Moçambique: Die Zerstörung der Cashew-Industrie vor 30 Jahren ist wieder in den Schlagzeilen

Von Hans-Ulrich Stauffer

Die Cashew-Industrie in Moçambique wurde 1996 von der Weltbank abrupt stillgelegt, wodurch 10’000 Frauen ihre Arbeit verloren und ein wichtiger Exportzweig zum Erliegen kam. Plötzlich ist diese unschöne Geschichte wieder in den Schlagzeilen. Der ehemalige IWF-Mitarbeiter José Sulemane meint, Moçambique hätte sich weigern sollen. Der Ökonom Roberto Tibana deckt ein verdecktes Motiv der Weltbank auf. Ein Bericht von Joseph Hanlon.

José Sulemane war von 2000 bis 2005 der Direktor des moçambiquanischen Planungsministerium und anschliessend 20 Jahre lang beim IWF tätig. In einem Vortrag an der Universidade Pedagógica in Maputo am 31. August 2026 beschrieb er die für den IWF typische Art, einem Land wie Moçambique vorzuschreiben, was es zu tun hat. Doch wie so oft spielten dabei relevante Fakten eine Rolle, die untergingen oder gar nie bekannt wurden.

Die moçambiquanische  Zeitung O Pais berichtet: «Für Sulemane kann die Abhängigkeit von ausländischen Geldern dazu führen, dass Regierungen Vorschläge akzeptieren, ohne deren wirtschaftliche und soziale Folgen angemessen abzuschätzen.» Als Beispiel führte der Ökonom die Reformen im Cashew-Sektor an und argumentierte, dass damals [1995] die Auswirkungen der vorgeschlagenen Massnahmen (die Schliessung der Cashew-Verarbeitung) nicht gründlich genug analysiert wurden. «Wir haben nicht berücksichtigt, dass dort damals – Irrtum vorbehalten – mindestens 30’000 Menschen beschäftigt waren*, sagte er. Der Ökonom ist der Ansicht, dass dieser Fall verdeutliche, wie wichtig es sei, dass der Staat vorab eigene Studien durchführt, um die Folgen einer bestimmten Politik zu verstehen, insbesondere wenn Sektoren mit erheblichen Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Beschäftigung betroffen sind.»

Tatsächlich war es so, dass Moçambique über eine erfolgreiche Cashew-Industrie verfügte und gute Pläne für deren Ausbau hatte, welche die Weltbank jedoch entschieden ablehnte. Moçambique vergass die Arbeitnehmerinnen nicht und machte die Bank in den Verhandlungen ausdrücklich auf sie aufmerksam. Die Hilfsstrategie für das Land enthielt mehrere „notwendige Bedingungen“ – ein Begriff, der weder zuvor noch seither je verwendet wurde. Würden diese nicht akzeptiert, gäbe es keinen Moçambique-Plan der Weltbank und die gesamte Hilfe würde eingestellt werden. „Die Kinder werden hungern“, wurde den moçambiquanischen Ministern klargemacht. Zwei der Bedingungen waren die Zerschlagung der Cashew-Industrie und die katastrophale Privatisierung zweier Banken.

Zur  Erinnerung an Dr. Sulemane: Moçambique hat die «wirtschaftlichen und sozialen Folgen» der Cashew-Forderung der Weltbank sehr wohl «angemessen geprüft». Aber es hat auch die Kosten abgewogen – die Beendigung des Weltbank-Programms und aller Hilfsgelder. Vielleicht hätte Moçambique ablehnen können, aber 1995 handelte es sich um eine neu gewählte Regierung, und dies war ihre erste große Verhandlung. Mit seiner zwanzigjährigen Erfahrung beim IWF weiss Sulemane heute, dass die Weltbank hätte nachgeben und die „notwendigen Bedingungen“ zurückziehen müssen. Doch der Fall der Cashew-Nuss bleibt eines der besten Beispiele für die unkontrollierte Macht der Bretton-Woods-Institutionen.

Bei dem Vortrag von Sulemane waren drei Schlüsselpersonen aus jener Zeit anwesend: Roberto Tibana, Tomaz Salomão und Abdul Carimo, die ein anderes Bild zeichneten. «Das Problem hört nicht bei unserer technischen Verhandlungsfähigkeit auf», sagte Tibana. Das Problem «beginnt mit der asymmetrischen Macht, die internationale Institutionen über unsere Länder ausüben».

«Vielmehr war es so, dass die Weltbank Indien Geld für den Aufbau seiner Cashew-Industrie geliehen hatte, von den Plantagen bis zu den Fabriken», sagte Tibana. «Aber das Projekt war schlecht geplant. Die Fabriken hatten bereits das Stadium erreicht, in dem die Produktion anfangen sollte, doch die Plantagen lieferten noch keine Cashew-Nüsse. … Indien musste mit der Tilgung der Schulden beginnen.» Moçambique wurde gezwungen, der indischen Industrie billige Rohstoffe zu liefern, um ein Weltbank-Projekt rentabel zu machen, das andernfalls in Zahlungsverzug geraten wäre. Auch Tansania und Guinea-Bissau mussten Cashew-Fabriken schliessen, um Indien zu beliefern. «Ich war von Anfang an dabei. Ich habe von dem Plan gehört, die Fabriken zu schliessen», sagte Tibana. Erst jetzt gibt die Weltbank die entscheidenden geheimen Dokumente frei.

Doch der Schaden ist angerichtet.

Quelle: Joseph Hanlon (Ed.), Mozambique News Reports and Clippings, Nr. 672, 9, September 2026

Joseph Hanlon ist profunder Kenner Moçambiques und lebte währten Jahrzehnten im Land. Er verfolgt heute auch Grossbritannien die Entwicklung und publiziert die «Mozambique News Reports and Clippings», die frei zugänglich sind (eMail Subscription: https://bit.ly/Moz-sub).