Von Hans-Ulrich Stauffer
Schon in der Neuauflage meines Buches Eritrea – der zweite Blick hatte ich meine Zweifel geäussert, wieweit der Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea von 2018 nachhaltig sein würde. Nach einigen Monaten überschwänglicher Freude schien sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern wieder abzukühlen. Eine neue, überraschende Nähe zwischen Äthiopien und Eritrea kam nochmals aufgrund des Tigray-Krieges 2020/2021 zustande. Doch dann verschlechterte sich das Verhältnis stetig.
Der äthiopische Premierminister Abiy Ahmed erklärte erstmals 2023, dass der Zugang seines Landes zum Meer für sein Land eine existenzielle Frage sei. Wo sollte dieser Zugang sein? Abiy und Armeechef Feldmarschall Birhanu Jula erhoben in der Folge Anspruch auf den Hafen von Assab in Eritrea – etwa 60 km von der äthiopischen Grenze entfernt –, nicht etwa als Transithafen, über dessen Gebrauch mit Eritrea ein Abkommen ausgehandelt würde, nein, sie sagten, dass sie Assab mit Gewalt einnehmen wollten. Der Fehler, dass Äthiopien durch die Abspaltung Eritreas den Zugang zum Roten Meer verloren habe, müsse «morgen korrigiert» werden. Äthiopiens Botschafter in Kenia setzte noch eines drauf und sagte öffentlich, Assab sei «der Reichtum Äthiopiens» und werde «mit Gewalt» zurückerobert werden. «Die Frage ist jetzt nicht, ob Assab uns gehört oder nicht, sondern wie wir es zurückbekommen», erklärte Botschafter Bacha im November 2025. Dies sind alles öffentlich zugängliche Statements. Martin Plaut, ein bislang vehementer Unterstützer der ehemaligen Tigray-Herrscher in Addis Abeba und scharfer Kritiker Eritreas, hat diese Aussagen zusammengetragen. Offenbar fand auch bei ihm ein Umdenken statt.
Zurückhaltender äusserte sich im November 2025 der äthiopische Aussenminister Gedion Timothewos. Aus einer Mitteilung des Aussenministeriums: «Der Minister betonte die entscheidende Bedeutung des Zugangs zum Meer für die wirtschaftliche Zukunft Äthiopiens. Er wies darauf hin, dass eine dynamische Wirtschaft, die über 130 Millionen Menschen versorgt, ohne einen zuverlässigen Zugang zum Meer nicht gedeihen kann. ‘Eine dynamische Wirtschaft, die den Lebensunterhalt von mehr als 130 Millionen Menschen sichern kann, erfordert einen dauerhaften und sicheren Zugang zum Meer’, sagte er. ‘Ohne einen solchen Zugang kann Äthiopien nicht den für eine nachhaltige Entwicklung notwendigen wirtschaftlichen Fortschritt erzielen. Äthiopien darf nicht in Armut gefangen bleiben’. Er fügte hinzu, dass nachhaltiges Wachstum und wirtschaftliche Dynamik unerlässlich seien, um die Entwicklungsherausforderungen Äthiopiens zu bewältigen. ‘Nur mit der Schaffung neuer und gerechter Chancen durch nachhaltiges Wachstum und wirtschaftliche Dynamik kann Äthiopien die Grenzen von Armut und Konflikt überwinden. Daher ist das Streben nach einem dauerhaften und sicheren Zugang zum Meer eine existenzielle Frage für unser Land’, schloss er .»
Wenn auch abgemildert, wird die Forderung nach einem dauerhaften Zugang zum Roten Meer aufrechterhalten. Nach wie vor wird offengelassen, ob dieser Zugang durch eine militärische Aktion erzwungen oder – wie völkerrechtlich üblich – durch einen Vertrag zwischen den beiden Staaten geregelt werden soll.
Dicke Post! Eine Drohung mit Krieg und Annexion. Was steckt dahinter? Äthiopien war und ist ein krisengeschütteltes Land. Soweit ich es erkennen mag, ist das martialische Auftreten ein Zeichen der Schwäche. Äthiopiens Wirtschaft ist in Inflation, Verschuldung und Korruption gefangen. Das einstige Wirtschaftsmodell ist Vergangenheit. Der nationale Zusammenhalt des Vielvölkerstaates ist fragil, wenn in einigen Landesteilen nicht sogar zerbrochen. Wenn eine politische Ordnung intern nicht mehr funktioniert, wird oft versucht, Einheit durch äussere Feindbilder zu schaffen. Die wackelige politische Grundlage, auf der der Nobelpreisträger Abiy agiert, wird durch markantes Auftreten gegen aussen zu festigen gesucht.
Für Eritrea verheisst dies nichts Gutes. Bislang sind die martialischen Töne eher nüchtern kommentiert worden. Informationsminister Yemane Gebremeskel lehnte Äthiopiens Bestrebungen nach Zugang zum Roten Meer ab und bezeichnete sie als «gefährlich» und als «giftige Agenda des Irredentismus» – einer Politik, die darauf abziele, verlorenes Territorium zurückzugewinnen. Aber: Wer kann wissen, ob den Worten nicht auch Taten folgen werden?
Eritrea sieht sich einmal mehr von aussen bedroht, und niemand weist Äthiopiens Begehrlichkeit zurück. Das ist für Eritrea ein déja-vu. Wie oft schon wurde das Land in der älteren und jüngeren Geschichte vor den Augen der Weltöffentlichkeit drangsaliert und geknechtet. Zu einer Lockerung des politischen Klimas im Lande wird die neue Aggression Äthiopiens, und sei sie auch nur verbaler Art, nicht beitragen.