„Äthiopien verlegt Truppen in den Norden“ – Eine Schlagzeile in den Printmedien Ende Februar 2026 lässt aufhorchen. Was sind die Gründe dieses militärischen Aufmarsches? Zeichnen sich neue kriegerische Auseinandersetzungen ab? Was ist mit dem „Norden“ gemeint? Tigray? Eritrea? Somaliland? Ein Bericht über die Hintergründe.
Ein Blick zurück: Im November 2020 brach im nördlichen äthiopischen Gliedstaat Tigray ein militärischer Konflikt aus, der volle zwei Jahre dauern sollte und geschätzt mehr als eine Halbe Million Menschen das Leben kostete, ganz zu schweigen von den psychischen Verletzungen, die durch den Krieg und sexualisierte Gewalt verursacht worden sind. Dem Tigray-Krieg vorausgegangen war eine zunehmende Entfremdung zwischen der Provinzregierung von Tigray und der äthiopischen Zentralregierung. Diese Entfremdung hatte ihren Ursprung unter anderem darin, dass mit der Wahl von Ahmed Abiy zum äthiopischen Präsidenten die jahrzehntelange Dominanz der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) in der Zentralregierung endete und damit auch der Zugang zu finanziellen und wirtschaftlichen Ressourcen.
Die für August 2020 in Äthiopien geplanten Parlaments- und Regionalwahlen waren mit Vereis auf die Covid-Pandemie abgesagt worden. Die Provinzregierung von Tigray war damit nicht einverstanden und führte die Wahlen durch, was wiederum von der äthiopische Zentralregierung unter Abiy als illegal erklärt wurde. Aus dieser Wahl ging die TPLF als haushohe Siegerin hervor. Die TPLF warf Abiy im Gegenzug vor, illegal im Amt zu sein, da seine Amtsperiode abgelaufen sei.
Der Konflikt zwischen der TPLF und der Zentralregierung in Addis Abeba spitzte sich zu, als militärische Einheiten der Provinzregierung, die Tigray Defence Forces, Militärbasen der Zentralregierung in Tigray angriffen und übernahmen. Nun wurden weitere äthiopische Truppen nach Tigray entsandt, und damit begann der zweijährige, grausame Tigray-Krieg.
Spannungsverhältnis Äthiopien-Eritrea
Ein Blick zurück: Im Kampf gegen die äthiopische Militärherrschaft unter Juntachef Mengistu kam es in den 1980er-Jahren zu einer Zusammenarbeit zwischen der Befreiungsfront von Eritrea, EPLF, und der TPLF. Die Logistikrouten der TPLF führten durch EPLF-Gebiet. Mehrere Tausend Tigrayer wurden durch die EPLF militärisch ausgebildet und kämpften auch an deren Seite. Am Einmarsch der TPLF in Addis Abeba waren wiederum eritreische Panzereinheiten beteiligt. Doch diese Waffenbrüderschaft ging in Brüche und es kam 1998 zu einem zweijährigen, heftigen Grenzkrieg zwischen der nun die äthiopische Zentralregierung in Addis Abeba stellenden TPLF und der von ihr dominierten Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF) einerseits und dem unabhängigen Eritrea andererseits.
Nach zwei Kriegsjahren unterzeichneten im Jahr 2000 Eritrea und Äthiopien das von der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) und der UNO vermittelte Abkommen von Algier. Doch in Äthiopien stiess der Waffenstillstand nicht überall auf Zustimmung: Am 28. Januar 2001 wurde die Waffenstillstandsvereinbarung an einer Massenkundgebung in Addis Abeba als «Ausverkauf der vitalen Interessen Äthiopiens» bezeichnet, sie führe zum Verzicht Äthiopiens auf einen Meereszugang. Erstmals äusserte Äthiopien klar einen Anspruch auf einen eigenen Meereszugang, eine Forderung, die heute, ein Vierteljahrhundert später, erneut erhoben wird.
