Neue Dynamik in Somaliland

Von Hans-Ulrich Stauffer

Ende 2025 hat Israel den am Horn von Afrika gelegenen, faktisch seit 34 Jahren existierenden, aber von keinem anderen Staat anerkannten Staat Somaliland völkerrechtlich anerkannt. Dies hat nach einigen Protesten meist arabischer Staaten kaum Schockwellen ausgelöst. Die grosse Frage war: Würden nun auch andere Staaten Somaliland anerkennen?

Der von Somaliland erhoffte internationale Schub blieb vorerst einmal aus. Kein anderer Staat ist dem Beispiel Israels gefolgt und hat Somaliland anerkannt. Doch einige Auswirkungen hat die Anerkennung schon. So hat Somaliland nunmehr in Jerusalem eine Botschaft eröffnet und nicht etwa in Tel Aviv, was in der israelischen Leseart einer Anerkennung des Anspruchs Israels auf Jerusalem als Hauptstadt gleichkommt. Mit einer Repräsentanz in einem international vernetzten Staat hofft Somalilalnd nun endlich auch Zugang zum internationalen Bankverkehr zu erhalten, was bislang nicht möglich war.

Geopolitisch bedeutungsvoll sind die laufenden Diskussionen, ob Israel einen Flottenstützpunkt am «Tor der Tränen» (Bab el Mandeb) einrichten kann. Die Meerenge Bab el Mandeb hat für den internationalen Handel enorme Bedeutung und hat an Bedeutung gewonnen aufgrund der von den jemenitischen Huthi angekündigten Sperrung der Meerenge, womit nach der Sperrung der Strasse von Hormuz ein weiteres Nadelöhr unpassierbar würde. Die Regierung von Somaliland zeigt sich Medienberichten zufolge offen für die Errichtung einer israelischen Basis.

Auch innenpolitisch hat die Anerkennung Somalilands durch Isreal einiges ausgelöst. Somaliländer/innen wundern sich, dass gerade jener Staat, der seit Jahren verteufelt wurde, nun als erster die lange ersehnte Unabhängigkeit ihres Landes anerkennt. Somalilalnd hat eine muslimisch geprägte Gesellschaft. Mit der Anerkennung durch Israel ist ein altes, über Jahrzehnte gepflegtes Vorurteil ins Wanken gekommen. Das in Somaliland gebräuchliche Schimpfwort «Jude» hat an Bedeutung verloren, wie uns berichtet wird. Vorurteile sind ins Wanken gekommen.

Irritation löst das Verhalten Äthiopiens aus. Seit Jahrzehnten benützt Äthiopien den somaliländischen Hafen von Berbera für Importe und Exporte, vor allem für die äthiopische Ogaden-Region. Der Ogaden ist durch Allwetterstrassen gut an Berbera angebunden. Für die Nutzung des Hafens von Djibouti als Alternative wäre ein viel weiterer Transportweg nötig. Vor Jahresfrist hat der äthiopische Präsident Ahmed Abiy die Anerkennung Somalilands gegen die Einräumung der Hafennutzung von Berbera auch als Flottenstützpunkt in Aussicht gestellt. Somaliland wäre damit einverstanden gewesen. Doch dann machte Abiy einen Rückzieher, indem er die Idee einer militärischen Annexion des eritreischen Hafens von Assab verkündete, falls Eritrea den Hafen nicht freiwillig abtrete. Abey steht offenbar im äthiopischen Vielvölkerstaat unter starkem Druck und muss verschiedene innenpolitische Strömungen bedienen. In Somaliland löst diese wankelmütige Aussenpolitik nur Kopfschütteln aus. Und aus dem äthiopischen Flottenstützpunkt in Berbera wurde vorerst einmal nichts.