In Afrika ist die Klimakatastrophe längst da

Susy Greuter hat sich eine Vorstellung über die Klimaschäden im Süden und das Ausmass der gesellschaftlichen Krise erarbeitet. Die Exzesse von teilweise typischen Wetter-Konstellationen häufen sich, die Zahl der Betroffenen wächst allerorts. Die Zunahme in Diagrammen bildhaft darzustellen überrascht jedoch mit extremen Ausreissern, die sich nicht in den allgemeinen Trend einordnen lassen, als wäre sporadisch die Hölle los. Das Fegefeuer hingegen wird beständiger und entmutigender.

Wir hatten 2021 versucht, eine Nummer des Afrika-Bulletins dem Klimawandel zu widmen. Ich erinnere mich, wie ich sozusagen händeringend ein halbes Jahr lang nach Informationen und Autoren suchte. In den Universitäten afrikanischer Entwicklungsländer (ausser Südafrika) schien es noch keine eigentliche Klimaforschung zu geben und der Bericht des IPCC ist nicht gerade leserfreundlich. Noch nicht bekannt war mir die EMDAT.BE, eine Datensammlung der Katholischen Universität Löwen, die seit 1900(!) Katastrophen jeder Kategorie, von Stürmen bis zu Pandemien und Schiffbrüchen zusammenstellt. Und dies nicht weniger als weltweit und aus Quellen, die von UN-Organisationen und Forschungsinstituten über Missionen bis zu Rückversicherern und Presseagenturen reichen. Die Sammlung bildet keine direkt menschengemachten Katastrophen ab, Kriege sind ausgeschlossen.

Unwetter-Jahre?

Es war wie eine Wallfahrt als ich in Plakatgrösse anfing alle klima-bedingten Notfälle in Afrika seit 1970 aufzulisten. Ein erster Halt kam rasch: Jedes Unwetter in 54 Länder über fünf Dekaden zu notieren, das Tote und Betroffene verursachte, wäre eine mindestens vierwöchige Strafaufgabe. Also konzentrierte ich mich auf Folgendes:

  • Fünf Regionen Afrikas mit jeweils 160 bis 230 Millionen Einwoner:innen
  • Je Region eine Fläche von ca. 2,6 Mio. Quadratkilometer, Wüsten ausgenommen
  • Daten zu Wetterwirkungen Dürre und Überflutung (Fluss-, Flächen-  und Uferüberschwemmungen)
  • Ausschliesslich die Zahl der Betroffenen inklusive Verletzte

Die  Probleme der statistischen Darstellung zeigten sich bald: Alle Regionen gemeinsam? Alle einzeln? Schliesslich entschied ich mich die Ausreisser mit eigenen Messskalen auszusondern.

Dürren 1970 – 2020

Messskala A
Betroffene

Messskala B: Der Ausreisser
Betroffene

Die Schäden durch Dürren reichen vom Verlust des Saatgutes (was meistens ersetzt werden kann) bis zum totalen Ausfall der Ernte einer oder mehrerer Feldfrüchte oder zum Verlust des gesamten Viehbestandes. Was der Begriff der ‚affected People‘ genau heisst, ist variabel. Mangels medizinischer Fachleuten, welche die Todesursache feststellen, ist die Summe der Toten nur sporadisch in den Angaben zu finden. In den frühen Jahren war sie möglicherweise alleine dadurch grösser, dass die jungen Staaten erst später anfingen, Vorsorgemassnah­men zu treffen. Bis auf Südafrika bleiben die Staaten auch 2020 noch unversichert gegen Wetterkatastrophen.

Überschwemmungen 1970 – 2020

Messskala C
Betroffene

Im Sahel und in Westafrika sind nach Starkregen Flächenüberschwemmungen häufig, wenn nach langer Trockenheit der brettharte Boden kein Wasser aufnehmen kann. In hügeligen Gebieten lösen die Starkregen riesige Erdrutsche aus und anschwellende Flüsse reissen immer breitere Schneisen in Siedlungen und Infrastruktur. Überschwemmungen sind kostspielig, weil besonders in Städten eine minimale Infrastruktur zwingend wiederhergestellt werden muss. Bis auf Südafrika bleiben die Staaten auch 2020 noch unversichert gegen Wetterkatastrophen.

Messskala D: Der Ausreisser
Betroffene

Trends

Es gab zu allen Zeiten Dürren in Afrika, auch damals als das Klima noch als relativ statisch galt. Heute wird jedoch von einer Entwicklung gesprochen, die zugleich Dürren- wie Überflutungs-Exzesse immer häufiger werden lässt: Kürzere Regenzeiten mit extremen Niederschlägen in kürzester Zeit, dazwischen Hitzeextreme, die zu Dürren führen.