Als Folge des Abkommens von Algier wurde die Eritreisch-Äthiopische Grenzkommission gebildet. Sie hatte zur Aufgabe, den Grenzverlauf zwischen beiden Staaten endgültig zu regeln. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wurde angerufen, über den Grenzverlauf aufgrund kolonialer Verträge aus den Jahren 1900, 1902 und 1908 zu entscheiden. Eritrea und Äthiopien vereinbarten, dass dieses Schiedsgerichtsurteil abschliessend und bindend sein werde. Der Internationale Gerichtshof verkündete am 13. April 2002 sein Schiedsurteil. Der Grenzverlauf im westlichen Eritrea wurde unter Berücksichtigung der italienisch-abessinischen Vereinbarung festgelegt und das zwischen den beiden Staaten umstrittene Gebiet von Adi Murug/Badme wurde als eritreisches Gebiet qualifiziert, der Grenzort Salambessa hingegen Äthiopien zugeschlagen.
Die eritreische Regierung anerkannte den Schiedsspruch umgehend. Nicht so Addis Abeba: Der Schiedsspruch basiere auf technischen Fehlern. Äthiopien forderte, neu über den Grenzverlauf zu verhandeln. Dies wiederum lehnte Eritrea ab. In einem Brief an den UN-Generalsekretär Kofi Annan vom 19. September 2003 bezeichnete der damalige äthiopische Präsident Meles Zenawi – einst Führer der TPLF – den Schiedsspruch als illegal, ungerecht und unverantwortlich.
Erst mit dem Amtsantritt von Achmed Abiy änderte sich diese « Patt-Situation: Er anerkannte 2018 den Schiedsspruch, und damit endete die 18-jährige «Weder-Krieg-Noch-Frieden»-Situation. Abiy erhielt in der Folge 2019 den Friedensnobelpreis. Soweit die Vorgeschichte.
2022 waren die Positionen klar: Die früheren tigrayischen Machthaber in Addis Abeba hatten Ansprüche auf eritreisches Gebiet erhoben. Doch sie hatten jetzt nichts mehr zu sagen. Nun kämpften sie jedoch gegen die Zentralregierung unter Abiy, der nach zwei Jahrzehnten dem Friedensschluss zugestimmt hatte.
Indem sich tigrayische Truppen militärisch gegen die Zentralregierung erhoben, änderte sich die Lage nochmals. Es kam zu einem militärischen Schulterschluss zwischen Eritrea, das tigrayische Übergriffe auf eritreisches Staatsgebiet befürchtete, und der äthiopischen Zentralregierung unter Ahmed Abiy. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Durch das Abkommen von Pretoria wurde 2024 ein Waffenstillstand zwischen der Zentralregierung und der Provinzregierung vereinbart. In der Folge zogen sich die eritreischen Truppen aus der äthiopischen Nordprovinz zurück.
Geänderte Ambitionen – geänderte Allianzen
Der im Pretoria-Abkommen vereinbarte Waffenstillstand konnte jedoch nie vollständig durchgesetzt werden – auf beiden Seiten. Weder liessen sich die Tigray Defence Forces vollständig entwaffnen, noch zogen sich die amharischen Fano-Milizen aus den von ihnen kontrolliertem Gebiet im Westen von Tigray zurück, was wiederum die Wiederansiedlung der vertrieben Bevölkerung verhinderte. Die Zentralregierung kontrolliert heute nicht die ganze Provinz Tigray. Ebenso war der versprochene Wiederaufbau und die Nahrungsmittelhilfe nicht oder nur ungenügend und wurde nur selektiv zugeteilt.
Mitte 2025 begannen sich zwei neue Entwicklungen abzuzeichnen. Hochrangige Vertreter der äthiopischen Regierung begannen, einen Anspruch Äthiopiens auf einen direkten Meereszugang zu erheben und beanspruchten den eritreischen Hafen von Assab für sich. Darüber berichtete ich im Blog «Dunkle Wolken am Horn von Afrika» vom 15. Januar 2025. Präsident Abiy sprach zwar davon, dass dieser Zugang zum Roten Meer auf Verhandlungsbasis gesucht werden solle, doch wurde auch die militärische Option immer wieder ins Spiel gebracht. Damit sieht sich Eritrea heute erneut mit einer militärischen Drohung konfrontiert, die durchaus ernstzunehmen ist. Das bittere Fazit: Der bisherige Verbündete Äthiopien wird zum neuen Feind. Eritrea ist erneut an seiner Südgrenze unter Druck und hält seine Streitkräfte mobilisiert.
