Delegation schlug einen Katalog von (Hilfs-)Massnahmen für die Bevölkerung vor, darunter auch die Unterstützung von Massnahmen des zivilen Ungehorsams. Die UNO sandte zur Untersuchung der Vorgänge eine spezielle Vertretung nach Zimbabwe. Auch diese kritisierte mit deutlichen Worten die Vertreibungsaktion als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die eine schwere humanitäre Krise ausgelöst habe. Die Regierung wies diese Kritik als verleumderische Verschwörung zurück.

Was bringt eine Regierung, die von 1980 bis 1995 als Hoffnungsträgerin der Region galt, dazu, eine solch menschenverachtende und an die Apartheidpolitik erinnernde Zerstörungsaktion gegen die ärmsten Bewohner zu lancieren? Zuerst gab die Regierung an, die überfüllten Siedlungen stellten ein Gesundheitsrisiko dar und müssten saniert werden. Später hiess es, in den Siedlungen lebten Kriminelle, die der Wirtschaft schadeten und ausländische Migranten von den Nachbarländern, die dorthin zurückkehren sollten. Für die Oppositionspartei MDC ist der Fall klar: Mit der Aktion will die Regierung die MDC schwächen, denn ihre Anhänger leben in den zerstörten Siedlungen.

In südafrikanischen Medien wird Präsident Mbeki wegen seiner abwartenden Politik gegnüber Zimbabwe kritisiert. Zimbabwe will von Südafrika einen Milliardenkredit. Es wird nun verlangt, dass dieser Kredit nicht gegeben wird oder dass eine Kreditvergabe nur unter klaren wirtschaftlichen und politischen Bedingungen Bedingungen erfolgt.

Die Vereinigung Schweiz-Zimbabwe protestierte Ende Juni in einem Brief an Präsident Mugabe scharf gegen die unmenschliche Zerstörungsaktion und forderte deren sofortige Einstellung und Entschädigung der Betroffenen. Und auch das EDA wurde aufgefordert, alles zu unternehmen, um die Vertreibung zu stoppen. Die Vorsteherin des EDA, Bundesrätin Calmy-Rey, versicherte in der Zwischenzeit, dass die Schweiz alles unternehme, um von Zimbabwe die Achtung der Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit sowie die Förderung der Demokratie einzufordern.

Autorin: Gertrud Baud, Mitglied des Afrika-Komitees und der Vereinigung Schweiz-Zimbabwe

Hinweise auf Neuerscheinungen

DDR und Mozambique

hus. Die frühere DDR entwickelte mit einzelnen Ländern der Dritten Welt intensive politische und wirtschaftliche Beziehungen. Eines davon war Mozambique. Diese Zusammenarbeit fusste u.a. auf dem Ringen der DDR um internationale Anerkennung, denn diese wurde ihr bis weit in die siebziger Jahre hinein verwehrt. Ausgehend von ihrem politischen Selbstverständnis solidiarisierte sich die DDR – ganz im Rahmen der Systemkonfrontation Kapitalismus/Sozialismus – mit den Befreiungskämpfen im südlichen Afrika, so auch mit dem Volk von Mozambique. Mit der Befreiungsbwegung Frelimo wurde eine enge Zusammenarbeit aufgebaut, die nach Erreichen der Unabhängigkeit Mozambiques auf staatlicher Ebene weitergeführt wurde. Die DDR schlug dem jungen Mozambique die Entwicklung und Unterstützung verschiedener Schlüsselprojekte vor, die jedoch auch im Interesse der DDR lagen, so beispielsweise gigantische Agrarprojekte, um die eigene Versorgung zu verbessern, oder das Kohleabbauprojekt Moatize, um selbst an Kohle zu kommen. Die Exporte Mozambiques wurden weitgehend mit Gütern aus der DDR bezahlt, so beispielsweise mit Lastautos.

Die Zusammenarbeit wurde mit zunehmendem Bürgerkrieg in Mozambique schwieriger. Mit dem Abschluss des Nkomati-Abkommens, das die pragmatische Frelimo-Führung schliesslich mit Apartheid-Südafrika schloss, zeigten sich erste Risse in der engen Zusammenarbeit. Die inneren Schwierigkeiten der DDR trugen weiter dazu bei, dass die Bedeutung der DDR in Mozambique abnahm.

Eine kritische Bestandesaufnahme lässt heute erkennen, dass die materielle Solidarität stets den politischen und wirtschaftlichen Interessen der DDR untergeordnet war. Dass aber zahlreiche Menschen der DDR offen und solidarisch das junge Mozambique unterstützten, ist ebenso wahr.

Hans-Joachim Döring, Uta Rüchel (Hg.), Freundschaftsbande und Beziehungskisten, Die Afrikapolitik der DDR und der BRD gegenüber Mosambik, Frankfurt/M. 2005 (Brandes & Aspel)


Deutsche Kolonialgeschichte

hus. Das Deutsche Reich wurde erst spät zur Kolonialmacht, nebst den grossen imperialen Mächten Grossbritannien, Frankreich, Portugal und Spanien verblieben Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts nur noch einige Krümel der nicht nicht aufgeteilten Welt. Einer davon lag in Ostafrika und umfasste das Gebiet des heutigen Tanzania. Die deutsche Inbesitznahme und Besiedlung war kaum ein paar Jahrzehnte alt, als es aufgrund einer Nichtigkeit zu einem der grössten Kolonialkriege Afrikas kam. 1905 bis 1907 tobte ein erbitterter Krieg, in dem über 100 000 Menschen starben. Mit der Strategie der „verbrannten Erde“ sollten den Aufständischen die Nahrungsgrundlage entzogen werden. Nach der aus Wasser bestehenden Medizin, die die Krieger unverwundbar machen sollte und die Maji hiess, ging der Aufstand als Maji-Maji-Krieg in die Geschichte ein.

Die Vorgeschichte des Krieges, der Krieg selbst, dessen Darstellung in der (deutschen) Presse und die Folgen werden nunmehr wissenschaftlich aufgearbeitet im Band „Der Maji-Maij-Krieg in Deutsch-Ostafrika“ als Buch aufgelegt. In 17 Beiträgen verschiedener AutorInnen werden einzelne Aspekte dargestellt, so etwa die gewaltsame Inbesitznahme des Landes, der Kriegsverlauf, die Auswirkungen der Taktik der verbrannten Erde, die Rezeption des Krieges in Deutschland und die Auswirkungen des Kriegs im Denken heute. Schliesslich wird auch die Schuldfrage behandelt. Diese Vielzahl von einzelnen Themen macht das Buch äusserst lesenswert. Doch gerade das letzte Kapitel über die Schuldfrage zeigt, dass der Kolonialkrieg bis heute zwischen Deutschland und Tanzania nicht sehr weit thematisiert ist, dies im Unterschied zur Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia bezüglich des Herero-Aufstandes.

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905 – 1907, Berlin 2005 (Ch. Links-Verlag).

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