Der Süden verschafft sich Respekt und gibt seine Opferrolle ab

Von Susy Greuter

Die weltweite Ungleichheit wie auch die von Krisen begleitete Verschuldung afrikanischer Schwellenländer wird mit neuen Augen gesehen und gerechter beurteilt. Dies zeigte die G20- Konferenz in Johannesburg. Und an der UN-Klimakonferenz 2025 in Belém fanden im November die Finanzarchitektur und die Stärkung der Adaptationshilfe an den Süden sogar Einlass ins Schlussdokument. Das macht Hoffnung.

Wir hatten in den letzten Jahren des Afrika Bulletin öfters Finanzthemen als Schwerpunkt gewählt, denn auch die Schweizer Politik hatte uns längst gelehrt, was für eine Brisanz diese Themen bergen. Es war – und bleibt – ziemlich schmerzhaft, Finanzfragen in Subsahara-Ländern nachzugehen.

Der beständige Eindruck, sie oder jedenfalls die breite Bevölkerung seien immer die Opfer, hat sich jetzt an der G20-Konferenz aufgelöst. Es sieht nach einem Aufbruch aus, und so freut es mich besonders, wiedermal über Finanzangelegenheiten zu schreiben! Auch wenn einmal mehr Schulden den Anlass geben.

Seit ausser Südafrika auch die AU (African Union) der G20-Gruppierung angehört, haben zentrale Themen vieler Länder Afrikas endlich die internationale Bühne erreicht. Dies wird natürlich unterstrichen von dem Tagungsort der diesjährigen Versammlung: Johannesburg (17. bis 22. Nov. 2025). Viele der zur Gruppe gehörenden Schwellenländer hatten in ihrer jüngeren Vergangenheit ähnliche Phasen durchlitten. Daher haben sie auch mehr Empathie für die jungen afrikanischen Staaten, die die AU vertritt.

Trump’s glatter Schnitt durch die nährenden Dollar-Ströme von USAID hat die schwelenden Schuldenkrisen von über zwanzig afrikanischen Staaten zum bedrohlichen Hintergrund gemacht. Und dieser lässt sich nicht diskret übersehen.

Sie betrifft nicht nur afrikanische Länder – aber bei so traurigen Rekorden wie dem Anstieg der vom internationalen Kapitalmarkt verbannten Staaten von 1 auf 10 sind, sie meist in Überzahl. Diese zehn Länder sind für Umschuldungen und Kredite nun ausschliesslich auf den IMF (und dessen Rezepte) angewiesen. Insgesamt stecken in Afrika acht Länder in einer Schuldenkrise oder dringenden Umschuldungen. 14 weiteren Staaten droht unmittelbar dasselbe Schicksal und 17 zusätzlichen Länder könnte längerfristig das gleiche Los ereilen.

Bisherige Appelle der AU für einen neuen Schuldenerlass, wie 1999 für die ärmsten und 2005 für weitere 37 Entwicklungsländer, blieben bislang ungehört: Der erneute Anstieg der Kreditnachfrage  nach den Entschuldungen warf ein schiefes Licht auf die Debitoren – so gerechtfertigt aus der Sicht ihrer Bevölkerung vermehrte Ausgaben waren.

Neues Verständnis der «Verschuldung»

Doch die südafrikanische Agenda für das G20-Treffen geht hinter diese Notlagen zurück – und ernennt die zunehmende, weltweite Ungleichheit zum Oberthema der Konferenz. Und die hohen Vertreter und Vertreterinnen der 19 teilnehmenden Regierungen machen mit, Europäer inbegriffen (EU, Frankreich, England und Deutschland, je mit den Premiers vertreten).

So kommt Verschuldung unter ganz anderen Vorzeichen aufs Tapet: Ein internationaler Experte wird zitiert, dass im Vergleich die afrikanischen Nationen gängigere Verhältnisse zwischen Schulden und Bruttosozialprodukt (BSP) aufweisen als viele Industrieländer. Eine grosse Schwierigkeit liege im geringen Anteil einheimischen Kapitals und von Krediten in eigener Währung, welche für Staatsanleihen genutzt werden könnten. Dies hat die allerdings verheerende Folge, dass der Zins gerade für afrikanische Staaten immer ein mehrfaches dessen ist, was Industrieländer für die Bedienung ihrer Schulden auslegen müssen.

Es hat auch eine klare Systematik: Anfragen an private Kreditgeber werden ja vorsortiert von den ‚Rating‘-Agenturen. Deren wichtigste US-amerikanische Firmen geben offenbar den afrikanischen Bittstellern weit schlechtere Noten als jedem anderen Entwicklungsland. Beispiel: Für den Zugang zum Eurobond-Markt erlitten Afrikaner deshalb den anderthalbfachen Abschlag von den Nennwerten(Disagio) im Vergleich zu Indonesien.

Das scheint nun reichlich abstrakt, aber eigentlich haben wir ja konkrete Beispiele für jeden dieser Trigger der Schuldenbürde: Die Schweiz, mit ihren weit über 1000 Milliarden Pensionskassengeldern in Schweizer Franken, hat es wesentlich leichter, sich Kredite zu gewähren. Auch für die umstrittenen F35-Mehrzweckkampfflugzeuge. Die Pensionskassen können den eigenen Staat ja nicht pfänden! Afrikanische Staaten hingegen müssen Anleihen ausnahmslos in Fremdwährung von Kreditgebern weitab von ihrem Hoheitsgebiet aufnehmen, abhängig vom Rating durch Experten, die kaum je im Land waren.

Entwicklungsspenden zur Fütterung der eigenen Banken?

Ein weiteres Beispiel bietet Mosambik. Wer erinnert sich nicht an die beschämende Information, dass die Union des Banques Suisses (UBS) die Umschuldung des illegalen Kredits – für welchen die Credit Suisse (CS) mehrfach international gebüsst wurde – mit der mosambikanischen Regierung zu einem neuen Zins von 17% vereinbart hat? 

In nur sechs Jahren wird Mosambik die Gesamtsumme des Kredits als Zins schon einmal bezahlt haben. Solcher Beispiele sind Legion: Uganda bezahlt zurzeit 33% seines Bruttosozialprodukts (BSP) für Schuldabzahlungen und -zinsen, was – wie anderswo auch – auf Kosten von Gesundheitsversorgung, Bildung und Klima-Anpassungsmassnahmen geht. Spenden wir also für Entwicklungshilfe, die sich damit befasst, das vom Staat vernachlässigte Sozialsystem zu kitten, um am Ende unsere Banken zu füttern?

Einsicht in diese Zusammenhänge liess die Schlusserklärung des G20-Gipfels deutlich für eine Reform der Finanzarchitektur zugunsten eines egalitäreren  Umgangs mit Entwicklungsländern einstehen.

Die Cape Town Declaration der Finanzminister begründet eine multilaterale Entschuldungspraxis, die von Ecosoc, dem Wirtschafts- und Sozialrat der UNO, beaufsichtigt wird. Eine Serie Schuldnerstaaten werden einen ständigen «Club of Borrowers» bilden, der insbesondere die Debitor-Disziplin zum Thema haben soll, Transparenz inklusive.

In einer neuen Finanzarchitektur soll auch die Finanzierung von Klima-Adaptation und die energetische Transition einen zentralen Platz einnehmen. Damit reichen sich die beiden gleichzeitigen Gipfel G20 und COP30 die Hand. Denn an der UN- Klimakonferenz 2025 im brasilianischen Belém (COP30) fanden die Finanzarchitektur und die Stärkung der Adaptationshilfe an den Süden ebenfalls Einlass ins Schlussdokument. Wir wollen hoffen.