Die andere, überraschende Entwicklung: Nun hat sich die TPLF gespalten. Ein Teil der TPLF unter Führung des ehemaligen tigrayischen Generals Tsadkan Gebretensae hat sich mit der äthiopischen Zentralregierung verbündet. Diese Kräfte wärmen den alten Anspruch der ehemaligen tigrayischen Staatsführung auf einen Meereszugang wieder auf. Damit treffen sie sich mit den neuen Ambitionen der äthiopischen Regierung. Die andere, grössere Fraktion der TPLF wird von Debretson Gebremikael, der 2020-2022 Präsident von Tigray war und gegenwärtig Vorsitzender der TPLF ist, geleitet. Dieser Fraktion gehört auch der TPLF-Vize Fetlewek Gebregzaber an. Sie befürchten die vollständige Unterwerfung Tigrays unter die Zentralregierung und – man staune – haben deshalb ihre Fühler Richtung Eritrea ausgestreckt.
Diese Kurswechsel beider Fraktionen ist interessant: Ein Teil der ehemals gegen die Zentralmacht kämpfenden Kräfte der TPLF arbeitet nun mit der Zentralregierung zusammen, der andere Teil, der um die Autonomie der Provinz ringt, arbeitet mit Eritrea zusammen. Eritrea seinerseits sieht in der Zusammenarbeit mit der vom TPLF-Vorsitzenden Gebremikael geführten Fraktion eine Unterstützung bei der Abwehr der äthiopischen Grossmachtgelüste mit dem Anspruch auf den Hafen von Assab.
Die Ximdo-Bewegung
Nun ereignet sich bislang Unvorstellbares: Mitte 2025 lancierte Eritrea unter dem Namen Ximdo eine Entspannungsoffensive. «Ximdo» steht für «Zusammenführen» oder «Koordination Verschiedener zum gemeinsamen Handeln». Das Ziel: Eine Annäherung an die TPLF. Mit Erfolg: Plötzlich ist die gemeinsame, jahrelang geschlossene Grenze zwischen Eritrea und Nordtigray wieder offen. In den eritreischen grenznahen Städten Senafe und Enda Gheris und den tigrayischen Städten Zelambesa, Egla und Rama finden gemeinsame Veranstaltungen statt, die an Volksfeste erinnern. Ximdo wird getragen durch Musik, die offenbar beidseitig der Grenze unter den Tigray emotionale Gefühle weckt und auf den ethnischen, vielfach auch familiären Verbindungen aufbaut. Das erstaunt nicht: Was wollen die Menschen, die hier als Bauern und Händler leben, mehr als Frieden, um ihr nicht einfaches Leben zu führen?
Ximdo ist als Mechanismus zur Konsolidierung des fragilen Zustandes zwischen Eritrea und Tigray gedacht. Die Ximdo-Bewegung stösst verständlicherweise in Addis Abeba auf Ablehnung. Eritrea wird die Einmischung in innere äthiopische Angelegenheiten vorgeworfen. Aus äthiopischer Sicht trägt Ximdo zu einer Schwächung des Einflusses der Zentralregierung und zu einer Stärkung der auf Autonomie Tigrays bedachten TPLF-Fraktion bei. In einem weiteren Kontext wird eine solche Stärkung als Schwächung des äthiopischen Anspruchs als führende Kraft am Horn von Afrika wahrgenommen. Äthiopien betrachtet deshalb die Ximdo-Bewegung als konflikttreibend, während sie für Eritrea ein stabilisierender Faktor an seiner Südgrenze ist.
Der eingangs erwähnte militärische Aufmarsch äthiopischer Truppen in Tigray verheisst nichts Gutes.