
Der weitgehend friedliche Ruf Tansanias ist spätestens seit den blutigen Präsidentschaftswahlen im Oktober 2025 ruiniert. Unsicherheit, Misstrauen und Angst bestimmen seither den Alltag der Bevölkerung. Nun versuchen die Menschen, damit umgehen zu lernen – während der ausufernde Krieg zwischen der Koalition USA-Israel gegen den Iran die existenziellen Probleme verschärft.
Als Frau und als Präsidentin des relativ demokratischen Tansanias galt Samia Suluhu Hassan (66) zunächst als die grösste afrikanische Hoffnung für eine faire Politik. Die muslimische Wirtschaftswissenschaftlerin hatte sich als treue Parteigängerin ihrer Einheitspartei CCM profiliert und 2021 das Amt ihres unter fragwürdigen Umständen verstorbenen Vorgängers John Magufuli geerbt.
Bereits vor den Wahlen zeigte sich aber, dass die CCM mit ihren Hintermännern und der Entourage um den einflussreichen Ex-Präsidenten Jakaya Mrisho Kikwete (2005 – 2015) vor nichts zurückschreckten. Oppositionelle und Kritiker verschwanden, andere wurden umgebracht, gefoltert oder eingeschüchtert. Auch während und nach den «Wahlen», so stellten internationale Beobachter wie Amnesty International, Human Rights Watch oder die Afrikanische Union fest, kam es zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, Tumulten und einem Chaos, wie es das Land so noch nie erleben musste. Auf die massiven Proteste vorab junger Leute gegen den «Wahlbetrug» in den Städten reagierten die Sicherheitskräfte berechnend oder überfordert mit Schüssen, Ausgangssperren, Verhaftungen und dem Abschalten des Internets. Dabei sollen, je nach Quelle, hunderte, wenn nicht gar tausende Bürger:innen ihr Leben verloren haben.
CHADEMA-Führer Tundu Lissu im Knast
Der Schock wirkt bis heute nach, derweil die Regierung der einst liebevoll «Mama Samia» genannten Präsidentin alles herabzuspielen versucht. Ihr schärfster Kritiker, der «vorsorglich» verhaftete Spitzenjurist und Oppositionspolitiker Tundu Lissu (Chadema) nutzt zurzeit vor Gericht die Gelegenheit, das Ränkespiel der Herrschenden mit stichhaltigen Argumenten offenzulegen. So erfolgreich, dass ihm laut Medienberichten von Seite der Ankläger das Angebot gemacht worden sein soll, das Verfahren gegen ihn einzustellen – was er bewusst abgelehnt habe. Tundu Lissu (58) überlebte 2017 als Abgeordneter der Nationalversammlung und Präsident der tansanischen Anwaltsgesellschaft ein Attentat mit 16 Kugeln im Körper. Diese wurden ihm in Kenia entfernt, worauf er sich in Belgien erholte, um 2023 nach Tansania zurückzukehren und sich am Wahlkampf um die Präsidentschaft im letzten Herbst zu beteiligen. Eine Begegnung mit der sich noch demokratisch gebenden Präsidentin Suhulu Hassan endete schliesslich mit der Verhaftung des von der Opposition gefeierten Anwalts. Vorwürfe: Er habe «illegale Versammlungen» abgehalten und die Polizei «behindert». Tundu Lissu besuchte vor dem Attentat auch schon Basel – als Berater der ÄrztInnen für soziale Verantwortung/zur Verhütung eines Atomkrieges (IPPNW Switzerland). Ein weiterer geplanter Besuch wurde durch das mutmasslich von Regierungsanhängern verübten Attentat verunmöglicht.
Wachsender Stress
Auf internationaler Ebene hat die Regierung von Suluhu Hassan massiv an Ansehen eingebüsst. Protestnoten wie auch das Zurückhalten von Investitionen durch Entwicklungsorganisationen waren die Folgen. Und in der Bevölkerung werde höchstens noch hinter vorgehaltener Hand über Politik gesprochen, so erfuhren wir aus Tansania. Die Angst vor Repressalien sei heute allgegenwärtig. Man helfe sich vermehrt mit Tricks, seine politische Meinung gegen die Regierung kundzutun. Ein Beispiel: Auf Taxis ist öfters das Bild von Ibrahim Traoré, dem Präsidenten Burkina Fasos, zu sehen. Der junge Putschist und Offizier eifert Thomas Sankara nach und wird von vielen Tansanier:innen als Vorbild eines Freiheitsliebenden und gerechten Staatsoberhaupts verehrt. Manchmal sind die Botschaften auf Autos weniger verschlüsselt – so zum Beispiel ein Bürger, der mit dem Zeigefinger vor dem Mund die Menschen vor allzu freier Meinungsäusserung warnt (Bild). «Die Menschen stehen zunehmend unter Stress». Dafür verantwortlich sei aber auch die Sorge vor der spürbaren Verteuerung der Lebenskosten. «Essen, Medikamente und Transportkosten können sich viele kaum oder gar nicht mehr leisten.» Die Klimaextreme und nun auch noch die bereits spürbaren Folgen des Angriffskriegs der Koalition USA-Israel auf den Iran verschärften die Lage – übrigens nicht nur in Tansania, in ganz Ostafrika. Sollte dieser Krieg noch lange andauern, so die Befürchtung, würde die Situation vor allem für die armen Menschen lebensbedrohlich.