Weitere Wetterextreme häufen sich: Stürme wie die aus dem indischen Ozean ankommenden Cyclone, die die Südostküste immer tiefer treffen, und 2019 bspw. über tausend Toten in Mozambique und Zimbabwe hinterliessen. Sandstürme, die immer weiter in den Sahel hineinreichen und Sahara-Staub bis zu uns tragen. Gewitterböen, die Bäume entwurzeln und Dächer abdecken. Die Zahl dieser verheeren-den Einwirkungen mit Todesfällen stieg von 25 im 1992 in einer welligen Kurve auf erstmals über 100 im Jahr 2013 und im 2022 schliesslich erleidet Afrika über 200 tödliche Stürme unterschiedlicher Provenienz.

In den nördlichen und südlichen Randgebieten der Sahara und um den südlichen Wendekreis häufen sich Hitzewellen, Ägypten macht von Dekade zu Dekade mehr Hitzetote bekannt. Die Weltbank rechnet  – ohne Reduktion der Treibhausgase bis 2030 (!) – mit bis zu 40 Millionen Afrikaner, die in extreme Armut versinken.

In Afrika wächst das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen regionalen und kontinentalen Erscheinungen allmählich. Das von England gesponserte Programm Future Climate for Africa (FCFA) legte dafür die Basis. Es spricht im Zusammenhang von Sonnenstand und Luftbewegungen zwischen den Wendekreisen von einer Veränderung des afrikanischen Monsuns, von Veränderungen der Meeresströmungen und vom Einfluss  der Ozeane in Ost- und Westafrika. Immer besser bekannt wird auch, was die Ursachen sind und wer diese geschaffen hat.

Die Betroffenen

Ein anderes Mass zur Auswirkung der Wetterexzesse ist die Reaktion der Betroffenen:  Sie wandern  – temporär oder definitiv – aus der betroffenen Gegend ab, um anderswo mindestens nicht zu verhungern. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hielt 2022 fest, dass zwischen 2008 und 2018 die interne Migration in Ländern des Südens zu 265 Millionen IDPs (Internaly Displaced Persons) führten, während es von 2008 bis 2018 wenig Fluchtbewegungen durch Kriege gab: 87% der damaligen Bevölkerungsver­schie­bungen gingen auf klimatischen Notlagen zurück. Klimatische Extreme (z. Bsp. Waldbrände oder Bergstürze) gab es schon damals auch in Industrieländern, doch werden diese mit viel staatlichen Hilfen abgefedert und teilweise von Rückversicherungen abgedeckt.

Bis auf Südafrika bleiben die alle afrikanischen Staaten auch 2020 noch unversichert gegen Wetterkatastrophen.

Gesellschaftliche Krise, wetterbedingt

Einst wollte ich es kaum glauben: Gegen Ende der Zehner Jahre hiess es, auch in Afrika würde nun rund die Hälfte der Bevölkerung in Städten leben. Nicht das Bevölkerungs­wachstum alleine richtet solches an, Landflucht hilft tüchtig mit: Aus Regionen, wo die Temperatur über längere Zeit bei 50 Grad verharrt (bspw. in Mauretanien) oder wo Dürren häufiger werden als normale Regenzeiten verlassen die Menschen diese einstigen Lebensräume. In einzelnen Ländern (z. Bsp. Uganda) kommt hinzu, dass Bauern ihr Land an Projekte zur Aufforstung von Acker- oder Weideland verlieren, damit die Verwaltungen Emmissionszertifikate an die Industrienationen verkaufen können, ein Ventil für Konzerne, das afrikanische Klimaforschende am liebsten abschaffen würden. 

Ich schrieb „Verstädterung anrichten“wie „ein Chaos anrichten“, weil eine typische afrikanische Grossstadt bestenfalls zur Hälfte aus fest gebauten Häusern besteht. Um deren Kern erstrecken sich selbstgebaute Lehm- oder Zementziegelbauten und vorfabrizierte Baracken,  der Strassenverlauf wird zufälliger. Ausserhalb älterer Quartiere, teilweise auch dazwischen gepfercht, entstanden aus allen möglichen Materialien ‚Makeshifts‘, behelfsweise Behausungen von zugewanderten Verwandten. In einzelnen Aussenbezirken sind zwar Sanierungen im Gange mit neuen Hochhausbauten in Beton, der lange oder für immer unverputzt bleibt. In den älteren Strassenzügen gibt es einen Wasserhahn im Hof, weiter draussen stehen am Rand des Blocks noch Hydranten  zur Verfügung.

Kinshasa, das ich 2006 verliess, hatte damals gerade die 8 Millionen Grenze geknackt. Heute sind es 17 Millionen Einwohner. Schattenspendende Bäume und Grünzonen gibt es wohl höchstens noch im alten Kolonialviertel. Welcher Bruchteil der Bevölkerung hier einen regulären Job  hat, weiss kaum jemand.