
Von Hans-Ulrich Stauffer
Seit einem halben Jahrhundert lebt nahezu ein ganzes Volk im Exil: Infolge der marokkanischen Besetzung der spanischen Kolonie Westsahara flohen 1976 mehr als hunderttausend Menschen nach Algerien. Marokko weigert sich, das Selbstbestimmungsrecht der Sahraouis anzuerkennen. Vielmehr erhebt Marokko Gebietsansprüche und versucht, diese historisch zu rechtfertigen. Doch weder historisch noch auf andere Weise lässt sich die marokkanische Aggression rechtfertigen. Die vor Jahrzehnten von der UNO initiierten Bemühungen, eine Lösung des Konflikts zu finden, wurden alle durch Marokko vereitelt. Das den Sahraouis zugefügte Unrecht droht in Vergessenheit zu geraten.
In Algerien geniessen die Sahraouis Gastrecht. Inmitten der Sahara, südlich der Stadt Tindouf, entstanden mehrere Siedlungen. Hier ist modellmässig ein Staat entstanden: Schulen, Spitäler, eine Verwaltung. Hier tagt das Parlament der Sahraouis und residiert die Regierung. Doch das Leben inmitten der unwirtlichen Sahara ist nicht einfach. Die überwiegende Zahl der hier lebenden Menschen ist auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
Wie können der Sahara durch innovative Methoden Nahrungsmittel abgerungen werden? Ein Bericht von Manuel Flury-Wahlen, der im „Sahara Info“, dem Mitteilungsblatt des Schweizerischen Unterstützungskomitee für die Sahraouis (SUKS) erschienen ist.
Landwirtschaft in den Flüchtlingslagern der Sahraouis
Von den 173’600 Sahraouis, die gemäss UNO in den Flüchtlingslagern leben, sind mehr als 133’000 auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Mit frischen Nahrungsmitteln kann Landwirtschaft und Gartenbau in den Lagern mithelfen, die Ernährung der Menschen zu verbessern und die Abhängigkeit von aussen zu verringern und ihnen Würde zurückgeben. In den vom sahraouischen Agraringenieur Taleb Brahim entwickelten Gärten wachsen inmitten der Wüste Gemüse und Früchte mit sehr wenig Wasser.
Die Flüchtlingslager der Sahraouis liegen mitten in der Wüste im äussersten Westen Algeriens: Soweit das Auge reicht nur Sand und Steine, kein bebaubarer Boden. Heftige Sandstürme und heisse Sommertemperaturen bestimmen das Klima. Regen fällt kaum – und wenn es dann mal regnet, verursacht der Regen verheerende Überflutungen. An Landwirtschaft, wie wir sie aus unseren Breiten kennen, ist nicht zu denken. Einzig in Oasen können dank Grundwasser Pflanzen für die Ernährung angebaut werden. In den Flüchtlingslagern wurden seit Beginn immer wieder Versuche gemacht, Gemüse und Früchte anzubauen, zuerst in grossen Gemeinschaftsgärten mit traditioneller Bewässerung, dann in Familiengärten – gefördert vom Landwirtschaftsministerium, wo Tropfbewässerung angewendet wurde.
Trotz eigener Anstrengungen und jahrzehntelanger kontinuierlicher Unterstützung durch die algerische Regierung, sind die Flüchtlinge nach wie vor in hohem Masse auf weitere humanitäre Hilfe angewiesen. Das schreibt die UNO im «Unterstützungsplan für die sahraouischen Flüchtlinge für die Jahre 2026 und 2027». Gemäss Erhebungen sind 64% der Haushalte von Ernährungsunsicherheit betroffen. Die akute Unterernährung liegt bei 14% und mehr als 65% der Frauen und Kleinkinder leiden an Anämie. Aufgrund der rauen Wüstenumgebung und fehlender Erwerbsmöglichkeiten – mehr als ein Drittel der Haushalte gaben an, dass sie über kein erwerbstätiges Mitglied oder keine regelmässige Einkommensquelle verfügen – sind drei Viertel der Bevölkerung auf externe Hilfe angewiesen, um ihren Grundbedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Finanzierungslücken bei der UNO und dem Welternährungsprogramm führten von November 2023 bis Februar 2025 zu einer 30-prozentigen Kürzung der Lebensmittelrationen, was die ohnehin schon prekären Bedingungen weiter verschärfte.
Taleb Brahim, der Agraringenieur, der selber in den Lagern lebt, experimentiert seit Jahren in seinem eigenen Familiengarten, wie in dieser Wüstengegend mit möglichst wenig Wasser Gemüse, Früchte und Grünfutter angepflanzt und produziert werden können. Er war auch massgeblich an den vom Landwirtschaftsministerium geförderten und oben erwähnten Initiativen beteiligt. Taleb Brahim ist es von Anfang an wichtig gewesen, gesunde, ernährungsmässig sinnvolle Pflanzen anzubauen. Später begann er diese mit Kleintierhaltung – Hühner, Ziegen und Schafe – zu ergänzen, die in den Lagern gehalten werden können und auch für den nötigen Dünger sorgen. Dadurch wurden sie unabhängig von der Einfuhr von Dünger. Seit Menschengedenken lebten die Sahraouis als Viehzüchter und wanderten mit ihren Tieren von Wasserstelle zu Wasserstelle und von Weide zu Weide. Mit der Vertreibung aus ihrer Heimat wurden die Sahraouis auch ihrer Lebens- und Wirtschaftsweise beraubt. Sie verloren nicht nur den Zugang zu ihren Wasserstellen und Weiden, sondern wurden auf einmal von internationaler Nahrungsmittelhilfe abhängig. «Wir verloren damit unsere Würde», gab Taleb Brahim zu bedenken. An eine Fortsetzung der angestammten Viehwirtschaft war nicht mehr zu denken, mit dem wenigen Wasser in den Lagern Futter für das Vieh zu produzieren war nie eine Option. So wurde klar, dass für eine gesunde Ernährung pflanzliche Nahrung produziert werden muss, idealerweise weg von der fast hundertprozentigen Abhängigkeit von der internationalen Nahrungsmittelhilfe.

Als einen weiteren Schritt um Wasser zu sparen, wandte sich Taleb Brahim der Hydroponik zu. Dies ist eine Methode, Pflanzen beispielsweise auf Steinwolle oder pflanzlichen Fasern mit sorgfältig abgestimmten Lösungen aus Wasser und Nährstoffen kontrolliert wachsen zu lassen. Mit dieser wassersparenden Methode baut das Team von Taleb Brahim vertikal auf bis zu sieben übereinanderliegenden Flächen – stellen wir uns Tablare eines Gestells vor – Grünfutter an. Später experimentierte er mit Sand als Grundlage für die Pflanzen und nutzte nährstoffreiches Wasser aus kleinen Fischteichen.
Biologische Schädlingsbekämpfungsmittel und -dünger stellen die Agrarleute selber her. Die Installationen konstruieren sie ebenfalls selber, mit Materialien, die in den meisten Fällen von Hilfswerken finanziert werden. Die Sahraouis verfügen in den Lagern weder über Banken noch über andere Kreditmöglichkeiten.
Die schwierigste Aufgabe war und ist auch weiterhin die Sensibilisierung der Menschen, der «mentality change», wie Taleb Brahim sagte: Von Hirtennomaden zu Bauern! So besuchen er und seine Mitarbeitenden die Kindergärten, sprechen mit den Kindern und organisieren Infoveranstaltungen für die Erwachsenen. Sie reden nicht nur über Ernährung, sondern auch über ein würdevolles Leben. Klar, ergänzt Taleb mit einem leichten Lächeln, wenn Geld vorhanden ist, kaufen sich die Menschen auf dem Markt in den Lagern auch gerne mal ein Stück Fleisch. Und: zu besonderen Anlässen schlachten sie auch eines ihrer Schafe.

Taleb Brahim will zeigen, dass es mit ausgewählten Methoden möglich ist, mit geringsten Mengen an Wasser auch in extremen Trockengebieten Nahrung zu produzieren. Es geht ihm, wie er verschiedentlich bemerkt hat, nicht um eine «grüne Wüste», sondern um kleine Oasen, die mit intelligenten Methoden ein gutes Mikroklima für die Nahrungsmittelproduktion erzeugen. Mit der neuesten Entwicklung, den «family food Domes», kommen die verschiedenen Methoden kombiniert zur Anwendung. Sein Motto dabei: «A food Dome is a garden Eden in the middle of a desert.» Unter dem Pflanzendach entsteht ein für das Pflanzenwachstum geeignetes Mikroklima, kühler und feuchter als ausserhalb des Gewölbes. Futter für Schafe und Ziegen und die Fische in den kleinen Teichen gehört ebenso dazu wie Früchte. Zu den ersten fünf «Domes» sollen in den kommenden Monaten viele weitere dazu kommen.

Rund 1000 Familien profitieren heute bereits von den Entwicklungen von Taleb Brahim und seinen MitstreiterInnen. Familien, so Taleb, umfassen 15 bis 20 Leute, die Mutter mit ihren Töchtern und Grosskindern und den angeheirateten Männern, entsprechend der sahraouischen Familientradition. Ebenso wichtig ist für Taleb, dass andere Menschen, die in Flüchtlingslagern oder auch woanders in Wüstengebieten leben, mit seinen Methoden ihre eigene gesunde und frische Nahrung produzieren können, ein Beitrag an die Ernährungssouveränität. Und, so Taleb, gerade in Zeiten der Klimaerhitzung werden diese wassersparenden und intelligenten Methoden besonders aktuell.
Wir sind uns bewusst, dass die Sahraouis in den Flüchtlingslagern wohl noch weiterhin auf externe Unterstützung und speziell auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein werden. Mit den vielversprechenden Experimenten, in den Lagern selber wertvolle Gemüse und Früchte zu produzieren, können die Menschen ihren Menuplan mit gesunden Nahrungsmitteln anreichern. Dank all den verschiedenen Initiativen in den Lagern kann heute jede zehnte Bewohnerin und jeder zehnte Bewohner in den Lagern von frischem Gemüse profitieren, eine wichtige Ergänzung zum einseitigen Nahrungsmittelkorb (vorwiegend Mehl, Reis, Linsen) der Nahrungsmittelhilfe.
Und ebenso wichtig ist, betont Taleb Brahim: eigene Nahrung produzieren zu können stärkt auch die Würde der BewohnerInnen als eigenständige und selbstbewusste Menschen.

Weitere Informationen: www.suks.ch
Finanzielle Unterstützung:
Schweizerischen Unterstützungskomitee für die Sahraouis (SUKS), Bern
PostFinance Konto: 50-9009-6
IBAN: CH62 0900 0000 5000 9009 6
BIC: POFICHBEXXX